Mittwoch, 25. Januar 2017
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Mit dem Oldtimer-Lastwagen um die Welt

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Sabine Hoppe und Thomas Rahn in der kasachischen Steppe.

Sabine Hoppe und Thomas Rahn sind seit 2009 auf großer Tour. Mit ihrem 35 Jahre alten Mercedes Lastwagen haben die beiden bereits über 40 Länder in vier Kontinenten besucht. Im Gespräch schildern die Globetrotter die Vor- und Nachteile von Reisen in Oldtimern. 

WRM: Ihr seid in einem Oldtimer auf Weltreise. Wie alt ist euer Lastwagen eigentlich?

Thomas Rahn: Genaugenommen ist es eine Lastwägin. „Paula“, unser alter Mercedes Kurzhauber, Baujahr 1977, war früher im Dienst des Bundesgrenzschutzes und wurde dazu verwendet, die Grenzen zu bewachen. Mittlerweile hatte sie ihren 35. Geburtstag und ihre Aufgabe hat sich glücklicherweise ins genaue Gegenteil verkehrt:  Seit Beginn der Reise 2009 hat sie uns bereits über etwa 40 Grenzen auf vier Kontinenten gebracht.

Wieso habt ihr euch dafür entschieden, die Welt mit „Paula“ zu entdecken?

Wir hatten uns entschlossen, auf eine große Reise zu gehen und dafür gibt es viele Möglichkeiten: Zu Fuß oder mit dem Fahrrad, per Anhalter oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln, per Wohnmobil oder LKW. Alles bringt Vor- und Nachteile mit sich und letztlich ist es eine sehr individuelle Entscheidung, was einem am besten liegt. Unsere Wahl war es, in den eigenen vier Wänden um die Welt zu fahren. Bei der Suche nach einem Fahrzeug lief uns dann ‚Paula‘ über den Weg und wir hatten sofort den Eindruck, dass sie das Richtige für uns ist. Eine Entscheidung, die wir bisher nicht bereut haben.

Wie reagieren die Leute auf den alten LKW?

Schon in Deutschland zaubert der Anblick des alten LKW ein Lächeln auf die Gesichter vieler Menschen. Irgendwie hat der Lastwagen eine sehr positive Ausstrahlung. In Deutschland sind solche LKWs  zur Seltenheit geworden, doch in vielen anderen Ländern findet man die alten Mercedes Kurzhauber noch im alltäglichen Straßenbild. Insgesamt sind die Reaktionen weltweit ganz unterschiedlich. In einem Land drehen sich alle nach dem Fahrzeug um, lassen alles stehen und liegen, winken und blicken uns verdutzt hinterher, in anderen Ländern fällt man fast gar nicht auf, weil dort  alte LKWs mit mehr als 30, 40 oder 50 Jahren nichts Ungewöhnliches sind. Wir werden von Einheimischen sehr häufig nach dem Fahrzeug gefragt, welches Baujahr, ob wir schon viele Pannen hatten und ob wir das Fahrzeug wirklich von Deutschland aus bis hierher gefahren haben. Das ist immer ein guter Anknüpfungspunkt, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen.

Gibt es bei der Einreise mit alten Fahrzeugen nicht mehr Probleme als mit neuen?

Nein, bisher nicht. In den meisten Ländern ist die Fahrzeugeinfuhr reine Formsache. Wer gültige Papiere, also eine Zulassungsbescheinigung oder eine Besitzurkunde hat, darf nach mehr oder weniger Papierkram auch einreisen. Man stelle sich also vor, man drückt dem russischen, laotischen oder mongolischen Grenzbeamten nun dieses grün-weiße Unding einer deutschen Zulassungsbescheinigung in die Hand. Da müssen selbst wir immer lange suchen, um die passenden Angaben zu entziffern – eine Glanzleistung der Unübersichtlichkeit, aber immer Grund zur allgemeinen Erheiterung bei den sowieso meist ausgesprochen amüsanten Grenzübertritten.

Bei den Oovos dankt man den Geistern für die überstandene Fahrt und bittet um eine gute Weiterreise.
Bei den Oovos dankt man den Geistern für die überstandene Fahrt und bittet um eine gute Weiterreise.

Nur in Singapur gab es Schwierigkeiten, denn dort sind Wohnmobile grundsätzlich verboten und wir mussten uns tatsächlich am Abschlepphaken quer durchs ganze Land ziehen lassen. Das hatte aber nichts mit dem Baujahr des Fahrzeugs zu tun. Bis jetzt gab es also keinerlei Komplikationen wegen des Fahrzeugalters.  Australien werden wir wohl mit unserem Fahrzeug nicht bereisen können. Dort sind Holzausbauten im Wohnmobil unzulässig und das Fahrzeug muss angeblich ‚clean like new‘ sein. Nach 35 Jahren im Einsatz ist das praktisch unmöglich. Dennoch haben wir auch schon von Oldtimern gehört, die nach einer eingehenden und teuren Desinfektion durch die lokalen Behörden nach Australien einreisen konnten.

Bringt ein Oldtimer auch Vorteile mit sich?

Ob man besser mit einem neuen oder einem alten Fahrzeug fährt , ist wahrscheinlich Glaubenssache. In entsprechenden Foren kann man schier endlose Diskussionen mitverfolgen über das Für und Wider. Für ein älteres Fahrzeug wie das unsere sprechen nach den bisherigen Erfahrungen sicherlich einige Punkte. Man kann nahezu alles in Eigenregie mit einfachen Werkzeugen reparieren auch wenn man keine Ausbildung zum Fahrzeug-Mechatroniker absolviert hat und in vielen Ländern findet man Werkstätten, die jene alte Technik beherrschen. Auch Ersatzteile lassen sich bei gängigen Modellen fast weltweit auftreiben. Außerdem ist die Treibstoffqualität ist nicht so wichtig wie bei moderneren Fahrzeugen. Ob man Schmuggeldiesel aus dem Irak an der versteckten Hinterhof-Zapfsäule in der Osttürkei tankt oder irgendein Gemisch flaschenweise am Straßenrand in Kolumbien: wir hatten bisher nie Probleme mit der Treibstoffqualität. Eine Motormanagement-Warnleuchte gibt es nicht und auch kein Steuergerät das auf ‚Notprogramm‘ schaltet und erst im nächsten Service-Center per Diagnosegerät wieder rückgesetzt werden kann.

"Paula" muss immer mal wieder gewartet werden. Zum Beispiel hier am Straßenrand in Kasachstan.
„Paula“ muss immer mal wieder gewartet werden. Zum Beispiel hier am Straßenrand in Kasachstan.

Ganz klar würden wir uns aber auch einige Vorteile eines neueren Fahrzeugs wünschen, insbesondere ein besser schallgedämmtes Fahrerhaus und eine Federung, die man auch als solche bezeichnen kann. An die gemächliche Geschwindigkeit haben wir uns mittlerweile gewöhnt. Bergauf und bergab geht es oft nur mit 20 bis 30 km/h. Da muss man leider sehr deutliche Abstriche machen, bei einem Fahrzeug, das in den 50er Jahren entwickelt wurde. Damals wurden Nutzfahrzeuge außerdem noch so gebaut, dass man sich täglich um die Wartung kümmert. Das heißt, wir liegen fast täglich mit öl- oder fettverschmierten Fingern unter dem Fahrzeug. Auch das gehört dazu.

Ihr habt bei der Weltumrundung ein paar außergewöhnliche Dinge gemacht. Ihr seid selber in China gefahren, was normalerweise nur schwer möglich ist. Wie habt ihr das gemacht?

Ein paar Dinge sind uns schon gelungen, die wir vor der Abreise selbst nicht für möglich gehalten hätten. Manchmal verändern sich auch Rahmenbedingungen kurzfristig, Grenzen werden geöffnet oder, wie es uns in Kirgistan ergangen ist, von heute auf morgen für immer geschlossen. Mit etwas Organisation ist es mittlerweile durchaus möglich, China im eigenen Fahrzeug zu passieren. Man benötigt chinesische Führerscheine und Versicherungen, chinesische Fahrzeugpapiere und Nummernschilder sowie Fahrgenehmigungen für die geplanten Streckenabschnitte und zusätzlich einen lokalen Reisebegleiter, der ständig im Fahrzeug mitfährt. Daher ist man auf eine chinesische Agentur angewiesen, die bei der Organisation behilflich ist. Es ist kostspielig, aber durchaus machbar. Und wenn man sich, wie wir, mit anderen Reisenden zusammentut, kann man sich die Organisationskosten teilen. China ist also passierbar und derzeit munkelt man unter Reisenden, ob es bald möglich sein könnte, auf eigene Faust durch Myanmar zu fahren, was einen ganz neuen Weg nach Südostasien eröffnen würde.

Bisher habt ihr ‚Paula‘ mehrmals auf der Reise für einige Monate abgestellt, um in Deutschland Dia-Vorträge über eure Reiseabenteuer zu halten. Ist es kein Problem, das Fahrzeug irgendwo stehen zu lassen?

Ein schwieriges Thema, das uns auch schon viel Kopfzerbrechen bereitet hat. Es ist von Land zu Land unterschiedlich. Manchmal wird das Fahrzeug bei der Einreise im Pass vermerkt, meistens aber nicht. In einem Land ist die Ausreise ohne Fahrzeug untersagt, in anderen, wie zum Beispiel Mexiko, darf man ein Wohnmobil ohne Probleme bis zu zehn Jahre stehenlassen. Anderswo ist es wiederum offiziell verboten, aber de facto wird es nicht kontrolliert. Wir haben schon Tage auf Zollämtern verbracht, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg, aber irgendwie konnten wir bisher immer eine Lösung finden, um das Fahrzeug abzustellen.

Zurück zu euren Diashows. Ihr habt bisher drei Vortragsreihen in Deutschland gehalten. Worum geht es bei euch in wenigen Worten und wann können wir die nächste Show erwarten?

Blickt man in die Massenmedien, so könnte man glauben, die ganze Welt „da draußen“ besteht nur aus Krieg, Naturkatastrophen und Terroristen. Macht man sich aber selbst auf den Weg und bereist Länder wie Iran, Russland, Nicaragua oder Kolumbien, so erlebt man die Welt vollkommen anders. Es macht uns Freude, von dieser Welt zu erzählen so wie wir sie erleben: Unverzerrt, ungestellt, echt und authentisch. Zu Beginn war unser erster Vortrag nur als kleine Diashow für Freunde und Bekannte geplant, doch das öffentliche Interesse war so groß, dass daraus mittlerweile drei Vortragsreihen mit mehreren tausend Besuchern entstanden sind. Wir verwenden enorm viel Zeit für die Dokumentation der Reise und der Ausarbeitung der Diashows, doch wenn man vor einem interessierten Publikum steht und die Begeisterung der Zuschauer spürt, hat sich jeder Aufwand gelohnt. Im Moment arbeiten wir an unserer vierten Diashow über den derzeitigen Reiseabschnitt quer durch Südamerika und wir freuen uns schon jetzt darauf, voraussichtlich 2014 wieder in einigen Städten Deutschlands unsere Reiseberichte präsentieren zu können.

Thomas und Sabine schildern ihre Abenteuer auf dem hervorragenden Blog www.abseitsreisen.de und hier über ihre Facebookseite.

Über Oliver Zwahlen

Passionierter Blogger. Im Herzen freier Reisejournalist, aber derzeit Büroangstellter mit Wohnsitz im chinesischen Peking. Siehe auch: Google+

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