Backpacking in Pakistan: „Das Land ist überraschend anders“

(Interview des Monats)

Anne Steinbach backpackte gemeinsam mit ihrem Partner Clemens Sehi einen Monat lang durch Pakistan. Diese Woche erschienen ihr Reisebericht „Backpacking in Pakistan“ in Buchform. Im Interview erzählt Anne, wie das Land derzeit einen kleinen Boom erlebt und wie sich das Land als Frau anfühlt.

WRF: Anne, ihr reist laut Buchumschlag am liebsten in „missverstandene Länder“. Wird Pakistan missverstanden?

Anne Steinbach: Ja, Pakistan wird immer noch in die gleiche Schublade gesteckt und mit Terror und Gewalt gleichgesetzt. Nach dem 11. September 2001 ist der Tourismus im gesamten Land vollständig eingebrochen und bis heute spürt Pakistan die Nachwehen davon. Wir haben auch im Voraus von Freunden und der Familie immer die gleichen Kommentare bekommen und wollten der Sache einfach mal auf den Grund gehen.

Was hat dich auf der Reise am meisten überrascht?

Ich war unheimlich fasziniert von der Offenheit der Menschen. Wir wurden in sämtlichen Städten und Orten mit offenen Armen begrüsst, häufig angesprochen und einfach unheimlich herzlich behandelt. Für ein Land, das keinen bis sehr wenig Tourismus hat beziehungsweise kennt, ist das wirklich erstaunlich. Ich hatte mich darauf eingestellt, dass wir vor allem als reisendes Paar zweifelnde Blicke kassieren und kaum mit den Einheimischen in Kontakt treten können, doch es war das absolute Gegenteil.

Wenn du heute an die Reise zurückdenkst: Wie würdest du Pakistan in drei Sätzen zusammenfassen?

Pakistan ist ein wunderbares Reiseziel, weil es von Bergen über Millionenstädte bis hin zum Meer alles hat, was man sich auf einer Reise wünscht. Es ist ausserdem die Heimat von Menschen, die nur darauf warten, dass sie Touristen mit offenen Armen und heissem Chai begrüßen können. Pakistan ist überraschend anders und eben genau nicht das, was man aus den Medien kennt.

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Backpacking in Pakistan: Autorin Anne Steinbach erzählt, wie es war
Anne Steinbach geniesst in der Wazir-Khan-Moschee in Lahore die Aussicht eines Muezzins.

 

Seit kurzem liest man immer häufiger von Pakistan als Reiseziel. Woher kommt dieser Trend?

Vor allem liegt es daran, dass die pakistanische Regierung enorm daran arbeitet, die Sicherheitslage im Land zu verbessern und das gesamte Land zu stabilisieren. Das hat in vielen Bereichen so gut funktioniert, dass die ersten Influencer und Blogger schon vor zwei Jahren durch Pakistan gereist sind und auf ihren Kanälen eben gezeigt haben, wie Pakistan wirklich ist. Dazu kommt, dass Pakistan als Reiseziel unbekannt ist und in Zeiten des Overtourismus’ immer mehr Reisende Lust darauf haben, ein Land allein zu entdecken, statt den Massen zu folgen.

Die Sicherheitslage in Pakistan gilt trotzdem noch immer teilweise als problematisch. Worin seht ihr die grösste Gefahr für Reisende?

Es gibt einige Blogger, die Pakistan durchgängig als sicheres Reiseland dargestellt haben und auch in recht sensiblen Orten waren wie zum Beispiel in Rebellengebieten, ohne darauf hinzuweisen, dass es vielleicht nicht die beste Idee ist, dort allein zu reisen. Ich sehe schon eine Gefahr darin, dass auf Social Media eben alles schöngeredet wird und würde jedem Reisenden empfehlen vor und auch während der Reise die Nachrichten im Blick zu behalten. Der Terror in Pakistan ist in den letzten Jahren zurückgegangen und das Land macht wirklich viel, um die Sicherheit zu erhöhen. Ausschliessen kann man aber weder ein Attentat noch eine andere brenzlige Situation.

Ihr seid auch einmal von der Polizei in Gewahrsam genommen worden. Wieso?

Es gab einen Tag während unserer Reise, an dem es zu einem Terroranschlag in der Stadt Peshawar kam und das Chinesische Konsulat in Karatschi von Attentätern gestürmt wurde. Gleichzeitig wurde der Kopf der radikal-islamistischen Partei Tehrik e Labaik Pakistan festgenommen. Diese drei Situationen führten dazu, dass die Polizei und der Geheimdienst es zu unsicher fanden, uns „in freier Wildbahn“ laufen zu lassen. Wir wurden dann in ein gesondertes Hotel gebracht und durften den Komplex nicht allein verlassen.

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Beim Backpacking in Pakistan landet man häufiger zu Besuch in einer Moschee.
Beim Backpacking in Pakistan landet man häufiger zu Besuch in einer Moschee.

 

Wie habt ihr die ständige Überwachung durch den Geheimdienst und die Polizei empfunden? Wie frei kann man sich überhaupt bewegen?

Von der Überwachung haben wir anfangs nicht viel gespürt. Es gab Situationen, in denen ein Polizist im Zug ungefragt vor uns stand und sich als „unser Sicherheitsmann“ vorstellte. Er sass dann die Fahrt über im Abteil neben uns. Und so war es häufiger. Wir wurden zwar überwacht, waren aber dadurch im Reisen nicht eingeschränkt. Die Überwachung ist auch je nach Provinz unterschiedlich – in der Region Punjab ist es zum Beispiel so extrem, dass man als Tourist in vorgesehenen Hotels schlafen muss und kaum einen Gang alleine tätigen kann. Das nervt dann schon. Ansonsten geht es aber völlig allein und unbewacht.

Auch wenn es keine Kleidervorschriften wie im Iran gibt, gilt Pakistan als konservativ. Wie ist es, als Frau (allein) zu reisen?

Pakistan ist und bleibt ein streng muslimisches Land. Als reisende Frau sollte man sich vor der Reise nach Pakistan einfach bewusst machen, sich adäquat zu kleiden. Ich musste mich vor allem daran gewöhnen, dass mir Männer nie die Hand gegeben haben und ich selten auf Gruppenfotos sein durfte. Gleichzeitig hatte ich aber auch das Gefühl, das vor allem vor Offiziellen, wie Polizisten, mein Wort mehr Wert war, als das von Clemens. Da ich mich nie unsicher oder unfair behandelt gefühlt habe, würde ich Pakistan auch Solo-Reisenden empfehlen.

Welche Region sollte man auf keinen Fall verpassen?

Wer gern in den Bergen ist, sollte auf jeden Fall in den Norden nach Gilgit-Baltistan. Die Bergpässe hier sind einfach der Wahnsinn. Mir persönlich hat allerdings der Punjab besonders gut gefallen, vor allem die Millionenstadt Lahore, die einfach super echt, chaotisch und unheimlich interessant ist.

Was ist das liebste Souvenir, das ihr aus Pakistan zurückgebracht habt?

Ich habe ein Blechteil aus einer Autowerkstatt mit nach Hause genommen, das typisch pakistanisch angemalt wurde. Wir haben in Karatschi Phool Patti Künstler besucht, die ihr Leben lang schon LKWs knallbunt anmalen. Und von ihnen haben wir das Teil geschenkt bekommen, das seitdem im Flur unserer Berliner Wohnung hängt.

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Mit dem Rucksack durch Pakistan: Anne Steinbach mit Reisepartner und Mitautor Clemens Sehi haben es ausprobiert.
Anne Steinbach mit Reisepartner und Mitautor Clemens Sehi auf den Margalla Hills bei Islamabad.

 

Mit dem Rucksack durch Pakistan

Anne Steinbach und Clemens Sehi reisten einen Monat lang durch ein Land, das wir noch immer hauptsächlich mit Terror und Gewalt assozieren. Mitgebracht haben sie einen süffig geschriebenen Reisebericht, in dem man nebenbei auch einiges über die Hintergründe des weithin vergessenen Reiseziels erfährt. Nicht nur für Leute, bei denen Pakistan weit oben auf der Bucket List steht.

Clemens Sehi und Anne Steinbach: Backpacking in Pakistan. Conbook Verlag, März 2020. Ca. 15 Euro. Bestellen bei Amazon oder bei Thalia.

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