Ethisches Reisen: Meine fünf grössten Dilemmas unterwegs

Wo wir hingehen, wollen wir keinen Schaden anrichten. Ethisches Reisen ist unter den meisten Touristen Konsens. Und dennoch: Kaum jemandem gelingt es, stets das Richtige zu tun. Das hängt auch damit zusammen, dass Ethik oft voller Widersprüche ist.

Tourismus ist ein zweischneidiges Schwert: Auf der einen Seite ermöglicht er etwa den Bewohnern von strukturschwachen Regionen ein besseres Einkommen und führt im besten Fall zu einem kulturellen Austausch. Gleichzeitig aber schädigt die Mobilität die Umwelt und kann das wirtschaftliche Gleichgewicht durcheinanderbringen.

Das Problem ist: Die Folgen unseres Handelns sind so komplex und oft auch so widersprüchlich, dass es sich im Einzelfall kaum abschätzen lässt, ob nun die positiven oder die negativen Aspekte überwiegen. Wer Schaden vermeiden will, muss deshalb für sich einen Kompass finden, nach dem er oder sie handeln kann.

In diesem Artikel möchte ich die fünf ethischen Dilemmas beschreiben, die mir auf Reisen am häufigsten begegnen. Anschliessend werde ich schildern, wie ich mit ihnen umgehe. Mir ist bewusst, dass das Thema kontrovers ist. Daher ist dieser Artikel als Diskussionsgrundlage zu verstehen. Anders formuliert: Es freut mich, wenn ihr eure Einschätzung in einem Kommentar hinterlässt – egal, ob ihr mir zustimmt oder es komplett anders seht.

Und noch etwas bevor wir starten: Dieser Artikel ist Teil meiner Reihe «Top 5», in der ich jeweils meine fünf wichtigsten Punkte zu einem bestimmten Thema zusammenstelle. Die Idee dahinter ist, dass sich vor allem Neuleser hier schneller zurecht finden. Deswegen verweise ich am Ende auch nach Möglichkeit auf ausführlichere Artikel im Archiv.

 

Dilemma 1: Sollen wir in Diktaturen reisen?

Man kann es drehen wie man will: Die Welt besteht leider nicht nur aus Vorzeigedemokratien mit makelloser Menschenrechtsbilanz, sondern auch aus korrupten und menschenverachtenden Diktaturen – und jeder Menge Länder irgendwo zwischen diesen beiden Extremen.

Die Frage ist also: Sollen wir in Staaten reisen, in denen Menschenrechte mit Füssen getreten werden? Machen wir uns mitschuldig, wenn wir Unrechtsregimes durch die Einnahmen aus dem Tourismus unterstützen, also mit unserem Geld? Und wo sollen wir die Grenze ziehen zwischen dem gerade noch Akzeptablen und den klaren No-Gos?

Für mich ist das übrigens gleich aus zwei Gründen das wichtigste ethische Dilemma beim Reisen. Zunächst einmal, weil ich mir lose zum Ziel gesetzt habe, bis an mein Lebensende jedes Land der Welt besucht zu haben. Aber auch, weil ich lange in China lebte und ein (stellenweise durchaus kritisches) Buch darüber geschrieben habe, wie besuchenswert das Reich der Mitte ist.

Meine Überlegungen: Reise-Boykotte werden immer wieder gefordert mit Myanmar als dem bekanntesten Beispiel. Die Frage ist allerdings, welche Wirkung das Fernbleiben der Besucher tatsächlich hat. Denn meistens ist es so, dass Reise-Boykotte diejenigen schwer treffen, die ohnehin benachteiligt sind, also zum Beispiel Minderheiten, Frauen und Kinder oder Oppositionelle. Die Mächtigen hingegen wissen auch so, wie sie an ihre Pfründe kommen.

Die Geschichte hat immer wieder gezeigt, dass Sanktionen selbst bei kritischen Zeitgenossen zu einer trotzigen Verteidigung ihrer Heimat führen. Und prekäre Wirtschaftslagen sind auch nicht gerade als Garant für Demokratie und Freiheit bekannt. Was wir ebenfalls nicht vergessen dürfen: In Ländern mit stark zensierten Medien sind ausländische Besucher oft eines der wenigen Fenster zur Welt.

Mein Fazit: Niemand soll an Orte reisen, an denen er oder sie sich nicht wohlfühlt. Aber wir sollten uns auch klar sein, dass Reise-Boykotte in vielen Fällen mehr schaden als nutzen. Meiden würde ich deswegen nur Länder, in denen die Einnahmen durch den Tourismus kaum der Bevölkerung nützen, sondern nur die Kassen von Diktatoren füllen. Das wäre für mich aktuell hauptsächlich Nordkorea.

Mehr dazu hier: Wieso Reiseboykotte kaum etwas nützen

Seit China immer autokratischer wird, stellt sich wieder häufiger die Frage: Ist es okay, Diktaturen zu besuchen?

 

Dilemma 2: Sollen wir Touristenpreise bezahlen?

Es ist eine alltägliche Situation: Ich weiss genau, dass die Strecke mit dem Tuktuk nicht mehr als 25 Baht kosten darf und dennoch beharrt der Fahrer auf dem Fünffachen des normalen Preises. Der einzige Grund für den Preisunterschied: Ich bin ein ausländischer Tourist und werde damit als leichtes Opfer angesehen.

Die Frage ist: Soll ich auf einen fairen Preis pochen und notfalls zu Fuss gehen oder mich vom Fahrer übervorteilen lassen? Zwar geht es bei diesen kleinen Mogeleien meist um Beträge, die mir nicht wirklich weh tun, für den Fahrer jedoch einen Unterschied machen. Anderseits ist auch das eine Spielart von Rassismus und ich lasse ich mich ungern für dumm verkaufen.

Auf diesen Konflikt stosse ich häufig und in zahlreichen Variationen. Bisweilen gelten offiziell unterschiedliche Preise für In- und Ausländer. Da lässt sich nichts machen. Und manchmal kommen die Fantasie-Aufschläge auch erst, nachdem ich bereits konsumiert habe – und werden dann in einer Weise präsentiert, die mich verunsichern soll, ob ich vielleicht nicht doch etwas missverstanden habe.

Meine Überlegungen: Waren und Dienstleisten sollen fair vergütet werden. Finanziell weniger privilegierten Menschen die letzte Rupie, den letzten Kipp oder den letzten Birr wegdiskutieren, das will ich auf keinen Fall. Aber einzig auf Grund meiner Hautfarbe übervorteilt zu werden, das finde ich auch nicht gerade prickelnd.

Es kommt ein weiterer Punkt dazu: Wenn ausländische Touristen regelmässig deutlich mehr bezahlen als Einheimische, führt das dazu, dass Händler oder Taxifahrer irgendwann ihre Landsleute stehenlassen und stattdessen lieber Touristen durch die Gegend kutschieren.

Solange das Angebot ausreichend gross ist, spielt das keine Rolle. Aber bei knappen Gütern führen Touristenpreise über kurz oder lang dazu, dass die Lebenshaltungskosten für die Einheimischen steigen. Besonders tragisch ist dies beim Wohnraum, wenn Wohnungen durch Airbnbs verdrängt werden. Übermässige Grosszügigkeit kann dazu führen, dass die Kaufkraft der Menschen abnimmt.

Mein Fazit: Ich versuche herauszufinden, was für beide Seiten faire Preise sind. Über Cent-Beträge stundenlang zu streiten, das liegt mir nicht. Aber dreiste Abzocker lasse ich schon mal stehen, schliesslich habe ich als Tourist nicht nur eine Verantwortung gegenüber den Einheimischen, sondern auch gegenüber den Reisenden, die nach mir kommen.

Mehr dazu hier: Wie mich in Äthiopien Hyänen vor ein Dilemma stellten.

Wie umgehen mit Touristenpreise? Bei manchen Sehenswürdigkeiten ist die Preisdiskriminierung sogar offziell.

 

Dilemma 3: Sind Slum- und Ethnotourismus in Ordnung?

Das, was für viele den Reiz des Reisens ausmacht, sind nicht die Sehenswürdigkeiten, sondern die vielfältigen Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen. Alltägliche Gespräche mit Bekanntschaften aus anderen Kulturkreisen sind nicht nur spannend, sondern erlauben auch einen vollkommen neuen Blick auf die Welt.

Allerdings ist es nicht immer einfach, eine klare Trennlinie zu ziehen zwischen einem Austausch auf Augenhöhe und einer Exotisierung von ungewohnten Lebensumständen. Insbesondere Touren durch Slums oder der Besuch von ethnischen Minderheiten fühlen sich manchmal unangenehm voyeuristisch an.

Verstärkt wird dieses Unwohlsein auch dadurch, dass wir nicht die Schandtaten unserer Vorfahren wiederholen wollen. Vor allem im Europa und Nordamerika des 19. Jahrhunderts waren «Wilde» in sogenannten Menschenzoos ausgestellt worden, nachdem man sie aus ihrer Heimat entführt hatte.

Die Frage ist also: Machen wir uns eines Voyeurismus schuldig, wenn wir an Touren durch Slums teilnehmen oder Dörfer von Minderheiten wie den Massai besuchen? Und unter welchen Bedingungen können wir davon ausgehen, dass wir keinen Schaden anrichten?

Meine Überlegungen: Es gibt Fälle, in denen die Situation klar ist. Das ist etwa der Fall, wenn Ethno-Tourismus zu einem direkten Missbrauch der Menschen führt. Die «Langhalsfrauen» in Thailand sind hierfür ein bekanntes Beispiel: Die meist aus Myanmar geflohenen, papierlosen Frauen müssen sich in Schaudörfern vorführen lassen und erhalten häufig keine Beteiligung an den Gewinnen.

Schwieriger wird es, wenn sich die Dorfbewohner selbst für den Tourismus entscheiden, da es ja trotzdem sozioökonomische Zwänge gibt. Was die Einnahmen durch den Tourismus bewirken, ist oft kaum vorhersehbar. Auf der einen Seite ermöglicht das Geld ein angenehmeres Leben (etwa durch die Installation von Solarpanels oder durch die besserem Möglichkeiten von Schulbesuchen), führt aber auch dazu, dass es sich mehr lohnt, Touristen durchs Dorf zu führen als die Felder zu bestellten.

Mein Fazit: Für mich sind zwei Faktoren entscheidend: Kann ich davon ausgehen, dass die Gemeinschaften selbstbestimmt darüber entscheiden, ob sie sich dem Tourismus öffnen wollen? Und: Interessiere ich mich wirklich für die Menschen und ihre Kultur oder sollen sie einfach als exotisches Beiwerk für meine Fotos dienen?

Mehr dazu hier: Menschenzoo oder Völkerverständigung? Über die Probleme von Ethno-Tourismus

Ermöglicht Ethno-Tourismus Schulbildung oder ist er voyeuristisch?

 

Dilemma 4: Sollen wir Bettlern etwas geben?

Eigentlich entwickelt sich die Welt in eine positive Richtung: In den letzten 30 Jahren hat sich der Anteil der unterernährten Menschen weltweit ungefähr halbiert. Die bitterste Armut ist seltener geworden. Dennoch stossen wir auf Reisen noch immer auf Menschen, die unter prekären Zuständen leben müssen.

Das macht mir auch nach vielen Reisejahren zu schaffen – wohl auch deswegen, weil ich gegen Leid nicht abstumpfen möchte. Schwierig finde ich den Umgang mit Bettlern; insbesondere, wenn es Kinder und Minderjährige sind, die vor mir die Hand aufhalten oder Waren verkaufen wollen.

Meine Überlegungen: In vielen Ländern gibt es kein funktionierendes Sozialnetz und oft sieht man den Leuten auch deutlich an, dass sie keine andere Wahl haben als zu betteln. Vor allem bei Menschen mit Behinderungen fällt mir die Entscheidung für eine kleine Unterstützung nicht schwer.

Obwohl viele andere Touristen bevorzugt Essensreste oder Kleider verschenken, gebe ich lieber Geld. Mir ist natürlich bewusst, dass das Risiko besteht, dass sich jemand damit Alkohol oder Opium kauft. Aber auch Arme und Obdachlose kommen teilweise nicht darum, gewisse Dinge zu kaufen. In einer zunehmend digitalen Welt zum Beispiel ein Handy oder Datenpakete.

Schwieriger ist es bei Kindern. Bei allen Hilfsorganisationen besteht der Konsens, minderjährigen Bettlern nichts zu geben. Auch wenn mir das oft schwerfällt, halte ich mich daran. Der Grund: Wenn es für Eltern lukrativer ist, den Nachwuchs zum Betteln auf die Strasse zu schicken als in die Schule, verbaut man damit den Jüngsten die Chance auf Bildung und ein würdigeres Leben.

Mein Fazit: Mir fehlt das Hintergrundwissen, um abschätzen zu können, ob ich es mit kriminellen Bettlerbanden oder echten Bedürftigen zu tun habe. Deswegen verlasse ich mich auf mein Gefühl. Damit auch die Kinder nicht zu kurz kommen, spende ich hin und wieder eine Kleinigkeit an entsprechende Organisationen.

Wie sollen wir mit Bettlern umgehen?

 

Dilemma 5: Ist es okay, Einheimische zu fotografieren?

Wer gerne fotografiert, kennt das Problem: Die Welt ist voll von wundervollen Motiven. Aber die besten Bilder sind die, welche Menschen zeigen. Seien es Gesichtszüge, die regelrecht Geschichten erzählen, oder bunte Trachten, die den Orten ihre einzigartige Wirkung verleihen: Sie alle lassen das Herz jeden Fotografen höherschlagen.

Doch einfach die Kamera draufzuhalten und abzuknipsen, empfinden viele zurecht als unverschämt. Auf meinen ersten Reisen habe ich mir damit beholfen, hin und wieder mit dem Tele-Objektiv heimlich Bilder zu schiessen. Ich finde: So lange die Fotos respektvoll und ausschliesslich fürs heimische Album sind, lässt sich das gerade noch vertreten. Da ich als Blogger aber meine besten Bilder zeigen will, kommt das nicht mehr in Frage.

Das Thema ist aber nicht nur eine Frage von Respekt. Mit der besser werdenden Gesichtserkennung wird es zunehmend problematisch, Bilder von anderen Menschen ohne ihr Wissen im Netz zu veröffentlichen. Zum einen natürlich, weil die Wahrscheinlichkeit jedes Jahr zunimmt, eine wütende Mail von einem der Abgebildeten zu bekommen. Zum anderen aber auch, weil sie in echte Schwierigkeiten geraten können. Ich möchte zum Beispiel nicht, dass meinetwegen ein Dissident eingebuchtet wird.

Wie ich damit umgehe: In der Regel frage ich, ob ich ein Foto machen darf. Wenn es sprachlich nicht hinhaut, zeige ich kurz auf die Kamera und warte auf ein Nicken. Das ist nicht perfekt, aber praktikabel. Häufiger entstehen Bilder aber von Leuten, mit denen ich zuvor etwas länger geplaudert habe und die wissen, dass ich als Blogger die Fotos möglicherweise veröffentliche. Manchmal biete ich auch an, die Bilder zu mailen. In Äthiopien bin ich  einmal einem Italiener begegnet, der zusätzlich eine Polaroid-Kamera dabei hatte und den Fotografieren die Bilder gleich geben konnte. Das finde ich eine gute Idee.

Eine Weile habe ich mit dem Gedanken gespielt, erkennbare Personen, die mir ins Bild laufen, zu verfremden. Das muss nicht unbedingt mit Hilfe eines boulevardesk anmutenden schwarzen Balkens geschehen. Mit Programmen wie FaceApp lassen sich Personen so stark verändern, dass sie kaum noch zu erkennen sind. Meistens verwende ich allerdings einen sehr viel einfacheren Trick: Ich warte, bis mir die Leute den Hinterkopf zudrehen.

Portrait im indischen Himalaya.

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12 Kommentare

  1. Lieber Olaf, du hast es genau auf den Punkt gebracht. Das sind auch meine klassischen Dilemma beim Reisen und genau wie Du habe ich „das Patentrezept“ nicht gefunden. Ich finde aber, du hast die unterschiedlichen Sichtweisen sehr gut dargestellt und alleine diese zu benennen ist ja schon mal der richtige Weg um damit umzugehen. Ich verlasse mich in den meisten Fällen auch auf mein Bauchgefühl und bin damit bisher gut gefahren. Schwierig bleibt es allemal. Danke dafür, daß du dir die Zeit und die Offenheit genommen hast, dies zu thematisieren. Ich werde deinen Beitrag gerne in meinem Bericht über nachhaltiges Reisen verlinken, denn da passt das Thema bestens hin und beleuchtet nochmal andere Perspektiven. LG Christiane

    1. Hallo Christiane,

      vielen Dank für den Kommentar. Ja, ich glaube auch, dass es das Patentrezept nicht gibt, weil ethische Überlegungen ja meistens auf Grundwerten aufbauen, die natürlich nicht bei allen gleich sind. Die Idee hinter dem Artikel war deswegen tatsächlich, etwas für Neuleser zu schaffen, damit diese ein bisschen ein besseres Gefühl dafür bekommen, wofür ich hier stehe. Aber über eine Verlinkung freue ich mich natürlich sehr.

      Gruss,
      Oli

  2. Lieber Oliver,

    das sind alles so Punkte, über die auch ich mir beim Reisen Gedanken mache. Und der Umweltaspekt kommt noch obendrauf. Die Idee mit der Polaroid beim Fotografieren ist ja toll! Dann wird es wirklich ein Nehmen und Geben. Ich habe in Ecuador auch schon mal ein paar Cent für ein Foto gezahlt – und mich nachher lange gefragt, ob das jetzt richtig oder falsch war. Genau wie ich nach langen Diskussionen dann doch 2 Mädels in Kambodscha (die sicher besser in der Schule gewesen wären), einen Blumenkranz abgekauft habe …
    Ich glaube, für die wenigsten Situationen ist auf Anhieb zu sagen, welches Handeln richtig ist. Deshalb ist das Bauchgefühl wahrscheinlich am Ende die entscheidende Instanz.
    Liebe Grüße,
    Angela

    1. Hallo Angela,

      ja, ich habe auch schon für Fotos bezahlt, aber genauso wie Du habe ich mich dabei nicht so wirklich wohlgefühlt. Bei Kinderarbeit und Kinderbettelei bin ich aber mittlerweile ziemlich strikt, weil ich glaube, dass das wirklich mehr Schaden anrichtet als es nützt.

      Gruss,
      Oli

  3. Hallo Oliver!
    Puh ja, es ist alles nicht so einfach. Ich hab für mich einige Länder ausgeschlossen, die ich wegen der Politik nicht besuchen will. Da ist aber eine ganz individuelle Entscheidung, die ich niemals jemandem aufzwingen würde.

    Danke für die Betrachtungen.

    Lg Barbara

    1. Hallo Barbara,

      genau, das sehe ich auch so. Es ist ein persönliches Abwägen auf Grund der eigenen Werte. Und gerade wenn diese Werte, die die meisten von uns teilen, zueinander in Konflikt stehen, zeigt sich, dass wir oft eine andere Rangfolge haben. Zum Beispiel Freiheit versus Sicherheit ist so ein Konflikt, wo jeder ein bisschen anders entscheidet, obwohl die meisten von uns grundsätzlich beides gut finden. Drum will ich mit dieser Zusammenfassung ja auch ausdrücklich niemanden meine Meinung aufzwingen (auch wenn sie für mich und in diesem Augenblick die Richtige ist), sondern im besten Fall eine Gespräch anregen.

      Liebe Grüsse,
      Oli

  4. Hallo Oliver,

    ein toller Beitrag, stimme vielem zu und handhabe das ähnlich (Fotografieren, Bettlern etwas (nicht) geben, …)

    Ich muss mich gelegentlich dafür rechtfertigen nicht nur nach China zu reisen, sondern in China zu leben (leider kommen mit der Kritik nie passende Job-Angebote anderswo). Dabei ist China ein großartiges, manchmal anstrengendes Reiseland, in dem es unendlich viel zu entdecken gibt. Jedes Land ist halt mehr als Staatsform, System, Gesetze… Landschaften, Kultur, Menschen – mit selbst auferlegten „Reiseverboten“ kann einem auch was entgehen.

    Was die Touristenpreise angeht, da hängt es für mich auch von der Situation und dem wie und warum ab. Die – relativ- hohen Eintrittspreise in Angkor bei gleichzeitigem freien Eintritt für Einheimische haben ihren Sinn; ein armes Land wie Kambodscha könnte sonst niemals das kulturelle Erbe dort entsprechend pflegen und erforschen, gleichzeitig wäre es fatal, Einheimischen den Zugang zu verschließen.
    Was ich aber nicht einsehe: wenn ich im Sanyuanli-Markt in Peking für drei Äpfel das Doppelte von dem zahlen soll wie die chinesische Kundin vor mir. Dann geh ich auf die andere Straßenseite in den Supermarkt, wo der ausgeschilderte Preis unabhängig vom Pass gilt.
    Abzocken und Scam – das ist indiskutabel.

    LG Linni

    1. Hallo Linni,

      bei Touristenpreisen an Orten wie Angkor Wat kann man ja nicht viel machen – ausser allenfalls die Sehenswürdigkeit zu boykottieren. Aber das wird wohl kaum jemanden interessieren. Insofern ist das für mich jetzt auch nicht wirklich ein ethisches Dilemma.

      Das Argument mit den Einheimischen leuchtet ein. Allerdings frage ich mich, ob das wirklich stimmt. Denn mein (zugebenermassen etwas unfundierter) Eindruck ist, dass diejenigen Einheimischen, die die Zeit und Muse haben, Angkor Wat oder das Taj Mahal touristisch zu besuchen, in der Regel auch über die Geldmittel verfügen würden, um den Eintritt zu bezahlen. Das ist ja tendenziell die höhere Mittelschicht und diese Leute sind oft wohlhabender als ein beträchtlicher Teil der Backpacker und Langzeitreisenden.

      Als ich in Indien mit einem Fahrer unterwegs war, hat er mir gesagt, dass er noch in keiner der Sehenswürdigkeiten war, obwohl ihm Touristen oft angeboten haben, den reduzierten Eintrittspreis für Einheimische zu bezahlen. Es hat ihn einfach nicht interessiert. Ich hab daraufhin zwei Verkäufer vor einem Palast in Rajasthan gefragt, wie oft sie sich den ansehen. Beide sagten: Nie. Der eine sagte, er müsse arbeiten, der andere meinte, das würde ja eh nur Ausländer interessieren. Das ist natürlich nicht repräsentativ, aber gibt vielleicht doch einen Teil der Realität wider.

      Liebe Grüsse,
      Oli

  5. Hallo Oli,

    ein sehr spannendes Thema. Zunächst eine Anmerkung zum Dilemma Nummer 1: Natürlich gibt es nicht DIE Diktatur par excellence und eine Reise in ein politisch schwieriges Land gilt es immer abzuwägen. Oft aber schert man System und Menschen über einen Kamm und das ist schade. Reden wir zum Beispiel über die „Fast-Diktatur“ Türkei. Seit Jahren werden dort Menschenrechte mit Füßen getreten, werden Journalisten eingesperrt und wird das Land langsam islamisiert. Trotzdem aber gibt es in der Türkei viele viele Menschen, die diesen Präsidenten nicht gewählt haben, die sich ein freies, liberales Leben wünschen und die in den vergangenen Jahren sehr traurig waren über die (auch touristische) Abwendung des Westens. Ich spreche hier zum Beispiel von Betreibern kleiner Pensionen und Hotels an der Südküste, die sich Solidarität wünschten, aber stattdessen durch eine „Da kann man doch nicht mehr hinfahren“-Haltung immer wieder vor den Kopf gestoßen wurden.

    Und dann fällt mir noch ein zusätzliches Dilemma ein: „Soll man Dienstleistungen in Anspruch nehmen, die dem Anbieter zwar finanziell etwas bringen, ihn aber gleichzeitig entwürdigen?“ (zumindest in unseren Augen). Das fängt schon bei den Schuhputzern im Orient an. Diese „Herr-Hund-Position“ finde ich jedes Mal gruselig, wenn ich sie schon sehe. Ist aber ein Job, der dem Mann ein sicheres Auskommen beschert, klar. Oder die von Menschen gezogenen Rikschas in Madagaskar. Dort saßen wir einmal in einem Restaurant, während sich draußen die Rikschafahrer um uns, die fette Beute, schlugen. Es gewann nicht der Fahrradrikscha-Fahrer, sondern ein dürres, barfüßiges Männlein, das sich total freute, uns fette Touristen nun ins Hotel ziehen zu können. Wir wollten das nicht, hätten den Mann aber wütend gemacht, hätten wir ihm diesen Job verweigert. Selten habe ich mich so geschämt auf Reisen. Das war Post-Kolonialismus pur, schrecklich.

    Danke mal wieder für ein spannendes Thema und viele Grüße von Gabi und Michael

    1. Hallo Gabriele,

      Dein Punkt, dass man oft Menschen und System über einen Kamm schert, finde ich aus meiner China-Perspektive sehr interessant. Dort ist es tatsächlich so, dass die Regierung einen grossen rhetorischen Aufwand betreibt, um mittels einer gesteuerten Empörungskultur diese Unterscheidung genau zu erscweren. Dennoch oder vielleicht auch genau deswegen finde ich so wichtig, dass man diesen Unterschied macht.

      Beim anderen Punkt: Ich finde eigentlich nicht, dass Schuhputzen oder Rikschafahren besonders entwürdigend ist. Zumindest nicht entwürdigender als viele andere Arbeit. Etwa am Fliessband. Das Problem scheint mir hier eher zu sein, dass die krassen sozialen Unterschiede gerade bei Sachen wie Schuhputzen besonders gut sichtbar werden und wir darum ein schlechtes Gewissen bekommen. Und naja, postkolonial… Solche Dienste werden ja vorwiegend von wohlhabenden Einheimischen in Anspruch genommen und vergleichsweise selten von Ausländern und Touristen.

      Liebe Grüsse,
      Oli

  6. Hi Oliver

    Ich finde gut, dass du einige Punkte benannt hast, die mir auch gern mal durch den Kopf gehen. Selbst beim Betteln hier in der Schweiz oder in Deutschland gebe ich den Menschen etwas, wenn ich Geld habe und sie nett fragen. Das mit den Kindern war mir gar nicht so bewusst, kann mich auch gerade nicht erinnern, ob mich jemals ein Kind angebettelt hat.

    Eins meiner Big 5 ist auch die ganze Welt gesehen zu haben, also alle Länder der Welt zu bereisen. Das aber nicht mit Ach und Krach, sondern langsam.

    Danke für den tollen Beitrag. Hab ich wirklich sehr gern gelesen. Liebe Grüsse aus Zürich, Lisa

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