Indien-Rundreise mit Fahrer: Was dafür und was dagegen spricht

Indien ist ein Fest für die Sinne. Gerade bei der ersten Reise kann Indien aber auch eine Überlastung sein. Wenn du einen überraschend preiswerter Mittelweg zwischen Komfort und Abenteuer suchst, ist eine Indien-Rundreise mit Fahrer vielleicht das Richtige. Hier die Vor- und Nachteile solcher Privatrundreisen.

Bei der miserablen Infrastruktur und dem maximalen Kulturschock ist auf einer Indienreise ein hohes Frustpotenzial vorprogrammiert. Ein ehemaliger Arbeitskollege, der lange in Delhi lebte, sagte einmal sinngemäss zu mir: „Für Indien brauchst du entweder viel Geld oder viel Zeit. Alles, was zwischen diesen beiden Polen liegt, wird dir den Urlaub versauen.“

Auch wenn ich das nicht so absolut formuliert hätte, gebe ich ihm in der Sache Recht. Von all meinen Bekannten, die in Indien unterwegs waren, kamen jeweils zwei Gruppen am zufriedensten zurück: Jene, die eine Luxustour gebucht hatten, und jene, die sich als Backpacker mehrere Monate Zeit liessen. Auch meine Liebe zu Indien entflammte erst auf einer Dreimonatstour.

Wenn beides für dich nicht in Frage kommt, dann ist vielleicht eine Rundreise mit einem privaten Fahrer ein guter Mittelweg. Auf diese Weise verbindest du die Freiheit einer Backpackertour mit der Bequemlichkeit einer geführten Rundreise. Gleichzeitig sind solche Privatrundreisen in Indien günstiger, als du vermutlich denkst.

Im Februar habe ich das zum erstem Mal selber getestet. Zwei Wochen lang bin ich gemeinsam mit einem Freund und einem privaten Chauffeur durch das wunderschöne Rajasthan gekreist. Von diesem Erlebnis möchte ich heute erzählen und die Vor- und Nachteile des Reisestils in sechs Punkten beleuchten. Am Ende gibt es – wie immer – ein paar praktische Tipps.

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Punkt 1: Die Effizienz des Reisens

Der aus meiner Sicht wichtigste Grund für eine Indien-Rundreise mit Fahrer ist die Effizienz. Du wirst mindestens doppelt so viele Orte besuchen können wie auf einer klassischen selbstorganisierten (Rucksack-)Rundreise. Wieso ist das so?

Zum einen aus naheliegenden Gründen: Der Fahrer holt dich im Hotel ab und bringt dich auf direktem Weg zu deinem Wunschziel. Du musst weder auf den Bus warten noch jemals umsteigen. Und natürlich erreicht ein Auto fast immer höhere Spitzengeschwindigkeiten als ein klappriger Tata-Bus oder ein Zug.

Genauso wichtig ist aber, dass du keine Zeit mit der Organisation der Reise verlierst. Wenn du je versucht hast, in Indien ein Zugticket zu reservieren, weisst du, dass du damit locker einen halben Tag verbringen kannst. Bei Bussen heisst es zwar immer, dass sie in wenigen Minuten losfahren – aber dann drehen sich doch erst einmal während einer Stunde Runden ums Terminal, um weitere Passagiere aufzuladen.

Für Tagesausflüge lassen sich auch Jeeps mit Fahrer mieten.

 

Punkt 2: Die Bequemlichkeit

Wer eine Indien-Rundreise mit Fahrer bucht, der tut dies in der Regel auch aus Gründen der Bequemlichkeit. Du brauchst niemals deinen Koffer zu schleppen (das Verladen erledigt gerne jemand vom Hotel – Trinkgeld nicht vergessen!) und du brauchst dich in keinen überfüllten Bus oder Eisenbahnwagen der dritten Klasse zu drängen.

Diese Vorteile lassen sich nicht bestreiten. Trotzdem war ich überrascht, dass der Bequemlichkeitszuwachs bei dieser Reiseart geringer ausfiel, als ich angenommen habe. Die mit Schlaglöchern übersähten Strassenbelage und die Staus in den Grossstädten werden auch nicht besser, nur weil du in einem Auto sitzt.

Vor allem aber geht ein Teil der Spontanität verloren. Du musst nicht nur die grobe Route vor Reisebeginn festlegen, sondern auch alle Kleinigkeiten mit dem Fahrer absprechen. Wann möchtest du am Morgen abgeholt werden? Wie lange willst du dir das historische Zentrum von Jodhpur ansehen? Das ist zwar keine grosse Sache – trotzdem ist dieser Freiheitsverlust für mich auch ein Verlust von Reisequalität.

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Bequem ist das Reisen mit Fahrer, aber es geht ein Teil der Freiheit verloren.

 

Punkt 3: Die Sicherheit

Hinsichtlich der Sicherheit hat Indien einen angeschlagenen Ruf. Taschendiebstähle oder gar Raubüberfälle sind zum Glück selten. Aber die regelmässigen Schocknachrichten über Gruppenvergewaltigungen und andere brutale Sexualdelikte verunsichern nicht nur Frauen.

Ein Chauffeur erhöht deine Sicherheit, da du selten durch dunkle Gassen zu deinem Hotel zurücklaufen musst. Ein verantwortungsvoller Fahrer wird sich dafür einsetzen, dass seine Kunden am Ende heil zum Flughafen gelangen. Für viele ist nicht nur eine Frage der Gastfreundschaft, sondern auch der Berufsehre.

Ausserdem kennen die Fahrer die klassischen Tricks, mit denen Touristen vor Ort übers Ohr gehauen werden sollen. Auf dem Parkplatz vor einer Sehenswürdigkeit warnte uns unser Fahrer vor falschen Ticketverkäufern, an einem anderen Ort empfahl er uns – wenn überhaupt – nur die offiziellen Reiseführer zu buchen.

So ganz ohne Hintergedanken läuft aber auch bei den Fahrern nichts. Mehrmals hatte ich das Gefühl, dass er uns einen Laden aufschwatzen wollte, in dem er eine Provision erhält. Zwei Mal vermittelte er uns mit der (falschen) Begründung an einen befreundeten Tuktuk-Fahrer, dass die Gassen zu eng für sein Auto seien. Allerdings geschah dies immer in einem so freundlichen und unaufdringlichen Ton, dass ich mich darüber noch nicht einmal geärgert habe.

Rechne damit, dass du auch einmal im Laden des Cousins landest…

 

Punkt 4: Der Kontakt mit den Einheimischen

Ich las vor einiger Zeit in einem Blogbeitrag, dass ein einheimischer Driverguide ein idealer Türöffner sei, um mit der einheimischen Bevölkerung in Kontakt zu treten. Er könne übersetzen und so eine Verbindung zu den Menschen herstellen, die sonst wenig mit Touristen zu tun haben.

Das kann ich so nicht bestätigen. Unser Fahrer hat zwar immer wieder interessante Geschichten aus seinem Leben erzählt und wir konnten in den zwei Wochen tatsächlich eine starke persönliche Verbindung aufbauen. Dass wir aber einen besseren Draht zu anderen Menschen hatten, den Eindruck gewann ich nicht.

Im Gegenteil: Ich hatte noch auf keiner Reise das Gefühl, so weit von den Menschen entfernt zu sein. Das lag nicht nur daran, dass uns eine getönte Scheibe von der Aussenwelt trennte, sondern auch daran, dass wir fast jeden Tag den Ort wechselten. Tiefere Gespräche entwickeln sich jedoch meistens erst bei der zweiten Begegnung. Trotzdem ist es nicht schlecht, auch einmal einen Rückzugsort zu haben.

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Um mit den Menschen in Kontakt zu kommen, braucht es vor allem eines: Viel Zeit.

 

Punkt 5: Die Ortskenntnisse (Geheimtipps)

Glaubt man der Werbung der Anbieter, dann gehören die intimen Ortskenntnisse der Fahrer zu den wichtigsten Vorteilen einer Privatrundreise. Mit Hilfe ihrer Erfahrung helfen die Chauffeure den Reisenden, jede Menge Abenteuer abseits der touristischen Trampelpfade zu erleben, so das Versprechen.

Zumindest bei unserem Fahrer war das nicht so. Selbst bei den bekanntesten Sehenswürdigkeiten des Landes kannte er oft nur den Parkplatz und die am nächsten gelegene Toilette – was in Indien aber durchaus hilfreich sein kann. „Geschichte interessiert mich nicht wirklich“, sagte er einmal.

Nach allem, was ich gelesen habe, war das kein Einzelfall. Fahrer betätigen sich generell nicht als Guides und kommen in der Regel auch in keine Sehenswürdigkeiten mit. Das heisst für dich: ein Chauffeur kann dir vieles über den Alltag der Menschen erzählen, aber er entbindet dich nicht von der Recherche und der Entscheidung, was du dir unterwegs genau anschauen willst.

Das Zentrum von Bikaner mussten wir uns trotz Fahrer mit einem Tuktuk ansehen.

 

Punkt 6: Kosten für eine Indien-Rundreise mit Fahrer

Die Preise variieren je nach Fahrzeugklasse und Ausstattung, ausserdem spielt die von dir gewählte Route eine Rolle. Wie die Preise genau berechnet werden, ist bei jeder Firma etwas anders. In der Regel sind bei einem Tagespreis etwa 200 – 300 Kilometer inbegriffen. Was darüber hinausgeht, wird zusätzlich berechnet.

Die Preispolitik der Mietwagenvermittler ist leider nicht immer sehr transparent. Am besten schreibst du also verschiedene Firmen und Fahrer mit der geplanten Route an und schaust, was sie dir offerieren. Rechne grob mit einem Tagespreis von 50 bis 80 Euro. Der Preis gilt für den Wagen, unabhängig davon, mit wie viel Personen du ihn buchst.

Das heisst, wenn du zu zweit oder mit noch mehr Leuten zusammen unterwegs bist, sind die Kosten ziemlich überschaubar. Im Preis ist auch eine Essens- und Übernachtungspauschale für den Fahrer inbegriffen. Wir haben nie gesehen, wo unser Fahrer abstieg; angeblich übernachten aber viele im Auto, um Geld zu sparen.

Die Fahrer erwarten am Ende der Reise ein Trinkgeld. Die Höhe kannst du davon abhängig machen, wie zufrieden du mit der Dienstleistung warst. 200 bis 400 Rupien pro Tag gelten als angemessen.

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Abendstimmung über dem Piccholasee bei Udapur.

 

So findest du in Indien einen Mietwagen mit Fahrer

Der Mietwagenmarkt in Indien ist stark fragmentiert und die einzelnen Anbieter bemühen sich wie bereits erwähnt nicht um eine hohe Kostentransparenz. Das heisst, dass du mit mehreren Akteuren in Kontakt treten musst, um Angebote zu vergleichen.

Dabei hast du grundsätzlich zwei Möglichkeiten. Erstens kannst du lokale Vermieter kontaktieren. Ich war in Rajasthan zum Beispiel mit dem in Jaipur ansässigen Janu Private Tours* unterwegs und habe damit durchwegs gute Erfahrungen gemacht. Zweitens kannst du einen selbständigen Fahrer anheuern.

So waren wir auf unserer Indien-Rundreise mit Fahrer unterwegs.
Mit diesem Toyota waren wir zwei Wochen nach in Rajasthan unterwegs.

 

Fahrer, die auf eigene Faust arbeiten, findest du hauptsächlich in Internetforen und Facebookgruppen. Dort werden sie in der Regel von zufriedenen Kunden weiterempfohlen. Da selbständige Fahrer auf solche Empfehlungen angewiesen sind, geben sie sich oft besonders viel Mühe. Ausserdem operieren sie häufig ein bisschen günstiger als die Vermittlerfirmen.

Agenturen findest du am besten über die Suchmaschine deiner Wahl. Alternativ kannst du dir deine Reise aber auch gleich komplett bei einem Reiseveranstalter organisieren lassen. Wir fanden unseren Fahrer sowie die Hotels über den indienweit tätigen Reiseveranstalter India Someday*. Leser vom Weltreiseforum erhalten mit dem Code „weltreiseforum05“ übrigens einen Preisnachlass von 5 Prozent.

Falls du India Someday nicht kennst: Das deutschsprachige Reisebüro aus Indien stellt auf deine persönlichen Interessen abgestimmte Rundreisen zusammen. Dabei kannst du nicht nur die Region und Sehenswürdigkeiten wählen, sondern auch dein Luxuslevel bestimmen. Möchtest du das Land mit Mietwagen oder doch eher mit dem Zug bereisen? Bevorzugst du gesellige Hostels, Eco-Resorts oder Sternehotel? Deine Wahl!

Profitipp: Bei mehrtägigen Rundreisen während der Hauptsaison lohnt es sich, das Fahrzeug und den Fahrer möglichst frühzeitig zu reservieren. Tagesausflüge kannst du hingegen meistens spontan buchen.

*Diese Infobox enthält Werbung für meine beiden Sponsoren Janu Private Tours und India Someday!

 

Praktische Tipps

Geeignete Regionen: Touren mit privatem Fahrer sind in ganz Indien möglich. Die meisten Angebote findest du aber in Rajasthan (siehe auch: meine zehn persönlichen Highlights in Rajasthan) und Kerala. Beide Orte eignen sich wegen der hohen Dichte von Sehenswürdigkeiten besonders gut für eine Mietwagen-Rundreise. Ebenfalls eine gute Wahl ist Nordostindien, da dort der öffentliche Verkehr sehr schwach ausgebaut ist.

Rundreisen versus Streckenreisen: Du kannst dir jede beliebige Route aussuchen. Beachte aber, dass die Fahrer in der Regel wieder zum Startpunkt der Reise zurück müssen und dass dir deswegen der letzte Streckenabschnitt auch dann verrechnet wird, wenn du gar nicht mehr mitfährst. Daher sind Rundrouten oft geeigneter.

Distanzen richtig einschätzen: Indien ist gross und Schnellstrassen sind vergleichsweise selten. Rechne bei der Routenplanung also unbedingt genügend Zeit ein und bedenke, dass dein Fahrer alle zwei Stunden eine längere Chai-Pause machen möchte. Google Map gibt einigermassen realitische Fahrzeiten an.

Indiens Strassen sind voller Hindernisse.

 

Kommunikation: Auch wenn die meisten Fahrer einigermassen gut englisch sprechen, solltest du bei der Buchung noch einmal gezielt darauf hinweisen, dass du einen englischsprachigen Chauffeur brauchst. Für die Kommunikation mit den Menschen vor Ort empfehle ich dir meine Tipps und Tricks zur Kommunikation ohne Worte.

Konnektivität: Die meisten Fahrer haben ein Smartphone und du kannst sie in der Regel per SMS oder Whatsapp über allfällige Planänderungen informieren. Damit das klappt, empfehle ich den Kauf einer lokalen SIM-Karte. Um die schlimmste Bürokratie zu vermeiden, kaufst du sie dir am besten gleich bei der Einreise am Flughafen. Ich selber verwende ein GlocalMe.

Mietwagen ohne Fahrer: Da Indien den internationalen Führerschein anerkennt (nur in Kombination mit deinem nationalen Führerschein), kannst du theoretisch auch ein Auto ohne Fahrer mieten. Davon würde ich aber eher abraten. Erstens macht das preislich kaum einen Unterschied und zweitens fehlt bei allen Autos, die ich bisher finden konnte, eine vernünftige Haftpflichtversicherung. Das heisst, dass du in einem Schadensfall sehr schnell auf extrem hohen Kosten sitzen bleibst. Siehe hier: Tipps zur Suche nach günstigen Mietwagen ohne Fahrer.

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Oliver Zwahlen

Passionierter Blogger. Im Herzen freier Reisejournalist, aber derzeit Büroangstellter mit Wohnsitz im chinesischen Peking. Siehe auch: Google+

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4 Kommentare

  1. Sehr interessanter Reisebericht – danke.

    In Indien reiste ich ja fast immer mit dem eigenen Auto. Das ist die weitaus schönste Reiseart – doch leider ist die Fahrt dahin zurzeit etwas arg problematisch.
    Manchmal war ich auch mit einem Mietauto mit Fahrer unterwegs. Die Fahrer waren alle nett und gaben sich Mühe, aber die meisten waren auch völlig talentfrei. Sie kannten sich nicht aus und interessierten sich nicht für Indien. Sie machten bloss ihren Job…

    Aber Indien ist grossartig. Bunt, lärmig, würzig..

    liebe Grüsse vom Muger

    1. Das habe ich bei unserem Fahrer ähnlich erlebt. Wobei ich es auch vollkommen in Ordnung finde, wenn sich ein Fahrer nicht gross für die Sehenswürdigkeiten interessiert. Schliesslich bezahlen wir ihn ja ausschliesslich dafür, dass er uns sicher und komfortabel von A nach B bringt. Driverguides – also Personen, die sowohl als Fahrer wie auch als Reiseführer agieren – gibt es ja auch. Aber die kosten dann entsprechend mehr.

  2. Danke für den Einblick! Auf die Idee, so durch Indien zu reisen, bin ich irgendwie nicht einmal gekommen. Ich kann auch immer noch nicht 100-prozentig sagen, ob ich so reisen würde, tendiere aber ein kleines bisschen in Richtung „Nein“, und zwar vor allem wegen der Freiheit, die verloren geht, wie Du es auch beschrieben hast.

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