Digitaler Nomadismus: „Arbeit wird künftig weniger über den Arbeitsort definiert“

Interview des Monats

Weltweit arbeiten: Das ist der Traum vieler Reisebegeisterten. Wie das geht, schildert der Journalist Sven Lechtleitner in seinem kürzlich erschienen Einsteiger-Guide für digitale Nomaden. Für wen sich der Lebenstil eignet und wieso es künftig mehr Homeoffice geben wird, verrät er im jüngsten Interview des Monats.

WRF: Sven, Du bist schon seit knapp zwei Jahren als digitaler Nomade unterwegs. Was macht den Lebensstil für dich so attraktiv?

Sven: Die Unabhängigkeit und die Freiheit machen diesen Lebensstil für mich so besonders. Ich könnte morgen zu einem Ort, den ich schon immer mal besuchen wollte, aufbrechen – sofern ich das denn möchte. Es stehen mir sozusagen alle Optionen offen. Ich brauche mich nicht nach vorgeschrieben Anwesenheiten oder genehmigten Urlauben eines Arbeitgebers richten. Das ist schon ein schönes Gefühl.

Freiheit und zugleich Gebundenheit in der digitalen Arbeit: Ersetzt man da ein „Hamsterrad“ nicht einfach mit einem andern?

Gerade die digitale Arbeit steht für mich eher für Ungebundenheit. Moderne Technologien ermöglichen es, von jedem Ort der Welt aus arbeiten zu können. Aber natürlich bestimmen einen genau diese Technologien in gewisser Weise. Auf funktionierende Technik und schnelles Internet bin ich angewiesen. Das sorgt für eine Abhängigkeit. Und natürlich muss ich auch in der Ferne meinen Aufträgen als Freiberufler nachgehen. Von daher befinde ich mich zwar immer noch in einer Art Hamsterrad, wenn man es so ausdrücken will. Aber dieses gefällt mir wesentlich besser als das vorherige als Angestellter.

Du verdienst deine Brötchen als Journalist und Buchautor. Welche Berufe eignen sich sonst für ortsunabhängiges Arbeiten?

Dazu zähle ich in erster Linie digitale Berufe, in denen grundsätzlich viel über Freelancer läuft. Das sind oftmals Medienberufe wie Grafiker, Webdesigner oder Redakteure. Auch im IT-Bereich sind Freelancer-Jobs keine Seltenheit. Ein weitere Möglichkeiten sind Assistenztätigkeiten – also sogenannte virtuelle Assistenten. Ich persönlich würde den Kreis der Berufe weitaus grösser fassen: In den meisten Büro-Jobs ist Anwesenheit nicht wirklich erforderlich. Viele Computer-Arbeitsplätze liessen sich von jedem Ort der Welt ausüben. Nur setzen Arbeitgeber oftmals noch auf klassische Anwesenheit.

Auch interessant: Überblick über alle Interview des Monats

Minimalismus im Büro: Arbeitsort von Sven Lechtleitner.

 

Ortsunabhängigkeit ist aber nicht bei allen Berufen möglich. Was rätst du denen, die mit ihrer Arbeit unzufrieden sind und reisen wollen.

Natürlich gibt es auch Berufe, in denen Ortsunabhängigkeit kaum möglich ist – sei es ein Arzt, eine Hebamme oder ein Bäcker. Ratsam ist es, Job und Reisewunsch erst einmal separat von einander zu betrachten. Macht einen die Arbeit inhaltlich unzufrieden? Oder sind es eher die Rahmenbedingungen wie feste Strukturen? Je nachdem kann eine berufliche Neuorientierung sinnvoll sein. Als digitaler Nomade reist man definitiv langsamer, um genug von den jeweiligen Orten mitzubekommen. Schliesslich ist die Arbeit immer mit dabei und nimmt Zeit in Anspruch. Wer viel reisen und erleben will, sollte sich vielleicht eine Auszeit gönnen und die Welt bereisen – ohne Arbeit. Das ist eine gute Möglichkeit, sich über die eigene Zufriedenheit und den Job Gedanken zu machen.

Du schreibst in deinem Buch, dass nicht jeder für ortsunabhängiges Arbeiten gemacht sei. Was braucht es dazu?

Oftmals ist ortsunabhängige Arbeit mit einer Selbstständigkeit verbunden. Nur selten sind Modelle wie Remote Work – also arbeiten per Fernzugriff – im Angestelltenverhältnis möglich. Aus meiner Sicht ist nicht jeder Mensch für eine Selbstständigkeit gemacht. Es braucht viel Disziplin und Organisationstalent. Es ist keiner da, der einem Strukturen oder einen Rahmen vorgibt. Dafür ist jeder dann selbst verantwortlich. Und: Man muss mit einer gewissen Unsicherheit umgehen können. Niemand kennt die Auftragslage von morgen. Es ist somit die Bereitschaft gefragt, das Sicherheitsgefühl einer Festanstellung loszulassen.

Was sollte man sonst beachten, bevor man eine Stelle kündigt?

Wichtig ist: nichts überstürzen. Vor allem muss erst einmal die Entscheidung fallen, etwas verändern zu wollen. Das braucht meistens Zeit. Beinhaltet dies die Kündigung des Jobs, ist ein gut überlegter Plan gefragt. Also was genau möchte ich beruflich machen? Welche Optionen habe ich, digital und ortsunabhängig zu arbeiten? Wer geplant an die Sache herangeht, kann seinen Job noch eine Weile weiter ausüben, bereits seine privaten Kosten senken und so Rücklagen für das Vorhaben schaffen. Ein finanzielles Polster erleichtert den Start in die Selbstständigkeit und hilft über auftragsschwache Monate hinweg.

Auch interessant: Svens Blog über New Work und andere Arbeitsthemen

Buchautor und digitaler Nomade: Sven Lechtleitner in seiner Wahlheimat Bali.

 

Digitale Nomaden sind häufig jung und ungebunden. Wie schwer ist es, nach ein paar Jahren wieder sesshaft zu werden?

Ich selbst lebe eine Art Mischmodell, habe also noch eine Wohnung in Deutschland. Diese vermiete ich bei längeren Reisen unter. Von daher habe ich einerseits die Freiheit und die Ungebundenheit, aber andererseits auch das Gefühl von nach Hause kommen. Das Modell finde ich für mich aktuell am besten. Wie schwer es ist, nach langer Zeit wieder sesshaft zu werden, ist vermutlich Typsache und von der jeweiligen Lebenssituation abhängig. Beruflich hingegen bezeichne ich mich bereits als sesshaft – weniger lokal, sondern vielmehr in dem, was ich arbeite. Ich bin seit knapp fünf Jahren als Autor und Journalist selbstständig – das möchte ich gerne noch viele Jahre machen.

Den Nomadismus-Boom kann man auch kritisch sehen. Ist digitaler Nomadismus nicht ein Outsourcing von sich selbst und führt in seiner Extremform zu Lohndumping?

Die Punkte wie Lohndumping und Outsourcing sind aus meiner Sicht unabhängig vom Nomaden-Boom zu betrachten. Das sind eher generelle Entwicklungen, die sich am Arbeitsmarkt abzeichnen. Die Arbeitswelt gestaltet sich digitaler, was wiederum mehr Möglichkeiten für Unternehmen bietet, Arbeiten auszulagern oder an Freelancer abzugeben. Dabei besteht die Gefahr, dass Honorare für externe Auftragnehmer geringer als der gesetzliche Mindestlohn ausfallen. Damit sind dann oftmals Freelancer und Freiberufler konfrontiert. Viele digitale Nomaden sind selbst aber Online-Unternehmer, haben ihre eignen Produkte am Markt. Sie sind beispielsweise von Lohndumping weniger betroffen.

Wie siehst du das Phänomen des Digitalen Nomadentums in zehn Jahren? Ist das das Arbeitsmodell der Zukunft oder wird es wegen stärkerer Regulierung an Attraktivität verlieren?

Arbeit wird in Zukunft weniger über den Arbeitsort und die Anwesenheit definiert sein. Das bedeutet aber nicht, dass in zehn Jahren jeder in der Welt als digitaler Nomade unterwegs ist. Sondern das Menschen vermehrt von dem Ort aus arbeiten können, von dem sie es möchten – also sie auch vermehrt im Homeoffice sind. Was die Regulierung angeht, glaube ich eher, dass der Gesetzgeber sich in Teilen den Entwicklungen der Arbeitswelt anpassen wird. Das ist beispielsweise schon an der aktuelle Debatte zu erkennen, ob es zukünftig ein Recht auf Homeoffice geben soll. Und vielleicht bin ich in zehn Jahren irgendwo sesshaft geworden. Falls ja, wird es warm, sonnig und das Meer in der Nähe sein.

Lesetipp: Mit 9 Kapiteln zum digitalen Nomaden

Unabhängig zu arbeiten und endlos zu reisen, das ist der Wunsch von vielen. Wie das funktionieren kann, schildert der Journalist und Buchautor Sven Lechtleitner in seinem kleinen, aber feinen Einsteiger-Guide für digitale Nomaden.

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Oliver Zwahlen

Passionierter Blogger. Im Herzen freier Reisejournalist, aber derzeit Büroangstellter mit Wohnsitz im chinesischen Peking. Siehe auch: Google+

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2 Kommentare

  1. Sehr interessantes Interview.

    Ich arbeite bei einer Behörde, da ist de Fortschritt noch nicht so angekommen und es scheitert derzeit schon am Homeoffice oder es ist nur unter sehr engen Rahmenbedingungen möglich.
    Ich bin gespannt, was sich da noch tut. Ortsunabhängiges Arbeiten ist da bisher noch undenkbar.

    Liebe Grüße
    Isabel

  2. Das digitale Nomadentum ist die Zukunft der Arbeit und wird es immer bleiben 😉

    Nach meiner Beobachtung werden die meisten digitalen Nomaden nach ein paar Jahren wieder sesshaft. Frag doch mal die Nomaden von vor 10 Jahren, wie viele davon noch unterwegs sind.

    Das liegt vor allem an weichen Faktoren, insbesondere dem Sozialleben. Selbst introvertierten Nomaden wie meiner Frau und mir ist das Nomadentum auf Dauer zu einsam.

    Ja, es stimmt. Beruflich ist es heute so einfach wie nie digitaler Nomade zu sein. Aber menschlich-sozial sind nur die allerwenigsten Menschen auf Dauer zum Nomaden gemacht.

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