Reisen in Indien: „Kein anderes Land ist so vielfältig“

Interview des Monats

Rund ein Jahr reiste Oleander Auffarth (36) kreuz und quer durch Indien. Nun ist aus seinen Abenteuern und Erfahrungen ein Buch entstanden. Im Interview erzählt der deutsche Autor und Blogger vom schwierigen Umgang mit der Armut und nennt seine liebsten Ecken auf dem Subkontinent.

Weltreiseforum: Du nennst in deinem Buch 111 Gründe Indien zu besuchen. Welcher ist für dich der Wichtigste?

Oleander Auffarth: Indiens Vielfältigkeit. Nirgendwo sonst trifft man auf so immense Unterschiede innerhalb eines Landes. Auch in Europa sind wir mit einer grossen Vielfalt gesegnet – an Indien reicht sie jedoch nicht im Ansatz heran. Einen Bewohner Ladakhs verbindet kulturell nur wenig mit einem Punjabi oder einem Tamilen aus dem Süden. Nicht zu Unrecht nennt man Indien auch einen „Subkontinent“.

Du hast eine „Liebeserklärung an das schönste Land der Welt“ geschrieben. Wo ist denn Indien besonders schön?

Meine Favoriten sind Ladakh, Zanskar und Spiti. Zum einen wegen der grandiosen Hochgebirgslandschaften, der Anpassungsfähigkeit seiner Bewohner an extrem kalte Winter, widrige Strassenverhältnisse und karge Felder, die nur durch Flüsse und Gletscherwasser urbar gemacht werden können. Zum anderen hat hier der tibetische Buddhismus Bestand. Hier wird praktiziert, was in Tibet unmöglich ist. Ebenfalls sehr schön ist das bunte Rajasthan. Es ist voller Relikte aus der goldenen Zeit der Maharadschas. Man kommt sich vor wie auf einer Zeitreise in eine vergangene Epoche. Besonders angenehm sind die Küsten im Süden: Hier kann man wunderbar entspannen, Ayurveda-Kuren machen, baden und sich von anstrengenden Exkursionen ins Landesinnere erholen.

Und deine Geheimtipps, die jeder Indien-Entdecker besuchen sollte?

Im indischen Himalaya haben mich Zanskar und das Nubra-Tal fasziniert. Nur wenige Touristen nehmen die beschwerliche Reise auf sich. Empfehlenswert sind Wanderungen, weil sie tiefe Einblicke in den Alltag der Menschen bieten und zeigen, wie verloren man in der übermächtigen Natur sein kann. Der Goldene Tempel von Amritsar ist zwar kein Geheimtipp, aber eine unbedingte Empfehlung. Er ist ein Symbol für die Koexistenz der Religionen und steht jedem Besucher offen – unabhängig von seinem Glauben. Auf Spendenbasis kann hier gegessen, diskutiert und übernachtet werden. Im Süden liegt Hampi. Die weitläufige Ruinenstadt ist eingebettet in eine bizarre Felslandschaft und lockt mit einer reichen Geschichte und grandiosen Sonnenuntergängen.

Zwischenmahlzeit in einem Omelette-Shop. Fotos: O. Auffarth.

Reisen ist Essen und Indien hat in dieser Hinsicht besonders viel zu bieten. Was sollte man unbedingt versuchen?

Ein guter Start in die indische Küche ist das Thali, das sich regional stark unterscheidet. In Nordindien werden verschiedene Gerichte in kleinen Metallschüsseln serviert, dazu gibt es indisches Brot oder Reis. Im Süden werden sie auf einem Bananenblatt serviert. Ein Thali vereint süsse, salzige, scharfe und herzhafte Geschmacksrichtungen und ist immer eine gute Wahl, um neue Speisen zu entdecken. Dazu gibt es eine Unzahl von verschiedenen Curries, die aber nur selten scharf sind. Besonders lecker fand ich die Curries aus Rajasthan, die mit Nüssen gekocht werden. Geschmeckt haben mir auch die Gerichte, die im Tandoori-Ofen zubereitet werden, etwa „Chicken Tikka“.

Der Delhi-Belly ist unter Indien-Reisenden legendär. Wie vermeidet man am besten Magenprobleme auf einer Indienreise?

Generell sollte man sich an gut gekochte und frittierte Speisen halten und Früchte, die geschält werden können. Wer die Welt der Strassenküchen erkunden will, schaut am besten, wo die Einheimischen Schlange stehen. Vorsicht ist beim Genuss von Wasser geboten: Leitungswasser ist fast nie zu empfehlen, oft bleibt nur abgepacktes Mineralwasser. Problematisch sind auch Milchprodukte und ungekochtes Fleisch, da die Kühlkette wegen den regelmässigen Stromausfällen häufig nicht sichergestellt werden kann. Wer länger in Indien reist, kommt aber kaum um eine Magenverstimmung herum.

Bizarre Felsformationen rund um die Tempelanlagen von Hampi.

 

Viele Reisende meiden Indien, weil sie glauben, mit der teilweise extremen Armut nicht klar zu kommen. Wie hast du das erlebt?

Das kann ich nachvollziehen und ich habe mich damit auch extrem schwergetan. Gerade in den Städten ist die Armut allgegenwärtig und es ist nicht leicht, sich von übergriffigen Bettlern abzugrenzen, ohne ignorant zu sein. Geld an bettelnde Kinder zu geben, ist jedoch nie eine gute Idee und bestärkt sie noch in ihrer (erlernten) Hilflosigkeit. Ein Richtig oder Falsch gibt es nicht. Wer helfen will, sollte sich über in Indien tätige Hilfsorganisationen informieren, den Menschen zuhören oder sie auf eine Mahlzeit einladen.

Woher kommt diese Armut eigentlich?

Die Ursachen für die Armut liegen zu einem grossen Teil im Kastensystem, das zwar offiziell abgeschafft wurde, aber noch heute tief in der indischen Gesellschaft verankert ist. So sind die Rechte der untersten Kasten und der „Kastenlosen“ noch immer minimal und sie kommen nicht über „schmutzige Jobs“ wie Latrinenreiniger oder Gerber hinaus. Dem gegenüber liegen die Unternehmen fast ausschließlich in den Händen der alten „Händler-Kaste“.

Abgelegenes Seitental im Westhimalaya.

 

Wie ist man als Reisender vom Kastensystem betroffen?

Die Auswirkungen kann man anhand der Armut sehen und darin wie herrisch manche Gasthausbesitzer mit ihren Bediensteten umgehen. Selbst betroffen ist man als Tourist jedoch kaum, auch wenn man strenggenommen ausserhalb des Kastensystems steht und daher als unrein gilt. Zurückweisung von strenggläubigen Hindus habe ich vereinzelt erlebt. Das ist aber eine Ausnahme.

Im Buch gehst du auch kritisch mit der indischen Kultur zu Gericht. Gibt es also auch Gründe, Indien nicht zu lieben?

Unbedingt. Neben den Auswirkungen des Kastensystems und der himmelschreienden Ungerechtigkeit ist es vor allem das viel zu lange ungebremste Bevölkerungswachstum. In den 70 Jahren seit der Unabhängigkeit ist die Bevölkerung um unfassbare 900 Millionen Menschen gewachsen. Indien ist eine Herausforderung und die touristischen Orte ziehen aggressive Schlepper und Betrüger an, die sehr geschickt auftreten und sich die verrücktesten Lügen ausdenken, um die Touristen übers Ohr zu hauen. Sie sind natürlich nicht repräsentativ für die indische Bevölkerung, die oft sehr gastfreundlich ist, begegnen muss man ihnen dennoch.

 

111 Gründe, wieso Indien das schönste Land der Welt ist

Fast ein Jahr verbrachte Oleander Auffarth in seinem persönlichen Sehenssuchtsland. Dabei hat er sich ein gewaltigen Fundus an Erfahrungen und Wissen angeeignet, aus dem er in „111 Gründe, Indien zu lieben“ schöpft. Das Buch ist jedoch keine blinde Liebeserklärung, sondern auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem „schönsten Land der Welt“. Wer nach Indien reist, ist mit diesem Band gut auf den Kulturschock vorbereitet.

Oleander Auffarth: 111 Gründe, Indien zu lieben, Schwarzkopf & Schwarzkopf Media. 304 Seiten, 14.90 Euro. Hier bei Amazon bestellen*.

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Oliver Zwahlen

Passionierter Blogger. Im Herzen freier Reisejournalist, aber derzeit Büroangstellter mit Wohnsitz im chinesischen Peking. Siehe auch: Google+

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Ein Kommentar

  1. Ich war selbst viel zu kurz in Indien und gar nicht im hier angepriesenen Norden. Seit meinem Aufenthalt dort bin ich aber auch extrem angefixt. Ich muss unbedingt wieder hin… kann Oleander voll und ganz zustimmen…

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