Länderzählen für Angeber: So machst du‘s richtig

Pins in der Landkarte: Traveller zeigen gerne, wo sie schon überall waren. Foto: W. R. Wagner / Pixelio.de
Pins in der Landkarte: Traveller zeigen gerne, wo sie schon überall waren. Foto: W. R. Wagner / Pixelio.de

Es ist ein offenes Geheimnis, dass Weltreisende gerne mit ihren Kollegen darum wetteifern, wer schon die meisten Länder besucht hat.  Dabei ist es gar nicht so leicht, diese Zahl genau festzulegen. Hier zeigen wir dir, worauf du beim Zählen achten musst.

42 Länder habe ich schon besucht. Diese Zahl kam heraus, als ich vor einigen Wochen im Internet auf eine digitale Landkarte gestoßen bin, auf der man die „abgehakten“ Länder rot einfärben konnte. Das ist eine klare Zahl und in meinem Fall gibt es daran auch nichts zu rütteln: Alle Länder, die ich einfärbte, haben noch die gleichen Grenzen wie zum Zeitpunkt, als ich sie besucht habe; keines meiner Reiseziele ist auseinandergebrochen oder hat einen Teil in die Unabhängigkeit gelassen. Doch hier beginnt genau das Problem.

Ich war 1992 in Russland und etwa 15 Jahre später habe ich Kirgistan besucht. Das muss in meinem Fall klar als zwei Länder gezählt werden. Doch wie beziffert nun jemand seine Reiseziele richtig, der genau die gleichen Ziele wie ich besucht hat, der dies aber noch zu Sowjetzeiten getan hat? Hat er nun ein Land weniger besucht als ich? Oder wie müsste man umgekehrt zählen, wenn jemand die Tschechoslowakei besuchte und ein anderer ein paar Tage später die Tschechei und die Slowakei?

Was ist überhaupt ein Land?

Selbst wenn sich die wetteifernden Traveller darauf einigen könnten, dass wir Staaten nur in den heutigen und nicht in den damaligen Landesgrenzen betrachten, ist trotzdem ein sehr viel grundsätzlicheres Problem noch nicht gelöst. Nämlich die Frage, was denn überhaupt ein zählbares Land ist. Bei Staaten wie der Schweiz oder Madagaskar wird wohl kaum jemand ernsthaft in Abrede stellen, dass es sich bei ihnen um eigenständige Länder handelt. Schwieriger wird’s jedoch bei politischen Gebilden wie Westsahara, Taiwan oder Palästina. Je nach politischer Einstellung zählt nämlich der eine diese Regionen als eigenes Land oder eben auch als ein Teil eines Staates.

Das ist natürlich kein Dilemma, das nur in den Backpacker-Hostels für Verwirrung sorgt. Dies beweist alleine schon der Blick auf die unterschiedlichen internationalen Organisationen. So gehören der UNO 193 Staaten. Dazu kommt noch die Vatikan-Stadt, die der UNO nie beigetreten ist, aber dennoch unbestritten als eigenes Land gilt. Das Olympische Komitee hingegen anerkennt 206 Länder. Und beim Fußball, wo England, Schottland und Wales je als ein Land gelten, kennen wir sogar 209 Nationen.

Sind Staaten sinnvolle Messwerte?

Man kann natürlich über den Sinn und Unsinn solcher Angebereien geteilter Ansicht sein und das will ich hier auch gar nicht weiter kommentieren. Aber unter den Annahme, dass diese Diskussion überhaupt sinnvoll ist, habe ich mich immer wieder gefragt, ob Länder und Staaten überhaupt sinnvolle Einheiten sind, um Reiseerfahrungen zu vergleichen. Es handelt sich hierbei ja keineswegs um standardisierte Einheiten.

Als ich die eingangs erwähnte Karte einfärbte, sah es aus, als hätte ich schon fast die ganze Welt bereist. Kein Wunder, denn ich war schon in Russland, China, Indien und Australien. Also einer Reihe von Staaten mit einer gewaltigen Landmasse. Doch meine Russlanderfahrungen beschränken sich auf einen kurzen Städtetrip nach Sankt Petersburg. Trotzdem habe ich damit optisch halb Asien „abgehakt“. Umgekehrt ist die Lage in China. Dort war ich insgesamt locker ein Jahr unterwegs und habe mit Ausnahme von Tibet jede Provinz besucht. Dennoch kann ich mit China nur einen einzigen „Punkt“ im Wettstreit am Travellerstammtisch gewinnen.

Club der Vielreiser

Daher würde es wohl mehr Sinn machen, thematische geographische Einheiten zu definieren. Genau dies hat der Traveller‘s Century Club gemacht. Seine Liste, die du hier findest, umfasst 321 Regionen. Ich habe gerade einmal selber nachgezählt und bin (unter anderem dank Gibraltar, Okinawa in Japan, Sikkim in Indien) auf 51 „Länder“ gekommen. Wenn ich die Regeln streng anwende, müsste ich sogar noch das eine oder andere Land hinzufügen, wo ich nur im Flugzeug umstieg.

Was mir am TCC gut gefällt: Er ist hinsichtlich seiner Zielsetzung ganz ehrlich. Es geht ihm darum, Richtlinien für die Prahlerei setzen. Und dazu steht er auch. Wem die Prahlerei nämlich wichtig ist, kann im Club Mitglied werden und sich seine Reiseerfahrungen bestätigen lassen. Und mit etwas Glück und sehr viel Zeit kann er dort die meistgereiste Person der Welt werden.

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Oliver Zwahlen

Passionierter Blogger. Im Herzen freier Reisejournalist, aber derzeit Büroangstellter mit Wohnsitz im chinesischen Peking. Siehe auch: Google+

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16 Kommentare

  1. Das finde ich lustig. 🙂 „Richtlinien für die Prahlerei“, das braucht’s ja wirklich noch. Aber es stimmt schon – mit Russland ist bei mir auch gleich ein riesiger Teil der Karte rot eingefärbt und China hilft beim „wichtig aussehen“ auch gut weiter. Wer alle Länder Europas bereist hat schaut dagegen trotzdem ziemlich alt aus. 😉

    Die Liste muß ich auch einmal durchgehen – bin gespannt auf wieviele Länder ich komme. Danke für Deinen Tipp! 🙂

  2. Es musste sein. Durchgezählt. Bin überrascht, ich komme erst auf 40 Länder. Kommt davon, wenn man gerne Destinationen (mindestens) doppelt besucht und gerne langsam reist. *fg*

    Aber: Zählen Sibirien und Russland wirklich als zwei Destinationen?

    1. Da bin ich ja mit meiner Überraschung über die recht niedrige Zahl in guter Gesellschaft. (Aber in zwei Monaten kommt mindestens ein neues Land dazu.)

      Es kommt halt drauf an, nach welchem Modus du zählst. Ich finde es aber eigentlich schon sinnvoller, wenn nicht Länder gezählt werden, sondern geographische Einheiten. Auch wenn ich der Meinung bin, dass die Vergleichbarkeit der Einheiten noch immer nicht so recht gegeben ist.

      1. Naja, also für mich ist „Länder-Abhaken“ auch nicht wirklich der Inbegriff von Reisen. Theoretisch könnte ich in wenigen Tagen einige Länder dazubekommen. Ich denke nur an die BENELUX-Staaten. Aber Spaß würde mir das keine bereiten…

  3. Sehr gute Tipps! Jetzt muss ich auch gleich mal zählen! Sag‘ mal, wie heisst die digitale Karte, auf der man bereits besuchte Länder einfärben kann? Viele Grüße! Marco

      1. Hi Marco & Oli,
        auch wenn die Frage nun schon ein paar Tage alte ist:
        http://www.aneki.com/map.php
        Die Karte ist relativ simpel zu gestalten und die Farben fürs Einfärben der Länder sind frei wählbar.
        Falls ihr euch mit JavaScript auskennt, ist natürlich noch die Google Maps API eine noch flexiblere Alternative.
        Gruss
        Patrick

  4. um das ein weinig zu ergänzen bzw. zu vervollständigen:

    TCC – „Travel Century Club(nicht Country)“ 😉 derzeit 324 Regionen
    TBT – „The best Traveled“ derzeit 1281 Regionen
    MTB – „Most traveled People“ 875 Regionen

    1. Hi Jonny,

      vielen Dank für den Hinweis auf den Fehler. Ich habe das gerade korrigiert. Das mit der Zahl der Regionen lass ich mal so wie es ist, schliesslich ist das Text schon etwas älter und auch so datiert.

      Etwas verwirrt bin ich bei den Zahlen. Was ist den der Unterschied zwischen dem Best traveled und dem Most traveled?

      Gruss,
      Oli

  5. Als Alternative zur physikalischen Karte gibt es your-trips.de

    Wir bieten dynamische Karten die u.a. dafür gemacht sind, um sie in eine externe Seite einzubinden.
    Beispiel 1:
    http://www.your-trips.de/permapfree.php?id=DE.BE.GR.BS.CR.CL.CN.JP.ET.TD.TR.RU,800,650,2,20.632784,13.406249,4,0.5,1

    Beispiel 2:http://www.your-trips.de/useroeftripspermap.php?id=oefpro532b3783c0b64,Banger,700,650,3,50,12,0,0,0,6,0.4,1,1,1,1,4,1,1,6

    Vorteile: Kostenlos, Abmessungen anpassbar, Style anpassbar, Dynamisch, Infos (Bilder, Datum, Texte) auf der Karte

    Bei Interesse einfach mal vorbeischauen.

  6. Dieser Beitrag ist sehr korrekt und informativ, vielen Dank ! Man sollte sich darauf einigen, dass man sich nur nach der Zahl der UN-Mitgliedsländer orientiert, d.h. im Moment 193. Weitere Länder/Territoirien sind ein amüsantes „Zubrot“. Noch wichtig: mindestens drei Tage sollte man in einem besuchten Land anwesend gewesen sein. Bitte jeden Besuch mit zwei Stempeln im Pass (Ein- und Ausreise !) nachweisen !

  7. Ich reise viel und besuche gern neue Weltgegenden, halte aber nichts vom Länderzählen. Manche Leute merken gar nicht, wie sehr sie damit unbewusst dem Kapitalismusgedanken nacheifern: Länder sammeln als Ziel an sich, so wie andere Schmuck oder Autos sammeln.

    Mal ehrlich: Es interessiert doch sowieso letztlich niemanden, wie viele Länder man bereist hat. Es ist ja auch nicht schwer, Länder abzuhaken, wenn man genug Zeit und Geld hat. Mir geht es beim Reisen um andere Dinge. Tolle Erlebnisse, Staunen im Angesicht großartiger Landschaften oder Orte, Menschen kennenlernen, Kulturen, inspiriert werden und mit neuen Ideen heimkehren. Und wenn ich dafür zum zehnten Mal in (Italien, Mexiko, Brasilien,…) bin, dann habe ich im Zweifel mehr erlebt, als wenn ich in derselben Zeit 10 Kleinstaaten abgegrast habe. Warum soll eine Weltgegend interessanter sein als eine andere, nur weil die Bewohner es geschafft haben, unabhängig zu werden?

    Interessant sind Menschen, die nicht beliebig sind. Die ihren eigenen Weg durch die Welt gehen, wissen, was sie wollen und die Kunst des Weglassens verstehen: Weglassen, was nicht zu ihnen passt. Die eigene Reise des Lebens gestalten, individuell, ohne auf den (verdammt stressig wirkenden) Zug der ehrgeizigen Wetteiferer aufzuspringen.

    1. Selbstverständlich interessiert es Leute, wie viele Länder sie schon besucht haben. Da darfst du nicht von dir auf andere schliessen. Wieso sonst würden sie die Länder überhaupt zählen?

      Das Argument mit der Kapitalismuskritik hat was für sich. Dieses Haben-Wollen kann schon ein Grund sein, dass jemand so eine Art soziales Kapital aufbauen will, um dann in der Reiseszene zu brillieren und als kompetenter zu gelten.

      Allerdings widerstrebt es mir, alles auf eine Machtfrage zu reduzieren. Ich glaube, dass man auch aus idealistischen Gründen den Wunsch haben kann, „alles“ von der Welt zu sehen.

      1. Menschen sind verschieden, klar. Aber ich finde, es lohnt, mal eine Weile darüber zu meditieren, ob es das wirklich sein kann als Lebensziel, welchem Ideal man da so nachläuft mit diesem „alles-gesehen-haben-wollen“. Die Länderzähler haben ja meistens gerade nicht viel gesehen, wenn sie für 4 Tage einen Staat besuchen (einschließlich An- und Abreisetag), ein paar Fotos posten und dann weiterhetzen. Vor allem aber sind doch Ländergrenzen höchst willkürlich und veränderlich. Warum ist zum Beispiel das unabhängige Kiribati spannender als benachbarte, vielleicht wesentlich schönere Inseln, die ein Länderzähler nicht besucht, weil sie nicht unabhängig geworden sind? „Alles“ von der Welt zu sehen staatsrechtlich im Hinblick auf oft willkürliche Grenzen zu definieren, finde ich seltsam. Ich könnte das allenfalls nachvollziehen, wenn die Länderzähler sich für die Unabhängigkeit dieser Länder interessieren, für die Verfassung und für alles, was die Unabhängigkeit im Vergleich mit einem abhängigen Gebiet so besonders macht.

        Seltsam ist aber nicht nur diese allzu willkürliche Definition von „alles gesehen haben“, sondern der Wunsch an sich, alles sehen zu müssen. Das Leistungsprinzip, das uns lange genug eingetrichtert wurde, wird einfach auf den Freizeitbereich übertragen. Nichts spricht für mich dagegen, Ziele im Leben zu haben, Herzenswünsche. Aber es ist so eine Sache mit den Wünschen. Die Werbung weiß, wie Wünsche von Menschen bis ins Unendliche manipulierbar sind. Die Länderzähler gehen letztlich diesem Konsumdenken auf den Leim. Sie lassen sich einreden, dass sie das alles haben bzw. gesehen haben müssen.

        Daher meine Lebenseinstellung, der sich niemand anschließen muss: Auswählen, was zu mir passt, was meinen wahren Herzenswünschen entspricht, und diese Wünsche dann in die Tat umsetzen. Und den Rest gnadenlos streichen. Das betrifft nicht nur Reiseziele, sondern alles: Sachen, Menschen, Einstellungen. Weg damit. Die „Bucket Liste“ in den Schredder stecken und sich bei einem langen Spaziergang fragen, welche Erlebnisse diese Begeisterung wecken, die das Reisen (und das Leben an sich) so wunderbar machen.

        1. Klar gibt es immer wieder Leute, die in zwei oder drei Jahren jedes Land der Welt besuchen. Aber wer sagt denn, dass ein Länderzähler zwingend hetzen muss? Es gibt rund 200 Länder. Wenn man die auf 50 reiseaktive Jahre verteilt, dann sind das 4 Länder pro Jahr. Wenn man sich das eine oder andere Sabatical nimmt und nicht alles auf seinen 4 Wochen Jahresurlaub beschränkt, dann geht das eigentlich ganz gut ohne Gehetze. Ich bin zum Beispiel selten weniger als zwei Wochen in einem Land und habe Regionen, die mich besonders interessieren. Dennoch halte es für möglich, dass ich bis 70 das lose Ziel erreicht habe, alle Länder der Welt zu besuchen. Und wenn nicht, dann ist das auch okay.

          Dass Ländergrenzen willkürlich sind, sehe ich auch so. Aber das ist meiner Meinung nach weder ein Argument für noch gegen das Länderzählen. Wieso sollte es wertvoller sein und einen tieferen Einblick vermitteln, wenn ich zwei Provinzen im gleichen Land besuche als wenn ich die sich zufällig in verschiedenen Staaten befinden? Dazu kommt, dass es gar nicht so wenige Regionen und Völker gibt, die sich über mehrere Länder verteilen. Kurden leben zum Beispiel in fünf verschiedenen Nationalstaaten. Wieso sollte man einen tieferen Einlick gewinnen, wenn man innerhalb eines einzelnen Landes rumhetzt als wenn man sich mit dem kurdischen Siedlungsgebiet auseinandersetzt und zum Beispiel innerhalb eines Monats für Staaten besucht?

          Ich denke deswegen, dass nicht die Frage Länderzählen oder nicht an sich entscheidend ist, sondern wie bewusst man unterwegs ist. Denn Deine Argumente, die ich generell unterschreiben würde, sind für mich eher ein Bekenntnis zu Slow Travel und zum bewussten Reisen. Sie fordern aber keine Beschränkung auf wenige Reiseziele und verlangen nicht, die Augen vor der immensen Vielfalt unserer Welt zu verschliessen. Und ich denke, dass wir uns auch da sehr viel näherstehen, als es denn Anschein hat. Denn das, was mich am Reisen begeistert, ist eben diese Vielfalt.

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