Montag, 18. Dezember 2017
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Warum ich mehrere tausend Kilometer am Stück trampe

Sporttramper Stefan K. mit einem Freund unterwegs.
Sporttramper Stefan K. mit einem Freund unterwegs.

Der Deutsche Stefan Korn (30) ist ein passionierter Sporttramper. Möglichst lange Strecken in so wenig Zeit wie möglich zurückzulegen, das ist seine Leidenschaft. Heute verrät er uns, worin für ihn der Reiz an dieser Art des Reisens liegt und was er auf der Strasse schon alles erlebt hat.

Gastartikel von Stefan Korn von warmroads.de

„Ich bin jetzt seit neun Monaten unterwegs und habe es mir zum Ziel gesetzt, einmal um die Welt zu trampen. Ich bezahle nichts für meinen Transport. Das ist die einzige Regel meiner Reise. Gereist wird meist auf dem Land- und Seeweg und dabei trampe ich mit allem, was sich bewegt: Schiffe, Züge, Motorräder, Eselskarren, Krankenwagen, Polizei, Militär, Kleinflugzeuge und Segelboote.

Viele Menschen in meinem Umfeld verstehen meinen Reisestil nicht so richtig. Wieso ich denn Machu Picchu nicht angeschaut habe? Wieso ich kein Interesse an diesem wunderschönen Karibikstrand habe? Wieso mir eigentlich alles touristische so ziemlich egal ist, wenn es nicht auf meiner Reiseroute liegt?

Ich sehe mich selber auf einer Expedition. Auf einem langen Weg. Ich bin kein Backpacker, der mit seinem Rucksack durch die Welt zieht, um fremde Kulturen zu entdecken, Menschen zu treffen und die Freiheit zu geniessen. Ich bin auch kein Pauschalreisender, der in seinen wenigen Wochen Urlaub die maximale Erholung sucht. Und ich bin auch kein Nomade. Ich ziehe nicht heimatlos über unseren Planeten, arbeite und lebe, wo ich gerade bin.

Transamazonica
Staubige Pisten: Per Anhalter quer durch den Amazonas.

Nein, so bin ich nicht. Aber was dann? Vielleicht einfach nur ein Reisender, ein Vollblut-Tramper? Einer, der Bewegung als oberstes Prinzip lebt. Einer, der nach zwei Wochen an einem Ort unruhig wird und wieder auf die Strasse muss. Jemand, der Heimweh bekommt, wenn er an sein ehemaliges zu Hause denkt.

Ich trampe lange Distanzen (zwischen 2000 bis 8000 Kilometer) am Stück, Ruhe mich dann zwei Wochen aus und gehe auf die nächste Tour. Diese Ruhephasen nutze ich meist zum Bloggen, Feiern und Essen. „An einem Stück“ heisst: Ich bleibe unter allen Umständen auf der Strasse, mache keine nutzlosen Umwege, trampe Tag und Nacht und schlafe so wenig wie möglich.

Ich versuche, mich immer so schnell wie möglich zu bewegen, versuche mein Limit auszureizen und will es mir nicht erlauben, Verkehr zu verpassen, der mich eventuell mitnehmen könnte. Daher bewege ich mich auch nachts. Nachttrampen ist ein entscheidender Part beim Langstreckentrampen.

So bin ich dann auch 8000 Kilometer von Venezuela durch den Amazonas und ganz Brasilien nach Uruguay getrampt. So habe ich Argentinien in 9 Tagen zweimal auf der Vertikalen durchquert. Und so bin ich vier Tage ohne zu schlafen von Cusco nach Kolumbien gerollt, mit unglaublich unterhaltsamen Nachtfahrten und einer Menge schwieriger Strassen. Doch warum tue ich mir das überhaupt an?

Weil ich sehen will, was geht

Ich trampe seit mehr als acht Jahren und habe in Europa und rundherum so ziemlich alles abgefahren, was es gibt. Meistens war ich Menschen besuchen. Am Anfang waren es kleine Distanzen in die nächste Stadt. 100 bis 200 Kilometer lange Kurzstrecken. Irgendwann wurde es mehr und mehr. Dann bin ich mal eben für ein Wochenende nach Barcelona getrampt. Für einen Kneipenabend nach Prag. Und auch mal 3200 Kilometer, um eine Digitalkamera abzuholen.

Trampen in Argentinien
Zwischenstopp: Sporttramper Stefan Korn im argentischen Ödland nach einem 500-Kilometer-Ride.

Ich weiss, dass ich die meisten Orte auf dieser Welt ohne grosse Schwierigkeiten erreichen kann. Ich kann mir aussuchen, wann ich losfahre. Da ich auch nachts trampe, starte ich manchmal einfach in der Abenddämmerung. Je nachdem, wie es passt. Es ist die absolute Flexibilität und Bewegungsfreiheit.

Für mich geht es nicht mehr darum, ob ich ankomme, sondern nur noch darum, wie schnell ich diese Distanz überwinden kann. Mein Langstreckenrekord liegt bei 2532 Kilometer in 38 Stunden und 49 Minuten.

Weil mich die Bewegung berauscht

Vielleicht kennt noch jemand von euch das Lied Children von Robert Miles. Ansonsten findet ihr es hier auf Youtube. Es war ziemlich populär, als ich noch jünger war. Es ist ein schönes, treibendes Lied mit zugehörigen Video, welches das Innere eines fahrenden Autos zeigt. Lass dich von der Welle treiben.

So ungefähr fühle ich mich auf der Strasse. An mir zieht alles vorbei, ich drücke meine Nase ans Fenster und schaue mir die Welt an. Bewegung ist eine Droge. Und die kickt mich, wenn ich grosse Strecken durchknalle. Das Gefühl nachts einen Lift zu finden, der dich nochmal 500 Kilometer mitnimmt, einen Lift, mit dem du die nächsten zwei Tage deinem Ziel entgegenfährst oder einfach nur nach zwei Stunden Warten aus irgendeiner schlechten Position gerettet wirst. Das ist so erlösend, so berauschend, es macht so glücklich.

Ich weiss nicht, ob jemand das nachvollziehen kann, der nicht selber schon getrampt ist. Aber glaubt mir, manchmal nach dem Einsteigen sitze ich im Auto und es ist einfach nur: Yeah! Serotoninausstoss!

Weil ich gerne Freaks treffe

Ich kann nicht sagen, dass ich wegen den Bekanntschaften trampe oder reise. Das hat keine Priorität mehr. Nicht, weil mich Menschen nicht interessieren würden, sondern weil ich der Meinung bin, dass man überall faszinierende Menschen trifft und eine Person am anderen Ende der Welt nicht mehr und nicht weniger interessant ist, als mein Nachbar. Alles eine Frage der Aufrechterhaltung der eigenen Neugier. Ich kann mich für die Ameisenstrasse vor meinem Haus genauso begeistern, wie für Elefanten in der afrikanischen Wildnis. Der Opa, der in meinem kleinen Dorf immer auf der Bank sitzt, ist genauso spannend, wie die peruanische Bauersfrau, mit ihrer traditionellen Tracht.

Nachttrampen Brasilien
Langes Warten: Vor seiner Nachtfahrt musste Sporttramper Stefan Korn vier Stunden auf den nächsten Lift warten.

Was ich bei grösseren Distanzen sehr schätze: Ich lebe eine Zeit lang mit den anderen Reisenden. Insbesondere nachts habe ich fast immer Glück und treffe irgendwelche Menschen, wo ich mir nur denke: Wat ne geile Type. Da sind die „speziellen Kollegen“ unterwegs: Irgendwelche Ukrainer, die schon seit drei Tagen wach sind und von zu Hause kommen. Menschen die nur 500 Euroscheine einstecken haben, weil sie am Tag zuvor irgendein ominöses Business getrieben haben. Marokkanische Dönerbudenbesitzer, die eine unglaubliche Geschichte nach der Anderen zum Besten geben. Ausgebeutete polnische Kurierfahrer. Drogenschmuggler. Schnellfahrer. Party Animals. Es ist nicht so, dass man am Tag keine solchen Typen treffen würde. Aber in der Nacht ist die Chance höher und die Lifts sind meist länger.

Weil wir für eine andere Trampkultur stehen

Wenn über Trampen gesprochen wird, dann denken viele Menschen, dass dies so gemütlich sein müsste. Locker bleiben. Anhalten. Man muss sich doch auch mal was anschauen. Es ist sowieso nicht planbar, wann du ankommen wirst. Das ist für mich verklärte Hippieromantik und hat mit der Art wie meine Freunde und ich trampen nicht viel zu tun.

Für mich ist Trampen eine planbare Art der Fortbewegung. Der Erfolg ist dabei vor allem eine Frage der Technik. Wir deutsche Sporttramper haben vor einigen Jahren die russische Kultur des Sporttrampens übernommen und veranstalten seit jeher Wettkämpfe in Deutschland, wo wir uns auf anspruchsvollen Routen in der Kunst des Trampens messen. Dementsprechend sind Langstrecken (alles ab 5000 Kilometer) für mich eine gute Gelegenheit, meine Fähigkeiten auszutesten und zu versuchen eine möglichst fehlerfreie Tramptour hinzukriegen.

Leben für die Strasse
Leben für die Strasse: Für Sporttrampen gibt es viele Gründe.

Unser Mentor zeigt was möglich ist. Die russische Sporttramper-Legende Alexej Vorov hat jüngst seine „A very small planet“-Tour beendet, in welcher er 18.900 Kilometer auf der Nordhalbkugel in weniger als 500 Stunden getrampt ist. Einmal um den Globus. Seine schnellste Passage waren 9900 Kilometer von St. Petersburg nach Vladivostok in fast genau sieben Tagen. Abartig schnell. Und auch viel schneller, als wenn man selber gefahren wäre.

Meine Faszination unterliegt vollständig dem Bewegungsprinzip Trampen und ich habe höchsten Respekt vor Alexejs Leistung. Auch weil ich weiss, wie viel Arbeit es ist, mehrere Tage ohne Schlaf auf der Strasse zu sein und grosse Strecken zu bewältigen. Speziell, wenn man dann noch eine so gute Zeit erreicht. Es kickt einfach. Es berauscht. Es macht süchtig.

Man erlebt die abgefahrensten Sachen auf der Strasse. Und irgendwann lebst du für die Strasse. Für die Bewegung. Strebst nach deinem Ziel und findest so deine absolute Erfüllung. Wir sind Freaks. Wissen wir. Aber wie schon die Pflegerin einer Irrenanstalt meinte, welche eines unserer Teams mal bei einem Sporttramper-Rennen mitgenommen hat: „Jeder dreht anders durch.“

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Über Oliver Zwahlen

Passionierter Blogger. Im Herzen freier Reisejournalist, aber derzeit Büroangstellter mit Wohnsitz im chinesischen Peking. Siehe auch: Google+

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