Freitag, 24. November 2017
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New York: Wieso der Verkehr die Stadt derart prägt

Die Brooklyn Bridge: New Yorker Ikone und Infrastrukturbauwerk. Fotos: OZ

Welchen Eindruck eine Stadt beim Besuch auf uns hinterlässt, bestimmen nicht nur die Sehenswürdigkeiten oder die Menschen, die wir treffen. Er wird auch massgeblich durch die Infrastruktur geprägt. Nirgendwo wird das so deutlich, wie in New York.

Hast du dich schon einmal gefragt, wovon die Leute nach ihrer Rückkehr aus dem Urlaub am häufigsten erzählen? Letztes Jahr habe ich mich in meinem Bekanntenkreis umgehört und mit einer Strichliste grob mitgezählt.

Die ersten drei Ränge fielen bei meiner nicht repräsentativen „Untersuchung“ wie erwartet aus: Am meisten wurde das Wetter erwähnt. Darauf folgten die Sehenswürdigkeiten und die Begegnungen mit anderen Menschen. Überrascht hat mich jedoch, dass der Verkehr den vierten Platz einnahm.

Mehr noch: Ich kenne Menschen, die eine Stunde erzählen können, wie dumm sich alle anderen im Strassenverkehr verhalten haben – die „anderen“ sind je nach Einstellung die geistig unterentwickelten Einheimischen oder die Landesgenossen, über die man sich fremdschämt.

 

Der erste Eindruck zählt

Während ich diese kleine statistische Erhebung laufen hatte, fragte ich mich immer wieder: Wieso ist der Verkehr für viele so wichtig. Schliesslich ist er – objektiv betrachtet – lediglich ein notweniges Übel, um von A nach B zu gelangen.

Auch als ich letzten Dezember im Flugzeug nach New York sass, wo ich zwei Wochen eine ESL-Sprachschule besuchte, spukte die Frage in meinem Kopf rum. Auf dem Weg nach Manhattan wurde mir die Antwort aber plötzlich ein Stückchen klarer.

Die Schule hatte einen Chauffeur geschickt, um mich vom Flughafen abzuholen. Während wir aus dem Flughafengelände fuhren, erkannte ich eines der Terminals, das ich häufig in Filmen und Serien gesehen hatte. Kurz darauf war ich von den typischen gelben Cabs umringt.

Nach einer halben Stunde hielt der Fahrer vor meinem Studentenwohnheim gegenüber dem Madison Square Garden. Obwohl ich nur gerade zehn Schritte zur Lobby gehen musste, stolperte ich an einer jener klaustrophobischen, grün bemalten Treppen vorbei, die in die New York Subway führen.

Noch bevor ich mein Zimmer bezogen hatte, noch bevor ich mit irgendeinem Menschen ein ausführliches Gespräch führen konnte und auch bevor ich eine einzige Sehenswürdigkeit gesehen hatte, war ich schon mehr oder weniger mit der Infrastruktur der Stadt vertraut. Es lässt sich kaum abstreiten: Wenig prägt den ersten Eindruck so stark, wie die Infrastruktur.

Sinnbild der Geschichte

Doch beim ersten Eindruck bleibt es nicht. Die Infrastruktur ist nämlich auch ein Sinnbild für die Geschichte einer Stadt. Am nächsten Morgen möchte ich eine alte Freundin treffen. Da wir vor einigen Jahren zusammen in Peking im Central Perk waren, entschieden wir uns, das Wohnhaus von Monica Geller und Rachel Green aus der Fernsehserie Friends anzuschauen.

In all den Jahren auf Reisen habe ich gelernt: Wenn du dich in einer Stadt nicht auskennst, machst du am besten am Ausgang einer U-Bahnstation ab. Den findet jeder. Doch in New York wollte uns einfach nicht gelingen, von unserem jeweiligen Startpunkt mit einigermassen vertretbarem Aufwand zur gleichen Station zu fahren.

Das war kein Zufall. Als die Untergrundbahn vor über hundert Jahren errichtet wurde, erhielten zwei konkurrierende Unternehmen eine Lizenz – und die beiden Kontrahenten hatten verständlicherweise wenig Interesse daran, die Linien zu verknüpfen und Passagiere zu verlieren. Auch wenn die beiden Unternehmen längst fusionierten: Die Linienführung blieb gleich.

Wieso das interessant ist? In Europa wurde der U-Bahnbau praktisch überall durch staatliche Organisationen mit einem Monopol vorangetrieben. Die unpraktische Linienführung ist also nicht einfach ein amerikanischer Sonderfall, sondern auch ein Sinnbild für den festen Glauben an die Kräfte des Kapitalismus und die Angst vor einem staatlichen Monopolismus.

Die Geschichte einer Stadt oder eines Landes lässt sich überall in den kleinen Details erkennen. Bei Infrastrukturbauten geht das aber besonders gut.

High line Park: Ein früheres Bahn-Trasse wurde in einen Park verwandelt.

Was die Bahn über die Gesellschaft verrät

Während ich also über die schmale Treppe in die Subway Station laufe, schockiert mich der Zustand des Verkehrsnetzwerks. Das beginnt damit, dass der Automat meine Kreditkarte nicht annehmen will und die Drehtür wiederum nicht mein Ticket. Offenbar fahre ich wahlweise zu schnell oder zu langsam über das Lesegerät.

Die Tunnels stammen  zum grossen Teil aus der Zwischenkriegszeit. Dunkle Stahlträger halten die Plattformen und die darüberlegenden Strassen. Wenn ein Zug vorbeifährt, knirscht und knattert es bedrohlich. Da hilft auch das rhythmische Klopfen eines breit lächelnden Schwarzen nicht, der auf dem Bahnsteig aus ein paar Schachteln ein Schlagzeug gebastelt hat.

Mich irritiert, was ich hier unten sehe, und dass es mich eher an Kalkutta einnert, als an die grösste Volkswirtschaft der Welt. Die USA hätten das Geld, um hervorragende U-Bahnen, Hochgeschwindigkeitszüge und Schnellstrassen zu bauen. Aber es fehlt offenbar die Solidarität, für etwas zu bezahlen, was andere nutzen könnten.

Der Zustand der Infrastruktur zeigt viel über die politischen Prioritäten und den Zustand der Gesellschaft.

Düsterer Bahnhof im Zentrum vom Manhattan.

Von Geschichte und Geschichten

Am kommenden Tag beginne ich mich stärker mit der New Yorker U-Bahn auseinanderzusetzen. Vor allem ihre Anfangszeit finde ich faszinierend. Ich lese zum Beispiel vom Beach Pneumatic Transit, dem ersten erfolglosen Versuch, in New York eine Untergrundbahn zu bauen.

Etwa ab 1868 begann der New Yorker Verleger Alfred Elly Beach heimlich eine 90 Meter lange Teststrecke unter dem Broadway auszugraben. Das Besondere an seiner Bahn: Sie war nicht etwa dampfbetrieben, wie zu jener frühen Zeit üblich, sondern wurde wie eine Rohrpost durch Druckluft angetrieben.

Obwohl die Technik gut funktionierte und für die damalige Zeit beispielslose Geschwindigkeiten erlaubte, wurde das Projekt nicht weiter verfolgt. Schuld waren Korruptionsfälle, eine stagnierende Wirtschaft und die anhaltende Opposition der Grundstückbesitzer am Broadway.

Der Zugang zur geheimen U-Bahn erfolgte ursprünglich durch den Keller eines Kleiderladens. Als Beach nach einigen Jahren einsah, dass er seinen Traum einer New Yorker U-Bahn nicht verwirklichen kann, gab er die angemieteten Kellerräumlichkeiten auf und der Zugang zum Bahnhof wurde zugemauert.

Der Tunnel geriet nach und nach in Vergessenheit, bis Bauarbeiter 30 Jahre später beim Bau einer neue Linie zufällig auf die alten Schienen stiessen und bis der Tunnel im Film „Ghost Busters“ erneut entdeckt wurde.

New York war einst das Zentrum der Welt. Die glitzernde Metropole war die modernste aller Städte. Aber heute ist sie vor allem ein Museum für die Zukunftsvisionen, die es vor hundert Jahren gab. Besonders deutlich wird das nach einem Besuch von Shanghai.

Die heutigen U-Bahn-Waggons stammen grösstenteils aus den 70er-Jahren.

Das Metro-Museum in Brooklyn

Einer der besten Orte, um mehr über die Geschichte der New Yorker Infrastruktur zu erfahren, ist das New York Transit Museum in Brooklyn. Es befindet sich in der stillgelegten U-Bahnstation Court Street.

Auf der Bahnsteigebene sind zahlreiche historische Wagons aufstellt, die vor allem eins zeigen: Seit den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts hat sich am Rollmaterial nur wenig verändert. Spannend – zumindest für Eisenbahn-Nerds – sind auch die fast hundertjährigen Waggons. Sie sind grösstenteils für die Besucher zugänglich.

Das Highlight des Museums befindet sich jedoch auf der darüber liegenden Verteilerebene, wo Wechselausstellungen mit unterschiedlichen Schwerpunkten stattfinden. Bei meinem Besuch waren beispielsweise historische Werbeplakate aufgehängt.

In einer anderen Ecke wird (mit einer für meinen Geschmack etwas zu starken Prise Heldenepos) beschrieben, wie die U-Bahn auf die Anschläge vom 11. September reagierte. Dies war vor allem  deswegen nötig, weil beim Angriff ein U-Bahntunnel in der Südspitze von Manhattan zerstört worden war.

Auch lesenswert: Wissenswertes, Tipps und Tricks rund um die New Yorker Subway bei Yummy Travel

Verkehrsmuseum in einer aufgegebenen U-Bahnstation.

Fazit: Was den Verkehr nun so interessant macht

Wieso erzählen nun so viele meiner Bekannten nach ihrer Rückkehr vom Verkehr? Das liegt wohl zum einen daran, dass wir als Reisende überdurchschnittlich stark auf die Infrastruktur angewiesen sind und uns deswegen Unterschiede zu unserem gewohnten Umfeld besonders stark auffallen.

Zum anderen aber ist die Infrastruktur eben auch ein Sinnbild, das nicht nur die Geschichte abbildet, sondern auch für die Werte einer Gesellschaft steht. Vor allem aber ist sie ein Sinnbild, das wir mit unserer Alltagserfahrung leicht interpretieren können und das sich deswegen als Gesprächsstoff anbietet.

Ich werde mir jedenfalls künftig mehr Gedanken zur Infrastruktur machen. Wie seht ihr das?

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Über Oliver Zwahlen

Passionierter Blogger. Im Herzen freier Reisejournalist, aber derzeit Büroangstellter mit Wohnsitz im chinesischen Peking. Siehe auch: Google+

2 Kommentare

  1. An das U-Bahnfahren in New York kann ich mich auch noch gut erinnern. Vor allem weil wir bis zu dreimal an bestimmten Stationen durchgefahren sind. Wir haben einfach nicht kapiert, dass es schnelle und langsame U-Bahnen gab 🙂

    • Oliver Zwahlen

      Ich habe mich in der U-Bahn auch dauernd verirrt. Sie ist wirklich nicht sehr nutzerfreundlich gemacht. Das mit den langsamen und schnellen U-Bahnen wäre ja an sich eine tolle Sache. Aber ab einer bestimmten Zeit fahren dann die langsamen Züge auf den Gleisen der schnellen. Oder Züge werde aus einem anderen Grund umgeleitet.

      Und was mir auch ein paar Mal passiert ist: Du gehst in die Metro rein und stellst fest, dass du nur in eine Richtung fahren kannst. Dann musst du wieder raus, über die Strasse laufen und auf der anderen Seite wieder runter. Oder halt in die falsche Richtung fahren und bei der nächsten Station umsteigen, wenn du ein Single Ride Ticket hast.

      Was mich auch immer wieder irritierte: Wenn ich auf der U-Bahn rauskam, wusste ich nie, wo Norden ist. Es wäre wirklich keine Zauberei, eine kleine Tafel anzubringen, wo die Himmelsrichtung draufsteht. New York hat ja genug Touristen, die sich dauernd verirren.

      Was ich aber uneingeschränkt super finde, ist dass die U-Bahn die ganze Nacht verkehrt.

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