Roadtrip durch Asien: „Uns war wichtig, sich zurückziehen zu können“

Interview des Monats

Jennifer und Peter Glas entschieden sich gleich am Beginn ihrer Beziehung zu einem mehrjährigen Roadtrip durch Asien. Vor wenigen Wochen ist nun ein wunderschöner Bildband zum Trip ihres Lebens erschienen. Jennifer erzählt, wie es zur Reise kam und wieso es ein Lastwagen sein musste.

WRF: Wenige Wochen nach dem ersten Date wusstet ihr bereits, dass ihr gemeinsam um die Welt reisen wollt. Woran merkt man, dass jemand der Richtige für so ein Abenteuer ist?

Jennifer: Ja, wir haben uns tatsächlich nicht sehr lange vor dem Roadtrip kennengelernt. Aber auch bei Paaren, die seit 20 Jahren verheiratet sind, gibt es keine Garantie, dass sie unterwegs zusammen funktionieren. Ob man wirklich den richtigen Partner hat, erkennt man erst, wenn man mitten im Abenteuer steckt. Bei Peter und mir hat auf jeden Fall das Bauchgefühl gestimmt. Und wenn es am Ende doch nicht gepasst hätte, dann hätten wir das schnell gemerkt und wären eben wieder umgekehrt.

Hattet ihr beide schon vorher den Wunsch eine längere Reise zu unternehmen?

Für mich war das immer ein grosser Traum. Ich hatte schon viele längere Reisen von ein bis zwei Monaten unternommen und der Wunsch nach einer Weltreise war definitiv schon lange da. Peter hatte ähnliche Gedanken – doch erst gemeinsam haben wir den Mut gefasst und unseren grossen Traum ins Rollen gebracht. Zu zweit ist es eben einfacher, die Angst vor einem Ausbruch aus der Komfortzone zu überwinden.

Bei euch ging alles sehr spontan. Wie viel Vorbereitung braucht ein Roadtrip von fast drei Jahren?

Wenn man ganz bestimmte Vorstellungen hat wie eine feste Route oder eine konkrete Bucket List, dann bedarf das einiger Recherche. Wir haben uns eher treiben lassen und hatten zunächst nur das grobe Ziel Indien. Einige wenige technische und organisatorische Dinge mussten wir vorab in die Wege leiten, wie etwa das Carnet des Passages oder das Visum für den Iran. Alles andere haben wir unterwegs entschieden und besorgt. Unsere Vorbereitungszeit dauerte weniger als sechs Monate.

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Jennifer und Peter Glas vor ihrem „Glaarkshouse“. Fotos: ZVG

Wieso habt ihr euch für einen Roadtrip entschieden?

Zu Beginn dachten wir an eine Rucksackreise. Doch dann wurde uns immer klarer, dass wir nicht so lange bei anderen Menschen auf der Couch oder in Hostels leben möchten. Womöglich haben wir diese Phase einfach hinter uns. Schnell kam uns dann der Gedanke mit dem Roadtrip in einem Van. So hätten wir unser Zuhause einfach immer dabei. Und das war die absolut richtige Entscheidung. Das Gefühl, in der Fremde immer irgendwie zuhause zu sein, seine eigenen vier Wände um sich zu haben – das würden wir jederzeit wieder tun!

Dafür ist aber der Kontakt mit den Einheimischen schwerer.

Das haben wir nicht so empfunden. Mit einem 7,5-Tonner kann man sich nicht wirklich verstecken. Die alltäglichen Erledigungen wie Einkaufen, Orientierung, Tanken, Trinkwassersuche, Reparaturen und so weiter führten zu unheimlich vielen Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen. Wir wurden oft eingeladen oder standen tagelang im Garten von Familien, haben gemeinsam gegessen, uns gegenseitig geholfen, gemeinsam repariert oder gewerkelt. Ich denke nicht, dass wir es schwerer als Backpacker oder Couchsurfer hatten, in die Kultur einzutauchen. Nur hatten wir eben die Möglichkeit, uns auch mal zurückzuziehen. Das war für uns in den fast drei Jahren immer mal wieder wichtig. In Indien zum Beispiel.

Wieso ausgerechnet ein Lastwagen? Ein normaler Camper hätte es doch auch getan und wäre obendrein viel günstiger gekommen.

Zum einen wollten wir ein Fahrzeug, mit dem wir wirklich überall hinkommen – egal, ob im Himalaya über 5.000 Meter, in Sandwüsten, durch Flussbetten, an Stränden: mit einem Unimog und einer Wattiefe von 1,20 Meter gibt es wenige unüberwindbare Hindernisse. Zum anderen wollten wir bei so einer langen Reisezeit Platz für uns haben. Stehhöhe und ein grosses Bett waren ein Muss.

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Aus dem fast drei Jahre dauernden Roadtrip durch Asien entstand ein schöner Bildband.

Auch im Lastwagen ist der Platz beschränkt. Wie habt ihr vermieden, euch gegenseitig auf die Nerven zu gehen?

Es ist wichtig, dass jeder sich auch mit sich selbst beschäftigen kann. Man kann nicht jede Sekunde zusammen verbringen. Auszeiten – gestaltet durch lesen, schreiben, häkeln, spazieren gehen, Yoga, Meditation oder laufen – gehörten zu unserem Alltag. Und natürlich geht man sich trotzdem mal gewaltig auf die Nerven! Das ist der Punkt, an dem man dann merkt, ob der Reisepartner der Richtige ist…

Nach fast drei Jahren habt ihr in Russland gemerkt, dass ihr genug vom Reisen habt. Was hat euch bewogen, nach Hause zu fahren?

Es gab verschiedene Gründe. Eigentlich war der Plan tatsächlich, über Singapur nach Vancouver zu verschiffen und von dort weiter bis nach Südamerika zu fahren. Doch am Ende überwogen die Sehnsucht nach Freunden und Familie sowie der Wunsch nach einer eigenen Familie. Und da Südamerika uns nicht davon laufen würde, haben wir ganz klar Prioritäten gesetzt.

Rückblickend auf die Reise: Wo würdet ihr am liebsten noch einmal hin?

Das unfassbar schöne Spiti Valley im indischen Himalaya hat unser Herz vermutlich am meisten erobert. Wir erlebten dort unheimlich schöne Monate inmitten beeindruckender Hochgebirgslandschaften und unter wundervoll friedlichen Menschen buddhistischen Glaubens. Die Anreise ist anspruchsvoll, mit dem Fahrzeug nicht immer ungefährlich und nur in den Sommermonaten möglich. Doch man wird mit einer ganz eindrücklichen Kultur und einer atemberaubenden Natur belohnt. Dort möchten wir – sobald unsere Tochter etwas grösser ist – noch einmal hin. Aber auch der Iran und Russland – Länder, über die in den Medien sehr polarisierend berichtet wird – haben bei uns grossen Eindruck hinterlassen. Russland kannte ich von einer früheren Reise und möchte es unbedingt einmal mit Peter und unserer Tochter im Winter bereisen.

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Wohnbereich des Expeditionsfahrzeugs.

Lesetipp: Bildgewaltige Liebesgeschichte durch 34 Länder

55.000 Kilometer ratterterten Jennifer und Peter in ihrem „Glaarkshouse“ durch Asien – von München nach Wladiwostok und zurück. Unterhaltsam und anekdotenhaft schildet das frisch verliebte Paar, was sich auf der Tour zugetragen hat. Mehr Bildband als Reisebericht ist „Roadtrip“ eines der optisch schönsten Reisebücher, die ich ja gelesen habe. OZ.

Reisedepeschen Verlag, September 2018. 272 Seiten, 35 Euro. Hier bei Amazon bestellen*.

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Oliver Zwahlen

Passionierter Blogger. Im Herzen freier Reisejournalist, aber derzeit Büroangstellter mit Wohnsitz im chinesischen Peking. Siehe auch: Google+

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3 Kommentare

    1. Ja, finde das auch sehr beeindruckend – vor allem auch wenn man bedenkt, wie schnell den beiden klar war, dass sie sich in dieses Abenteuer stürzen wollen. Natürlich stimmt es, dass man die Reise früher aufgeben kann, wenn es mit der Beziehung unterwegs doch nicht so klappt. Aber dann hat man ja trotzdem schon den Haushalt aufgegeben und den Job gekündigt.

  1. Eine fantastische Reise! Ich habe die Beiden damals live auf ihrem Trip verfolgt. Mit einem eigenen Fahrzeug hast du viel mehr Möglichkeiten, aber natürlich auch Verantwortung. Als Backpacker sehne ich mich gelegentlich nach mehr Spielraum, dann wird es immer Zeit für einen Roadtrip.

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