Vietnam mit dem Motorrad: „Der Verkehr ist nicht so schlimm“

Interview des Monats

Rund einen Monat brauchte der Reisejournalist und Filmemacher Thomas Pfeiffer, um Vietnam mit dem Motorrad zu durchqueren. Über das Abenteuer veröffentlichte er kürzlich eine Doku. Allen, die etwas ähnliches planen, gibt der Kölner im jüngsten Interview des Monats praktische Tipps.

WRF: Thomas, der chaotische Strassenverkehr von Hanoi und Saigon ist legendär. Trotzdem bist du mit dem Motorrad durch ganz Vietnam gefahren. Wie schlimm ist es wirklich?

Thomas Pfeiffer: Wenn man in den Megastädten im Verkehr mitrollt, ist es gar nicht mehr so tragisch, wie es von aussen oft aussieht. Die Vietnamesen erkennen schnell die Touristen auf Motorrädern und sind dementsprechend vorsichtig. Hat man es aus den Metropolen herausgeschafft, dann wird der Verkehr weniger stressig.

Ist das der Grund, dass du den abgelegenen Ho-Chi-Minh-Highway als Route gewählt hast?

Die einzige alternative Nord-Südverbindung wäre die QL 1 gewesen, die  entlang der Küstenlinie des Südchinesischen Meers verläuft. Das ist aber eine Schnellstrasse, wo viele Reisebusse und Lkws fahren und dementsprechend gefährlich. Sie ist auch landschaftlich nicht so schön, wie der Ho-Chi-Minh-Highway. Dieser verläuft im Landesinneren, ist gut ausgebaut und der Verkehr überschaubar. Darüber hinaus fährt man hauptsächlich durch schöne, oft landwirtschaftlich geprägte Regionen.

Geht beim Selberfahren nicht ein Teil des Kontakts zu den Menschen im Land verloren, den du sonst in Bussen oder Zügen gehabt hättest?

Jein. Einerseits hat man nicht so einen intensiven Kontakt mit den Menschen wie im Bus oder Zug. Andererseits wird man unterwegs viel gegrüsst und bestaunt – man ist wie ein „Bunter Hund“ unterwegs. Bei den regelmässigen kurzen Pausen kam es immer mal wieder zu  Kontakten mit Vietnamesen. Schlussendlich sind die Begegnungen einfach anders: Vietnamesen, die einem das Motorrad warten, neugierige Kinder oder Vietnamesen, mit denen man unter einem Vordach darauf wartet, dass der Platzregen aufhört.

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Motorradfahren in Vietnam
Thomas Pfeiffer fuhr mit dem Motorrad durch Vietnam.

 

Welche praktischen Herausforderungen gibt es für Motorradfahrer in Vietnam?

Erstmal die gleichen, wie auf jeder Individualreise: Essen und Übernachtungsmöglichkeiten organisieren. Hin und wieder steuert man eine Werkstatt an, die es aber überall gibt. Auf den Hauptrouten kommt man mit normalen Karten oder GPS (Mobiltelefon) gut zurecht. Ein Reiseführer mit vietnamesischen Übersetzungen der wichtigsten Fragen und Antworten ist sehr hilfreich (Lonely Planet oder Stefan Lose), besonders in den ländlichen Regionen. Wenn nichts mehr weiterhilft, dann kommuniziert man eben in Zeichensprache mit „Händen und Füssen“.

Wie sieht es mit den nötigen Ausweisen aus? Was ist da zu beachten?

Vietnam anerkennt den internationalen Führerschein, der allerdings nur zusammen mit dem deutschen Ausweis gültig ist. Wer ein schweres Motorrad steuern will, braucht einen Führerschein der entsprechenden Kategorie. Mit dem normalen für Autos darf man nur Zweiräder bis zu 50ccm fahren. Viele Touristen setzen sich jedoch  über die Vorschriften hinweg. Fakt ist: Die Polizei schaut normalerweise weg. Polizeikontrollen habe ich in den vier Wochen nie erlebt. Erst bei Unfällen soll es Ärger geben. Wer ohne gültige Papiere unterwegs ist, sollte sich bewusst sein, dass im Falle eines Unfalls möglicherweise der Versicherungsschutz erlischt.

Wie bist du dann an das Motorrad gekommen?

Ich habe es mir geliehen. Mittlerweile gibt es in Hanoi oder Saigon neben Kauf- auch Mietangebote. Für mein gut gewartetes, einwandfreies Detech-Motorrad (vietnamesische Marke, 125ccm) habe ich für vier Wochen rund 180 Dollar bezahlt. Der Händler „Style-Motorbikes“ hat sich auf Touristen spezialisiert und führt in Hanoi und Ho-Chi-Minh-Stadt je ein Ladenlokal. Das Team ist eine Kombination aus Vietnamesen und Europäern. Beim Mieten bekommt man die Fahrzeugbescheinigung als Kopie; beim Kauf das Original. Hierbei muss man darauf achten, dass das Nummernschild mit den Angaben auf der Bescheinigung identisch ist.

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Thomas Pfeiffer brauchte von seiner Vietnam-Reise einen Dokumentarfilm mit.

 

Worauf sollte man beim der Wahl des Motorrads achten?

Beim Kauf wie auch beim Mieten sollte man auf den Allgemeinzustand, die Bremsen, Elektrik, Reifen und das Fahrverhalten achten. Es gibt viele Touristen, die kaufen sich uralte Honda-Motorräder. Die sehen zwar kultig aus, sind aber sehr pannenanfällig, was eine Reise erschweren kann. Einen Blick auf den Verkäufer, seinen Laden und seine Verkaufsargumente kann auch nicht schaden, da viele Vietnamesen in dieser Branche geschäftstüchtig sind und je nach Charakter gerne etwas schönreden.

Du hast einen Teil der Strecke abgekürzt, indem du dein Motorrad mit der Bahn verladen hast. Wieso?

Mit der Zugfahrt habe ich eine zwei- bis dreitägige Fahrstrecke überbrückt. Es war eine spontane Entscheidung, da ich in Asien gerne mit dem Zug fahre. Es gibt in Vietnam eine Nord-Südverbindung, auf der täglich Züge fahren. Für die rund 500 Kilometer, zwischen Da Nang und Nha Trang, habe ich 11 Stunden im Zug verbracht. Ein Motorradtransport ist problemlos möglich. Man muss einen bis zwei Tage Vorlauf einplanen, um den Transport anzumelden. Insgesamt habe ich für Transport und einen Sitzplatz 30 Euro bezahlt.

Was rätst du jemandem, der nicht sicher ist, ob er wirklich zu einer längeren Motorradreise aufbrechen soll?

Bei solchen Reisen lässt man seinen Alltag, seinen Hausrat und seine gewohnte Umgebung für eine längere Zeit zurück. Das ist nicht jedermanns Sache. Alternativ kann man auch klein anfangen: Wochenendtouren, einwöchige, zweiwöchige Touren – sich immer mehr steigern. Hierbei merkt man sehr schnell, ob dies einem liegt oder nicht. Wenn man noch nie in Asien unterwegs war, kann man zuerst mit einem Reiseanbieter oder mit dem Rucksack dort reisen. Dadurch hat man bei einer Motorradreise schon Erfahrungen gesammelt und muss nicht geballt den Kulturschock und den asiatischen Strassenverkehr verarbeiten.

Rückblickend auf die Reise: Wo würdest Du am liebsten noch einmal hin?

Die Cat Ba Insel, seitlich der Halong Bucht hat mir sehr gut gefallen. Sie ist nicht so überlaufen, wie die Halong Bucht, aber mindestens genauso schön. Dann fand ich den Weg auf der 27 C ins Hochland nach Da Lat fantastisch. Im Hochland blieb mir nicht genug Zeit, um von Da Lat aus mehr Tagestouren zu machen;  das würde ich nachholen. Nordvietnam, nördlich von Hanoi habe ich gar nicht bereist. Da könnte man eine große Runde in teils spektakulären Berglandschaften drehen. Alternativ auch von Nordvietnam weiter bis nach Laos fahren. Vielleicht werde ich dies auch tatsächlich machen, da ich vorhabe, 2021 mit dem Motorrad durch Laos zu reisen.

DVD Anspieltipp: Von Hanoi nach Saigon auf zwei Rädern

Der Reisejournalist Thomas Pfeiffer will Vietnam etwas genauer kennenlernen und entschliesst sich, das Land mit dem Motorrad zu durchqueren. In seiner professionell produzierten Reportage berichtet er von seinen Abenteuern auf den Strassen und erzählt, was es im Land alles zu sehen gibt. Gute Inspiration für alle, die das auch vorhaben. OZ.

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Oliver Zwahlen

Passionierter Blogger. Im Herzen freier Reisejournalist, aber derzeit Büroangstellter mit Wohnsitz im chinesischen Peking. Siehe auch: Google+

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2 Kommentare

  1. Hi,

    gerade in Thailand sieht man sehr viele Touristen mit einem 125cc Roller die garantiert nur 50cc fahren dürfen. Ich denke die Polizei guckt bewusst weg. Ich kann nur nicht verstehen wie man so ein Risiko eingehen kann dass man im Falle eines Unfalls auf den Kosten sitzen bleibt. Ich verstehe auch nicht wie man ohne Schutzkleidung auf einem Roller oder Motorrad fahren kann. Selbst wenn man „nur“ mit 50 oder 60 über den Asphalt rutscht dann bleibt nicht viel von der Haut übrig.

    1. Von der Polizei, die gerne mal wegschaut, liest man ja ständig in Foren und Diskussionsgruppen. Dass man bei einem Unfall dann aber möglicherweise die Versicherungsleistung verliert, lese ich hingegen deutlich seltener. Ich vermute, vielen ist die Problematik mit den Versicherungen ganz einfach gar nicht bewusst.

      Schutzkleidung ist in tropischen Ländern so eine Sache: Erstens ist es relativ schwer, vor Ort eine vernünftige Ausrüstung zu bekommen. Zweitens ist eine hochwertige Motorradbekleidung bei 35 Grad nicht gerade angenehm zu tragen. Drittens hat auch von den Einheimischen kaum jemand so was an. Dass man da also etwas nachsichtig bei der Sicherheit ist, kann ich schon verstehen.

      Aber selbst dann sollte man meiner Meinung nach mindestens eine dicke Jeans, Schuhe, die über den Knöchel gehen, Handschuhe und eine einigermassen reissfeste Jacke tragen. Ganz wichtig ist bei der Kleidung auch, dass keine Kunstfasern drin sind, denn die schmelzen und brennen sich tief ins Fleisch ein. Tanktop und vor allem Shorts gehen überhaupt nicht.

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