Sgraffito-Kurs: Ein Stück Engadin zum Mitnehmen

Engadiner Dörfer erkennt man auf den ersten Blick an ihren liebevoll dekorierten Fassaden. Sgraffito nennt sich die uralte Technik, bei der mit dem Kratzstift statt dem Pinsel gemalt wird. Die Kunstwerke kann man jedoch nicht nur ansehen, sondern in einem Workshop auch gleich selber machen.

Mit einem spitzbübischen Lächeln knallt er den Kalkzement auf die Grundplatte. Dann verstreicht er die weisse Paste mit der Kelle so lange, bis eine gleichmässige, zwei Millimeter dicke Schicht entstanden ist. Nachdem er damit fertig ist, übergibt er sie mir. Was ab jetzt aus der Kachel wird, das liegt allein in meiner Hand.

Wir befinden uns in Susch, einem kleinen Dorf im Unterengadin. Hier hat Josin Neuhäusler sein Atelier. Hier weist er Interessierte in die Kunst der Fassadendekoration ein, die für diesen Teil der Schweiz so typisch ist. Sgraffito heisst die alte Technik. Ursprünglich wurde sie während des Barock aus Italien eingeführt, ist heute aber wohl nirgendwo so stark präsent wie auf den alten Bündner Häusern.

„Der Name leitet sich von sgraffiare ab, dem italienischen Wort für kratzen“, erklärt Neuhäusler. Und genau das tun wir in den nächsten zwei Stunden: Mit einer Kratzpalette und einem Nagel trage ich die weisse Kalkschicht ab, bis die tiefere, graue Schicht zum Vorschein kommt. Auf diese Weise male ich eine „5“. Die Idee dahinter: Ich will mein Werk später als Hausnummer draussen aufhängen.

Bei den Workshops gehe es am Anfang auch immer darum, eine Balance zu finden zwischen dem, was schön und dem was machbar ist, hatte mich Neuhäusler zuvor in meiner bescheidenen Motivwahl bestätigt. Schliesslich sollen die Schüler an ihrer Aufgabe Spass haben und ein befriedigendes Resultat mit nach Hause nehmen. „Beim Sgraffito gibt es keinen Radiergummi.“ Ein falscher Strich lasse sich nachträglich kaum korrigieren.

 

Ein altes Kunsthandwerk blüht auf

Das ist dann auch eine der Herausforderungen für die Sgraffito-Künstler: Obwohl keine Fehler erlaubt sind, entstehen die Fassadenbilder oft unter grossem Zeitdruck. Jede Fassade muss fertig werden, bevor der Kalk eingetrocknet ist. Das dauert in der Regel sechs bis sieben Stunden. Die meisten Sgraffito-Künstler arbeiten deswegen am liebsten bei Regen: Wenn die Luftfeuchtigkeit hoch ist, geht es länger, bis die Fassade austrocknet.

Bis in die 1970er-Jahre galt Sgraffito in den abgelegenen Tälern des Engadins eher als etwas hinterwäldlerisch. Man baute lieber modern. Hunderte Jahre alte Fassaden wurden bei energetischen Sanierungen mit Isolationsmaterial überklebt, teilweise aber auch einfach überstrichen und nicht selten unwiederbringlich zerstört. Mittlerweile hat sich die Wahrnehmung glücklicherweise verändert und man ist auf das Erbe stolz. Fassaden werden seit Jahren wieder in Stand gesetzt und bisweilen erhalten sogar Neubauten einen traditionellen „Anstrich“. Das bekannteste Beispiel ist das modernistische Schulhaus von Samedan.

„Viele Symbole haben eine tiefere Bedeutung“, erklärt Neuhäusler und zeigt uns gleich zu Beginn unseres Kurses ein Heft, in dem die wichtigsten Motive und ihre Bedeutung zusammengefasst sind. Meistens geht es um Glück und Fruchtbarkeit. Ein häufiges Ornament ist auch das Doppelwellenband, das im Volksmund als „Laufender Hund“ bezeichnet wird. Es steht für das Leben, das Werden und Vergehen.

So wie wir uns im Heft von den klassischen Motiven inspirieren lassen, tun dies natürlich auch die Bauherren, wenn sie eine neue Fassade in Auftrag geben. Dass es bei der Wahl der Motive zwischen den Eheleuten zu Meinungsverschiedenheiten komme, sei nicht selten, verrät Neuhäuser. Schliesslich bleibe eine gut gemachte Fassade bis zu hundert Jahre bestehen. Oft löse sich dieser Konflikt aber in nichts auf, sobald sich die Auftraggeber den Kostenvoranschlag genauer ansehen. „Dann sind sie sich sehr schnell einig, dass sie lieber etwas reduzieren.“

Josin Neuhäuser bei der Vorbereitung der Sgraffito-Kachel.
Vor seinem Atelier stellt Neuhäuser einige seiner Kratzwerke aus.

 

Sorge um den Nachwuchs

Neuhäusler ist in das Sgraffito-Handwerk gewissermassen hineingeboren worden. Bereits sein Grossvater verdiente sich mit der Kratzkunst sein Geld. Sein Können hat Neuhäusler allerdings vom Vater erworben, mit dem er zwanzig Jahre lang  gemeinsam auf den Baugerüsten der Region stand und zahlreiche Fassaden dekorierte.

Nun ist es an Neuhäusler, das Wissen an die nächste Generation weiterzugeben. Doch genau das bereitet ihm Sorgen: Obwohl die Verdienstmöglichkeiten für Sgraffito-Künstler eigentlich gut sind und sie sich kaum mit Konkurrenz herumschlagen müssen, könnten die Sgraffito-Maler in den nächsten zehn bis 15 Jahren aussterben. Nicht zuletzt deswegen hat er sich schon vor Jahren entschlossen, in kurzen Intensivkursen die Faszination für die Maltechnik weiterzugeben und zu zeigen, wie man Sgraffito selber machen kann.

Der Erfolg gibt ihm Recht. Mittlerweile besuchen jedes Jahr über tausend Interessierte seine Kurse und legen nach einer theoretischen Einführung selber Hand an. Besonders Familien, Schulklassen und Betriebe lassen sich gern bei ihm einweisen. Und teilweise kommen auch Gäste aus der benachbarten Burnout-Klinik. Sgraffito habe eben etwas Beruhigendes, lacht Neuhäusler.

Wunderschön dekorierte Sgraffito-Häuser in Ardez.
Alte Häuser im Sgraffito-Stil säumen den Dorfplatz von Scoul.

 

Der Blick mit anderen Augen

Das Atelier befindet sich gleich am Anfang der Via Engiadina, die in fünf bis sechs Tagesetappen durchs Unterengadin führt. Für mich hat es sich bewährt, den Sgraffito-Kurs als Startpunkt in diese Wanderung einzubauen. Denn dadurch, dass ich mich an der Kratztechnik selber versucht habe, nahm ich anschliessend die Dörfer auf der Wanderung viel bewusster wahr.

Insbesondere Guarda, das wegen des Kinderbuchs Schellen-Ursi schweizweit bekannt ist, bietet dem Sgraffito-Liebhaber jede Menge Anschauungsmaterial. Das Dorf besteht zwar gerade einmal aus 70 Häusern, doch sind fast alle in der typischen Engadiner Bauweise erstellt worden. Kein Wunder wurde Guarda für seine architekturhistorische Bedeutung immer wieder ausgezeichnet. Doch auch die anderen Ortschaften entlang der Route beeindrucken durch ihre Fassaden.

Wunderschön dekorierte Tür in Schellen-Ursli-Dorf Guarda.
Sgraffito oder gemalt? Aus der Ferne oft schwer zu erkennen…

 

Sgraffito-Workshop buchen

Der rund drei Stunden dauernde Sgraffito-Workshop im Atelier von Josin Neuhäusler in Susch findet unter der Voraussetzung genügender Anmeldungen jeden Nachmittag statt. Spätestens am Vortag muss telefonisch gebucht werden. Gruppengrösse zwischen 1 bis 40 Personen. Preis und Kontaktinformationen sind auf josin-sgraffito.ch zu finden.

Disclaimer: Die Reise wurde unterstützt von Graubünden Ferien. Der Bericht spiegelt vollkommen meine persönliche Erfahrung wider.

Zum ersten Mal auf dieser Seite? Dann schau hier, worum es  bei mir geht. Folgst du dem Weltreiseforum schon länger und willst künftig keine Texte mehr verpassen? Dann melde dich am besten gleich für den monatlichen Newsletter an oder folge meinem Feed.

Werbeanzeige

Oliver Zwahlen

Passionierter Blogger. Im Herzen freier Reisejournalist, aber derzeit Büroangstellter mit Wohnsitz im chinesischen Peking. Siehe auch: Google+

Hier weiter lesen

8 Kommentare

    1. Das ging mir auch lange so. Vor allem habe ich lange überhaupt nie gemerkt, dass die Formen nicht gemalt, sondern ausgekratzt sind. Das sieht man nämlich erst, wenn man ganz nahe rangeht.

  1. Hallo Oliver,
    und schwupp: die nächste Bildungslücke geschlossen.
    Davon habe ich zuvor noch nie etwas gehört.
    Es liest sich spannend, ich hoffe du hattest einen tollen Kurs!

    Schöne Grüße
    Isabel

  2. Das ist sehr spannend! Ich wusste zwar, was Sgraffito ist – ein paar wenige Häuser gibt es auch in Österreich – aber nicht, dass diese Technik heute noch gelehrt und ausgeübt wird. Ich dachte, das gehört zu den ausgestorbenen Handwerken. Und den Schellen-Ursli kenne ich sogar, ich hatte das Buch als Kind…

    1. Hi Gudrun,
      im Engadin gibt es halt noch sehr viele Häuser mit Sgraffito-Fassaden. Ich denke mal, dass das deswegen auch bis zu einem gewissen Grad identitätsstifftend für die Menschen aus den Tälern ist und deswegen auch noch immer praktiziert wird. Der Kurs, den ich besuchte, ist natürlich nur eine kurze Einführung, die nicht viel daran ändert, dass das Handwerk am Aussterben ist. Neuhäusler oft ja, dass er mit seinen Kursen Leute motivieren kann, sich stärker mit dem Handwerk auseinanderzusetzen und es vielleicht später auch auf einem professionellen Level anzubieten. Wäre ja schade, wenn das irgendwann niemand mehr kann.
      Gruss,
      Oli

  3. Das ist mal ein faszinierendes Thema, sowohl als Blogartikel wie auch als Beschäftigung im Urlaub. Die Technik ist total spannend und ich hab Scraffito schon in anderen Städten bewundert, ohne genau zu wissen wie das überhaupt gemacht wird. Auch wunderbar lebendig geschrieben von dir, danke für die Einblicke!

    Viele Grüße
    Christian

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Schaltfläche "Zurück zum Anfang"