Freitag, 24. November 2017
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Geheimtipp Varkaus: 5 tolle Ausflüge rund um die finnische Kleinstadt

In zehn Minuten vom Stadtzentrum in die Natur: Das ist Varkaus. Fotos: OZ

Varkaus ist so sehr Geheimtipp, dass beim Namen selbst Einheimische oft nur mit der Schulter zucken. Wieso ich mich in die finnische Kleinstadt im Norden des Saimaa-Sees verliebt habe und wieso sich ein Besuch unbedingt lohnt, verrate ich in diesem Beitrag.

Varkaus ist in Finnland für alles Mögliche bekannt: Das Provinzkaff in der Nähe der russischen Grenze gilt etwa als Kaviarhauptstadt. Andere verbinden das Städtchen mit der hiesigen Papierindustrie und den Arbeiteraufständen vor rund hundert Jahren.

Als Reiseziel kommt es den wenigsten in Sinn. Als ich meinen finnischen Bekannten erzählte, dass ich nach Varkaus will, erntete ich vor allem eines: Schulterzucken. Doch wenn ich auf meinen vergangenen Abenteuern eins gelernt habe, dann die Gewissheit, dass man in Finnland nirgendwo ganz daneben liegen kann. Die Natur ist nie weit und auch die nächste Sauna ist stets gleich um die Ecke.

Nach vier Tagen habe ich mich total in den Ort verliebt. Die Landschaften waren in ihrem Herbstgelb noch schöner, als ich sie mir vorstellt habe. Aber auch Varkaus selbst hat – zumindest auf den zweiten Blick – einiges zu bieten. Das Beste war aber, wie herzlich ich in der Stadt, die kaum Touristen kennt, aufgenommen wurde: Zwei Lokalzeitungen haben mich um ein Interview gebeten.

In diesem Artikel gebe ich dir ein paar Tipps, was du in Varkaus unternehmen kannst und welche Ziele sich in der weiteren Umgebung lohnen. Am Ende findest du praktische Hinweise, wenn du die Gegend auf eigene Faust erkunden willst.

 

Tipp 1: Erspüre die Stadtgeschichte

Zugegeben: Varkaus gewinnt nicht den ersten Platz in einem Schönheitswettbewerb. Die junge Industriestadt hat weder ein jahrhundertaltes Stadtzentrum noch gibt es eine verfallene Burg. Auch archäologische Ausgrabungen fehlen vollkommen.

Der Reiz der Stadt, in dessen Mitte eine alte Papierfabrik vor sich her qualmt, liegt in ihrer Unmittelbarkeit. Die Geschichte der Stadt lässt sich an jeder Ecke ergründen. Für mich als Historiker gehört das zum Spannendsten auf Reisen überhaupt.

Die architektonisch interessanten Backsteinbauten der Fabrik sind von alten Holzhäusern umgeben, in denen einst die Arbeiter lebten. Heute ist kaum vorstellbar, dass in den kleinen Einheiten einst drei Familien hausten.

Weiter entfernt findest du die etwas luxuriöseren Villen der Firmenchefs und gleich daneben gibt es eine Sauna für die ganze Belegschaft, die heute noch in Betrieb ist.

Leider sind die meisten dieser Sehenswürdigkeiten nicht zugänglich (die Fabrik öffnet einmal pro Jahr die Pforte für Besucher). Aber ein Spaziergang durch das Viertel ist trotzdem sehr spannend. Schliesse den Besuch am besten mit einem leckeren Mittagessen in der ehemaligen Fabrikkantine ab.

Varkaus verdankt seinen Aufstieg jedoch auch dem Bau des rund 500 Meter langen Taipale-Kanals, der 1840 eingeweiht wurde und für die Erschliessung dieses Teils der finnischen Wildnis eine wichtige Rolle spielte.

Da der Wasserweg mehrmals erweitert wurde, ist der ursprüngliche Kanal erhalten geblieben. Zusammen mit dem Kanalmuseum bildet er ebenfalls ein interessantes und ansehnliches Stück Stadtgeschichte.

Die beste Aussicht auf Varkaus hast du vom Wasserturm.
Der trockengelegte Taipale-Kanal.
Gerade ausserhalb der Stadt befindet sich die Naturkirche Harjuranta.

 

Tipp 2: Das Museum für mechanische Musik

Wenn du nur Zeit hast, einen einzigen Ort in und um Varkaus zu besuchen, dann solltest du dafür das Museum für Mechanische Musik wählen. Es gehört zu den besten seiner Art und ist weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt.

In sieben Sälen befinden sich rund 400 Instrumente, die selbstständig spielen. Die Sammlung besteht aus altbekannten Geräten wie etwa Drehorgeln, aber auch vollkommen überraschende Instrumente werden ausgestellt wie eine mechanische Geige, ein Aufsatz, der die Tasten eines Klaviers bedient, oder ein fünf Tonnen schwerer Schrank, in dem ein ganzes Orchester versteckt ist.

Das Museum erlaubt einen spannenden Einblick in die Art und Weise, welche ausgefeilten Methoden es bereits vor Schallplatten, CDs und Mp3-Spieler gab, um Musik zu konservieren.

Die aussergewöhnliche Sammlung befindet sich im Familienbesitz. In der Regel führt eines der Familienmitglieder durch die musikalische Schatztruhe und erzählt von den Hintergründen der oft bizarren Instrumente.

Tipp: Der Eintrittspreis beträgt 16 Euro. Die Öffnungszeiten variieren im Verlauf der Jahreszeit und sind am besten auf der Website des Museums ersichtlich.

Das Museum für Mechanische Musik ist nicht nur für Musikliebhaber eine Fundgrube.
Ein mechanisches Piano und eine Schallplatte mit dem berühmten Hund „Nipper“.
Einer der ersten Plattenspieler, der einen Stereo-Effekt erzeugen konnte.

Tipp 3: Ausflug zum Kolovesi Nationalpark

Der Saimaa-See ist für seine Ringelrobben bekannt. Mach dir keine zu grossen Hoffnungen, dass du tatsächlich eines der seltenen Wesen zu Gesicht bekommst. Die stark gefährdete Tierart wurde nämlich auf rund 300 Tiere dezimiert. Tendenz gkücklicherweise wieder leicht steigend.

Falls du es doch versuchen willst, hast du im Kolovesi Nationalpark, der etwa eine Autostunde von Varkaus entfernt liegt, die besten Chancen. Als ideale Jahreszeit für die Suche nach den Tieren gilt der Frühling, wenn sie sich in der Sonne auf den Steinen aufwärmen.

Zwar kannst du die wunderschöne Landschaft auch erwandern, aber das meiste siehst du in der inselreichen Gegend, wenn du dich aufs Wasser begibst. An mehreren Orten lassen sich Kajaks mieten. Wir waren in einem geräuschlosen Elektroboot unterwegs, was sich angesichts des kühlen Herbstwetters als gute Option herausstellte.

Es lohnt sich auch aus einem anderen Grund aufs Wasser zu gehen: Auf mehreren Inseln sind nämlich prähistorische Felsenzeichnungen entdeckt worden. Auf einer Steilwand, die wir besuchten, war ein roter Mensch zu sehen.

Falls du dich für die Jahrtausende alten Malereien interessierst, empfehle ich dir, einen Führer zu nehmen. Die Zeichnungen sind auch dann leicht zu übersehen, wenn du weisst, wo sie sich genau befinden.

Eine echte Saimaa-Ringelrobbe wirst du wohl nicht sehen. Aber vielleicht diese Plüsch-Robbe…
Altes Bootshaus im Kolovesi Nationalpark.
Das lautlose „Ecoboat“ darf dank des Elektromotors auch im Naturschutzgebiet fahren.

 

Tipp 4: Ausflug in die Orinoro-Schlucht

Mittelfinnland ist mehr oder weniger flach. Es gibt zwar überall kleine Hügel, aber richtige Berge und Felsen sind eher selten zu finden. Eine Ausnahme bildet die Orinoro-Schlucht mit ihren senkrechten Felsen, die etwa 45 Minuten von Varkaus entfernt liegt.

Um den Besuchern die rund 1.5 Stunden lange Rundwanderung so bequem wie möglich zu machen, wurde der Boden mit Holzplanken belegt und die Steigungen werden mit abenteuerlichen Treppen überwunden.

Bei meinem Besuch der Schlucht übermannte mich plötzlich das Gefühl, dass ich mich mitten im Set eines Fantasyfilms befinde und dass die efeuüberwachsenen Felsen und die knorrigen Bäume Teil eines verwunschenen Hexenwalds seien.

Weiter führt der Rundweg zu einem magischer See, an dem sich auch eine Feuerstelle befindet. Ein perfekter Ort, um ein paar heimische Würste zu braten und mit anderen Wanderern ins Gespräch zu kommen.

Tipp: Die Schlucht ist auf guten Karten eingezeichnet und mit einem Mietwagen auch auf eigene Faust relativ gut zu erreichen. Wenn du ohne eigenen Untersatz reist, empfehle ich die Tour von LakelandGTE.

Bereits die Anreise zur Schlucht ist atemberaubend schön.
Kleiner, idyllischer See am Eingang der Schlucht.
Auf diesen Brettern wanderst du durch die Schlucht.

Tipp 5: Erfreue dich am Jedermannsrecht

Eine Besonderheit von Finnland ist das Jedermannsrecht, das dir einerseits erlaubt, auf öffentlichen Grund Pilze und Beeren zu sammeln. Mit bestimmten Einschränkungen ist es auch erlaubt, zu jagen und zu fischen.

Bei meinem Besuch im Oktober schossen überall Pilze aus dem Boden. Gemeinsam mit einem Guide haben wir jeden Abend nach dem Sightseeing noch ein paar Pilze im Wald gesammelt. Wir fanden vor allem Pfifferlinge und Herbsttrompeten.

Ein besonderes Erlebnis war auch, mit dem Ruderboot auf die Seen rund um Varkaus zu fahren und dort zu fischen. Die Ruhe pur! Und die wunderschönen Landschaften haben mich vollkommen dafür entschädigt, dass kein einziger Fisch an meinem Haken knabberte.

Falls du Fischen willst, solltest du beachten, dass du dir für wenige Euro online ein Fischerpatent lösen musst, das eine ganze Saison gilt. Wenn du mit einer Route ohne Angelrolle unterwegs bist, brauchst du kein Patent.

Fischen vor den Toren der Stadt.
Pfifferlinge: Die Ausbeute von 15 Minuten Pilzsammeln im Wald.
Jeder darf im Wald solche Beeren pflücken – ein leckeres Vergnügen.

 

Praktische Tipps für Varkaus

Anreise: Pro Tag gibt es drei Umsteigeverbindungen von Helsinki nach Varkaus für die du etwa vier Stunden brauchst. Den Fahrplan für die finnische Eisenbahn findest du hier. Alternativ ist die Anreise auch per Fernbus möglich.

Unterkunft: Die Auswahl an Unterkünften in Varkaus ist beschränkt. Ich selber wohnte in den Warkhaus Appartments. Die Zweizimmer-Wohnung ist liebevoll eingerichtet und darüber hinaus vergleichsweise günstig. Den Nachteil, dass sie etwas ausserhalb des Zentrums liegt, macht sie durch die  Fahrräder wett, die Gäste kostenlos benutzen können. Als bestes Hotel der Stadt gilt das Hotel Oscar, das übrigens über eine hervorragende Küche verfügt.

Fortbewegung: Die Innenstadt von Varkaus kannst du problemlos zu Fuss oder mit dem Fahrrad erkunden. Wenn du in die Natur willst, bist mit einer Tour oder einem Mietwagen vermutlich besser bedient. Das lokale Busnetz ist für Touristen eher ungeeignet.

Tour: Derzeit gibt es in Varkaus nur einen einzigen Touroperator: Lakeland GTE. Der Besitzer Arto, ein leidenschaftlicher und kenntnisreicher Outdoor-Enthusiast, bietet zahlreiche Trips in die Natur an, zum Beispiel Kanu- und Kajakfahrten, Fisch- und Jagdtrips oder Wanderungen. Einzigartig sind seine Fahrten im „Ecoboot“, einem lautlosen Elektroschiff, das aufgrund seiner Emissionsfreiheit auch in Nationalparks fahren darf. Da seine Firma sehr klein ist, empfehle ich, ihn frühzeitig zu kontaktieren.

Besuchsdauer: Die ideale Aufenthaltsdauer hängt natürlich von deiner Reisegeschwindigkeit und deinen Interessen ab. Ich verbrachte vier ganze Tage in der Region und war damit sehr glücklich. Ich habe das Gefühl, das Wichtigste gesehen zu haben.

Weiterlesen: Wenn du dich für die Region interessierst, werden dich bestimmt auch meine Abenteuer am Saimaa-See von diesem Frühling interessieren. Eine weitere tolle Ecke in Finnland ist das Schärenmeer vor Turku, das ich im Rahmen der gleichen Reise besucht habe.

 

Warkaus Appartment: Meine Wohnung für vier Tage.
Finnische Leckereien
Private Einladung in der finnischen Kaviarhauptstadt.

Fazit

Für mich war Varkaus eine der positivsten Überraschungen in diesem Jahr und kann der Ort alle empfehlen, die sich für Finnlands jüngere Geschichte genauso interessieren wie für die grandiose Natur, aber eine Basis suchen, die touristisch kaum entwickelt ist.

Hinweis: Die Reise erfolgte auf Einladung von Visit Varkaus. Auf meine Begeisterung hat das keinen Einfluss. Schau auch einmal auf dem schönen Instagram-Account der Stadt vorbei. Der Artikel enthält vereinzelt Affiliate-Links.

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Über Oliver Zwahlen

Passionierter Blogger. Im Herzen freier Reisejournalist, aber derzeit Büroangstellter mit Wohnsitz im chinesischen Peking. Siehe auch: Google+

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