Wandern im Engadin: Was die Via Engiadina einzigartig macht

Wenn du auf der Suche nach einer mehrtägigen Wanderung mit der maximalen Abwechslung bist, dann solltest du dir die Via Engiadina vorknüpfen. Der Fernwanderweg verbindet zwei Dinge, die man sich von Schweizferien wünscht: Charmante Dörfer und ein atemberaubendes Bergpanorama.

Wenn ich an Ferien in der Schweiz denke, kommt mir als erstes Graubünden in den Sinn: Mir fallen dann die Wanderungen ein, die ich als Kind mit meinen Eltern unternommen habe. Oder etwa die Melodie, die Postautos auf den engen Bergstrassen hupten und die wir als Kinder immer lauthals mitsangen.

Vermutlich sind genau diese Erinnerungen der Grund, dass ich mich bis heute in den Bergregionen der Welt am wohlsten fühle. Daher war ich gleich Feuer und Flamme, als ich in diesem Sommer die Gelegenheit bekam, auf einer Recherchereise einen mir bisher unbekannten Teil von Graubünden zu erkunden: Das Unterengadin.

In einer abwechslungsreichen Woche folgte ich ungefähr (dazu später mehr) der Route des Fernwanderwegs Via Engiadina. Was ich dort erlebte und was meine ganz persönlichen Highlights waren, schildere ich in diesem Artikel. Am Ende gebe ich wie immer ein paar praktische Tipps für die Planung deiner Reise.

 

Was ist die Via Engiadina?

Die Via Engiadina ist ein Fernwanderweg, der in sechs Tagesetappen durch das Unterengadin von Zernez nach Tschlin führt. Dabei folgt die Route mehr oder weniger den traditionellen Verkehrswegen, die die historischen Dörfer seit vielen Jahrhunderten verbinden.

Das ist Fluch und Segen zugleich: Denn durch die Nähe zu den Ortschaften fehlt dem Weg zum Teil der Abenteuerfaktor, den man bei einer hochalpinen Wanderung hätte. Die wunderschönen Dörfer kompensieren das aber allemal. Der entscheidendere Punkt ist jedoch, dass die Route deswegen unvergleichbar praktisch ist.

Da du jede Nacht in einer Ortschaft verbringst, kannst du in den kleinen Dorfläden einkaufen, in guten Restaurants speisen und in komfortablen Unterkünften logieren. Ausserdem bieten viele Hotels an, dein Gepäck kostengünstig zum nächsten Ort zu fahren. Du kannst also bequem mit einem Tagesrucksack wandern. Für Wandersofties wie mich ein tolles Angebot.

Zudem bietet die Via Engiadina eine hohe Flexibilität. Du kannst häufig auch auf einem der parallelen Wanderwege gehen und dadurch die Strecke abkürzen oder verlängern. Ausserdem verkehren zwischen allen Etappenzielen Busse, so dass du bei schlechtem Wetter auch einmal einen Teil überspringen kannst.

Der Flurinaweg ist ein Nebenpfad der Via Engiadina.

 

Meine 5 Highlights auf der Via Engiadina

Seit ich blogge, habe ich mehr oder weniger jedes Jahr eine mehrtägige Wanderung unternommen. In diesem Sommer bin ich hierfür zum ersten Mal in der Schweiz geblieben. Das hat sich als eine gute Entscheidung erwiesen, denn die Wanderung entpuppte sich aus den folgenden fünf Gründen zu einem ganz besonderen Erlebnis.

 

Highlight 1: Kindheitserinnerungen in Guarda

Kennst du die Geschichte vom Schellen-Ursli? Sie handelt von einem 12-jährigen Jungen, der gehänselt wird, weil er bei einem traditionellen Umzug im Dorf nur eine ganz kleine Schelle tragen soll. Wild entschlossen macht er sich auf den gefährlichen Weg zu einer Alm, um dort eine grössere Glocke zu holen.

Als Kind gehörte das Bilderbuch zu denen, die ich immer mal wieder durchblätterte. Zugegeben: Die ländliche Geschichte hat mich nie wirklich fasziniert, aber die Bilder mit den wunderschönen traditionellen Häusern gefielen mir umso besser. Erst viel später erfuhr ich, dass das Dorf tatsächlich existiert und heute noch genauso aussieht wie damals als die Illustrationen entstanden.

In Guarda gibt es sogar ein kleines Museum, das dem Kinderbuch gewidmet ist. Darin sind verschiedene Räume auf traditionelle Weise eingerichtet, so dass man leicht ein Gefühl dafür bekommt, wie beschwerlich das Leben hier noch vor hundert Jahren gewesen sein muss. Zudem sind die Bilder des Buchs ausgestellt – ideal für alle, die die Geschichte nicht kennen.

Doch selbst wenn das kleine Dorf nicht der Schauplatz der nach Heidi berühmtesten Schweizer Erzählung wäre, hätte mich Guarda begeistert mit seinen wunderschönen Sgraffito-Fassaden, den vielen Blumen und Brunnen und den vielen liebevollen Details wie etwa der Telefonkabine, die in eine Miniatur-Bibliothek verwandelt worden war.

Wie aus dem Bilderbuch: Hauseingang in Guarda.
Die Telefonkabine wurde in die vielleicht kleinste Bibliotheke der Welt verwandelt.

 

Highlight 2: Die hohe Dichte an Kandidaten für Schönheitswettbewerbe

Apropos Dörfer: Seit 2015 findet jedes Jahr ein landesweiter Schönheitswettbewerb statt, bei dem die hübscheste Ortschaft der Schweiz gewählt wird. Das Unterengadin ging zwar bisher leer aus, aber bei jeder Wahl gelangte eine der Ortschaften entlang der Via Engiadina in die Endausscheidung.

Den Spitzenplatz nimmt übrigens Ardez ein, das es sogar zwei Mal ins Finale schaffte (2016 und 2019). Das ist sicherlich verdient. Das Dorf ist wirklich charmant und hat für Historiker eine grosse Bedeutung, da das Dorfbild mit seinen vielen Engadiner Häusern seit 400 Jahren kaum verändert wurde. Die Steinsburg, die hoch über dem Dorf thront, erzeugt eine Atmosphäre, wie man sie sonst nur aus Fantasyfilmen kennt.

Weitere Kandidaten sind das oben erwähnte Guarda (2015), Tschlin (2017) und Sent (2018). In Sent ist übrigens auch ein kleines El Dorado für Kunstliebhaber dank der umfangreichen Sammlung von Lithographien des weltbekannten Künstlers Alberto Giacometti im Museumsbereich der Pensiun Aldier. Die Ausstellung ist nicht besonders gross, aber sehenswert.

Auch wenn ich das zugegebenermassen nun nicht ganz genau überprüft habe, würde ich behaupten, dass es in der Schweiz kein anderes Tal mit so vielen Finalisten gibt wie das, durch welches die Via Engiadina führt. Aber ich denke, dass die Fotos ohnehin für sich sprechen.

Ardez schaffte es zwei Mal ins Finale der schönsten Dörfer der Schweiz.
Die Dörfer entlang der Via Engiadina sind bekannt für ihre einzigartigen Fassadendekorationen.

 

Highlight 3: Die innovativen Feinschmecker-Geschäfte

Noch etwas hat mich an der Gegend überrascht. In der Regel würde man in einer Randregion nicht unbedingt erwarten, dass es so viele innovative Produzenten von Finefood gibt. Tatsächlich wurde ich auf der Wanderung auch immer wieder kulinarisch überrascht. Zwei tolle Restaurant-Empfehlungen stehen am Ende bei den Hoteltipps.

Da ist zum Beispiel die Käserei Chascharia Che Chaschöl in Tschlin, die auf Ziegen- und Schafskäse setzt und der es gelang, sich mit eher aussergewöhnlichen Produkten wie zum Beispiel Räucherkäse zu behaupten. Es lohnt sich, einer Führung und Degustration beizuwohnen, da man dabei nicht nur viel über Käse erfährt, sondern auch darüber, wie ein Geschäft in einem kleinen Dorf bestehen kann.

Eine weitere Interessante Führung bietet die Metzgerei Bacharia Hatecke in Scoul, die für ihr Trockenfleisch bekannt ist. Bei einem Rundgang durch die Produktionsstätten und den einzigartigen Felsenkeller, in dem das Fleisch gelagert wird, erfährt man jede Menge über das Traditionshandwerk und lernt nebenbei die feinen Unterschiede in den Produktionsarten kennen.

Der Inbegriff von Bündner Spezialitäten ist für mich die Engadiner Nusstorte. Der vermutlich bekannteste Ort, sie zu versuchen ist die Konditorei Giacometti in Lavin. Besonders schön ist hier die Terrasse mit Blick auf das Tal und die umliegenden Berge.

Das kleine Bergdorf Tschlin ist ein Paradies für Käseliebhaber.
Leckeres Trockenfleisch in der Bacharia Hatecke in Scoul.

 

Highlight 4: Das Wasser

Heute prägen der Wintersport und das Wandern den Tourismus. Das war aber nicht immer so. Einst waren es die zahlreichen Mineralquellen, die Besucher aus ganz Europa in die Region lockten. Seit genau 650 Jahren ist ihre Nutzung belegt und Paracelsius höchst persönlich hat ihre heilende Wirkung bestätigt.

Das offensichtlichste Übrigbleibsel aus dieser Zeit ist das Bogn Engiadina in Scoul. Im Wellnessbad kannst du dich in warmem Mineralwasser entspannen. Schön ist vor allem das Aussenbecken mit seinem Blick auf das Bergpanorama. Ein besonderes Erlebnis sind zudem die Konzerte, die gelegentlich in der Badelandschaft stattfinden. Im warmen Wasser liegen und Musik lauschen – mehr Entspannung geht nicht.

Bemerkenswert sind auch die Brunnen in Scoul. Einige von ihnen haben gleich mehrere Wasserspeier. Was auf den ersten Blick wie ein Designelement aussieht, hat aber tatsächlich eine Funktion. Denn aus den verschiedenen Speiern kommt unterschiedliches Wasser. In der Regel liefert der eine gewöhnliches Leitungswasser, der andere hingegen hochmineralisiertes Sprudelwasser. Wer hier noch Wasser im Supermarkt kauft, ist selber schuld.

Ein nasses Highlight bietet der Dorfbrunnen von Tschlin. Jeweils am Samstag verwandelt ihn ein hiesiger Künstler in das „kleinsten Wellnessbad der Welt“. Dabei wird das Brunnenwasser auf angenehme Badetemperaturen erwärmt. Die Idee dahinter: Als es noch kein fliessendes Wasser gab, waren die Brunnen der wichtigste soziale Treffpunkt im Dorf. Mit dem Badeanlass soll das Soziale des Brunnens wieder gefördert werden.

Der Dorfbrunnen von Tschlin wird einmal pro Woche zum kleinsten Wellnessbad der Welt.
Aus diesen drei Wasserspeiern kommt unterschiedlich mineralisiertes Wasser.

 

Highlight 5: Die Wanderwege

Müsste ich das Gefühl aussuchen, das die Wanderung am besten beschreibt, dann wäre es der Augenblick, an dem wir jeweils am Abend auf unser Ziel herabblickten. Meistens geschah dies vollkommen unverhofft, als wir aus einem Wald heraustraten und plötzlich freien Blick auf das Dorf hatten, das uns zu Füssen lag,

Für mich war das dann auch das Schönte an der Route: Das einer Dorf hinter sich zu lassen und nach einer Weile das nächste vor sich zu entdecken. Mir wurde erzählt, dass die Siedlungen jeweils so angelegt sind, dass man vom Kirchturm des einen Dorfes den des nächsten Dorfes sehen kann.

Spannend fand ich vor allem die Abwechslung des Wegs. Der erste Teil führt unmittelbar am Ufer des Inns entlang. Später geht es aber auch weit nach oben und an den verschiedenen Almen vorbei. Wir waren auf breiten Wegen unterwegs, aber auch auf schmalen Fusspfaden, die sich einem steilen Hang entlang schlängelten.

Dass der eigentliche Weg in einem Artikel über eine Wanderung erst an fünfter Stelle kommt, hat übrigens zwei Gründe: Zum einen, weil ganz einfach der Rest so stark war, zum anderen aber auch, dass ich die Route nicht durchgehend gegangen bin und an ein paar Stellen abgekürzt habe. Ansonsten hätte ich in einer Woche nicht alles sehen können, was mich interessierte.

Die Via Engiadina führt an verschiedenen Almen vorbei.
Oft schmiegt sich der Weg eng an der Berg an.

 

Praktische Tipps für die Via Engiadina

Unterkünfte

Mit der Ausnahme vom etwas grösseren Scuol, sind die Übernachtungsmöglichkeiten in den meisten Dörfern etwas eingeschränkt, so dass sich eine frühzeitige Reservation empfielt. Ich war in den folgenden Unterkünften und kann sie sehr empfehlen.

Meisser Lodge Guarda*: Diese relativ junge Erweiterung des Hotel Meisser befindet sich im oberen Teil des Dorfs an einer schönen Lage. Unser modern eingerichtete Zimmer bot einen grandiosen Ausblick auf die Berglandschaft. Am besten gefielen mir jedoch das leckere Frühstück und vor allem Abendessen. Es lohnt sich, etwas mehr zu bezahlen für die Halbpension.

Schorta’s Alvetern in Ardez*: Das Hotel befindet sich etwas abseits am Ortseingang, was jedoch beim kleinen Dorf keine Rolle spielt. Die Zimmer waren sauber und funktional mit einem kleinen Balkon. Besonders schön ist der Speisesaal mit den riesigen Panorama-Festern. Auch hier ist das Essen ein echter Genuss, der durch die zuvorkommende Art der Wirtsfamilie noch verstärkt wird.

Hotel Macun in Tschlin: Die Räume dieser preiswerten Familienpension sind einfach, funktional und sauber. Der grosse Pluspunkt ist die Sonnenterrasse vor dem traditionell dekorierten Haus. Auch hier war das Essen sehr lecker, wenngleich ein bisschen währschafter als in den beiden anderen.

Tipp: Die Reise kannst du auch als Komplettpaket über den lokalen Tourismusverband buchen. Mehr zum Angebot findest du hier.

Entspannen bei guter Aussicht.

 

Beste Jahreszeit für die Via Engiadina

Wir waren Mitte Juli unterwegs und sind bei den hohen Temperaturen teilweise ziemlich ins Schwitzen gekommen. Daher würde ich grundsätzlich eher den späten Frühling oder den Herbst empfehlen. Letzterer muss vor allem wegen der sich verfärbenden Wälder ziemlich schön sein.

Eine Besonderheit der Via Engiadina ist, dass sich ein Teilstück auch im Winter begehen lässt. Sobald Schnee fällt, werden die Wege präpariert, so dass auch Winterwanderungen von Guarda über Ardez nach Sent in drei Tagesetappen möglich sind. Wem die Kälte nichts ausmacht, für den ist das bestimmt ein aussergewöhnliches Wandererlebnis.

Mein Lieblingshaus in Scoul.

 

Lesetipps

Reiseführer Graubünden*: Leider gibt es keine Reiseführer, die sich auf das Engadin beschränken, sondern nur welche die den ganzen Kanton berücksichtigen. Ich selber benutzte den DuMont-Führer. Allerdings umfasst das Kapitel zum weniger touristischen Unterengadin nur etwas mehr als 20 Seiten.

Rother Wanderführer Unterengadin*: Wer nicht einfach die vorgegebene Route der Via Engiadina abwandern möchte, ist mit diesem ausführlichen Wanderführer gut beraten. Er beschreibt ausführlich 50 unterschiedliche Routen in der Region.

Wanderkarte Unterengadin*: Die kostenlosen Offline-Karten der App maps.me beinhalten auch die meisten Wanderwege. Falls dir trotzdem eine Karte aus Papier lieber ist, dann ist das die Karte deiner Wahl.

Gebrauchsanweisung Engadin*:Im Engagin-Band der beliebten Reisebuchreihe erklärt Angelika Overath auf unterhaltsame und kenntnisreiche Weise, was die Schweizer Ferienregion so besonders macht. Ein perfektes Buch für die lange lange Anreise.

Schellen-Ursli*: Wenn du die Gegend mit Kindern besuchst, dann ist die Geschichte vom kleinen Schellen-Ursli bestimmt eine gute Möglichkeit, um sie auf den Besuch vorzubereiten. Bei mir hat das noch viele Jahre später funktioniert. Die Geschichte gibt es übrigens auch als Film*.

Liebevoll dekorierter Eingang in Tschlin.

 

Fazit

Die Via Engiadina ist der perfekte Kompromiss zwischen einen Wanderabenteuer und einem Kulturtrip in eine doch eher abgelegene Ecke der Schweiz. Für mich war es vor allem diese gelungene Kombination, die für mich den Reiz der Wanderung ausgemacht hat.

Sollte ich in Zukunft noch einmal auf der Route wandern, dann würde ich das Abenteuer möglicherweise in den Winter verlegen.Nicht etwa, weil ich besonders gerne friere, sondern weil ich mir vorstellen kann, dass es ein noch grösseres Abenteuer ist, die wundervolle Landschaft zu entdecken, wenn sie unter einer dichten Schneehülle liegt.

Transparenz Hinweis: Dieser Beitrag entstand im Rahmen einer Pressereise, zu der mich Graubünden Ferien gemeinsam mit den lokalen Partnern einluden. Zudem enthält der Artikel mit *Sternchen markierte Affiliate-Links.

*Hinweis: Dieser Beitrag enthält mit Sternchen markierte Affiliate-Links.

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Oliver Zwahlen

Passionierter Blogger. Im Herzen freier Reisejournalist, aber derzeit Büroangstellter mit Wohnsitz im chinesischen Peking. Siehe auch: Google+

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3 Kommentare

  1. Super informativer Artikel! Tolle Gegend und sehr schöne Natur! Auch für mich ist Graubünden das nächste Reiseziel. Neben Goldwaschen in Disentis werde ich sicherlich auch Engadin einen Besuch abstatten.

    1. Hallo Gold-Gusti,

      schön von dir zu lesen. Wir sehen uns ja voraussichtlich nächstes Jahr bei dir im Disentis, damit ich das mit dem Goldwaschen auch mal noch lernen kann. Ich freue mich schon.

      Gruss,
      Oliver

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