Cherrapunji: Zauberwald mit lebendigen Brücken

Hast du auch schon einmal einen Fantasyfilm gesehen und dir gedacht: wie schade, dass es so etwas nicht in echt gibt? Doch gibt es! Und zwar in Cherrapunji in Nordostindien in einem tiefen Tal, wo du über lebendige Brücken spazieren kannst.

Nordostindien finde ich eine der spannendsten Regionen des ganzen Landes. Nicht zuletzt, weil es für mich „das bessere Myanmar“  ist. Wenn du nur Zeit hast, einen einzigen Ort im Nordosten zu besuchen, dann empfehle ich dir, nach Cherrapunji zu gehen.

Die bergige Gegend wird von einer Minderheit bewohnt, die eine einzigartige Technik zum Bau von Brücken entwickelt hat: Die Khasi verweben die Wurzeln von Gummibäumen miteinander und bilden auf diese Weise Gehwege, um die vielen kleinen Flüsse zu überwinden.

Schnell ist diese Bauart nicht. Bis die Wurzeln lang genug sind, um einen Fluss zu überspannen, und dann auch noch die Stärke haben, einen erwachsenen Menschen zu tragen, vergehen locker mehrere Jahrzehnte.

Aber in der abgelegenen Region ticken die Uhren sowieso anders. Alleine um vom Dorf zur nächsten Strasse zu gelangen, ist ein zweistündiger Fussmarsch über 2500 Treppenstufen nötig.

In diesem Artikel will ich dir zeigen, wieso Cherrapunji einer der heissesten Kandidaten für jede ernstzunehmende Bucket List ist und was du dort unternehmen kannst. Anschliessend gibt es praktische Tipps, um den Ort auf eigene Faust zu erkunden.

 

Die Highlights von Cherrapunji

Cherrapunji ist vermutlich der touristischste Ort ganz Nordostindiens. Trotzdem wirkt er wie ein echter „Geheimmtipp“, da bislang erst wenige Ausländer die Region besuchen. Das liegt daran, dass Nordostindien generell weit abseits der gängigen Reiserouten ist.

Bevor wir starten, noch ein kleiner Hinweis: Cherrapunji ist der Name der Kreisstadt, von der du in die umliegenden Dörfer gelangst. Dieser Artikel beschreibt jedoch (geografisch nicht ganz korrekt) eine etwas grössere Region, die auch das Nachbartal umfasst.

 

Highlight 1: Die lebendigen Brücken

Ohne jede Frage sind die lebenden Brücken das wichtigste Highlight von Cherrapunji. Sie geben fast immer ein grandioses Fotomotiv ab und auf den Wurzeln einige Meter über den Abgrund zu balancieren, ist durchaus ein kleines Abenteuer.

Dabei lohnt es sich unbedingt, mehrere Brücken zu besuchen, da sich diese in ihrer Machart erheblich unterscheiden. Manche sind so breit, dass du entgegenkommenden Personen locker ausweichen kannst. Bei anderen fühlst du dich eher an einen Klettersteig ohne Sicherheitsdraht erinnert.

Was mir besonders gut gefallen hat: Einige der Brücken sind tatsächlich ein integraler Bestandteil der Fusswege, die die Einheimischen jeden Tag benutzen. Bei anderen Brücken hatte ich eher das Gefühl, dass sie heute vor allem noch für Touristen bestehen.

Die eindrücklichste Brücke befindet sich übrigens gerade am Rand des kleinen Dorfs Nongriat. Die Doppeldeckerbrücke überquert einen Fluss auf zwei Ebenen. Angeblich wurde die zweite Ebene angelegt, weil die untere bei Hochwasser regelmässig unpassierbar war.

Wurzelbrücken von Cherrapunji
Der bekannte Doppeldeckerbrücke bei Nongriat.
So sieht die Oberfläche der Wurzelbrücken aus.

Highlight 2: Die schroffen Felswände und die Wasserfälle

Zu den Besonderheiten der Region gehören die steilen Felswände, die bisweilen über mehrere hundert Meter nahezu senkrecht abfallen. An vielen Stellen kannst du dich bis zur Abbruchkante vorwagen und von dort aus den Ausblick über Bangladesch geniessen, das ungefähr dort beginnt, wo die Berge aufhören.

Über die Abbruchkante fliessen auch mehrere Flüsse, die vor allem in der Regenzeit eindrückliche Wasserfälle bilden. Am bekanntesten ist der Nohsngithiang-Fall (auch: Seven Sister Falls), der über eine Breite von bis zu 90 Metern rund 315 Meter in die Tiefe braust.

Den vergleichsweise kleinen Rainbow Falls findest du auf jeder indischen Mustsee-Liste. Er trägt seinen Namen, weil jeweils am Nachmittag ein Regenbogen über einem Felsen zu sehen ist. Er ist in einer einstündigen Wanderung ab Nongriat zu erreichen. Im Pool kannst du baden.

Abbruchkante mit Blick auf Bangladesch
Badepool neben Wurzelbrücke.

 

Highlight 3: Der Regen

Urlauber empfinden einen verregneten Tag oft als die ultimative Katastrophe. In Cherrapunji ist der Niederschlag jedoch eines der Highlights. Und dies gleich aus zwei Gründen:

Erstens sind in Indien viele beliebte Reiseziele ziemlich trocken. Es ist also gut möglich, dass du bei einer ausgedehnten Indienreise schon so lange keinen Regen mehr gesehen hast, dass du dich über jeden Tropfen freust.

Zweitens ist die Region Regenweltmeister. Im Guiness-Buch der Rekorde ist Cherrapunji gleich zwei Mal vertreten: Zwischen Sommer 1860 und  dem Sommer des folgenden Jahres fielen 26.461 mm Niederschlag. Zum Vergleich: Deutschland liegt irgendwo bei 750 mm. Ausserdem fiel im Juli 1861 in einem einzelnen Monat 9299 mm Regen. Damit liesse sich ein neun Meter tiefes Schwimmbecken füllen.

Trotz der hohen Niederschlagsmenge leidet die Region jedoch immer wieder unter Dürren, weil die hohen Wassermengen ein ausgefeiltes Bewässerungssystem erschweren. Bei unserem Besuch hat jedoch vier Tage lang die Sonne geschienen.

Die felsigen Flussbeete verwandeln sich bei Regen in reissende Ströme.
Wasser braust zwischen den Felsen hindurch.

 

Highlight 4: Das sauberste Dorf Asiens

Vor rund 15 Jahren hat Mawlynnong von einem indischen Magazin eine Auszeichnung als „sauberstes Dorf Asiens“ erhalten. Auch wenn der Superlativ vielleicht etwas übertrieben ist, lädt die kleine Ortschaft mit ihren vielen Homestays und den liebevoll bepflanzten Gärten durchaus zum längeren Verweilen ein.

Der eigentliche Grund jedoch, wieso sich Mawlynnong lohnt, ist die Wurzelbrücke im benachbarten Dorf Riwal, die im Gegensatz zu den Brücken von Nongriat in einem sehr kurzen Fussmarsch zu erreichen ist. Wer also wenig Zeit hat oder nicht sehr gut auf den Beinen ist, findet hier eine gute Alternative.

In der weiteren Umgebung gibt es zudem verschiedene Aussichtspunkte, wo du auf die Ebene von Bangladesch sehen kannst. In Mawlynnong findest du einen kleinen Bambusturm, der ebenfalls einen Ausblick auf Bangladesch ermöglichen soll.

Mawlynnong wirbt mit dem Titel „Sauberstes Dorf Asiens“…
Im „saubersten Dorf Asiens“ gibt es jede Menge Müllkörbe.

Highlight 5: Flussfahrt an der Grenze zu Bangladesch

In grossen Staaten können sich die Einheimischen oft schwer vorstellen, dass ihr Land irgendwo aufhört. Deswegen ist der Besuch eines Grenzübergangs für viele Inder etwas Spezielles. Den interessierten Menschen beim Fotografieren der Grenze zuzusehen, ist ganz witzig für jemanden, der regelmässig ins Ausland fährt, weil dort das Kino günstiger ist.

Ein Besuch des Grenzübergangs lohnt sich aber auch aus zwei anderen Gründen. Erstens ist die Fahrt in die Ebene auf einer in den Felsen gehauenen Strasse sehr abenteuerlich.

Zweitens befindet sich wenige Kilometer vor dem Grenzübergang das beliebte Touristenzentrum Dawki. Hier kannst du auf Booten auf dem glasklaren Umngot-Fluss in eine tiefe Schlucht fahren. Jeweils im März oder April findet hier ein Bootsrennen statt.

Bootsfahrt auf dem Umngot-Fluss. Foto: Rozmi War.
Eigentlich gibt es hier nichts zu sehen: Grenzübergang nach Bangladesch.

Highlight 6: Die Märkte und Khasi-Food

Die Kleinstadt Cherrapunji ist bekannt für ihren alle acht Tage stattfindenden Markt. Wenn dir das bunte Treiben auf Märkten gefällt, versuche unbedingt herauszufinden, wann sich genau die Bauern aus der ganzen Umgebung wieder zusammenfinden.

Beachte, dass es sich um keinen Touristen-Markt handelt. Das heisst, es gibt vor allem lokale Produkte zu kaufen sowie Dinge, welche die Einheimischen benötigen. Da der Marktbereich für die vielen Leute eigentlich viel zu klein ist, herrscht rund um die Stände ein gewaltiges Gedrängel.

Wenn du wissen möchtest, wie die ganzen Lebensmittel zubereitet werden, solltest du dich auf die Suche nach einem guten Khasi-Restaurant machen. Eine relativ gute Auswahl findest du in Shillong.

Echte Märkte ohne Touristen-Ramsch.
Leckerer Khasi-Food in einem Restaurant in Shillong.

Praktische Reisetipps für Cherrapunji

Zum Abschluss noch ein paar praktische Reisetipps für die Region Cherrapunji. Falls du weitere Fragen hast, kannst du die gerne in den Kommentaren stellen.

Lage: Wie komme ich nach Cherrapunji?

Erste Station der Anreise ist fast immer Guwahati. Die Hauptstadt von Assam ist per Eisenbahn oder Flugzeug recht gut an den Rest von Indien angeschlossen. Von dort aus fährst du weiter nach Shillong. Am besten geht dies in rund zwei Stunden mit Shared Taxis ab dem Bahnhofsvorplatz. Alternativ kannst du auch per Hubschrauber für sagenhafte 1500 Rupien nach Shillong fliegen. Allerdings haben indische Helikopter-Unternehmen nicht den besten Ruf. Von Shillong geht es ebenfalls mit Jeeps oder Sammeltaxis weiter.

Gibt es geführte Touren nach Cherrapunji?

In Shillong solltest du unbedingt beim lokalen Tourismusamt vorbeischauen. Die bieten eine Reihe von recht guten und unschlagbar günstigen Touren per Reisecar an. Wir haben zwei dieser Touren gebucht. Die erste brachte uns an einem Tag nach Mawlynnong und anschliessend zum Umngot-Fluss und dem Grenzübergang. Die zweite führte uns über einige mehr oder weniger interessante Stopps nach Cherrapunji, wo wir ein paar Tage blieben. Da der öffentliche Verkehr nur schlecht ausgebaut ist (und die Taxis bei Touristen gerne horrende Preise verlangen), sind die Bustouren eine gute Option.

Die langsamen und überfüllten Busse sind selten eine gute Option.
Ein Weg mit rund 2500 Stufen führt nach Nongriat.

 

Wo kann ich die Wurzelbrücken sehen?

Die Wurzelbrücken kannst du dir entweder in der Nähe von Nongriat oder bei Riwan anschauen. Was ist der Unterschied?

Riwan lässt sich gut erreichen, hat aber nur eine einzige Wurzelbrücke, die bei unseren Besuch ziemlich überlaufen war. Dass ein Aufpasser jeweils in eine Trillerpfeiffe bliess, sobald jemand auf der Brücke stehenblieb, hat nicht gerade zu einer angenehmen Atmosphäre beigetragen.

Nongriat bietet gleich mehrere Brücken. Die sind nicht nur schöner, sondern auch weniger stark frequentiert. Allerdings erreichst du diese Brücken nur über einen anstrengenden Fussmarsch von mindestens zwei Stunden.

Wie viele Tage soll ich für Cherrapunji einplanen?

Wir waren vier Tage in der Region:

  • Am ersten Tag haben wir eine staatliche Bustour nach Riwan/Mawlynnong und zum Umngot-Fluss unternommen. Die Nacht verbrachten wir in Shillong.
  • Am zweiten Tag sind wir via ein paar Wasserfälle mit der staatlichen Bustour nach Cherrapunji, wo wir in einem netten Homestay blieben und wo wir unser Gepäck liessen.
  • Am dritten Tag sind wir von dort aus nach Nongriat gewandert. Unterwegs haben wir verschiedene Brücken besucht und an einem der kleinen Pools entspannt.
  • Am vierten Tag sind wir zurück nach Shillong gefahren.

Für die wichtigsten Sehenswürdigkeiten reichen vier Tage vollkommen, aber gerade Nongriat und Mawlynnong sind entspannte Dörfer, in denen man auch gut ein oder zwei Tage entspannen kann. Achtung: Nongriat befindet sich in einem Funkloch, mobiles Internet gleicht einem Glücksspiel.

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Oliver Zwahlen

Passionierter Blogger. Im Herzen freier Reisejournalist, aber derzeit Büroangstellter mit Wohnsitz im chinesischen Peking. Siehe auch: Google+

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