Over Tourism: Wie ich als Blogger mit dem Problem umgehe

Venedig, Dubrovnik oder Barcelona: Immer mehr Städte leiden unter ihrer Beliebtheit. Die stetig wachsenden Touristenströme drohen die Infrastruktur zum Kollaps zu bringen. Das Problem ist jedoch nicht der Fremdenverkehr an sich, sondern dessen ungleiche Verteilung.

Als ich vor fast 15 Jahren das Weltreiseforum gründete, wollte ich in erster Linie mit meinen Erfahrungen anderen Reisenden bei ihrer Planung helfen. Ich hatte aber auch die Hoffnung, ein bisschen dazu beizutragen, dass weniger entwickelte Regionen wie zum Beispiel mein damaliges Lieblingsland Laos von einem wachsenden Tourismus profitieren können.

Seit ich blogge, stelle ich mir eine Frage immer wieder: Tue ich den Dörfern, Städten, Ländern überhaupt einen Gefallen, wenn ich über sie schreibe? Fördere ich damit – wenn auch nur in einem bescheidenen Umfang – das Völkerverständnis und vielleicht sogar den Weltfrieden oder trage ich lediglich dazu bei, den ökologischen Kollaps zu beschleunigen und Ängste vor Überfremdung zu multiplizieren.

Insbesondere im vergangenen Jahr beschäftigte mich diese Frage sehr. Zum Beispiel, als die UNESCO drohte, Dubrovnik von der Liste des Weltkulturerbes zu streichen, wenn es der Stadt nicht gelingt, die Zahl der Besucher zu senken. Oder als im vergangenen Sommer in Venedig und Barcelona Einheimische auf die Strasse gingen, um gegen die überbordende Touristenflut zu demonstrieren.

Immer wieder geistert in diesem Zusammenhang der Begriff „Over Tourism“ durch die Feuilletons, Fachpublikationen und Reiseblogs. Gemeint sind derart hohe Besucherzahlen, dass die soziale, ökonomische oder ökologische Balance aus dem Gleichgewicht gerät. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn der Tourismus die Wohnpreise so sehr in die Höhe treibt, dass sich Einheimische keine Wohnungen mehr an vernünftigen Lagen leisten können.

Was sind die Ursachen für Over Tourism?

Über das Phänomen und die Hintergründe wurde viel geschrieben und Schuldige sind meistens schnell gefunden. Gewisse Kreise machen in erste Linie das Wachstum der weltweiten Mittelklasse und die damit verbundene Zunahme der Reisetätigkeit verantwortlich. In diesem Zusammenhang werden häufig die zunehmenden touristischen Einreisen aus China genannt – als hätten andere Länder nicht das gleiche Recht auf neue Erlebnisse.

Umweltschützer beklagen hingegen die viel zu tiefen Flugtarife und fordern eine Besteuerung von Flugzeugtreibstoff. Andere wiederum halten die unbeschränkte Gier der Tourismusbranche für den Grund alles Übels. Denn gerade beliebte Reisedestinationen haben ein riesiges Werbebudget, mit dem sie immer weitere Besucher anlocken können.

Gleichzeitig ist auch eine Verschiebung bei den Reisevorlieben zu sehen. Da sich viele Urlauber vor terroristischen Anschlägen fürchten (lies hier, wieso das meistens nicht nötig ist), sind im Norden von Afrika und in der Türkei innerhalb kurzer Zeit gewaltige Gebiete von der touristischen Landkarte verschwunden. Wenn sich gleich viele Reisewillige auf weniger Orte beschränken, führt das zwingend zu einer Verdichtung.

Menschenleere Traumstrände auf den indonesischen Togian Islands.

 

Over Tourism ist ein Verteilungsproblem

Over Tourism ist in erster Linie ein Verteilungsproblem. Schaut man sich die offiziellen Zahlen der UN-Welttourismusorganisation UNWTO an, sticht das gewaltige Ungleichgewicht schnell ins Auge. Spitzenreiter Frankreich alleine zieht mehr Besucher an als die 115 schlechtplatziertesten Staaten und wird sogar 35.000 Mal häufiger besucht, als das Schlusslicht Nauru.

Auch innerhalb der Reiseländer ist die Verteilung ungleich: Während Barcelona unter der Besucherlast lechzt, war ich auf meiner Reise durch die Extremadura mehr oder weniger alleine. Die thailändische Provinz Nakhon Si Thammarat bietet absolut menschenleere Traumstrände, während sich ein Steinwurf entfernt die Touristen auf Koh Samui stapeln.

Natürlich hängt die Verteilung auch mit objektiven Kriterien zusammen, welche die Attraktivität der einzelnen Länder oder Regionen bestimmen. Während Frankreich für jeden etwas Passendes hat, ist Nauru eine kaum zu erreichende, strandlose Insel im Pazifik mit kranken Menschen und einer massiv geschädigten Umwelt durch den Phosphatabbau.

Aber das ist nicht immer so. Viele Reiseziele bleiben total unter dem Radar, obwohl sie ein fantastisches Reiseerlebnis bieten, hinreichend sicher und preiswert sind und auch einigermassen gut ans internationale Verkehrsnetz angeschlossen sind.

Wasserfall in Island: Wunderschön, aber alles andere als ein Geheimtipp.

 

Wieso ich Geheimtipps weitergebe

Als ich frisch mit dem Bloggen begann, las ich einmal bei einem Kollegen, dass er sich immer schwer damit täte, wenig bekannte Reiseziele weiterzugeben. Denn, so argumentierte er, sobald ein Influencer über einen Geheimtipp schreibe, würden auch andere Blogger darauf aufmerksam und eine Art Lawine auslösen, die schliesslich zur Zerstörung des gefunden Paradies beitrage.

Mir hat das schon damals nicht eingeleuchtet. Mal davon abgesehen, dass er wahrscheinlich seinen Einfluss massiv überschätzte, habe ich mich bei der Lektüre gefragt: Wieso haut dieser Mensch denn überhaupt in die Tasten, wenn er die besten Ziele für sich behalten will.

Aber das Argument leuchtete mir auch aus einem anderen Grund nicht ein. Denn während es ein paar Dutzend überlaufende Reiseziele ging, von denen jeder immer wieder erzählt, sind die „Geheimtipps“ praktisch unerschöpflich. Würde sich die Hälfte der Venedig-Besucher auf den Rest der Welt verteilen, wäre dies eine gewaltige Entlastung für die Lagunenstadt, würde aber bei einer einigermassen gleichmässigen Verteilung auf die vielen „Geheimtipps“ kaum auffallen oder allenfalls ein paar zusätzliche Jobs in strukturschwachen Regionen generieren.

Ich habe mir deswegen als Blogger nur einen Vorsatz fürs neue Jahr genommen: Ich möchte mit meiner Seite nicht mehr dazu beitragen, dass sich die weltweiten Besucherströme weiter verklumpen. Deswegen schreibe ich ab sofort nur noch über alternative Reiseziele und nicht mehr über überlaufene Massendestinationen.

Mazedoniens leicht schräge Hauptstadt Skopie wird zu Unrecht kaum besucht.

 

Wieso du etwas gegen die Ungleichverteilung tun solltest

Over Tourism verursacht handfeste Probleme für Mensch und Umwelt. Deswegen sollten wir alle etwas gegen den Massentourismus in seiner schädlichsten Form tun. Aber selbst wenn dir Menschen und Umwelt egal sind, gibt es ein paar gewichtige Gründe, überlaufene Reiseziele zu meiden.

Der wichtigste Grund ist wohl das Reiseerlebnis selbst: Wo übermässig viele Touristen Urlaub machen, wird man als Besucher tendenziell nur noch als wandelnder Geldbeutel wahrgenommen. Das macht es schwierig, Menschen vor Ort kennenzulernen und echte, authentische Erlebnisse zu geniessen.

Letztlich geht es aber auch um die Zukunft des Tourismus. Denn wenn die Besucherzahlen ins Unermessliche steigen, wird es wohl keine andere Möglichkeit geben, als den Zugang zu beschränken. Und an den meisten Orten wird das heissen: Exorbitant hohe Eintrittsgebühren. Reisen sollte jedoch nichts sein, das sich nur noch Wohlhabende leisten können.

Mit folgenden Schritten kannst du einen Beitrag gegen Over Tourism leisten:

  • Meide boomende Reiseziele. Das gilt besonders, wenn die Zahl der Besucher in kurzer Zeit sehr stark angestiegen ist oder wenn bereits Nachrichten über zu hohe Besucherzahlen erschienen sind. Meistens gibt es ähnliche Reiseziele mit sehr viel weniger Touristen.
  • Suche nach Geheimtipps. Mach es dir zur Gewohnheit, dich mit Reisezielen zu befassen, die über kein so grosses Werbebudget verfügen und über die entsprechend weniger häufig berichtet wird. Es gibt eine Reihe von Blogs, die sich auf „Geheimtipps“ konzentrieren.
  • Bevorzuge die Nebensaison. Vielerorts kommt es während bestimmter Monate (zum Beispiel in den Sommerferien) zu einem Peak. Kurz danach ist das Wetter oft genauso gut, die Hotels und Strände jedoch deutlich leerer.
  • Bleibe etwas länger. Natürlich willst du in Paris auf den Eiffelturm und in Peking zur Grossen Mauer – und das sollst du auch tun können. Aber wenn du etwas mehr Zeit hast, kannst du dir auch die weniger bekannten Sehenswürdigkeiten und Regionen ansehen.

Realistischerweise ist es nicht immer möglich, all diese Tipps zu befolgen. Zum Beispiel, wenn du nur während der Schulferien reisen kannst, wenig Urlaubstage hast oder ein Besuch von Venedig oder Barcelona ein schlicht unstillbarer Wunsch ist. Dann solltest du dich nicht schlecht fühlen, sondern versuchen, das Beste aus der Situation zu machen.

Zum ersten Mal hier? Dann lies hier, worum es in diesem Blog geht. Wenn dir dieser Artikel gefallen hat, dann solltest du dich unbedingt beim monatlichen Newsletter einschreiben, damit du künftig nichts mehr verpasst.

Wie sieht es bei euch aus? Wie geht ihr mit dem Problem Over Tourism um?

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Oliver Zwahlen

Passionierter Blogger. Im Herzen freier Reisejournalist, aber derzeit Büroangstellter mit Wohnsitz im chinesischen Peking. Siehe auch: Google+

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23 Kommentare

    1. Vielen Dank. Im letzten Artikel habe ich das Thema ja nur in ein oder zwei Sätzen abgehandelt. Trotzdem gab es dazu einige Kommentare. Deswegen habe ich mich entschlossen, meinen Standpunkt noch etwas ausführlicher darzulegen.

  1. Ein guter Beitrag!
    Massentourismus ist nicht gerade schön, das stimmt.
    Viele Menschen sehen dieses Problem einfach nicht und denken nur an sich.
    Das finde ich schade!
    Bin gespannt, was du hier noch so als Geheimtipps preisgibst!

    Viele Grüße aus Singapur!
    Michelle
    gowhereyourhearttellsyoutogo.wordpress.com

  2. Hey, cooler Ansatz, das Reisen (und das Bloggen darüber ;)) zu verändern! Unbewusst mache ich das auch schon länger, da ich selbst überlaufende Reiseziele hasse. Ich mag lieber in Länder fahren, wo andere sich überhaupt mal fragen müssen, wo das eigentlich ist. So zum Beispiel heuer: Gefühlt jeder war bereits in Costa Rica. Ich wollte unbedingt in die Gegend und habe mich aber kurzerhand für Panama entschieden, das noch wesentlich unbekannter ist. Darum danke für deinen Text und fürs nochmal daran erinnern! 😉

    LG Miriam

    1. Panama klingt doch auch ganz gut! Ich will ja eh schon lange mal wieder in Richtung Mittelamerika. Mal schauen, wann ich das schaffe. Mit Costa Rica habe ich mich nicht so beschäftigt, aber so viel ich weiss, ist dort der Tourismus doch einigermassen in einer Balance, oder? Immerhin bemüht sich das Land doch auch vergleichsweise stark um Nachhaltigkeit in dem Bereich.

  3. Jup… mit einem Artikel zu dem Thema (bzw. zu einem nahe verwandten) trage ich mich schon lange, aber bisher habe ich den Einstieg noch nicht gefunden.
    Das Thema der mangelnden Verteilung ist ja selbst in den überlaufenen Destinationen ein Problem: In Venedig biegt man ein paar Mal vom Markusplatz ab und sitzt in einer Bar nur neben Einheimischen. In Florenz das gleiche Spiel. Ich hab deshalb immer ein bissl Bauchweh bei den beliebten „Venedig in 2 Tagen“ oder „Ein Tag in Florenz/Rom/whatever“-Artikeln und betone eigentlich immer, dass es besser ist, länger zu bleiben.

    Ich speicher mir deinen Artikel ab, vielleicht ist das ein guter Anstoß, mich endlich mal an meinen zu setzen.

    1. Ja, ich denke auch, dass es grundsätzlich sinnvoll ist, sich etwas mehr Zeit zu lassen und eben auch mal zu schauen, was sich zwei Ecken hinter dem Markusplatz befindet. Dort ist Venedig nämlich auch ganz schön und man gewinnt dabei oft auch einen sehr viel tieferen Eindruck. Bin auf deinen Artikel gespannt.

  4. Ich finde deine Tipps sehr, sehr gut.

    Letztes Jahr beispielsweise wollte ich gerne Kroatien sehen. Unsere Unterkunft war aber in Bosnien, nur 50 Minuten entfernt von Dubrovnik. Für uns war der Aufenthalt wesentlich entspannter, das bosnische Hotel war fast leer, die Restaurants super gut und günstig und die Menschen dort konnten unser Geld echt gebrauchen!
    Auch gerade in der Nebensaison mache ich super gerne Urlaub, weil es ruhiger und günstiger ist.

    Ich freu mich drauf, deine Geheimtipps zu lesen!

    Gruß,
    Kathi

    1. Hi Kathi,
      dann hast du Dubrovnik als Tagesaufenthalter besucht? Aus Sicht des Konsumenten ist das sicherlich eine gute Idee. Du erlebst eine „Geheimtippatmosphäre“ und bezahlst vermutlich auch weniger. Ob das allerdings Dubrovnik wirklich entlastet, weiss ich nicht so recht. Du nutzt ja dann trotzdem die ganze Infrastruktur, lässt aber weniger Geld vor Ort. Das ist ja das grosse Problem mit den Kreuzfahrtschiffen: Da wohnen und essen die Leute ausserhalb und verstopfen dann tagsüber trotzdem die Strassen… (das ist kein Vorwurf: Ich hab Venedig auch als Tagesausflug besucht…)
      Gruss,
      Oli

      1. Da hast du natürlich Recht, man entlastet den Urlaubsort nicht so wirklich und ich habe wieder einmal bemerkt: Reisegenuss sieht anders aus!
        Ich werde auf jeden Fall an deinen Artikel denken, wenn ich meine nächste Reisen buche! Die erste soll in den Libanon gehen, da tue ich mich schon schwer, Informationen zu finden, was eigentlich ein gutes Zeichen ist 😀
        Liebe Grüße,
        Kathi

        1. Ja, Libanon klingt doch eher nach „Geheimtipp“ als Dubrovnik… 🙂

          Ich finde, man darf das jetzt auch nicht so dogmatisch sehen. Wenn einen ein Reiseziel wirklich sehr reizt, soll man guten Gewissens hingehen dürfen. Als Blogger ist mir eher wichtig zu zeigen, dass es eben auch viele spannende Orte auf der Welt gibt, die eben nicht überlaufen sind.

  5. Lieber Oliver, das ist eins ehr gelungener Artikel, weil ich die Ansätze spannend finde. Ich frage mich auch manchmal: Soll ich denn jetzt darüber schreiben oder lieber nicht? Natürlich muss ich, denn diese Länder wollen ja wachsen und Reichtum haben. Wenn es keine Hotels werden, dann vielleicht eine Chemiefabrik, die auch niemand haben will? Und deswegen ist doch diese Vielfalt so wichtig, dass eben nicht immer nur über Paris (ich mag die Stadt sehr), sondern auch ml über Euböa geschrieben wird, auch wenn die zweitgrößte, griechische Insel kaum wer kennt. Ich werde mir deinen Ansatz noch mal mehr merken, auch wenn ich ja dennoch meine: Es muss nicht alles immer weit weg sein, wir können auch in der Nähe gut reisen.
    Viele (kollegiale) Grüße nach Peking
    Andrea

    1. Hi Andrea,
      danke fürs Lob. Den Gedanken mit der Chemiefabrik finde ich sehr interessant. Da hast du natürlich recht, dass ein Hotel im Vergleich das kleinere Übel ist. Und ja, es muss nicht immer alles nur möglichst weit weg sein. Gerade in Osteuropa gibt es noch viele Orte, die bei uns weitgehend unbekannt sind.
      Gruss, Oli

  6. Hello Oliver,
    ein schöner Artikel mit Ecken und Kanten, und das finde ich gut. 🙂
    Allerdings… du kannst erahnen, dass ich an der Stelle zum „aber!“ ansetze…
    … ja, ich selbst fahre auch nicht mehr nach Barcelona, da das letzte Mal 2009 mir defintiv gereicht hat als Sardinenbüchsenerlebnis und durch die Engen Gassen der Altstadt in einer Masse aus Menschen geschoben zu werden. Der Haken an der Sache: ich war schon dort. Ich habe die Stadt schon gesehen. Ich würde nicht nochmal hinfahren. Mich interessiert die Stadt nicht mehr. Aber jemand anderes? Wie soll ich das beurteilen?

    Das erinnert mich an den Artikel auf einem Blog über die Walhaie in Yucatan. „Hey, hier sind traumhafte Fotos von meinem Schwimmen mit den Walen, es war obergeil, aber ich habe hinterher rausgefunden, dass das ökologisch voll nicht korrekt ist und du solltest auf keinen Fall dort hinfahren!“.

    Öhm. Tja. Oder so direkt nochmal – und das meine ich nicht rethorisch – nachgehakt: Um was für eine Logik geht es dir eigentlich, Oliver? Möchtest du die Destinationen vor den Besuchern retten? Möchtest du die Besucher vor einer massenüberlaufenden Stadt bewahren?

    Ernsthaft: was genau ist das Problem und für wen? Masse sind immer die anderen. Und man dreht die Kamera immer so, dass man alleine am Ort steht und alle anderen Besucher ausblendet (außer auf deinem Bild von Taishan, aber da musste ich nur 20 Meter an dem Tempel dran weiterlaufen und hatte Aussichten für mich komplett alleine). Das klassische Paradox des Tourismus und der Masse.

    Oft finde ich es nicht so einfach, die Auswirkungen des Tourismus überhaupt einschätzen zu können. In Barcelona oder Venedig geht das. Aber etwa Kuba? Da verstärkt der Tourismus in Havanna die Wohnungsnot (Kubaner aus anderen Provinzen haben Zuzugsstopp für Havanna), in anderen Städten aber ist es ein Segen. Wenn etwa eine 75jährige Omi in Santi Spiritus Zimmer in ihrem Häuschen untervermietet und so ihre Rente aufbessern kann. Daraus kann ich jetzt kaum den Satz: Fahre nach Kuba (aber nicht Havanna!) ableiten. Das wird niemand mitmachen, außer er war schon des öfteren in Havanna.

    Und ich bin mir ziemlich sicher, dass Touristen wissen, warum sie in meiner Region nach Heidelberg und nicht nach Ludwigshafen fahren.

    Ich breche an der Stelle mal ab, bevor ich allzu episch werde. Jedenfalls besten Dank dir dafür ein Thema zu eröffnen abseits von „die 10 schönsten Strände“.

    There is still hope left in travel blogging 😉

    Gute Reise weiterhin,
    Chris

    1. Hallo Chris,

      vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar.

      Mir steht es nicht zu, anderen eine Reise nach Kuba, Island oder Venedig zu verbieten. Einerseits sind diese Ziele zu recht sehr beliebt und andrerseits habe auch ich schon Orte besucht, bei denen bereits Probleme des Overtourism zu erkennen sind.

      Mir geht es hier primär um meine ganz persönliche publizistische Verantwortung als ein Reiseblogger, der jeden Monat mehrere zehntausend Leser hat. Ich möchte mit meiner Arbeit nicht dazu beitragen, dass bereits überlaufene Ziele noch voller werden, sondern ich möchte meinen Lesern Alternativen bieten.

      Denn einer der Gründe für die Ungleichverteilung ist, dass es zu vielen Gegenden schlicht keine guten Informationen gibt. Als ich in Georgien war, fand ich beispielsweise nur zwei deutschsprachige Blogger, die je über das Land geschrieben haben. Zu Moldavien gibts bis heute vermutlich noch gar keinen einzigen Artikel.

      Oder zum Beispiel meine nächste Reise nach Mizoram, Tripura und Nagaland? Zu diesen Staaten gibt es selbst auf Englisch kaum Infos. Dabei sind sie in vielerlei Hinsicht eine ebenbürtige Alternative zum boomenden Myanmar.

      Wenn also eine bessere Verteilung der Touristenströme der Schlüssel zum Problem des Overtourism ist, dann ist das Informieren über Alternativen ein Beitrag zur Lösung.

      Gruss,
      Oli

  7. Das mit dem Massentourismus ist wirklich so eine Sache. Für viele Regionen wohl Fluch und Segen zur gleichen Zeit. Viel liegt wahrscheinlich auch an der Vermarktung in Social Media und co… perfekt Strände, verwunschene Regenwälder oder die „hippste“ Streetart in sonstwo.

    In unserer Konsumgesellschaft ist das Reisen auch zum Konsum geworden. Wenn das „Reise-Produkt“ durch tolle Bilder gut in Szene gesetzt wurde und noch günstig zu haben ist, dann hat man eben den Salat. 🙂

    Liebe Grüße.

  8. Danke für den gelungenen Artikel. Das Thema ist natürlich nicht sehr einfach. Auch ich bin einer derjenigen die die neue chinesische Mittelschicht mit dafür verantwortlichen machen. Damit will ich aber keinem Chinesen das Recht auf neue Erlebnisse nehmen. Leider benehmen sich chinesische Touristen aber oft extrem schlecht. Oder die kleinen Dörfer in Andalusien die mir und meiner Tante viel besser als Marbella.
    Ich meide auch oft Orte mit Massentourismus. Auf der anderen Seite gib es oft wenige km außerhalb der Touristengebiete sehr schöne und wenig besuchte Gebiete. Zb. war ich im Norden von Gran Canaria in den Orten Teror und Puerto de las nieves. Dort waren sehr viel weniger Touristen als in Maspalomas, das so ziemlich alle Vorurteile erfüllt.
    Für mich entscheidend ist auch die Infrastruktur vor allem bei den öffentlichen Verkehrsmitteln. Da schneiden selbst touristische Länder wie Australien, Neuseeland oder Südafrika oft sehr schlecht ab.
    Nach einer ziemlichen Reiseunlust bin ich in mich gegangen und werde 2018 und 2019 ein paar abenteuerlichere Ziele in Angriff nehmen. Indien reizt mich z.b schon lange (nur habe ich mich nie getraut) und ich denke dort gibt es auch Ecken mit weniger Touristen oder z.B. der Baikalsee, Bolivien, Guatemala usw.
    Ich kann es aber auch verstehen wenn Touristen eher nach Thailand als z.b. auf die Philippinen fliegen denn nach allen Berichten soll Thailand in allem etwas besser sein. Auch wenn mir Thailand nicht so sehr gefallen hat, so gibt es auch dort enorme Unterschiede wo man sich befindet.
    Ich bin sehr gespannt auf deine Geheimtipps. 🙂

    1. Ich denke, dass sich das Benehmen von chinesischen Touristen mit zunehmender Auslandserfahrung verbessern wird. Das ist ja auch in China selbst ein grosses Thema, so dass anzunehmen ist, dass hier eine zunehmende Sensibiliserung stattfindet.

      Indien ist eines der spannendsten und vielseitigsten Reiseländer, die es gibt. Ich schreibe diesen Kommentar gerade aus Agartala, der Hauptstadt von Tripura, wo es überhaupt keine anderen Touristen gibt. Die Leute sind super nett, aber die Infrastruktur steckt noch arg in den Kinderschuhen.

      Die Infrastruktur bei den öffentlichen Verkehrsmitteln ist in ganz Indien ziemlich schlecht. Zugtickets sind oft kaum zu bekommen und die Busse extrem langsam. Gestern waren wir für 43 Kilometer Luftlinie etwa drei Stunden unterwegs.

      Gruss,
      Oli

  9. Hey! Ein sehr interessanter Artikel!
    Und ich denke du hast Recht damit, das es sich in erster Linie um ein Verteilungsproblem handelt. Es gibt genug schöne Orte die man besuchen könnte, aber es gibt einige wenige welche viel Werbung machen und eben beliebte Reiseziele sind, weil sie beliebte Reiseziele sind. Menschen machen gerne das, was andere Menschen auch machen und davon positiv berichten. Da ist man sich sicher was man bekommt, für sein Geld.

    Der Ansatz mehr über Geheimtipps zu schreiben und diese populär zu machen, so dass sich die Massen mehr verteilen ist gut. Das würde auch den Reichtum auf der Welt mehr verteilen.
    Ich selbst reise auch gerne mal zu den populären Orten, aber ich versuche Off-Peak zu reisen und ich muss auch nicht unbedingt auf den Eifelturm, wenn da schon eine riesen Schlange davor steht. Ein Bild von weitem reicht ja manchmal auch schon und dann lieber in der Zeit einen schönen Spaziergang an der Seine entlang machen.
    Um die nicht zu überlaufenen schönen Orte zu finden, finde ich es besser, nicht zu viel vorab zu planen und dann vor Ort mit den Bewohnern zu reden und diese zu fragen wo es schön ist. Da findet man dann echt schöne Plätze die weniger besucht werden!

    1. Ja, mit den Einwohnern zu reden, das ist eigentlich immer eine gute Sache. Wobei ich bei den Tipps von Einheimischen aus meiner Erfahrung zwei Einschränkungen machen würde:

      Erstens können sich gerade in ärmeren Ländern mit einer deutlich anderen Kultur die Einheimischen oft nicht sehr gut in Touristen versetzen (umkehrt natürlich auch nicht). Dann nennen sie einfach die Orte, von denen sie wissen, dass sie den meisten Besuchern gefallen. Und so landest du eben wieder bei den langen Schlangen.

      Zweitens leben Einheimische in einer klar abgetrennten Lebenswelt. Was ich damit meine, kannst du dir vielleicht gut ausmalen, wenn ich dich nach Hoteltipps in deiner Heimatstadt frage. Ich weiss nicht, wie dir das geht. Aber ich habe in meiner Heimatstadt noch in keinem einzigen Hotel übernachtet.

      Gruss,
      Oli

  10. Ui, wie konnte mir der artikel bislang entgehen?!! Gute argumente. Auch wenn ich mich immer etwas schwer tue mit der Verbreitung von Geheimtipps,so finde ich es doch auch wichtig, Alternativen zum Massenziel aufzuzeichnen. Es ist ja so, dass die Leute sich an bestimmten Stelen drängeln, wie z.B. auf den Ramblas in Barcelona. Doch wenn man nur in eine Seitengasse einbiegt, 50 Meter weiter geht, als der Durchschnittstourist, dann kann man auch sehr allein sein.
    Ich nehme es niemandem übel, wenn er/sie die gleichen Sehenswürdigkeiten schön und interessant findet wie ich. Und es ist auch so, dass mit zunehmendem Wohlstand und Freiheit, die Leute alle mal den Eiffelturm gesehen haben wollen. Da habe ich allergrößtes Verständnis für. Aber das Herdentier Mensch geht häufig nicht gerne abseits und entdeckt die unbekannteren Plätze und Türme. Und dann ist da noch etwas: Zu sagen, dass man auf dem Eiffelturm war, gibt mehr Prestige, mehr Status, als wenn man von irgendeinem anderen Turm in Paris, den kaum einer kennt, spricht. Das kenne ich von China: Große Mauer bei Badaling oder Mutianyu – das läuft. Biete ich den weniger bekannten Abschnitt „Huanghuacheng“ an, habe ich schon verloren. Für den durchschnittlichen Touristen zählt das, was bekannt ist. Geheimtipps oder weniger populäre Orte gehen meistens gar nicht. Höchsten bei einige Individualreisenden. Aber die sind nicht die Mehrheit.
    Aber auch deshalb finde ich es wichtig, Alternativen aufzuzeigen.
    LG
    Ulrike

    1. Hi Ulrike,

      vielen Dank für den Kommenatar. Deine Erfahrung kann ich gut nachvollziehen (ich denke, du redest dabei sowohl als Bloggerin wie beim Verkaufen von Reisen, oder?) Allerdings denke ich, dass es auch ein bisschen drauf ankommt, wie man die Alternative verpackt. Bei „Huanghuacheng“ weiss kaum jemand, was sich dahinter verbirgt. Aber wenn du das als „Geheimer Abschnitt der Grossen Mauer“ verkaufst (blöder Name, ich weiss, aber es geht nur um die Illustration des Gedankens), dann interessieren sich die Leute plötzlich.

      Gruss,
      Oli

    2. Hallo Ulrike,
      also ob es Prestige bringt, wenn Du auf dem Eiffelturm warst, oder nicht, hängt wohl davon ab, wem Du es erzählst. Was ist „prestigeträchtig“ daran einen Ort zu besuchen, den schon zig Millionen andere besucht haben und der den Besuchern quasi auf dem Silbertablett serviert wird? Zum entsprechenden Preis natürlich 🙂
      Mich beeindruckt das zum Beispiel garnicht, wobei ich selbst noch bei keinem Parisbesuch auf dem Eiffelturm gewesen bin und auch nicht das Gefühl habe somit „das Wichtigste“ verpasst zu haben.
      Ich denke es gibt sicher viele Leute, die das sehen möchten, was sie in den berühmt-berüchtigten Medien schon oft gesehen haben. Ebenso gibt es meiner Meinung nach aber auch deutlich mehr als „einige Individualreisende“, die genau das nicht wollen.
      LG
      Stefan

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