Reisen in Thailand: „Das Land verwandelt sich zunehmend in eine Familiendestination“

Interview des Monats

Julia Kaenrat (34) lebt seit 7 Jahren mit ihrem thailändischen Mann und 2 Kindern in Nordthailand. Dort führt die Münsterländerin ein kleines Reisebüro, das westlichen Besuchern die Kleinode des Landes näherbringt. Im Interview reden wir über Massentourismus, steigende Preise und das Verschwinden der Backpacker.

WRF: Der Tourismus in Thailand wächst seit Jahren rasant. 2019 wird das Land wohl die Marke von 40 Millionen Besuchern knacken. Gibt es überhaupt noch Orte, wo man sich nicht auf die Füsse tritt?

Julia: Klar gibt es die. Auf den Inseln im Süden sind sie natürlich ein bisschen schwerer zu finden als etwa im Isaan, der generell unterschätzt und kaum besucht wird. Wer sich auf die Suche nach weniger frequentierten Orten macht, kann diese problemlos finden. Er sollte sich aber bewusst sein, dass diese häufig keine so gut ausgebaute touristische Infrastruktur bieten. Die Menschen sprechen kaum Englisch und die Unterkünfte sind vergleichsweise bescheiden. Es braucht also ein bisschen Abenteuergeist. Aber es zahlt sich aus.

Werden solche Orte überhaupt nachgefragt?

Auf jeden Fall. Die meisten Reisenden wollen authentische Erlebnisse, bei denen sie nicht auf andere Touristen treffen. Sehr beliebt bei unseren Gästen sind zum Beispiel lokale Märkte. Da stehen manche bereits um fünf Uhr auf, um deren typische Atmosphäre aufzusaugen. Ein anderer Dauerbrenner ist der Besuch von einfachen Waldtempeln, wo sich die Leute vom lokalen Abt segnen lassen. Generell habe ich den Eindruck, dass alles eine starke Nachfrage erlebt, was den Kontakt zu den Menschen vor Ort beinhaltet.

Du organisierst Reisen über Evaneos. Die Plattform vermittelt massgeschneiderte Rundreisen. Was kann man sich bei dir Besonderes wünschen?

Es ist von Unterkünften über Aktivitäten, Transporten bis hin zu Guides vor Ort eigentlich alles möglich. Wir nehmen lediglich Abstand von Dingen, die wir aus ethischen Gründen nicht anbieten wollen. Sehr empfehlenswert finde ich eine Fahrradtour, die durch die verschlungenen Gassen der Hauptstadt führt. Toll finde ich auch ein Homestay von einem älteren Paar, das viele Jahre als Reiseführer arbeitete. Ohne Einbussen an Komfort kann man bei ihnen den kompletten Alltag einer Bauernfamilie miterleben, einschliesslich der Arbeit auf dem Feld, dem Einkaufen auf den Märkten und vieles mehr.

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Julia Kaenrat führt in Thailand ein Reiseunternehmen.

 

Du sprichst ethische Überlegungen an. Was kann ich als Besucher tun, um möglichst wenig Schaden anzurichten?

Derzeit sind Plastiktüten ein grosses Thema. In kaum einem anderen Land werden so viele Wegwerftüten verbraucht wie in Thailand. Erfreulicherweise ist da nun einiges in Bewegung und erste Orte haben bereits Verbote eingeführt. Diesen Prozess kann man unterstützen, indem man in den Convenient Stores und auf den Märkten generell unnötige Verpackung ablehnt. Ein weiterer Punkt ist, bei Touren und Ausflügen auf Nachhaltigkeit zu schauen. Wir schliessen beispielsweise prinzipiell Ausflüge zu Tigertempeln und Kobrashows sowie den Besuch der sogenannten Langhalsfrauen aus. Bei Elefantencamps sind wir hingegen ein bisschen zwiegespalten.

Inwiefern?

Auch wenn sich in den letzten Jahren vieles verbessert hat, bleiben die Elefantencamps problematisch. Die Tiere werden zwar seltener geritten, und vermehrt gemeinsam mit Touristen gewaschen und gepflegt. Das ist bereits ein Fortschritt, aber aus Sicht des Tierschutzes noch immer alles andere als perfekt. Andrerseits muss man auch sehen: Die Elefanten sind nun einmal da. Da sie nicht ausgewildert werden können, würde ein Ende dieser Camps das Todesurteil für hunderte Tiere bedeuten.

Was ist es eigentlich, das Thailand so erfolgreich macht?

Da spielen wohl mehrere Faktoren zusammen. Einerseits die hervorragende Infrastruktur und die atemberaubenden Landschaften. Andrerseits aber auch die Menschen vor Ort. Thais haben in der Regel die Fähigkeit, den Besuchern genau das bieten, was sie brauchen. Hinzu kommt, dass die Menschen im Vergleich zu einigen Nachbarländern nicht aufdringlich sind und das Essen wirklich lecker ist.

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Tempel in der Umgebung von Chiang Mai.

 

Ein weiterer Faktor dürften die günstigen Preise sein.

Ja, aber Thailand ist nicht mehr das Billigreiseziel von einst. Die Preise haben in den letzten Jahren stark angezogen. Die Zeiten, als man noch im ganzen Land einfache Zimmer für 100 Baht finden konnte, sind längst vorbei. Bangkok ist sogar richtig teuer geworden und steht heute auf Platz 40 der teuersten Hauptstädte der Welt. Ein Bier kostet in Thailand inzwischen oft mehr als in Deutschland. Ein Flug von Chiang Mai nach Koh Samui kann die Reisekasse schon einmal um 300 Euro erleichtern. Diese Preisentwicklung widerspiegelt sich übrigens auch darin, dass inzwischen viele europäische Rentner wegziehen: Mit ihren spärlichen Renten können sie sich das Leben hier kaum noch leisten.

Das wirkt sich dann wohl auch auf die Backpackerszene aus.

Ich habe ohnehin den Eindruck, dass Backpacker unabhängig vom Preisgefälle eine immer geringere Rolle spielen. Ich habe oft 21-Jährige mit hervorragenden Sprachkenntnissen und viel Zeit, die sich eine komplett durchgebuchte Tour organisieren lassen. Da denke ich manchmal: Nehmt doch einfach einen Reiseführer in die Hand und lasst euch treiben. Der Trend geht deutlich in Richtung komfortableres Reisen mit Boutiquehotels und geführten Touren. Sehr stark wächst der Bereich der Familienreisen. Das ist auch nicht verwunderlich, da Thailand unglaublich kinderfreundlich ist. Das erlebe ich täglich mit meinen eigenen Kleinen: Wenn mal eines schreit, geben die Leute hier ihr Bestes, um das Kind wieder zum Lachen zu bringen.

Zum Schluss die Glaubensfrage: Wo ist Thailand schöner: Im Norden oder im Süden?

Da ich im Norden lebe, hat für mich persönlich der Süden eine stärkere Anziehungskraft. Aber im Prinzip ist das eine Geschmacksache, denn man findet alles überall. Der Süden besteht ja auch nicht nur aus Stränden, sondern es gibt auch viele tolle Tempel und schöne Märkte. Bei den Bergvölkern im Norden frage ich mich wiederum, ob das für Besucher nun wirklich so einen grossen Unterschied macht, ob sie in einem Thai- oder einem Minderheitendorf sind.

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Thailand ist für immer mehr Leute eine Verwöhndestination.

 

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Oliver Zwahlen

Passionierter Blogger. Im Herzen freier Reisejournalist, aber derzeit Büroangstellter mit Wohnsitz im chinesischen Peking. Siehe auch: Google+

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2 Kommentare

  1. Irgendwie ironisch, dass man eine „authentische Erfahrung ohne Touristen“ als Tour buchen will und dann auch noch auf nem Markt. Märkte es in Thailand ja nun wirklich in jedem Kaff und auch in Chiang Mai an jeder Ecke.

    Wer will kann in Chiang Mai einfach mal 10 Minuten vom Nordtor zum Siri Wattana Markt laufen. Der ist recht groß und dort hat es fast nie Touristen. Man muss auch net um 5 Uhr aufstehen 😉

    1. Ja, das ist schon etwas schräg. Das liegt zum einen vermutlich an den Zusätzen, die du bei einer Tour bekommst. Ein Guide kann dir viele interessante Hintergrundfacts liefern. Zum anderen denke ich, dass das auch einfach irgendwie der Zeitgeist ist: Man will Abenteuer, dann aber mit doppeltem Boden und Sicherheitsnetz. Ich persönlich versteh ja auch nicht, wieso es sich Leute bei einer Hotelreservation antun, zehn Bewertungen durchzulesen, wenn man sich auch einfach kurz das Zimmer ansehen kann.

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