Montag, 18. Dezember 2017
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Kommentar: Wieso Pilgern für mich nicht das Richtige ist

In mehreren Tagesetappen fühen die Via Sacra und der Wiener Wallfahrerweg von Wien nach Mariazell. Fotos: O. Zwahlen
In mehreren Tagesetappen führen die Via Sacra und der Wiener Wallfahrerweg von Wien nach Mariazell. Fotos: O. Zwahlen

Drei Tage lang folgte ich dem traditionellen Pilgerweg „Via Sacra“, wanderte durch schöne Landschaften und strotzte dem schlechten Wetter. Zwei Stunden vor dem Zielort Mariazell merkte ich: Pilgern ist nicht das Richtige für mich – und fuhr die letzte Station mit der Bahn.

In der Vergangenheit war ich hauptsächlich als Backpacker unterwegs. Doch seit einiger Zeit reizt es mich immer stärker, auch neue Arten des Reisens auszuprobieren. In Portugal gönnte ich mir beispielsweise zum ersten Mal einen Mietwagen. Ende Juni gab es erneut ein „erstes Mal“: Meine Premiere als Pilger. Von diesem „Selbstversuch“ möchte ich heute erzählen.

Die „Via Sacra“ beginnt vor den Toren Wiens und führt in rund hundert Kilometern nach Mariazell. Die Reise erfolgte übrigens auf Einladung von Mostviertel Tourismus und ist somit meine erste richtige Bloggerreise, bei der ein Sponsor all meine Kosten übernahm. Der treue Leser erinnert sich vielleicht: In der Vorschau auf dieses Jahr hatte ich so eine Einladung als eines meiner Ziele definiert. Was mir damals nicht  klar war: Die Reise würde mich vor die schwere Entscheidung stellen, wie ich meine Erfahrungen und Erlebnisse präsentieren soll. Die anderen Blogger berichteten (teilweise schon unterwegs) begeistert von der Reise. Sehr schöne Zusammenfassungen findest du bei Tanja, Monika, Elena und Hubert. Das, was auf diesen Seiten steht, habe ich auch so erlebt. Und doch bleibt bei mir ein kleines Aber. Und das möchte ich thematisieren.

Ja, ich war mit wirklich tollen Menschen unterwegs und wir hatten unglaublich viel Spass zusammen. Das unten stehende Video ist total albern, aber es zeigt hervorragend, in welch ausgefallener Stimmung wir waren. Vermutlich waren es die teilweise recht langen und auch anstrengenden Tagesetappen, die unsere Gruppe nach und nach zusammenschweissten. Daran änderte auch nichts, dass ich hin und wieder etwas „mogelte“ und die Abkürzung nahm.

Doch je länger wir unterwegs waren, desto mehr musste ich feststellen: Ich bin kein Pilger! Für mich ist Pilgern nichts anderes als eine gewöhnliche Wanderung und für eine gewöhnliche Wanderung waren auf dieser Route die Vorzeichen falsch.

Die Schatten alter Transportwege

Um dies zu erklären, muss ich zunächst etwas ausholen und auf einen wichtigen Befund hinweisen: Pilgerwege sind relativ statisch. Oftmals gingen Pilger über Jahrhunderte genau die gleichen Wege. Das mag auf den ersten Blick überraschen, lässt sich jedoch einerseits durch die Logik des Geländes erklären (gewisse Routen sind objektiv einfach kürzer oder zumindest angenehmer als andere) und andrerseits auch durch eine systemerhaltende Infrastruktur.

Das kann man mit dem heutigen Banana- oder Pancake-Trail durch Südamerika beziehungsweise Südostasien vergleichen: Die heutigen Backpacker reisen gerne entlang von Routen, wo es eine auf sie angepasste Infrastruktur gibt. Also zum Beispiel günstige Hostels. Gleichzeitig sorgt die Anwesenheit der Backpacker dafür, dass diese Infrastruktur erhalten bleibt. Geht ein Hostel zu, entsteht Platz für ein anderes.

Typische Strecke auf der Via Sacra. Im Hintergrund der 1893 Meter hohe Ötscher.
Typische Strecke auf der Via Sacra. Im Hintergrund der 1893 Meter hohe Ötscher.

Das war auf den alten Pilgerrouten nicht anders: Entlang der Hauptrouten etablierten sich Dienstleister für die Reisenden. Im religiösen Kontext der Pilgerreisen kommt noch ein weiterer Punkt hinzu: Wo viele Gläubige unterwegs sind, geschehen mehr Wunder. Das wiederum zieht mehr Gläubige an und zementiert damit die klar definierten Routen.

Wenn wir den Sprung in die heutige Zeit machen, heisst das: Dort, wo die traditionelle Route einst entlang führte, befinden sich heute moderne Strassen. Und so folgt die Via Sacra dann auch zu einem beträchtlichen Teil den modernen Verkehrswegen. Regelmässig waren wir auf Fahrradwegen unterwegs oder befanden uns in unmittelbarer Nähe von Siedlungen.

Da regt sich in mir der Pragmatiker: Ich hatte letzten Sommer keine Probleme, in drei Tagen auf den Gipfel eines indonesischen Vulkans zu klettern. Aber wenn ich einen Ort genauso gut mit dem Zug, dem Bus oder meinetwegen dem Fahrrad erreichen kann, erschliesst sich mir nicht ganz, wieso ich überhaupt zu Fuss unterwegs sein soll. In mir beginnt sich in einem solchen Fall schnell eine innere Abneigung zu entwickeln.

Auch auf den Wald- und Wiesenstrecken ist die Zivilisation nie weit weg.
Auch auf den Wald- und Wiesenstrecken ist die Zivilisation nie weit weg.

Die Nähe zur Infrastruktur ist allerdings nicht zwingend ein Nachteil. Gerade Leute, die selten wandern und ihre eigenen Kräfte schlecht einschätzen können, haben auf diese Weise fast immer die Möglichkeit, mit dem Taxi in die nächste grössere Ortschaft zu gelangen. Wer die Verkehrsnähe nicht zu schätzen weiss, folgt aber lieber dem Wiener Wallfahrtsweg Nummer 6, der zwar ähnliche Orte verbindet, aber durch abgelegenere Gegenden führt.

Von Spiritualität keine Spur

Ich hatte recht diffuse Vorstellungen, was das Pilgern angeht und was den Unterschied zu einer gewöhnlichen Wanderreise ausmacht. Aber ich hatte im Hinterkopf die Idee von etwas Meditativem, das uns zu einer Form der Spiritualität führen würde. Ich bin nicht religiös, aber als ehemaliger Philosophiestudent doch offen für die grossen Fragen des Lebens. Der gleichförmige Trott in der Abgeschiedenheit, so dachte ich, würde uns allen Zeit geben, dass wir uns Gedanken über uns selber machen. Dass wir uns fragen, wieso wir das tun, was wir tun. Mit etwas Glück würden wir uns sogar nach dem Wesen des Seins fragen. Mit solchen Erwartungen hatte ich zum Bloggerpilgern zugesagt.

Doch das passierte nicht. Zumindest nicht in mir. Wir spazierten stattdessen auf guten Wegen, genossen das leckere Essen, das wir in den hervorragenden Restaurants serviert bekamen. Wir erfreuten uns an den sanften Hügeln der Region, den saftigen Wäldern. In der Gruppe machte schon bald der Begriff Genusspilgern die Runde. Ja, die Wortwahl passte. Nichts war falsch an unserem Trip, aber ich konnte einfach nicht fühlen, was denn genau das ist, was das Pilgern ausmacht.

Die historischen Gänge vom Stift Lilienfeld.
Die historischen Gänge vom Stift Lilienfeld.

Die stärkste Empfindung hatte ich in der Nacht, als wir in Lilienfeld im Zisterzienserkloster übernachteten. Abends durch die historischen Gänge zu wandeln, die sich jeweils um hübsche Innenhöfe ranken, gab mir schliesslich doch das Gefühl, an einem ganz besonderen Ort zu sein. Und so war dann auch das Stift Lilienfeld für mich der Höhepunkt der Reise.

Am nächsten Morgen unternahmen wir einen Rundgang durch die wirklich sehenswerte Klosteranlage mit seiner unglaublich schönen Barrockbibliothek. Anschliessend erhielten wir von einem Priester den Pilgersegen. Ich fühle mich dabei etwas unwohl: Beim kurzen Ritual frage ich mich, ob ich nicht vielleicht ein Betrüger bin. Ich lasse mich segnen, nehme den Segen aber im Herzen überhaupt nicht an. Immerhin, zurück im Zimmer schlage ich bei Wikipedia nach, was ein Segen genau ist.

Landschaftliches Highlight: Falkenschlucht

Der Nachmittag führt uns durch das landschaftliche Highlight der Reise: Die Falkenschlucht. Über abenteuerliche Stege (es darf jeweils nur eine Person gleichzeitig auf den Steg) führt die Route durch ein wildes Tal mit bis zu rund hundert Meter hohen, steilen Felswänden auf beiden Seiten. Unter dem Steig braust ein kleiner Bach hindurch. Es fällt schwer, hier nicht von der Kraft des Wassers beeindruckt zu sein. Die Schlucht führt relativ steil auf ein Plateau, wo sich auch Annaberg befindet, der nächste Übernachtungsort.

Falkenschlucht

Der letzte Abschnitt von Annaberg nach Mariazell beginnt bei schönem Wetter, doch rasch ziehen Wolken auf und ab Mittag beginnt es zu schütten. Und wie ich so mit nassen Hosenbeinen und kalten Füssen durch die Gegend schlürfe, kommt sie endlich doch noch, die grosse Sinnfrage. Aber etwas anders als ich erwartet hatte. Wieso mache ich das alles überhaupt? Wenn der Weg das Ziel ist, wieso muss ich dann das Ziel überhaupt erreichen?

Vor allem aber stellt sich die Frage,  wie ich zu mir selber am ehrlichsten bin. Ist es das Richtige, etwas durchzuziehen, das mir gar nicht viel bedeutet, nur damit ich es geschafft habe? Ist es nicht ehrlicher sich selbst einzugestehen, dass das Ziel gar nie wirklich wichtig war? Ist ein Abbruch einfach Bequemlichkeit oder doch eher die Erkenntnis, dass ich das diffuse inneres Ziel auch nicht erreichen würde, wenn ich zum äusseren Ziel wandere? Und während der Regen auf den Leoparden-Schirm hämmerte, den mir meine Mutter auf die Reise mitgegeben hat, kamen wir am Bahnhof von Mitterbach vorbei. Und plötzlich wurde mir klar, dass ich mir keine weiteren zwei Stunde im Regen antun muss, nur um etwas „geschafft“ zu haben, das ich tief im Innern gar nicht wirklich wollte.

Fazit

Wer bei einer Pilgerreise Spiritualität erfahren will, der muss dazu bereit sein. Ich war es nicht und deswegen hat mich die Reise persönlich auch nicht weitergebracht. Wenn  es dir um eine innere Einkehr geht, solltest du dir überlegen, die abgelegenere Route „Wiener Wallfahrerweg“ zu wählen. Ebenfalls denke ich, dass es besinnlicher ist, die Strecke alleine zurückzulegen.

Bei der Routenplanung solltest du dir auch unbedingt überlegen, was deine persönlichen Grenzen sind. Die von den Tourismusverbänden vorgeschlagenen Tagesetappen liegen jeweils bei etwa 30 Kilometer. Das ist zwar für jeden halbwegs fitten Menschen machbar, für mich persönlich aber trotzdem zu viel. Denn mir geht es nicht um die sportliche Leistung, sondern darum, Land und Leute kennenzulernen und unterwegs auch etwas zu sehen. Aber ab der 15-Kilometermarke verliere ich recht rasch das Interesse an allem um mich herum.

Was mich ausserdem überrascht hat: Die Preise waren auf der Tour insgesamt recht günstig. In den meisten Gaststätten ist es möglich, sich für weniger als 10 Euro satt zu essen und auch die Unterkünfte schienen mir preislich recht attraktiv. In ein paar Tagen folgt ein weiterer Artikel mit praktischen Tipps, falls du die Reise selber organisieren willst.

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Über Oliver Zwahlen

Passionierter Blogger. Im Herzen freier Reisejournalist, aber derzeit Büroangstellter mit Wohnsitz im chinesischen Peking. Siehe auch: Google+

9 Kommentare

  1. Sehr ehrlich! Schade, dass du dich nicht auf den Weg einlassen konntest. Für mich sind diese alten Wege etwas Besonderes und ich spüre die tausenden Menschen, die diesen Weg gegangen sind. Es ist gut, in einer Tradition zu stehen und nicht alles neu erfinden zu müssen. Aber ich finde es gut, dass du ehrlich zu dir stehst. Alles Gute und viele einsame Wege!

    • Oliver Zwahlen

      Vielen Dank, Maria. Ich zweifle nicht daran, dass diese alten Wege etwas Besonderes sind. Das war ja auch der Grund, wieso ich überhaupt zugesagt habe. Aber als ich dann unterwegs war, konnte ich das Besondere nicht in dem Mass spüren, das ich mich vorgestellt habe. Es mag sein, dass ich dadurch eine Erfahrung verpasst habe. Aber es muss ja auch nicht immer alles perfekt passen. Das Wichtige für mich ist, dass ich auf diesem Tripp etwas über mich selber lernte – und natürlich auch, dass ich vielen leckeren Apfelstrudel essen konnte… 🙂

  2. Lieber Oliver,

    Vielen Dank für Deinen wirklich offenen Beitrag hier und dass Du Deine Erfahrungen so unmittelbar reflektiert hast. Ich bin gespannt, welche praktischen Tipps Dir von dieser Reise besonders in Erinnerung geblieben sind und freue mich auf Deinen nächsten Beitrag über das Mostviertel!

    Schönen Gruß und bis bald, Elena!

  3. anne234 (twitter)

    Ein schöner ehrlicher Bericht, bin über Hubert Mayer auf die Seite gekommen und genau sowas wünschte ich mir, das mal jemand schreibt ob ihm das Pilgern was gebracht hat. Ich denke auch in der Gruppe findet man die von dir wohl doch gesuchte innere Einkehr nicht und ich denke immer noch sowas sollte eine Pilgerreise ausmachen, ansonsten kann ich auch normal „Wandern gehen“. Danke!

  4. Lieber Oliver, vielleicht urteilst Du zu vorschnell. Ich hatte ähnliche Gedanken, als ich vor Jahren den Jakobsweg gegangen bin. Dabei haben sich die Erkenntnisse, die ich dort gesammelt habe, erst später eingestellt, weil ich mich anscheinend noch nicht dafür öffnen konnte. Und meine Momente der inneren Einkehr habe ich auch auf dem Via Sacra – mitten in der Gruppe – gefunden. Maria hatte einen tolllen Text dazu … Trotz alledem habe ich es genossen, genau in dieser Konstellation zu pilgern und es war schön Teile des Weges mit Dir gemeinsam zu gehen! Liebe Grüße und bis bald Monika

    • Ja, das ist schon möglich. Allerdings habe ich mir beim Schreiben doch recht viel Zeit gelassen, um wirklich in mich reinzuhören. Vielleicht gebe ich dem Pilgern in ein paar Jahren nochmals einmal eine Chance und revidiere bzw. ergänze, was ich hier geschreiben habe. Liebe Grüsse, Oliver

  5. Hallo Oliver!

    Danke für deinen wahnsinnig ehrlichen Beitrag.
    Ich gehe nächste Woche den Via Sacra und bin gespannt was mich erwartet. Das der Weg sehr „touristisch“ ist hab ich mir fast gedacht, deswegen werde ich versuchen mich selbst zu verpflegen und zu zelten.

    Vielleicht willst du in einigen Wochen meine Erfahrungen dazu lesen: http://travelabroad.at/

    Liebe Grüße
    Kerstin

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