Wenn du in Taiwan einmal etwas wirklich Skurriles sehen möchtest, solltest du an die Nordküste fahren. Dort stehen einige Häuser, die aussehen, als wären sie direkt aus einem Science-Fiction-Film der 1970er-Jahre gefallen. Willkommen im Futuro Village bei Wanli.
Taiwan ist bekannt für seine Nachtmärkte, Wolkenkratzer und Tempel sowie seine spektakulären Berglandschaften. Dass es hier auch eine Ansammlung von ziemlich bizarren UFO-Häusern gibt, dürfte hingegen selbst bei vielen Taiwan-Kennern für überraschte Gesichter sorgen.
Auch ich bin vor einigen Monaten eher zufällig auf ein Bild dieser seltsamen Kunststoffgebilde gestossen, die seit mehreren Jahrzehnten direkt an der Nordküste, quasi an bester Lage, vor sich her gammeln. Wohl auch deswegen, weil ich seit meinem Buch über Lost Places in den Schweizer Alpen einen Soft Spot für verlassene Gebäude habe, wollte ich diesen Ort unbedingt sehen.
Und wie es so läuft, hatte ich kurz darauf auf meiner Rückreise aus Asien tatsächlich die Möglichkeit zu einem Stopover in Taipei. Was soll ich sagen? Die Futoro-Häuser in Wanli gehören zu den ungewöhnlichsten Gebäuden, die ich je in Taiwan gesehen habe. Aber fangen wir zunächst einmal an, wieso sie überhaupt so spannend sind.
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Die Zukunft sollte aus Plastik sein
Um zu verstehen, warum diese fliegende Untertassen in Taiwan herumstehen, müssen wir zunächst nach Finnland. Dort entwickelte der Architekt Matti Suuronen Ende der 1960er-Jahre ein Gebäude, das seiner Zeit weit voraus war. Das Futuro House wurde 1968 ursprünglich als transportables Ski-Chalet entworfen. Es bestand aus glasfaserverstärktem Kunststoff und war deswegen so leicht, dass man es – so zumindest der Plan – mit dem Hubschrauber an abgelegene Orte hätte transportieren können.
Auffälliger als diese praktischen Aspekte ist jedoch die Form. Man braucht keine besonders ausufernde Fantasie, um an eine auf vier Beinen stehende fliegende Untertasse zu denken. Die kleine Treppe, die hoch zur Eingangstür führt, verstärkt diesen Eindruck nur noch.
Den runden Innenraum konnte man sich modular mit Sitzgelegenheiten, Küche, Schlafplätzen und Badezimmer ausgestatten lassen, ein bisschen wie ein Wohnmobil. Im Internet finden sich leicht alte Werbeprospekte, die die Originaleinrichtungen zeigen. Heute versinnbildlicht das Design aber auf wunderbare Weise, wie man sich vor einem halben Jahrhunder die Zukunft des Wohnens vorstellte. Die Fernsehserie „The Jetsons“ lässt grüssen. Nicht ohne Grund gelten die Futoros heute als Stil-Ikone jener Zeit.

Die Feriensiedlung am Strand
Dass die Gebäude von Finnland nach Taiwan gelangten, hängt mit dem hiesigen Getränke-Hersteller Su Ming zusammen. Er war von den runden Gebäuden dermassen begeistert, dass er gegen Ende der 1970er-Jahre an der Nordküste gleich eine ganze Siedlung mit Futuro-Häusern aufbauen liess.
Was dann geschah, wird in den Quellen, die ich gefunden habe, ziemlich unterschiedlich dargestellt. Einig ist man sich vor allem in zwei Dingen: In der ersten Phase haben sich die seltsame Gebäude einigermassen gut verkauft. Doch bereits in den 1980ern geriet die Ferienhaussiedlung in finanzielle Schieflage. Erste Häuser wurden verlassen, die Anlage zerfiel allmählich.
Weniger klar ist, wieso das Projekt scheiterte. Gemäss einer Quelle gab es mehrere Todesfälle, was bei der teilweise abergläubigen Bevölkerung dazu führte, dass niemand mehr die Häuser wollte. Anderswo hiess es, man habe vor allem auf US-Soldaten gezielt, die in der Gegend stationiert waren, die mit der Normalisierung der US-chinesischen Beziehungen dann aber abgezogen wurden. Vielleicht trifft aber auch beides oder nichts zu. Vor Ort traf ich niemanden an, den ich hätte fragen können.
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Nicht mit den UFO-Häusern von Sanzhi verwechseln
Was zur unklaren Quellenlage beigetragen haben könnte: An der Nordküste gab es noch einen zweiten Ort mit UFO-Häusern: Sanzhi. Die teilweise doppelstöckigen Rundbauten sehen sehr ähnlich wie die von Wanli aus und wurden ebenfalls Ende der 1970er Jahre gebaut und schon bald wieder verlassen.
Doch anders als in Wanli wurden die letzten UFO-Häuser von Sanzhi bereits vor fast 20 Jahren abgerissen. Weil sie aber mehrere Jahrzehnte leerstanden, gehörten sie zu den beliebtsten Zielen von taiwanesischen Urban Explorer und tauchten in Netz regelmässig auf, wobei offenbar nicht immer so genau zwischen Wanli und Sanzhi unterschieden wurde.
Auch in Wanli sind bereits mehrere Futuro-Häuser abgerissen worden. Auf historischen Aufnahmen ist die Siedlung deutlich dichter bebaut als heute. Viele der noch bestehenden Gebäude sind zudem in einem desolaten Zustand und könnten auch bald abgerissen werden. Andere hingegen wirken so, als seien sie noch bewohnt. Zumindest sehen die Gärten noch halbweg gepflegt aus und die Gebäude haben teilweise auch Vorhänge.
Wie lange es hier also die letzten Überreste überhaupt noch geben wird, steht in den Sternen. Das macht die Anlage allerdings umso faszinierender, denn sie ist in einem seltsamen Schwebezustand zwischen einem kleinen malerischen Feriendorf und einem trostlosen Geisterort.

Und dann gibt es noch die Venturos
Auch wenn die runden Futuro-Häuser die heimlichen Stars sind, sollte man nicht übersehen, dass Wanli noch eine zweite architektonische Kuriosität besitzt: Die Venturo Häuser. Auch sie stammen von Matti Suuronen, sind aber wesentlich geradliniger designt als das Futuro – und wohl im Alltag ein Spürchen praktischer. Ursprünglich wurden auch sie als moderne Wochenendhäuser konzipiert. Sie bestehen ebenfalls aus vorgefertigten Kunststoffelementen und konnten wegen ihren geringen Gewichts von gerade einmal vier Tonnen relativ einfach transportiert werden.
Weil das Gelände teilweise nicht zugänglich ist, konnte ich die Zahl der Häuser nicht zählen. Es sollen aber laut Fan-Seiten auf dem Gelände noch etwa zehn Futuro- und etwa 20 Venturos geben. Wovon insbesondere letztere Zahl überraschend ist, wurden doch offiziell nicht einmal so viele überhaupt gebaut. Experten gehen deswegen heute davon aus, dass die Gebäude in Taiwan zumindest teilweise nicht-lizenzierte Nachbauten sind. Für mein Laienauge sind allerdings keine nennenswerte Unterschiede zu erkennen.

Warum ich den Ort so interessant finde
Was mir an Wanli besonders gefällt, ist, dass die Anlage nicht einfach eine weitere Sehenswürdigkeit ist, die man abhakt und wieder verlässt. Sie erzählt quasi eine Geschichte über die Vergangenheit der Zukunft. In den 1960er- und 1970er-Jahren glaubten viele Architekten und Designer, dass Kunststoff, modulare Bauteile und neue Produktionsmethoden unser Wohnen revolutionieren würden. Häuser sollten leicht, transportable und günstig sein.
Das Futuro House war die radikale Umsetzung dieser Idee. Heute wissen wir, dass diese Vision nicht Wirklichkeit geworden ist. Stattdessen sind die wenigen erhaltenen Futuros zu begehrten Designobjekten geworden, die anderswo in Design-Museen stehen. Auch wenn wohl die Gebäude zu einem grossen Teil aus Nachbauten bestehen, beherbergt Wanli doch eine weltweit einzigartige Sammlung von retrofuturischen Gebäuden.
Wenn du in Taiwan nur wenige Tage hast, würde ich wegen der Futuro-Häuser nicht unbedingt extra nach Wanli fahren. Wenn du aber ohnehin die Nordküste von Taipei erkundest, sieht die Sache anders aus. Dann würde ich den Abstecher definitiv empfehlen.

Anreise
Die Anreise ist überraschend unkompliziert. Da die Siedlung nur gerade 30 Kilometer nordöstlich von Taipeh direkt am Strand der Green Bay (Feicui Wan) liegt, lässt sich der Besucht leicht als Tagesausflug realisieren. Die Buslinie Buslinie 1815 fährt ab dem Hauptbahnhof Taiwan in etwa anderthalb Stunden über Keelung direkt vor die Siedlung.
Von der Haltestelle Feicui Wan (Green Bay) sind es zu Fuss noch etwa fünf Minuten in Richtung Meer, vorbei am auffälligen Hotel Howard Green Bay Resort (siehe Bild oben). Du kannst natürlich auch mit dem Taxi oder einen Mietwagen hinfahren. Das UFO-Village ist auf Google Maps eingetragen.
Noch ein wichtiger Hinweis für den Besuch: Viele Gebäude sind verlassen, aber nicht ohne Besitzer. Es stehen überall Schilder, die es verbieten, die Gebäude zu betreten. Was nicht zuletzt angesichts des maroden Zustands sowieso sinnvoll ist. Die meisten Gebäude sehen ohne aus, als wären sie fest verschlossen. Urban Explorer sind nicht erst seit kurzem ein Problem. Also am besten akzeptieren und nur von aussen anschauen.
Und wenn du schon in der Gegend bist: Der berühmte Yehliu Geopark, der für seine skurrilen Gesteinsformationen wie den „Kopf der Königin“ bekannst ist, liegt auf der gleichen Busstecke nur ein paar Fahrminuten weiter. Du kannst problemlos beide Orte an einem einzigen Tag besuchen.

Fazit
Ich hatte vor meinem Besuch ehrlich gesagt keine Ahnung, was mich in Wanli erwarten würde. Genau deshalb hat mir der Ort gefallen. Die Futuro-Häuser sind keine klassische Sehenswürdigkeit und schon gar kein perfektes Museum. Viele sind beschädigt, andere verstecken sich hinter Bäumen und die ganze Anlage wirkt stellenweise ziemlich chaotisch. Genau das macht aber den Reiz aus.
Vor über 50 Jahren sollten diese Häuser die Zukunft des Wohnens zeigen. Heute stehen einige von ihnen immer noch an Taiwans Küste. Wenn du also genug von den üblichen Tempeln, Nachtmärkten und Aussichtspunkten hast und in Taiwan einmal etwas wirklich Ungewöhnliches sehen möchtest, solltest du dir die Futuro-Häuser von Wanli anschauen.
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Lieber Oli,
das ist ja ein unglaublicher Ort. Mehr davon! Jetzt weiß ich, woran sich der DDR-Architekt Ulrich Müthe bei seiner Strandwache auf Rügen angelehnt hat. Kannst du die?
Beste Grüße
Gabi
Hallo Gabi,
nein, die kannte ich noch nicht. Aber die sieht tatsächlich ziemlich ähnlich aus wie die Venturos. Gut möglich, dass sich Herr Müthe vom finnischen Original hat inspirieren lassen. Das in Taiwan sind ja wohl auch keine Originale.
Gruss,
Oli