Freitag, 15. Dezember 2017
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Praxis-Interview: So kommst du als Anhalter über die Weltmeere

Timo Peters bei seiner Atlantiküberquerung.
Timo Peters bei seiner Atlantiküberquerung.

Timo Peters ist gerne per Anhalter unterwegs. Nicht nur auf Straßen, sondern auch auf hoher See. In unserem ersten Praxis-Interview haben wir ihn gefragt, wie man am besten ein Boot findet und was es auf hoher See so alles zu beachten gilt.

WRM: Timo, du bist per Anhalter übers Meer gefahren. Wie muss man sich das vorstellen? Stehst du da mit ausgestrecktem Daumen an der Hafenausfahrt?

Timo Peters: Nein, wenn die Segelboote da hinaus fahren, ist es schon zu spät. Mitfahrgelegenheiten findet man entweder in den Hafenkneipen oder über das schwarze Brett beim jeweiligen Hafenmeister. Und dann gibt es noch zahllose Crewbörsen im Internet, die Skipper und Crew zusammen führen.

Du warst nur auf Segelbooten unterwegs. Gibt es auch Möglichkeiten, von anderen Schiffen mitgenommen zu werden?

Die Idee vom Trampen über das Meer hatte ich schon vor Jahren. Da dachte ich auch eigentlich noch eher an die großen Pötte. Aber die nehmen keine Tramper mit. Im Gegenteil: Einige verchartern mittlerweile Kabinen gegen viel Geld.

Wieso nimmt ein Kapitän überhaupt jemanden mit?

Dafür gibt es verschiedene Gründe: Einerseits sollte der Ausguck auf Fahrt nach Möglichkeit rund um die Uhr besetzt sein, ohne Crew kann das schon mal schwieriger werden, gerade auf längeren Törns. Eine zusätzliche Hand kann der Skipper vielleicht auch beim Kochen und im Haushalt gebrauchen oder bei Reparaturen, die auf Segelbooten eigentlich immer anfallen. Darum funktioniert das Trampen auf See meistens nach dem Prinzip „Hand-gegen-Koje“.

Wie wichtig ist das Internet beim Finden eines Boots, wie wichtig das Socializing an den Häfen? Wie lange dauert es, bis man jemanden gefunden hat?

Das lässt sich so pauschal natürlich nicht sagen. Ich habe schon Boote im Internet gefunden, aber auch direkt am Kai. Das ist vielleicht die größte Parallele zum Trampen an Land: Wie lange etwas dauert und wo man die nächste Mitfahrgelegenheit, weiß man nie. Vieles ist einfach Glückssache.

Was muss man als Meeres-Hitchhiker mitbringen? Braucht man einen eigenen Segelschein oder sonstige Schiffserfahrung?

Es ist natürlich schon wichtig, dass man einigermaßen seefest ist. Ich habe das allerdings auch erst beim Segeln per Anhalter herausgefunden – man kann also auch ohne Erfahrung lostrampen. Höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Kapitän für dich entscheidet, natürlich mit Segelerfahrung. Beliebt an Bord sind aber auch gute Köche, Mechaniker, Informatiker, Elektriker und Tischler für Reparaturen, Leute mit Ahnung von Medizin, für die Sicherheit. Oder Fotografen, die das ganze dokumentieren oder Musiker, die ihren Skipper draußen auf See einfach nur gut unterhalten – vieles ist möglich.

Wie sieht das Leben auf einer längeren Fahrt aus. Bei deiner Atlantiküberquerung warst du ja 30 Tage auf hoher See. Wird es einem da nicht langweilig?

Das kommt natürlich auch ein bisschen darauf an, wie man als Typ so gestrickt ist. Ich selber fand eigentlich jeden Tag auf See tierisch spannend – manchmal habe ich es aber auch einfach nur stundenlang genossen, auf die See hinaus zu starren und Wind und Wellen zu beobachten. Eine Auswahl an guten Büchern ist natürlich nicht verkehrt, aber viel Raum nimmt auch der „ganz normale“ Alltag an Bord ein. Kochen, Abwaschen und verschiedene, kleinere Reparaturen: jede Tätigkeit nimmt schon bei wenig Seegang viel mehr Zeit in Anspruch als an Land.

Konntest du unterwegs hier und da auch aussteigen und Besichtigungstouren unternehmen?

Klar – Segelboote sind ja ziemlich langsame Verkehrsmittel, immer wieder musste ich mit meinen Kapitänen in Häfen liegen, um Proviant zu kaufen oder Ersatzteile zu besorgen. Auf den Kanaren habe ich dann auch mein Boot gewechselt – also habe ich relativ viel Zeit auf verschiedenen Inseln auf dem Weg verbracht: Wanderungen auf Gran Canaria und Santo Antão auf den Kapverden, ich war zum Surfen auf Lanzarote und habe in den Straßen von Mindelo Samba getanzt (oder es zumindest versucht).

Brasilien war das Ziel der der Atlantiküberquerung von Timo Peters als Anhalter.
Timo Peters zeigt, wo er in Brasilien angekommen ist, nachdem er als Anhalter den Atlantik überquert hat.

Du bist auf deinen Reisen eher mit Low-budget unterwegs? Sind solche Überfahrten immer gratis oder muss man sich manchmal auch an den Kosten beteiligen?

Das ist immer Verhandlungssache und kommt auch ein bisschen darauf an, wie sehr man an Bord mithelfen kann. Aber auch, wenn man mit Kostenbeteiligung mitsegelt, muss es nicht teuer werden: Um die teuersten Häfen machen viele Kapitäne eh einen großen Bogen und solange man wirklich auf See ist, fallen eigentlich nur Kosten für den Proviant an. Manche Skipper verlangen einen kleinen Obulus für die Koje, irgendwann sind die Grenzen dann fließend zum Kojencharter – wie gesagt, Verhandlungssache.

Wie frei ist man bei der Routenwahl? Muss man nehmen, was kommt oder hat man eine Auswahl?

Als Nicht-Segler unterschätzt man vor allem, wie sehr die Natur uns beim Segeln die Routen und den jeweiligen Zeitrahmen diktiert. Das Wetter spielt im Alltag die wichtigste Rolle, das ist man vom Landleben ja so nicht gewöhnt. Beim Trampen an Land ist es ja auch so: Je unwichtiger es ist, wo genau man am Ende ankommt, desto besser läuft’s. Deshalb stecke ich mir meist nur ungefähre Ziele – in diesem Fall hieß das: Einfach nur über den Atlantik. Ich hätte schließlich auch nichts dagegen gehabt, in der Karibik zu landen, statt in Brasilien. Wenn ich einfach nur an ein bestimmtes Ziel will, dann würde ich wahrscheinlich ein anderes Verkehrsmittel nehmen.

Welche Regionen eignen sich für Landratten am besten zum anfangen?

Hier in Deutschland haben wir mit der Ostsee ein wunderschönes Revier direkt vor der Haustür. Es gibt jede Menge Inseln und toller Buchten und Strände zum Ankern, aber auch zahllose kleine Häfen. Viele kurze Routen sind möglich und üblich und massig Segelboote unterwegs. Wer es lieber wärmer mag, sucht sich einen Kapitän irgendwo am Mittelmeer – auch meist kein wilder Ozean.

Timo Peters berichtet auf seinem Blog „Bruder Leichtfuss“ regelmäßig von seinen Reiseabenteuern.

Über Oliver Zwahlen

Passionierter Blogger. Im Herzen freier Reisejournalist, aber derzeit Büroangstellter mit Wohnsitz im chinesischen Peking. Siehe auch: Google+

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