Weitwanderweg Te Araroa: „Man lernt die kleinen Dinge des Lebens wieder zu schätzen“

Interview des Monats

Fünf Monate lang wanderte Ann Kathrin Saul (33) alleine auf dem neuseeländischen Fernwanderweg Te Araroa. Nun ist über ihr Abenteuer auf dem Weg von der Nord- zur Südspitze des Landes ein Buch erschienen. Im Interview erzählt die Norddeutsche vom Luxusgefühlen auf Weitwanderungen und brenzligen Situationen.

Weltreiseforum: Du hast dich nach mehreren Schicksalsschlägen entschlossen, den Fernwanderweg Te Araroa zu begehen. Kann man vor seinen Problemen eigentlich davonlaufen?

Ann Kathrin Saul: „Davonlaufen“ hätte ich es früher auch genannt. Bis mir klar wurde, dass es gar kein Davonlaufen ist: Tod, Trennung und so weiter sind Ereignisse, die ich nicht beeinflussen kann. Das eigentliche Problem daran ist, was diese Ereignisse mit mir gemacht haben und dieses Problem bin ich durch den Trail sogar ziemlich offensiv angegangen. Wandern hat einen enormen therapeutischen Nutzen.

Du hast dich alleine auf den Weg gemacht. Wie bist du mit der Einsamkeit unterwegs umgegangen?

Ich liebe die Einsamkeit, so lange ich mich bewege oder mich eine schöne Szenerie umgibt. Von Beidem hatte ich mehr als genug in Neuseeland. Und so richtig einsam habe ich mich eigentlich nie gefühlt – mein Rucksack war ja immer dicht bei mir und ausserdem habe ich ein paar andere Wanderer getroffen, auf die ich immer mal wieder gestossen bin. So konnte ich die Natur und die Zeit mit mir in vollen Zügen geniessen.

Neuseeland gilt als eines der sichersten Reiseländer. Wie hast du dich dort als allein reisende Frau gefühlt?

Am Anfang musste ich mich an die herausragende Kiwi-Gastfreundlichkeit gewöhnen und war zunächst manchmal etwas verhalten, wenn mir wildfremde Männer anboten, dass ich bei ihnen duschen und schlafen könnte. Aber das legte sich schnell. Ich nahm alle herzlichen Angebote dankend an und fühlte mich insgesamt sehr wohl und sicher. Brenzlige Situationen gab es tatsächlich sehr viele, aber das hatte mehr mit dem Abenteuer-Charakter des Trails und nie mit den Menschen zu tun.

Der Fernwanderweg Te Araroa ist für seine abwechslungsreichen Landschaften bekannt.

Der Te Araroa ist nicht der einzige Fernwanderweg. Wieso hast du dich ausgerechnet für diesen Weg entschieden?

Ich bin den Trail gewandert, um Schicksalsschläge zu verarbeiten. Da das zeitlich in den August fiel und ich Hals über Kopf loswollte, musste ich auf die Südhalbkugel, um nicht in den Winter rein zu wandern. Ich suchte im Internet nach Fernwanderwegen in aller Welt und stiess in einer Top-10-Liste auf den Te Araroa. Nach Neuseeland wollte ich eh schon lange und nach den ersten paar Sätzen zum Trail wusste ich: er ist wie für mich gemacht!

3000 Kilometer zu Fuss sind kein Pappenstiehl. Wie hast du dich auf die Wanderung vorbereitet und wie fit sollte man vorher sein?

Weil ich ziemlich schnell aufgebrochen bin, konnte ich mich nicht wirklich vorbereiten. Wahrscheinlich haben mich meine Grundfitness, mein gutes Gefühl für den Körper und mein Background als Physiotherapeutin vor grösseren Schäden bewahrt. Aber egal wie viel Vorbereitung: so richtig fit wird man eh erst auf dem Trail mit dem schweren Rucksack. Und da sind die ersten vier bis fünf Tage auf dem Te Araroa perfekt, weil sie schön flach am Strand entlangführen. Danach wird es aber auch gleich knackig… Viele Wanderer, die einen oder mehrere der grossen amerikanischen Trails gegangen sind, haben mir erzählt, dass der Te Araroa deutlich anspruchsvoller sei. Für ihn muss ich nicht nur körperlich extrem fit sein, sondern auch geistig, um mich auf den zum Teil wenig markierten Routen zurecht zu finden und um Flüsse, Wetter und vieles mehr richtig einzuschätzen.

Welchen Luxus hast du dir unterwegs gegönnt, um dich nach besonders anstrengenden Etappen etwas zu verwöhnen?

Eine Dusche und Essen! Vor allem frisches Obst, Gemüse und Milchprodukte waren das Erste, was in grossen Mengen in meinen Bauch wanderte, sobald ich wieder die Zivilisation erreicht hatte. Das Tolle an solchen mehrtägigen – ja sogar mehrwöchigen – Wanderungen in der Wildnis ist ja: durch die ganzen Entbehrungen weiss man wieder die kleinen Dinge des Lebens zu schätzen und merkt, wie wenig man zum Glücklichsein braucht.

Die engen Wege stellen eine grosse Herausforderung an Körper und Geist dar.

Neuseeland ist kein Billigreiseland. Muss man für so eine lange Wanderung im Lotto gewinnen?

Ja, Neuseeland ist teuer und wird deshalb auch manchmal als die Schweiz Ozeaniens bezeichnet. Allein der Flug kostet ja schon um die 1300 Euro. Vor Ort sind dann vor allem Essen und Unterkünfte teuer, aber da man hauptsächlich im Zelt oder den Hütten schläft und Couscous und andere „Wander-Delikatessen“ nicht so teuer sind, zahlt man in fünf Monaten Wandern wahrscheinlich weniger als der Normalreisende. Ich habe nicht ganz 4000 Euro gebraucht. Aber ich habe mir auch hin und wieder ein bisschen Luxus gegönnt. Es geht sicherlich  günstiger.

Wenn jemand nicht den ganzen Weg laufen möchte, welche Abschnitte würdest du ihm/ihr besonders empfehlen?

Auf der Nordinsel waren die Tararua Ranges bei Wellington mein Liebling, auf der Südinsel die Richmond Ranges in der Nelson Gegend und der Two Thumb Trail bei Lake Tekapo. Wer es weniger einsam mag und trotzdem grossartige Landschaften sehen möchte, dem würde ich das bekannte Tongariro Crossing auf der Nordinsel und den Queen Charlotte Track im Norden der Südinsel empfehlen.

Nach der Reise ist vor der Reise: Wo geht es als nächstes hin?

Reset, ein Amerikaner, den ich am dritten Tag auf dem Te Araroa getroffen habe, sagte einmal zu mir: Fernwandern macht süchtig. Ich dachte damals, das wäre für mich eine einmalige Sache, meine Therapie halt. Nun habe ich wieder Hummeln im Po und liebäugel mit einem Trail in Westaustralien. Diesen September begleite ich Reset die ersten Wochen auf seiner Wanderung auf dem ungarischen Blue Trail. Und einen kurzen Trail in Neuseeland habe ich auch schon wieder hinter mir. Fünf Monate müssen es nicht mehr sein, aber zwei Monate klingen perfekt.

 

5 Monate, 3000 Kilometer und ein grosses Abenteuer
Ann Kathrin Saul hat alles verloren, was ihr wichtig war. Doch statt sich im Bett zu verkriechen, macht sie sich auf zum grössten Abenteuer ihres Lebens: Eine Fernwanderung auf dem 3000 Kilometer langen Fernwanderweg Te Araroa. Kurzweilig schildert sie ihre Erlebnisse auf dem Weg, der sowohl durch Städte wie auch durch Wildnis führt. Wer selber erwägt, eine Fernwanderung durch Neuseeland zu unternehmen, wird an dem spannenden und feinfühligen Buch seine Freude finden.

Mana Verlag, März 2018. 304 Seiten, 16 Euro. Hier bei Amazon bestellen*.

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Oliver Zwahlen

Passionierter Blogger. Im Herzen freier Reisejournalist, aber derzeit Büroangstellter mit Wohnsitz im chinesischen Peking. Siehe auch: Google+

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