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Turin: Stippvisite in der oft unterschätzten Autostadt

Alte Rennwagen der Formel 1 im Automobilmuseum von Turin. Fotos: O. Zwahlen
Alte Rennwagen der Formel 1 im Automobilmuseum von Turin. Fotos: O. Zwahlen

Bringst du Turin in erster Linie mit Autos und Fabriken in Verbindung? Das ist nicht falsch. Tatsächlich ist die Stadt ein wichtiger Industriestandort und die Geburtstätte der italienischen Autoindustrie. Doch hat die norditalienische Grossstadt überraschend viel mehr zu bieten. Hier erfährst du, was das ist.

Turin war nicht vorgesehen. Den Namen der viertgrössten Stadt Italiens kannte ich natürlich. Ich wusste auch, wo ich sie auf der Landkarte suchen musste. Aber eine echte Vorstellung hatte ich nicht. Als ich nachdachte fiel mir nur ein, dass die Automarke Fiat von dort stammt (übrigens auch Lancia, wie ich vor Ort erfuhr). Erst später erinnerte ich mich wage daran, dass die Stadt irgendwann einmal die Olympischen Winterspiele beherbergte – manchmal rächt sich, dass ich mich nicht für Sport interessiere.

Dass ich Turin trotzdem besuchte, verdankt es seiner Lage. Es stand fest, dass ich die französischen Alpen besuchen werde. Ebenso war klar, dass ich einer Einladung nach Genua und der ligurischen Küste mit den fünf wundervollen Dörfern der Cinque Terre folge leisten würde. Und Turin, die mir weitgehend unbekannte Stadt, schrie mich auf der Karte an: Ich bin genau auf dem Weg! Nimm mich mit!

Ich habe es nicht bereut, dass ich einen Tag und eine Nacht in Turin blieb. Im Gegenteil: Das war letztlich viel zu kurz. Für die eindrückliche Altstadt hatte ich fast keine Zeit. Dafür verbrachte ich den grossen Teil des Tages in den zahlreichen grandiosen Museen, welche die Stadt zu bieten hat.

Da du vermutlich genauso wie ich nur eine diffuse Vorstellung von Turin hast, möchte ich dir ein paar Bilder zeigen und dir erzählen, was ich mir hier angesehen habe. Da ich leider nur sehr kurz bleiben konnte, fehlt natürlich vieles, was ich mir für eine nächste Reise aufsparen musste. Insbesondere hätte ich gerne das Lingotto besucht. Dieses 1928 erbaute Gebäude war die Produktionsstätte von Fiat. Seine Besonderheit ist eine Rennstrecke auf dem Dach, wo einst neue Modelle getestet werden konnte. Heute ist das Gebäude ein Einkaufszentrum.

Das verrückte Kinomuseum im noch verrückteren Turm

Das Wahrzeichen von Turin ist der Mole Antonelliana. Der etwas seltsam geformte Turm ragt mit seinen 167 Metern Höhe weit über die anderen Dächer der Stadt hinaus. Bizarr ist auch seine Baugeschichte: Ursprünglich hatte der Turm eine Synagoge werden sollen, doch der Prunkbau konnte das Budget nicht einmal ansatzweise einhalten. Als die jüdische Gemeinde kein Geld mehr aufbringen konnte, ging das Gebäude an die Stadt über und wurde ich ein Museum verwandelt.

Auf dem Klo sitzend kann man die bekannte Szene aus Bunuels "Das Gespenst der Freiheit" ansehen.
Auf dem Klo sitzend kann man die bekannte Szene aus Bunuels „Das Gespenst der Freiheit“ ansehen.

Heute beherbergt der Mole Antonelliana das Filmmuseum der Stadt. Ich habe eine etwas zwiespältige Haltung zur Ausstellung. Lehrreich war das Museum nicht: auch nach über einer Stunde hatte ich keine neue Erkenntnis über die Cinematographie gewonnen. Doch irgendwie waren die Exponate anregend bizarr. Zunächst zum Normalen: Unter der weit über hundert Meter hohen Kuppel sind Kinostühle angebracht, die auf Leinwände an allen vier Wänden laufen. Dort kannst du alte Stummfilme schauen.

Rund um dieses Kino gibt es eine Kette von kleinen Räumen, die mehr oder weniger bekannten Filmen nachempfunden sind. Der Comic-Raum erinnerte beispielsweise an Road Runner und Wile E. Coyote, dessen Konturen sich in der Tür abzeichnen. Ein weiterer Raum erinnert mit den dem ausserirdischen Piloten an einen Scifi-Streifen. Fans des Regisseurs Luis Buñuels werden sich über einen Raum freuen, wo man auf Toiletten sitzend die bekannteste Szene aus seinem zweitletzten Film „Das Gespengst der Freiheit“ sehen kann.

Der Glasaufzug bringt Besucher in weniger als einer Minute auf das Dach des Mole Antonelliana.
Der Glasaufzug bringt Besucher in weniger als einer Minute auf das Dach des Mole Antonelliana.

Die meisten Besucher kommen jedoch ohnehin nicht wegen der Ausstellung, sondern wegen des freischwebenden Glasfahrstuhl, der in der Mitte der Kuppel auf eine grandiose Aussichtsplattform hochfährt. Wäre nicht schon der Aufzug atemberaubend hoch, so verschlägt dir spätestens die Aussicht auf dem Dach die Sprache. An einem klaren Tag siehst du die nahen Alpen. Doch auch sonst kannst du dir einen Überblick über die Stadt verschaffen.

Statuen und Mumien im Museo Egizio

Etwa zehn Fussminuten vom Mole entfernt befindet sich das Ägyptenmuseum der Stadt. Die Sammlung ist grandios. Etwa 6500 Ausstellungstücke werden gezeigt – bei meinem Besuch war ein Teil der Sammlung allerdings wegen Rennovationsarbeiten nicht zugänglich. Zu sehen gab es dennoch mehr als genug. Bedeutend sind die Papyrus-Sammlungen und die komplette Grabausstattung eines altägyptischen Architekten. Das Turiner Museo Egizio gehört offenbar zu den zehn wichtigsten ägyptologischen Museen der Welt.

In einer Ausstellungshalle mit zahlreichen Sphynxen.
In einer Ausstellungshalle mit zahlreichen Sphynxen.

Ich konnte mit dem Museum Allerdings nicht so viel anfangen, weil ich zu wenig über die Kultur der alten Ägypter weiss, um das Gesehene einordnen zu können. Und so genoss ich es einfach, durch die abgedunkelten Hallen zu wandern und die Mumien, Sphynxen und üppigen Grabbeigaben auf mich wirken zu lassen. Trotzdem blieb ich am Ende weniger als eine Stunde.

Spaziergang durch die Altstadt

Das Museo Egizio befindet sich mitten im historischen Stadtkern von Turin – und der ist ziemlich schön. Es lohnt sich also, etwas länger zu bleiben und an den wunderbar verzierten Fassaden entlang zu wandern. Einen Rundgang beginnst du am besten auf der Piazza Castello, wo du dem Königspalast einen Besuch abstatten kannst. Hier herrschte einst das Haus von Savoyen – ein weiterer Grund, um Turin mit den französischen Alpen zu verbinden. Den Palazzo Reale kannst du nur in einer geführten Gruppe besuchen, weswegen ich mich schlussendlich gegen einen Besuch entschlossen habe.

Blick vom Mole Antonelliana auf das Stadtzentrum von Turin. An klaren Tagen zeichnen sich in der Ferne die Alpen ab.
Blick vom Mole Antonelliana auf das Stadtzentrum von Turin. An klaren Tagen zeichnen sich in der Ferne die Alpen ab.

Gerade neben dem Palast findest du den Dom. Dieser fällt vor allem auf, weil dessen Glockenturm markant anders aussieht als die Kirche selber. Tatsächlich ist dieser auch schon einige Jahre vor dem Dom entstanden. Für alle, die sich für Reliquien interessieren: Hier wird angeblich das Grabtuch Christi aufbewahrt. Und bevor du nun Fälschung schreist: Das Tuch, das du siehst, ist ganz offiziell eine Nachbildung. Das Original sieht die Öffentlichkeit nur alle 30 Jahre.

Von hier kannst du nach Westen gehen, dann kommst du in die Fussgängerzone der Stadt, deren Zentrum die Via Garibaldi bildet. Irre einfach durch die teilweise engen Gassen und entdecke die Läden und kleinen Cafés, die es hier gibt. Alternativ kannst du auch über die via Roma nach Süden spazieren und weitere schöne Plätze besuchen wie etwa die Piazza San Catlo. Da mir die Zeit ausging, konnte ich leider weniger von der Altstadt sehen, als ich eigentlich wollte.

Das Automobilmuseum von Turin

Für mich war das Automobil Museum das Highlight der Stadt. Und nicht nur, weil mich Transportmittel und Technik ganz allgemein interessieren. Alleine das von Amedeo Albertini entworfene Gebäude zog mich mit seinem Minimalismus gleich in den Bann. Auch die metallische Verkleidung der Architektur passt bestens zum Thema Auto.

Fiat Uno
Der Fiat 500: Das vermutlich bekannteste „Kind“ der Autostadt Turin.

Ausgestellt sind nicht einfach bloss bekannte Fahrzeuge wie etwa der BMW Isetta – das vermutlich erste 3-Liter-Fahrzeug der Automobilgeschichte – oder klassische Modelle von Ferrari, Rolls Royce und was man sonst noch so gerne sieht. Sondern auch interessante Entwicklungen wie beispielsweise die „La Jamais Contente“. Dabei handelt es sich um ein extrem windschnittiges und mit einem Elektromotor angetriebenes Auto, das bereits 1899 eine Geschwindigkeit von über 100 Stundenkilometern erreichen konnte.

Niemals zufrieden: Die Jamais Contente fuhr bereits 1899 sagenhafte 100 Stundenkilometer.
Niemals zufrieden: Die Jamais Contente fuhr bereits 1899 sagenhafte 100 Stundenkilometer.

In einem weiteren Ausstellungsbereich geht es darum, wie Autos unsere Alltagskultur beeinflusst haben. Hier finden wir etwa der hintere Teil eines VW Käfers, der zu einem Ehebett umfunktioniert wurde oder ein aufgestellter Kleinwagen, dessen Kabine in eine Feuerstelle verwandelt wurde. Interessant fand ich auch die Bildschirme, auf denen man verfolgen konnte, wie sich Werbespots für Autos im Laufe der Jahre verändert hatten.

Praktische Tipps:

Anreise: Ich bin – wie dürfte es anders sein – mit dem Auto nach Turin gefahren. Da die Stadt (für italienische Verhältnisse) relativ autofreundlich ist, konnte ich leicht Parkplätze finden, oft auch kostenlose. Alternativ verfügt Turin über einen Flughafen mit zahlreichen Verbindungen in den deutschsprachigen Raum. Die Bahn bietet leider keine besonders guten Verbindungen.

Wetter: Die Sommer sind heiss und auch im Winter fallen die Tagestemperaturen selten unter den Gefrierpunkt. Am besten eignen sich Frühling und Herbst. Aber mal ehrlich: Wenn du sowieso hauptsächlich Museen besuchst, dann spielt die Aussentemperatur doch kaum eine Rolle.

Unterkunft: Ich übernachtete im Hotel Crimea an der Via Mentana 3. Das Dreisternehotel der Best Western Gruppe wurde mir von Tourimo Turino kostenlos zur Verfügung gestellt. Noch einmal vielen Dank dafür! Auch wenn das Gebäude etwas in die Jahre gekommen ist, war ich doch sehr zufrieden. Mir gefielen das grosse Badezimmer, die schnelle Internetverbindung und der Gratisparkplatz. Ebenfalls positiv überrascht war ich vom reichhaltigen Frühstücksbuffet. Der einzige Schwachpunkt war die Lage: Man muss mit dem Bus ins Zentrum fahren, zu Fuss wäre es etwa eine halbe Stunde.

Museumskarten: Ich bin kein grosser Fan von Museenkarten, da diese in der Regel so berechnet sind, dass sie sich erst lohnen, wenn man unglaublich schnell durch die Sehenswürdigkeiten durchrauscht. Falls du das aber sowieso vorhast, solltest du einen Blick auf die zahlreichen Varianten der Torino+Piemont Card werfen. Ich bekam vom Fremdenverkehrsamt eine gewöhnliche Karte für 48 Stunden zur Verfügung gestellt. Normalerweise kostet sie 28 Euro. Bei meinem Besuchsprogramm hätte ich nichts gespart. Beachte: Der Glasfahrstuhl im Mole Antonelliana ist nur in der teureren Silber- oder Goldkarte inbegriffen. Gleiches gilt für den öffentlichen Verkehr.

Reiseführer: Wenn du noch mehr Inspiration suchst, kann ich dir das Buch 111 Orte in Turin und Pietmont empfehlen. Die klassischen Reiseführer zum Piemont sind leider alle nicht mehr ganz aktuell. Am besten scheint mir das Band von Michael Müller zu sein. Interessante geführte Touren durch Turin findest du bei getyourguide.com.

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Über Oliver Zwahlen

Passionierter Blogger. Im Herzen freier Reisejournalist, aber derzeit Büroangstellter mit Wohnsitz im chinesischen Peking. Siehe auch: Google+

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