Montag, 18. Dezember 2017
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Liebeserklärung an das Abenteuer Fahrradreise

Australien 2011 1392
Mit dem Fahrrad durch die Welt: Eine besonders erlebnisintensive Art des Reisens. Fotos: Heike Pirngruber

Langzeitreisen auf dem Fahrrad erlauben eine andere Sicht auf die Welt: Es geht nicht mehr bloss um die Sehenswürdigkeiten, sondern um den Zwischenraum und um das Erleben des Wegs. Eine Liebeserklärung ans Reisen auf zwei Rädern.

Dies ist ein Gastbeitrag von Heike Pirngruber von Pushbikegirl

Du kennst das sicherlich: Du sitzt im Bus, eingequätscht zwischen Reissäcken, Hühnern und jede Menge Leuten. Die Fahrt nimmt kein Ende. Am Fenster – sofern Du überhaupt den Blick nach draussen werfen kannst – rauschen die schönsten Landschaften an Dir vorbei: Kleine Dörfer, einsame Meeresbuchten, stille Wüsten, tolle Berge.

Du denkst Dir: Ach schade, ich würde jetzt so gerne mal mit den Leuten dort draussen auf den Feldern reden, mir was zu Essen kaufen, die Sonne geniessen und einfach die Welt erleben. Stattdessen kreischt dir eines der Kinder im Bus ständig die Ohren voll oder Dein Sitznachbar nickt dauernd ein und sein Kopf fällt immer wieder zu Dir auf die Schulter. Es ist heiss und Du willst eigentlich nur noch ankommen. Hast Du es endlich geschafft, rennen zahlreiche Schlepper auf Dich zu und schreien Hotel, Taxi, Rikscha….es nervt von Tag zu Tag mehr.

Genau so erging es mir auch viele Jahre als Backpackerin, bis ich mir dachte, da muss es noch eine bessere, attraktivere Art des Reisens geben. Und ja, die gibt es. Fahr mit dem Rad und Du wirst die Welt ganz anders und vorallem viel intensiver erleben. Willst Du Party machen auf Koh Samui, dann brauchst Du hier nicht mehr weiter lesen. Willst Du aber die Welt wirklich erleben, dann gibt es wohl kaum eine bessere Reiseform als die Radreise.

Garantie für Abenteuer

Liebst Du Abenteuer, Grenzerfahrungen und das Aussergewöhnliche? Kannst Du Dir vorstellen, bei armen Leuten im Haus auf dem Boden zu schlafen? Morgens im Zelt bei Temperaturen unter dem Gefrierpunkt aufzuwachen? In einer Jurte zum Essen eingeladen zu werden? In der Wüste mit Nomaden am Lagerfeuer zu sitzen und Tee zu trinken? Oder reizt es Dich, ganz alleine hunderte von Kilometern  in einer wunderschönen, einsamen Landschaft abseits jeglicher Zivilisation unterwegs zu sein?

Armenien 2013: Stolz am Gipfel trotz eisiger Temperaturen
Armenien 2013: Stolz am Gipfel trotz eisiger Temperaturen

Klingt das verlockend? Dann bist Du genau auf dem richtigen Weg, denn das kannst Du mit dem Rad alles erleben und noch vieles mehr. Kein Tag gleicht dem anderen. Du weisst nicht, wo Du abends schlafen wirst, Du weiβt nicht, wie weit Du an dem Tag noch kommen wirst. Du weisst nicht, wer Dich unterwegs einlädt und was Du zu sehen bekommen wirst. Du weiβt eigentlich nicht viel über die Strecke, ausser den wenigen Linien, die auf Deiner Karte zu sehen sind.

Du hast jeden Tag von Neuem damit zu tun, Dich durchzuschlagen und die Welt dort draussen zu erleben. Alles ist Neuland und selbst Dein Lonely Planet weiss über diese Strecken nichts zu erzählen. Berge, Wüsten oder Regenwald und Du bist mittendrin. Kein Weg zu weit und kein Hindernis zu gross. Und genau das ist Abenteuer. Schnapp Dein Rad, fahr los und Du wirst all dies erleben können.

Du bestimmt das Tempo

Mit dem Rad hast Du die Möglichkeit, Dein Tempo selber zu wählen. Du bist langsam genug, um die Blumen am Wegesrand blühen zu sehen oder Dir von neugierigen Kindern helfen zu lassen, das Rad den Berg hochzuschieben. Du bist greifbar und somit viel näher dran an allem und jedem.

Menschenleer: Einsame Strecke in Ostanatolien.
Menschenleer: Einsame Strecke in Ostanatolien.

Beim Radfahren bist du schnell genug, um eine gewisse Distanz zu überbrücken, aber auch langsam genug, um den Weg auch als Ziel zu sehen. Busfahrpläne kannst Du in Zukunft ignorieren, Du bestimmst, wann Du los fährst, wie weit Du fährst, wohin Du fährst und wann Du Dein Zelt aufstellst. Oder heute doch lieber im Hotel übernachten? Klar, auch das ist möglich.

Du kannst Dir nicht vorstellen, wie sehr das Tempo beeinflusst, was du erlebst. In der Ruhe liegt die Faszination, die Zeit lässt Dich viel mehr wahrnehmen und auch die Menschen vor Ort haben die Möglichkeit, Dich zu betrachten.

Billiger kann man kaum verreisen

Hast Du ein kleines Budget, wie die meisten von uns, dann gibt es kaum ein billigeres Reisemittel als das Rad. Nur wenn Du läufst oder trampst, wird es Dich weniger kosten. Das Rad schluckt kaum etwas von Deinem Geld, denn mit einer gut gewählten Ausrüstung, kommst Du sehr, sehr weit. Das, was Du sonst für einen Flug nach Australien investierst, steckst Du lieber in Dein Rad und hast von da an nur noch wenige Ausgaben.

Grandiose Aussicht: Wildes Zelten im Wadi Al Nakhur im Oman.
Grandiose Aussicht: Wildes Zelten im Wadi Al Nakhur im Oman.

Du wirst sehen, Leute laden Dich gerne ein, zur Übernachtung, zum Essen oder auf einen Tee. Hotelkosten hast Du mit dem Rad deutlich weniger. Hast Du keine Lust bei Leuten auf dem Boden zu schlafen? Auch kein Problem, Du hast ja Dein Zelt dabei und kannst somit überall Dein kleines Eigenheim aufstellen und es Dir abends gemütlich machen und Dir zudem selber etwas kochen, um damit weiteres Geld zu sparen.

Die meisten Leute werden Dich ab sofort nicht mehr ausnehmen wollen, weil sie glauben, dass Du eben nicht ein reicher Westler bist. Wärst Du reich, würdest Du nicht mit dem Rad fahren. Zudem bist Du nun nicht mehr auf den ausgetretenen Pfaden unterwegs, wo man versucht, die Touristen übers Ohr zu hauen. Mit dem Rad kommst Du in Gegenden, in denen die Leute oftmals noch nie oder sehr selten mit Touristen in Kontakt kamen. Die Leute kommen gar nicht auf die Idee, dass Du mehr bezahlen musst.

Abseits der Trampelpfade

Du wirst in eine Welt vordringen, die total abseits jeglicher Standardroute liegt und Du hast die Chance, die Menschen in ihrer normalen Umgebung kennen zu lernen. Sie werden Dich herzlich in Empfang nehmen und sie sind ganz sicher erstaunt über Deine Leistung und Deine Art des Reisens.

Abseits: Auf einer einsamen Strasse durch die Wüste Gobi in China.
Abseits: Auf einer einsamen Strasse durch die Wüste Gobi in China.

Radreisen bedeutet hinter die Kulissen zu schauen, näher dran zu sein. Dinge zu sehen und erklärt zu bekommen, die ein Backpacker auf seiner Busroute wohl eher nicht zu sehen bekommen wird. Radreisen fängt da an spannend zu werden, wo andere Reisende zu schnell vorbeirauschen.

Erlebnisse bis zur Reizüberflutung

Du wirst Erlebnisse haben, von denen andere Menschen ihr Leben lang nur träumen können. Du erlebst so viel in kurzer Zeit, dass Du manchmal Schwierigkeiten haben wirst, Dich zu erinnern, wo Du am Vortag geschlafen hast.

Sehenswürdigkeiten verlieren an Bedeutung: Brücke im iranischen Esfahan.
Sehenswürdigkeiten verlieren an Bedeutung: Brücke im iranischen Esfahan.

Die Erlebnisse werden intensiver sein, denn Du hast es selber geschafft dorthin zu kommen, aus eigener Kraft. Etwas, wofür man gekämpft hat, erlebt man ganz anders. Es ist ein Wahnsinnsgefühl, wenn man am Ende eines harten Tages am Feuer sitzt und den Tag Revue passieren lässt.

Radfahren ist gut für die Gesundheit

Bist Du ewig lange unterwegs, kommt vielleicht auch dieser Aspekt für Dich zum Tragen. Es ist auf Dauer ziemlich unbefriedigend, immer nur von Hostel zu Hostel und Busbahnhof zu Busbahnhof zu laufen, denn mehr Bewegung hat man kaum, wenn man mit dem Rucksack, dem Auto oder Motorrad unterwegs ist, vorallem dann, wenn man keine Wanderungen mit eingeplant hat.

Beschwerlicher Weg: Auf Schotterstrassen zum Song Kul-See auf 4000 Metern in Kirgistan.
Beschwerlicher Weg: Auf Schotterstrassen zum Song Kul-See auf 4000 Metern in Kirgistan.

Mit dem Rad hast Du genügend Bewegung während der gesamten Reise. Manchmal zugegebenerweise auch zu viel. Auch wirst Du als Backpacker kaum einen Kocher dabei haben um Dir selber ab und an etwas Gesundes zu kochen, auch da hat man als Radler genügend Möglichkeiten, sich selbst zu verköstigen

Der Weg ist das Ziel

Und genau dieser Weg, nämlich die Welt zwischen den vermeintlichen Sehenswürdigkeiten, ist das eigentliche Ziel einer Radreise. Hast Du einmal die Welt mit dem Rad erfahren, wird Dich eine Sehenswürdigkeit kaum noch wirklich begeistern, denn Du wirst den Weg dorthin viel mehr in Erinnerung haben, weil er viel spannender war, als ein paar alte Steine oder ein toller Tempel. Dabei kann das Tempo gar nicht langsam genug sein, denn Du wirst so viel erleben, dass Du die Zeit brauchst, um es zu verarbeiten.

Egal, wohin die Reise führt:: Der Weg ist das Ziel.
Egal, wohin die Reise führt:: Der Weg ist das Ziel.

Eine Fahrradreise bedeutet Freiheit

Radreisen bedeutet Freiheit zu erleben. Bist Du einmal hunderte von Kilometern in einer einsamen Gegenden auf einer Schotterpiste geradelt, hast dabei vielleicht sogar das Glück gehabt, Wildtiere zu beobachten, oder nette Begegnungen mit Menschen zu haben, dann wirst Du verstehen, was ich meine.

Du hast ein Wahnsinnsfreiheitsgefühl, wenn Du dort draussen irgendwo im Busch unterwegs bist und Dich keiner stört, die Welt Dir und Deinem Rad gehört. Die Piste vor Dir schlängelt sich wunderschön durch einsame Gegenden und das Landschaftserlebnis begeistert Dich. Spätestens dann erlebst Du das Gefühl der Freiheit, des Ungebundenseins, des endlosen Horizonts. Zeit spielt keine Rolle mehr, nur Sonnenauf- und -untergang schreiben Dir den Lebensrhythmus vor. Ein Gefühl, das unbeschreiblich ist und unvergessen bleibt.

Lerne die Grenzen kennen

Du wirst des öfteren an Deine Grenzen kommen, nicht nur mental, sondern auch körperlich. Wenn Du bei heissen Temperaturen den Berg hochschnaufst oder die Wellblechpiste Dich durchschüttelt. Die Wasservorräte zur Neige gehen oder die Leute Dir immer wieder die gleichen Fragen stellen.

Wenn Du es aber am Ende des Tages trotzdem geschafft hast den Gipfel zu erreichen, Du dann hoch oben auf dem Pass Dein Zelt aufstellst und das Panorama und den Sonnenuntergang geniesst, dann kannst Du zurecht stolz auf Deine Leistung sein und wirst erschöpft, aber zufrieden einschlafen und Dich bereits auf Morgen freuen, wenn Du wieder in die Pedale treten darfst. Radreisen gibt Dir enorm viel Selbvertrauen.

Stolz am Ziel; Übernachtungsplatz in Turkmenistan.
Stolz am Ziel; Übernachtungsplatz in Turkmenistan.

Die häufigsten Unsicherheiten

Immer wieder stelle ich Missverständnisse über das Reisen mit dem Fahrrad fest. Immer wieder stellen mir Leute die gleichen Fragen. Die möchte ich zum Schluss auch noch beantworten:

  • Muss ich irre viel trainieren, bevor ich los fahre? Nein, Dein Trainingszustand wird von selbst besser, je länger Du unterwegs bist. Wenn Du unfit bist, dann fährst Du eben am Anfang kürzere Etappen, sie werden automatisch länger werden.
  • Muss ich im Stande sein, das Rad auseinanderzunehmen, um es im Notfall reparieren zu können? Nein, so lange Du das Wichtigste am Rad reparieren kannst, also einen Platten flicken, Kette wechseln, Gangschaltung einstellen, Speichen wechseln und gerissene Züge austauschen, bist Du gerüstet. Zur Not kaufst Du Dir ein kleines Buch mit Anleitung und hast die paar Gramm mehr im Gepäck.
  • Muss ich eine gute Orientierung haben? Nein, selbst wenn Du Dich verfahren haben solltest, gibt es dort eigentlich immer jemanden, den man nach dem Weg fragen kann, alles kein Beinbruch.
  • Muss ich die jeweiligen Landessprachen beherrschen? Nein, es ist unmöglich alle Sprachen dieser Welt zu können. Aber man kann sich überall mit Händen und Füβen verständigen. Auch gibt es zum Beispiel das ohne Wörterbuch, ein Heft mit lauter Bildern, eine Sprache die jeder versteht. Weitere Tipps dazu findest du hier.
  • Muss ich in allem perfekt sein? Nein, niemand ist perfekt. Du hast ein paar mehr Dinge zu bewältigen als ein Backpacker, aber alle Aufgaben sind lösbar, Du musst ja nicht gleich mit den schwierigsten Ländern anfangen. Man wächst an seinen Aufgaben. Hier ein paar Tipps zur Länderwahl.

Aber das Wichtigste ist: Fahr los und Du wirst es selber erleben. Am Ende zahlt sich der Mut aus. Radreisen erlauben dir eine ganz andere Wahrnehmung dieser Welt und sind eine superspannende Sache. Viel Spaβ !!!

Die Gastautorin
Heike Pirngruber (42), Fotografin&Kamerafrau, ist derzeit von Deutschland nach Australien mit dem Rad unterwegs, geniesst das Leben und die Freiheit in vollen Zügen.
Wenn Ihr Lust habt, könnt Ihr auf www.pushbikegirl.com ihre Radreise verfolgen. Oder besucht sie auf www.facebook.com/pushbikegirl .

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Über Oliver Zwahlen

Passionierter Blogger. Im Herzen freier Reisejournalist, aber derzeit Büroangstellter mit Wohnsitz im chinesischen Peking. Siehe auch: Google+

5 Kommentare

  1. Ach herrjeh! Ich glaub ich bin ein neuer Fan!
    Fahrrad fahren ist also eine echt coole Form von „slow travelling“.
    Alle Bilder sahen so aus als ob da noch Platz auf dem Gepäckträger ist. Kann ich da mal eine Runde mitfahren?
    Kilian;)

  2. Das wird aber keine gemütliche Fahrt – so auf dem Gepäckträger.
    Ich bewundere Menschen sehr, die solche „Radtouren“ machen. Ganz ehrlich? Wär nix für mich. Ein Wochenende vielleicht mal. Aber länger? Ach nö… 😉

  3. Ich fahre auch ganz gerne maaaal Fahrrad, aber gleich so eine große Tour? Ich denke nicht, dass das dauerhaft meine Art zu reisen werden könnte.
    Vorteile sehe ich aber in der Flexibilität. Man muss sich keine Stellplätze suchen, keine Extrakosten für das Auto zahlen usw.
    Aber das wechselhafte Wetter… Und immer im Zelt schlafen mag ich auch nicht.

  4. Ich finde das auch bewunderswert, wenn man soviel Selbstdisziplin aufbringt, so eine riesige Radtour zu machen. Alle Achtung und viel Respekt vor sowas.

  5. Der Beitrag macht Mut und motiviert endlich loszulegen

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