Freitag, 15. Dezember 2017
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Wadi Rum: Auf den Spuren von Lawrence von Arabien

Das Wadi Rum, auf einer Hochebene 1000 Meter über dem Meeresspiegel gelegen, gilt mit seinen spektakulären Sandsteingebirgen nicht umsonst als die eindrucksvollste Wüste der Welt. Fotos: Marion Schwartzkopff
Das Wadi Rum, auf einer Hochebene 1000 Meter über dem Meeresspiegel gelegen, gilt mit seinen spektakulären Sandsteingebirgen nicht umsonst als die eindrucksvollste Wüste der Welt. Fotos: Marion Schwartzkopff

Das Wadi Rum im Süden Jordaniens gilt als die schönste Wüste der Welt. Auf einer Hochebene gelegen, wird sie von skurrilen Steingebilden und mächtigen Felsformationen durchzogen. Die wohl authentischste Art, diese Wüste zu durchqueren, ist auf dem Rücken arabischer Pferde. Autorin Marion Schwartzkopff ritt acht Tage lang von Zeltplatz zu Zeltplatz.

45 Grad im Schatten. Das ist selbst für Atallah zu viel: „Marhaban- willkommen. Morgen wird es kühler, inshallah – so Gott will!“ begrüßt er uns und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Atallah hat im kleinen Dörfchen Rum seinen Stall und seine Pferdezucht. Recht sollte er leider nicht behalten: Jordanien litt damals im August  unter einer Hitzewelle, wie sie der 45 jährige Atallah noch nicht erlebt hatte. Seine 40 arabischen Vollblutpferde hingegen zeigten sich unbeeindruckt. Die sieben, die unser kleiner Reittrupp für die bevorstehende Tour auswählte, machten einen munteren Eindruck und schienen zufrieden, endlich aus der Koppel zu kommen und wieder arbeiten zu dürfen.

Die Talsohlen des Wadi Rum liegen rund tausend Meter über dem Meeresspiegel, darüber erheben sich seine Felsmassive noch etliche hundert Meter weiter, so dass der Djebel Rum – mit seinen 1.754 Metern die höchste Erhebung –  gleichzeitig der zweithöchste Berg Jordaniens ist. Aus diesem Grund gilt das Klima im Wadi Rum im Sommer zwar als warm,  aber für uns Europäer als geeignet, höchstens um die 30 Grad, nicht wärmer. Im Normalfall. „Im Winter wird es hier oben oft schneidend kalt, und es fällt sogar Schnee.“ Uns sechs  Reiterinnen und Reiter fällt es an diesem Tag schwer, dies dem Beduinen Atallah zu glauben.

Das Wadi Rum bildet,  zusammen mit der alten Nabatäerstadt Petra – bekannt aus dem Film Indiana Jones und der letzte Kreuzzug – und dem Ort Aqaba am Roten Meer,  die Haupttouristenattraktion im Süden Jordaniens. Und es ist auch wieder ein Film, der das Wadi Rum weltberühmt machte und jedes Jahr die Heerscharen von Touristen anzieht, die sich vor dem Besucherzentrum im Dörfchen Rum auch an unserem Ankunftstag knubbeln. Sie kommen aus Europa, den USA oder Japan und wollen mit dem Jeep oder dem Fesselballon die Orginalschauplätze besichtigen, an denen der legendäre, mit sieben Oscars preisgekrönte Film „Lawrence of Arabia“ spielte. Davin Lean drehte ihn 1962 mit Peter O´Toole, Omar Sharif und Anthony Quinn in den Hauptrollen, vor der Kulisse des Wadi Rum – und verhalf der Wüste damit zu internationalem  Ruhm.

Mitten im Filmset

Auch wir, Fabrissa, Marie, Daniele und Astrid aus Frankreich, Hermann aus Österreich und ich aus Deutschland mussten zugeben, dass wir Reiter den Film nie vergessen konnten, zu eindrucksvoll, zu schön war diese Kulisse gewesen.  Wir sechs hatten lange davon geträumt, einmal selber durch diese sandige Ebene zu preschen, vorbei an bizarren Felsnadeln und massiven Formationen aus Sandstein, die meterhohen Dünen mit Rössern zu erklimmen.

Der Ritt durchs Wadi Rum: die wohl authentischste Art, die Wüste zu erkunden.
Der Ritt durchs Wadi Rum: die wohl authentischste Art, die Wüste zu erkunden.

Und das Wadi Rum ist wirklich ergreifend schön: Vor dem Hintergrund eines strahlend blauen Himmels wechselt der Sand von flammendem Rot bis zu fahlem Gelb, felsiger Untergrund geht über in weiche, meterhohe Dünen. Immer wieder wird die Szenerie grün getupft von harten Büschen und Gräsern oder auch ab und zu von einem einsamen Baum inmitten der Wüste. Und dann diese Felsen! Über 30 Millionen Jahre schliffen Wind und Wetter aus dem weichem Sandstein spektakuläre Gebilde. Die Erosion ließ Felsbrücken, Löcher, Kuppeln und Kegel entstehen, schliff Rundungen und Nasen, Säulen, Höhlen, Krater und Schluchten in das Gestein.  Nicht ohne Grund ist das Wadi Rum auch für Kletterer und Trekkingbegeisterte ein Eldorado. Da es sich um ein Naturschutzgebiet handelt, muss man sich einheimischen Guides anschließen und sich an ausgewiesene Routen und Strecken halten.

Mit unseren Pferden entgehen wir dem Ansturm jener Tagestouristen, die nur ein Foto aus dem Jeep von jenem spektakulären Tal schießen möchten, in dem zum Angriff auf Aqaba geblasen wurde. Denn unser Abritt ist am nächsten Morgen schon um 6 Uhr früh, der hohen Tagestemperaturen wegen. Das bedeutet Aufstehen gegen halb fünf, Pferde füttern, tränken, putzen, satteln, selber Tee trinken und frühstücken. Aber Atallah weiß ohnehin, wann und wo die Jeeps mit den ausländischen Besuchern zu erwarten sind, und während der sieben folgenden Tage werden wir außer einem Kamelreiter niemanden mehr in dem insgesamt 74.000 Hektar großen UNESCO Weltnaturerbe des Wadi Rum zu Gesicht bekommen.

Lange Mittagspause wegen der glühenden Hitze

An diesem ersten wie an den übrigen Tagen reiten wir stets rund 40 Kilometer,  in zwei Etappen. Von 6 Uhr bis 10 oder 11 Uhr, dann kommt eine lange Mittagspause, bis 16:00, der Hitze geschuldet. Danach geht’s nochmals im Licht der nachlassenden und untergehenden Sonne weiter bis zum jeweiligen Zeltplatz und Etappenziel des Tages. Sowohl mittags als auch abends erwarten uns bereits Mohammed, unser Koch und sein Bruder Ibrahim, der beim Versorgen der Pferde, dem Aufbau der Zelte hilft, auch schon mal ein loses Hufeisen festklopft. Mittagsrast ist da, wo Schatten ist: im Schutz roter Schluchten oder der gewaltigen Felsen. Unsere arabischen Pferde wälzen sich erst im Sand, dann dösen sie,  an Büschen lose befestigt, von Sattel und Zaum befreit, direkt neben uns. Jeder aus dem Trupp bekommt von Mohammeds Proviant- Zelt- Wasser- und Versorgungswagen ein Tässchen Wasser zum Händewaschen zugeteilt. Die Pferde werden aus den auf dem uralten Jeep vertäuten großen Wassertanks getränkt, bis sie nur noch verächtlich ins kühle Nass schnauben. Das bedeutet, dass sie zuvor schon drei zehn-Liter-Eimer leer gesoffen haben.

Die Erosion schuf in 30 Millionen Jahren die faszinierenden Sandsteinformationen des Wadi Rum.
Die Erosion schuf in 30 Millionen Jahren die faszinierenden Sandsteinformationen des Wadi Rum.

Für uns gibt es den obligaten süßen Minztee und Mineralwasser. Wir haben bis dahin, am Sattel in Taschen verstaut, schon an die drei bis vier Liter Wasser getrunken. Der Ritt ist anstrengend. Nicht nur wegen der unglaublichen Hitze, die spätestens ab 9 Uhr wirklich unerbittlich ist. Und nicht nur, weil fünf Stunden Reiten am Stück ohnehin kein Kinderspiel ist. Nein, vor allem, weil diese Pferde stürmisch voran wollen, die mörderische Glut scheint sie lediglich auf Betriebstemperatur zu bringen. Wir Reiter haben im wahrsten Sinne alle Hände voll zu tun, ihr arabisches Temperament bei den langen Galoppaden im Zaume zu halten. Als wir sechs, allesamt „alte Hasen“, unser grenzenloses Erstaunen über die schier unglaubliche Kondition  von „Tiber“, „Shams“, „Aziz“, „Fadwa“, „Ghandil“, „Mabrouka“ und „Sheitan“ äußern, lacht Atallah. „Ach, das ist doch gar nichts für die. Die sieben sind ausgebildete Distanzpferde. Die gehen sonst Rennen über 160 km am Stück. Wisst ihr, wie lange die dafür brauchen? Elf Stunden!!!“ Der Stolz über die seine selbstgezogenen Rennpferde blitzt aus den braune Beduinenaugen.

Mittags und abends zaubert Mohammed dann Köstlichkeiten in seinen zwei Kochtöpfen auf dem Propangaskocher für uns,  und hungrig wie wir immer waren, schworen wir einhellig, nie besser bekocht worden zu sein. Wenn wir abends am Etappenziel ankommen, hat Ibrahim die kleinen Einmann-Zelte bereits aufgebaut, Mohammed schmeißt den Kocher an und wir dürfen in der Zwischenzeit duschen. Dazu bekommt jeder eine Plastikkaraffe mit anderthalb Litern Wasser, mit der wir Mädels uns in Felsennischen zurückziehen, um dort die köstlichste Dusche unsres Lebens Abend für Abend zu zelebrieren. Beim Haare waschen helfen wir uns gegenseitig, damit nichts von dem wenigen Nass ungenutzt daneben geht. Anderthalb Liter reichen tatsächlich aus, um Kopf und Körper vom Staub des Tages zu befreien und uns in Entzücken zu versetzen. Wir haben Hunger wie die Wölfe und nicht nur wegen des Sprachgewirrs aus arabisch, englisch, französisch und deutsch geht es beim Essen still zu, wir sind müde – und konzentriert darauf, satt zu werden. Danach geht’s beim Lagerfeuer zum gemütlichen Teil über, es wird erzählt, geradebrecht und Reiterlatein hin-und-her übersetzt.

Beduinenmusik am Lagerfeuer: Abschiedsstimmung am letzten Abend.
Beduinenmusik am Lagerfeuer: Abschiedsstimmung am letzten Abend.

Hermann hat die Geschichte von Lawrence von Arabien vergessen und ich muss sie ihm noch mal in Kurzfassung ins Gedächtnis rufen: „Thomas Edward Lawrence war Leutnant bei den Engländern. Während des Ersten Weltkrieges wurde er damit beauftragt, die Araber zum Aufstand gegen die osmanische Vorherrschaft aufzustacheln. Damit wollten die Engländer, ihren Kriegsgegner Türkei auf der arabischen Halbinsel maßgeblich schwächen. Aufgrund seiner hervorragenden Kenntnisse der arabischen Dialekte und dem engen, von gegenseitigen Respekt getragenen Kontakt zu den arabischen Stämmen wurde Lawrence von Arabien, wie er bald genannt wurde, zur Schlüsselfigur des –vermeintlichen- arabischen Freiheitskampfes. Die arabischen Stämme besiegten mit Lawrence Hilfe die Türken- doch die Freiheit erzielten sie nicht. Arabien wurde nach dem Krieg zwischen den Engländern und den Franzosen aufgeteilt. Viele Abenteuergeschichten ranken sich um ihn, der mit dishdasha, dem arabischen Gewand, und ghutra, dem strahlend weißen Kopftuch, bekleidet, den Krummsäbel schwingend, höchstpersönlich die Guerillaangriffe auf die Hedschasbahn ausführte. Seine Lebenserinnerungen „Die sieben Säulen der Weisheit“ wurden zum Bestseller und machten ihn und das Wadi Rum weltbekannt.“

Mit einem Foto zur Schwiegermutter

Der Runnig Gag des Lagers aber entstand gleich zu Anfang zwischen Muhammed und mir und brachte mir dann auch den Spitznamen „Schwiegermutter“ ein, der sich hartnäckig bis zum letzten Tag hielt: Ich hatte Muhammed Bilder meiner 16 und 20 jährigen Töchter gezeigt. Muhammed war hin und weg, Feuer und Flamme und fing gleich an, einen Brautpreis mit mir auszuhandeln. Er habe zwar schon eine Frau, aber das sei ja hier, in Jordanien im Allgemeinen und für einen Moslem im Speziellen, kein Hinderungsgrund, sich nicht noch eine 20jährige Zweitfrau zuzulegen. Muhammed flachste natürlich, und unsere Gruppe hatte ihren Spass, als er mir zwei Kamele für die älteste meiner Töchter anbot. Wir kamen aber nicht ins Geschäft, da ich, bei der Schönheit meiner Tochter und auch bei ihrer Klugheit, vor allem aber der Glut ihrer braunen Augen einen Brautpreis von 20 Distanzpferden und einem arabischen Deckhengst für nicht unangemessen hielt. Muhammed war so erstaunt, dass Deutsche so frech feilschen können, dass er mich fortan nur noch „Schwiegermutter“ rief und jeden Abend aufs Neue am Lagerfeuer das Schachern um meine Töchter anfing. Bis zum letzten Tag wurden wir uns nicht handelseinig, obwohl ich ihm zum Spass dann gar beide Schwestern zum absoluten „Freundschaftspreis“ von nur 35 arabischen Vollblütern anbot….!

Als wir nach sieben Tagen Abschied nehmen mussten, flossen Tränen auf allen Seiten. Ein wunderbares Team, eine Landschaft aus alf layla wa layla – aus 1001 Nacht -, ein Wüstenabenteuer, wie man es sich nicht schöner wünschen kann. Ich habe die Grand Erg Oriental in Tunesien gesehen, war in der marokkanischen Sahara, bin im Sand der ägyptischen Pyramiden geritten, ließ mich von der Rub al Khali im Oman in ihren Bann schlagen, aber die weiten, roten und goldenen Felsentäler des Wadi Rum sind einfach unvergleichlich. Wadi Rum – ich komme wieder! Inshallah!

Wie auf dem dem Film Lawrence von Arabien: Die Autorin ritt rund 300 Kilometer kreuz und quer durch den Wadi Rum.
Wie im Film Lawrence von Arabien: Die Autorin ritt rund 300 Kilometer kreuz und quer durch das Wadi Rum.

Praktische Reisetipps zum Wadi Rum:

Jordanien ist ein Paradies für Outdoorfans. Aber auch Kulturinteressierte kommen in diesem Land mit der alten Nabatäerstadt Petra und den „Pompeji des Ostens“ Jerash, eine der besterhaltenen römischen Ausgrabungsstättenm auf ihre Kosten.

Anreise: Flug bis Amman. Von dort bis zum Wadi Rum am besten mit Fahrer und Wagen, die man von Deutschland aus per Internet aus über Hotels organisieren kann (siehe hier). Eine nicht zu teure und bequeme Art, von Amman im Norden in den Süden zu kommen- Fahrtzeit im Privatwagen rd. 6 Stunden. Busse fahren meist nur die großen Städte an.

Touren: Neben der oben beschriebenen Tour gibt es auch Ausritte für Reitanfänger oder man kann das Wadi Rum auf Kamelen erkunden. Dies bieten verschiedene Veranstalter vor Ort oder in Amman oder Aqaba an oder man kann dies bereits von zuhause organisieren, beispielsweise mit Pegasus Reiterreisen. Auch wenn man dann mit anderen Touristen unterwegs ist, so ist es doch eine authentische und sicher unvergessliche Erfahrung, auch wegen des einzigartigen Muskelkaters, der sich am nächsten Tag einstellt.

Man kann das Naturschutzgebiet aber auch mit einem einheimischen Führer auf den eigenen Beinen erwandern. Führer findet man am visitor center im Dörfchen Rum. Dort kann man auch Jeeptouren oder Ballonfahrten arrangieren. Wer auf Nummer sicher gehen will, bucht all diese Unternehmungen bereits in Deutschland bei Spezialreiseveranstaltern. Für Kletterer ist das Wadi Rum mit seinen bizarren Felsen ein Eldorado. Auch hier gibt es geführte Routen mit verschiedenen Schwierigkeitsgraden.

Weitere Outdoorunternehmungen: Canyoning im Wadi Mujib (Möglich von April bis Oktober), Baden im Toten Meer, Tauchen im Roten Meer

Über Marion Schwartzkopff

Lebt und arbeitet als Pressereferentin in Düsseldorf und reist seit 30 Jahren, regelmässig in arabische Länder. Ihre große Liebe gilt aber Sri Lanka. Beim BoD Verlag erschien von ihr die Reihe „Sri Lanka – Reiseführer des Herzens“.

3 Kommentare

  1. Barbara Lorscheidt

    Phantastischer Artikel – mehr davon! Und sehr informativ.

  2. Wer einmal Wüste gesehen hat, wird sie immer lieben……

  3. Eine wunderbare Kombination von Information (sehr interessant!) und Emotion. Toller Bericht.

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