Tallinn im Herbst: Was in Estlands Hauptstadt unternehmen

Tallinns schönste Sehenswürdigkeiten in vier Tagen

Tallinn hat sich in den vergangenen Jahren von einem Geheimtipp zu einer regelrechten Trendstadt entwickelt. Vollkommen zu Recht, wie ich finde. Estlands Hauptstadt ist voller spannender Sehenswürdigkeiten, bietet grandioses Essen und ist einigermassen bezahlbar.

Wer meinem Blog schon länger folgt, der weiss, dass es mich im Herbst jeweils in den Norden zieht. Es sind vor allem die wunderschön verfärbten Wälder, die mich jedes Jahr von neuem entzücken. Deswegen versuche ich auf meinen nordischen Herbstreisen, jeweils so viel Zeit wie möglich in der freien Natur zu verbringen.

Dies ist auch der Grund, wieso ich auf meiner diesjährigen Reise die bei uns relativ unbekannte Insel Saaremaa zum Hauptziel gemacht habe. Das spärlich besiedelte Eiland bietet neben herbstlichen Wäldern auch wilde Küsten, romantische Leuchttürme und einen beeindruckenden Meteoritenkrater.

Nachdem ich in den vergangenen Jahren immer wieder darüber gelesen habe, wie toll die estnische Hauptstadt Tallinn sein soll, habe ich mich kurzerhand entschlossen, dort ebenfalls ein paar Tage zu verbringen. Und ich kann nun sagen: Tallinn im Herbst, das lohnt sich.

Wieso mir Tallinn gut gefallen hat und was du in der noch immer häufig unterschätzten Stadt alles unternehmen kannst, verrate ich dir in diesem Beitrag. Anschliessend gibt es wie immer ein paar praktische Tipps für deine Reise.

 

Tipp 1: Tallins Altstadt

Wenn du nur Zeit hast, einen einzigen Teil von Tallinn anzuschauen, dann solltest du in die mittelalterliche Altstadt gehen. Sie wird seit 1997 von der UNESCO als Teil des Weltkulturerbes gelistet und gilt deswegen als wichtigste Sehenswürdigkeit der Stadt.

Mach dich aber darauf gefasst, dass du nicht der einzige bist, der diesem Tipp folgt. Die Altstadt von Tallinn ist besonders unter Kreuzfahrt-Passagieren bei ihren Erkundungen der Ostsee beliebt. Im Sommer kann es in den teilweise engen mittelalterlichen Gassen recht voll werden.

Besonders schön ist der weitläufige Marktplatz mit dem Rathaus, in dessen Nähe sich eine der ältesten, noch betriebenen Apotheken Europas befindet. Es lohnt sich einen Blick auf die historischen Auslagen zu werfen.

Die Altstadt ist von einer Mauer umgeben, die bei ihrem Bau eines der robustesten Verteidigungsbollwerke der ganzen Ostseeregion war. Bei deinen Spaziergängen wirst immer wieder auf sie stossen. Es ist an mehreren Stellen möglich, sie zu besteigen und von oben den tollen Ausblick zu geniessen. Schön sind im Herbst auch die Parkflächen ausserhalb der Mauer.

Tallins beste Sehenswürdigkeiten: Die Altstadt
Wichtigstes Reiseziel: Die von der UNESCO als Kulturerbe gelistete Altstadt von Tallinn. Fotos: OZ
Tallinn im Herbst
Tallins Altstadt lässt sich am besten zu Fuss erkunden.

 

Tipp 2: Schau dir die Kirchen an

Die Geschichte Tallinns begann vor etwa 800 Jahren mit dem Bau einer Holzkirche auf einem Hügel. Aus dem Kirchlein von einst ist über die Jahre ein gewaltiger Dom entstanden, der bei einem Besuch von Tallinn unbedingt auf das Programm gehört. Auf Grund der unterschiedlichen Baustile ist der Dom vor allem für Architekturinteressierte spannend.

Ebenfalls auf dem Domhügel findest du die Alexander-Newski-Kathedrale. Sie wurde 1900 – als Tallinn noch Teil des russischen Zarenreichs war – im russisch-orthodoxen Stil eröffnet und galt deswegen lange als Symbol der russischen Unterdrückung. Nach der Unabhängigkeit Estlands sollte das Gotteshaus 1924 sogar abgerissen werden, was glücklicherweise nicht passiert ist.

Wenn du den Ort mit der wahrscheinlich stadtweit besten Aussicht suchst, dann solltest du den Turm der mittelalterlichen Olai-Kirche besteigen. Die Kirche war zwar – entgegen anderslautender Behauptungen – niemals das höchste Gebäude der Welt, die Aussicht von oben ist aber trotzdem einzigartig.

Die Alexander Newski Kirche auf dem Tallinner Domberg.
Die Olai-Kirche war im Mitelalter eines der höchsten Gebäude der Welt.

Tipp 3: Die aussergewöhnliche Erlebnis-Gastronomie

Tallinn ist ein Paradies für Feinschmecker. Die Stadt bietet eine fast endlose Auswahl an unterschiedlichen Restaurants mit leckerem Essen und feiner Atmosphäre. Aussergewöhnlich sind jedoch die ganzen Gourmet-Tempel, deren wichtigstes Ziel es ist, ein Erlebnis zu vermitteln.

Zu meinen persönlichen Highlights gehörte der Besuch des Restaurants „Olde Hansa“ im Zentrum der Altstadt. In den historischen Räumlichkeiten servieren Angestellte in traditioneller Kleidung typische estnische Speisen, die anderswo kaum noch erhältlich sind. Vielen ist der Ort allerdings zu touristisch.

Gerade gegenüber befindet sich in einem ebenfalls wunderschönen mittelalterlichen Gebäude das Restaurant „Peppersack“. Neben herzhaften Mahlzeiten gibt es hier auch leckere Süssigkeiten. Jeweils um 20 Uhr kannst du einem Schwertkampf zusehen.

Das „Korsaar“ ist ein Fisch-Restaurant im Look eines Piratenschiffs und einer Bedienung, die an Captain Jack Sparrow erinnert. In der Nähe des Bahnhofs in der Telliskivi Creative City findest du das „Peatus“, dessen einfache und preiswerte Küche in zwei ausrangierten Eisenbahn-Waggons serviert wird. Günstiges Essen gibt es in der Markthalle Balti Jaama Turg.

Abends werden im Restaurant Peppersack die Gäste mit einem Schwertkampf unterhalten…
Mittelalterlisches Ambiente im Restaurant Olde Hansa

Tipp 4: Die hippen Fabrikviertel

Wenn ich meinen persönlichen Lieblingsort in Tallinn nennen müsste, dann würde ich das Rotermann Viertel wählen, das zwischen der Altstadt und dem Hafen liegt. Den ehemaligen Industrie-Gebäuden aus dem 19. Jahrhundert wurde auf aufregende Weise eine futuristische Techno-Architektur übergestülpt.

So ragen aus dem Dach einer ehemaligen Tischler-Werkstatt drei futuristische Glaswürfel in die Höhe, einem früheren Mehlspeicher wurden riesige Erker mit Panoramafenster angepappt: Wo immer du auch hinsiehst: das Alte verschmilzt mit dem Neuen. Dazwischen trendige Restaurants und Cafés. Ein gewaltiger Kontrast zur mittelalterlichen Altstadt.

Nicht weit entfernt befindet sich das bereits erwähnte Telliskivi-Areal. Auch hier wird ein ehemaliges Fabrikgelände umgenutzt. Doch im Vergleich zum ultrahippen Rotermann-Viertel, wo jedes Detail wie eine Symphonie zusammenpasst, wirkt das Tellskivi Creative City etwas wilder und sperriger.

Trotzdem lohnt sich ein Besuch des Kreativcampus mit seiner ganzen Street Art, den Galerien, den alternativen Essenständen und seinen Tanz- und Theateraufführungen. Versuche den Ort an einem Samstag zu besuchen. Dann findet hier jeweils ein grosser Flohmarkt statt.

Das umgenutzte Rotermann-Industriegebiet ist heute ein beliebter Treffpunkt.
Das Eisenbahn-Restaurant Peatus im Televski Kreativcampus.

5 Die Holzhäuser von Kalamaja

Gerade hinter dem Kreativcampus Tellskivi beginnt das Kalamaja-Viertel, das sich in den letzten Jahren dank seiner traditionellen Holzhäuser in ein beliebtes Wohnviertel verwandelt hat. Die bunten Fassaden sind teilweise etwas heruntergekommen, versprühen aber unheimlich viel Charme.

Der ehemalige Arbeiter-Vorort ist heute eine eher ruhige Wohngegend. Es gibt nur wenige Cafés, Restaurants oder Läden. Das Beste, was du hier tun kannst, ist wahllos durch die Strassen zu schlendern und die Atmosphäre aufzusaugen.

Wähl die Route am besten so, dass du am Ende an der Beta Promenade landest. Der Weg, der dem Meer entlangführt, gilt wegen der vielen Museen auch als Tallins Kulturmeile.  Hier findest du zum Beispiel das Museum für Gegenwartskunst, das in einem alten Kraftwerk untergebracht ist.

Etwas weiter landest du beim berüchtigten Gefängnis Patarei, dessen Museum derzeit leider nicht mehr besucht werden kann, und beim Wasserflugzeughafen, in dem ein Teil des eindrücklichen Estnischen Meeresmuseum untergebracht ist.

Einheimische lieben es, vom Dach der Linnahall den Sonnenuntergang zu beobachten. Die Konzerthalle, die für die Olympischen Spiele in Moskau 1980 errichtet wurde, steht leer und wartet auf potentielle Investoren.

Die typischen alten Holzhäuser gegen Kalamaja einen unverkennbaren Charme.
Das Patarei-Gefängnis in Tallinn war für seine Härte berüchtigt.

Tipp 6: Das Openair-Museum

Falls du nach deinem Spaziergang durch Kalamaja noch nicht genug alte Häuser gesehen haben solltest, empfehle ich dir einen Besuch des Open-Air Museums von Tallinn. Hier findest du historische Häuser aus allen Teilen des Landes.

In einer Ecke stehen Bocksmühlen, wie du sie überall auf der Insel Saaremaa findest. Anderswo kannst du für Estland typische Bauernhöfe besuchen, von denen viele im alten Stil eingerichtet sind. Es gibt aber auch eine Schule, eine Feuerwehrstation und einen Laden, in dem es traditionelle estnische Süssigkeiten zu kaufen gibt. (Spoiller: Nicht lecker!)

Beachte, dass das Gelände riesig ist und die einzelnen Sehenswürdigkeiten teilweise nur über längere Fussmärsche zu erreichen sind. Dazu kommt die ungünstige Lage am Stadtrand. Kurz: Plane am besten einen ganzen Tag ein, wenn du alles sehen möchtest.

Drei Windmühlen, wie sie auf der Insel Saaremaa stehen könnten.
Von den kleinen Hütten im Openair-Museum Tallinn hast du einen schönen Ausblick aufs Meer.

 

Tipp 7: Lahemaa-Nationalpark

Wenn du das spärlich besiedelte Estland wirklich erleben willst, dann solltest du mindestens einmal die Hauptstadt verlassen und in die Natur fahren. Zu den schönsten und am leichtesten zugänglichen Landschaften gehört der Lahemaa-Nationalpark etwa 70 Kilometer östlich von Tallinn.

Die grosse Bedeutung des dortigen Ökosystems zeigt sich daran, dass es 1971 als erster Nationalpark der Sowjetunion ausgewiesen wurde. Im Park leben neben Hirschen, Wildschweinen und Wölfen auch Bären. Allerdings ist die Wahrscheinlichkeit gering, dass du die Tiere wirklich sichtest.

Erste Anlaufstelle ist das Virumoor. Hier gibt es einen etwa anderthalb Stunden langen Rundweg, wo du auf Holzstegen durch die einzigartige Sumpflandschaft spazieren kannst. Tafeln entlang des Weges erklären mehr über Flora und Fauna. In der Mitte des Wegs gibt es einen Aussichtsturm. Vermeide Wochenenden, das Kreuzen anderer Personen auf den schmalen Stegen ist ermüdend.

Sehenswert sind auch das Dorf Altja mit seinen hübschen Holzhäuschen sowie das dazugehörige Kap. In der Nähe von Hara gibt es zudem eine verfallende U-Boot-Basis aus der Sowjetzeit sowie historische Gutshöfe, die ich leider wegen Zeitmangel nicht besuchen konnte.

Der Lahemaa-Nationalpark ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur schwer zu erreichen. Besser bist du dran, wenn du eine Lahemaa-Tagestour ab Tallinn* buchst oder dir für den Ausflug ein Auto mietest. Im letzten Fall empfehle ich, auf dem Weg kurz am Jägala-Wasserfall, Estlands breitester natürlicher Wasserfall, anzuhalten.

Holzstege führen durch das Virumoor…
…und durch die Wälder des Lahemaa-Nationalparks.

Praktische Tipps

Wann ist die beste Reisezeit für Tallinn: Normalerweise gilt der Sommer als die beste Reisezeit für Tallinn. Ich würde jedoch einen Besuch im Herbst empfehlen. Zum einen lassen dann die Besucherströme nach (Stichwort: Over-Tourismus), zum andern kannst du die weissen Nächte vermeiden. Die Temperaturen waren bei meinem Besuch im Oktober immer noch angenehm.

Wie lange in Talinn bleiben: Um alles zu sehen, was ich hier aufgezählt habe, empfehle ich vier Tage. Am ersten Tag besuchst du die Altstadt. Am zweiten die Industriegebiete sowie Kalamaja. Am dritten gehst du ins Openair Museum und am vierten fährst du zum Lahemaa-Nationalpark. Es gibt aber auch für eine Woche genug zu sehen.

Anreise nach Tallinn: Aus dem deutschsprachigen Raum erreichst du Tallinn am besten mit dem Flugzeug (siehe auch: Meine 13 Tipps, um günstige Flüge zu finden). Tallinn lässt sich jedoch auch hervorragend mit einem Finnlandtrip verbinden. Die Fähre ab Helsinki braucht nur zwei Stunden. Ein Taxi ins Zentrum kostet etwa 10 Euro, die Strassenbahn je nach Ticket ein bis zwei Euro.

Tallinn Hotels und Unterkünfte: Wenn du ein grosses Budget hast und ein etwas gediegeneres Ambiente suchst, dann ist vielleicht das Boutique Hotel Three Sisters* in der historischen Innenstadt die beste Wahl für dich. Einen hohen Standard zu einem vernünftigen Preis bekommst du im Centennial Hotel Tallinn*, leicht ausserhalb des Zentrums. Wenn du lieber in Wohnungen unterkommst, empfehle ich den Stadtteil Kalamaja*.

Herumkommen: Die touristisch interessanten Gebiete lassen sich fast alle zu Fuss erkunden. Der öffentliche Verkehr ist gut ausgebaut, allerdings ist der Kauf von Fahrkarten eine kleine Herausforderung (teilweise nur online möglich). Möglicherweise ist auch der Hop-on Hop-off Bus* eine interessante Option, für den es Karten für 24, 48 und 72 Stunden gibt. Wenn du Ziele in der Umgebung besuchen willst, empfehle ich einen Mietwagen. Siehe hier meine Tipps zur Suche nach günstigen Mietwagen.

Zu den interessantesten Baudenkmälern aus der Sowjetzeit gehören die Bibliotheke….
..und das Soprus-Theater am Rande der Altstadt.

Sparen mit der Tallinn Card: Wenn du gerne viele Sehenswürdigkeiten im möglichst kurzer Zeit besuchst, dann ist die Tallinn Card vielleicht eine gute Option für Dich. Sie erlaubt dir, 40 Museen und Sehenswürdigkeiten zu einer Flatrate zu besichtigen und alle öffentlichen Verkehrsmittel ohne Zusatzkosten zu nutzen. Der Preis hängt von der Dauer der Gültigkeit (24, 48 oder 72 Stunden) ab. Die Karte lohnt sich erst, wenn du pro Tag mindestens drei Sehenswürdigkeiten anschauen möchtest.

Spannende Stadtführungen: Tallinn kannst du locker auf eigene Faust erkunden. Solltest du trotzdem auf der Suche nach spannenden Stadtführungen sein, empfehle ich einen Blick auf das Angebot von GetyourGuide.com*.

Reiseführer für Tallinn: Die Auswahl an Reiseführer für Tallinn ist begrenzt. Wenn du nur Estlands Hauptstadt besuchen willst, ist der Tallinnführer vom Michael Müller Verlag* (Erscheinungsdatum Okt. 2018) eine hervorragende Wahl. Zu ganz Estland gibt es derzeit leider keinen einzigen aktuellen Band. Die meisten Reiseführer umfassen gleich alle drei Baltischen Staaten.Meine Favoriten sind der Band vom DuMont-Verlag* (2017) und der LonelyPlanet* (2016)

Disclaimer: Die Reise wurde durch den Fremdenverkehrsverband Tallinn im Rahmen des Story Teller’s Nest unterstütz. Bei dem mit Sternchen * gekennzeichneten Link handelt es sich um einen Werbe-Affiliatelink. Das heisst, ich bekomme eine Provision für deine Bestellung. Du bezahlst aber nicht mehr. Dies hat keinen Einfluss auf die gefällte Auswahl.

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Oliver Zwahlen

Passionierter Blogger. Im Herzen freier Reisejournalist, aber derzeit Büroangstellter mit Wohnsitz im chinesischen Peking. Siehe auch: Google+

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3 Kommentare

  1. Hi Oli,
    ich war im Sommer vergeblich im Patarei-Gefängnis angelaufen, nachdem ich zuvor von den spannenden Touren dort gelesen habe. Weisst du, ob das Gefängnis wieder aufgeht oder was dort so geplant ist?
    Gruss,
    Petra

    1. Hi Petra,
      ich stand auch vor verschlossenen Türen. Das Gefängnis hätte ich ebenfalls sehr gerne besucht. Wie es weitergehen soll, ist meines Wissens nicht so ganz klar. Ich habe gehört, dass ein Investor interessiert ist, das Gefängnis in ein Hotel zu verwandeln. Aber wie realistisch das ist, kann ich nicht so wirklich sagen.
      Gruss,
      Oli

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