Montag, 18. Dezember 2017
Home » Allgemein » So richtest du mit Freiwilligenarbeit keinen Schaden an

So richtest du mit Freiwilligenarbeit keinen Schaden an

Kritik am Volontourismus: Im Umgang mit Kindern sollten Freiwillige besonders vorsichtig sein. Foto: O. Zwahlen
Klassenzimmer in Myanmar: Im Umgang mit Kindern sollten Freiwillige besonders vorsichtig sein. Foto: O. Zwahlen

Nicht immer ist gut gemeint auch gut getan. Insbesondere bei der Freiwilligenarbeit können sogenannte Voluntouristen leicht Schaden anrichten. In diesem Beitrag geben wir dir sieben Tipps, wie du dafür sorgst, dass deine Hilfe auch wirklich etwas bringt.

Gastbeitrag von Jasmin Bütow

Voluntourismus: Ein Begriff, der polarisiert. Er kommt in verschiedenen Farben und Formen, ist letztendlich aber eine Mischung aus ehrenamtlichem Engagement im Ausland und einer Urlaubsreise, daher die Wortschöpfung Freiwilligentourismus. Das Konzept Voluntourismus wird häufig kritisiert, als Sozialvoyeurismus oder koloniale Spielwiese für Wohlstandskinder bezeichnet.

Häufig richten junge (und ältere), unausgebildete Freiwillige tatsächlich mehr Schaden als Heil an. Das lässt sich leider nicht leugnen. Anstatt jedoch das gesamte Konzept in die Tonne zu hauen und die Leidenschaft vieler Menschen im Keim zu ersticken, sollte stattdessen mehr Wert darauf gelegt werden, die Energie dieser Leute in positive Richtungen zu lenken.

Es kann nicht richtig sein, dass du dich schlecht fühlen oder rechtfertigen sollst, weil du dich als junge/r Erwachsene/r sozial engagieren und die Welt entdecken möchtest. Meine Absicht mit diesem Artikel ist also nicht, deine Bemühungen zu verurteilen oder dich gleich zu verscheuchen, sondern dir nützliche Tipps mit auf den Weg zu geben, um einen positiven Beitrag zu leisten, von dem beide Seiten profitieren.

1. Nimm dich selbst unter die Lupe

Finde heraus, warum du dich ehrenamtlich im Ausland engagieren möchtest. Denke darüber nach, was du von dieser Erfahrung erwartest. Die Wahrscheinlichkeit, dass du selbst mehr gewinnen wirst, als die Leute, denen du zu “helfen” versuchst, ist groß. Solange beide Seiten profitieren, ist das jedoch kein Hindernis.

Extrem wichtig ist, dass du mit hoher Lernbereitschaft, Toleranz und Bescheidenheit an die Sache herangehst. Versuche möglichst wenig zu urteilen und die komplexe Situation vor Ort stattdessen besser zu verstehen und dazu zu lernen. Halte deine Erwartungen im Zaum und vermeide so Enttäuschung und Frustration. Du wirst mit deinem Einsatz weder Familien aus der Armut holen, noch andere Missstände dauerhaft beheben. Das sollte dir klar sein.

2. Überleg, ob eine Reise nicht die bessere Alternative ist

Du möchtest eine neue Kultur kennenlernen und lokale Gemeinden unterstützen? Diesen Wunsch kannst du dir auch mit einer verantwortungsvollen Reise erfüllen. Die wichtigsten Punkte beim verantwortungsvollen Reisen habe ich hier (Archivseite) zusammengefasst. Deine Hauptmotivation besteht darin, eine neue Sprache zu erlernen oder bestehende Kenntnisse auszubauen? Dann such dir eine Sprachschule im Ausland und verbringe möglichst viel Zeit mit deiner Gastfamilie.

Es gibt viele Möglichkeiten eine fremde Kultur zu entdecken, die Bevölkerung kennenzulernen und intensive Kontakte zu knüpfen. Vielleicht stößt du vor Ort sogar auf eine nicht-profitorientierte Organisation, deren Bemühungen du nach deiner Rückkehr unterstützen möchtest. Sobald du zurück in der Heimat bist, kannst du deine Mitmenschen auf bestimmte Problematiken in deinem Reiseland aufmerksam machen, sie sensibilisieren und/oder Spenden sammeln. Dein Einsatz kann dem Team vor Ort helfen, nachhaltige Lösungen für ein Problem zu finden und sie langfristig zum Wohl der eigenen Landsmänner und -frauen umzusetzen.

3. Bereite dich gründlich auf deinen Einsatz vor

Solltest du weiterhin daran festhalten, als Freiwillige/r im Ausland tätig werden zu wollen, bereite dich gründlich auf diese Verantwortung vor. Falls du von einer Organisation entsendet wirst, übernimmt diese für dich hoffentlich deine Vor- und Nachbereitung und steht auch während deines Einsatzes mit Rat und Tat zur Seite.

Unabhängig davon, ob du mit einem Veranstalter verreist oder deinen Aufenthalt auf eigene Faust organisierst, beschäftige dich eingehend mit dem Thema Voluntourismus. Lies dir kritische Artikel durch, um offensichtliche Fehler zu vermeiden und beschäftige dich bei deiner Recherche mit Themen wie Entwicklungszusammenarbeit, Rassismus und Kolonialismus. Je mehr du weißt, desto weniger Schaden wirst du anrichten und desto erfolgreicher wird dein Engagement für beide Seiten.

4. Engagiere dich so lange wie möglich

Es wird eine Weile dauern, bis du dich an die neue Umgebung, das Team, die Arbeitsweise und die Sprache gewöhnt hast. Solltest du langfristig Zeit haben und unabhängig genug sein, setz dich selbst mit verschiedenen Organisationen in Kontakt oder reise im Rahmen eines anerkannten Programmes (zum Beispiel weltwärts).

Wichtig ist, dass du Aufgaben zugeteilt bekommst, die den Bedürfnissen der Organisation/Gemeinde und deinen Fähigkeiten und Talenten entsprechen. Im Idealfall wirkst du unterstützend für die Festangestellten, anstatt eine eigene Position zu übernehmen.

5. Wähl das Projekt für einen Kurzzeiteinsatz sorgfältig aus

Falls du dich nur einige Tage oder Wochen freiwillig engagieren kannst/möchtest, rate ich dir, dich auf Netzwerke wie WWOOF oder HelpX zu konzentrieren. Dort findest du hauptsächlich Projekte aus dem Bereich ökologische Landwirtschaft und familienbetriebene Unterkünfte, die auf der Suche nach helfenden Händen sind. Du arbeitest in der Regel nicht mit vulnerablen Gruppen zusammen und minimierst somit das Risiko, ernsthafte Schäden anzurichten. Den Pflanzen blutet schließlich nicht das Herz, wenn du dich erst liebevoll um sie kümmerst, um sie dann ein paar Tage später wieder zu verlassen.

Oft sind es die weniger attraktiven Arbeiten wie das Aufforsten eines Waldes, die am wenigsten Schaden anrichten. Foto: J. Bütow.
Oft sind es die weniger attraktiven Arbeiten wie das Aufforsten eines Waldes, die am wenigsten Schaden anrichten. Foto: J. Bütow.

Mit ein bisschen Kreativität findest du auch andere Möglichkeiten, um dich spontan für Naturschutz oder Bildung einzusetzen. Schnapp dir beispielsweise eine Plastiktüte und befrei den Strand/Wald/Weg von Müll und entsorge ihn anschließend sachgemäß. Auch in kurzer Zeit kannst du dich mit Eigeninitiative nützlich machen und einer Gemeinde ohne negative Nebenwirkungen helfen.

6. Hüte dich vor sozialem Engagement in Waisenhäusern

Meiner Meinung nach solltest du dir diese Idee gleich wieder aus dem Kopf schlagen. Ich glaube dir, dass du ein Händchen für Kinder hast und in ihrer Gegenwart aufblühst – ich denke aber auch, dass es hier zu sehr um deine Wünsche und zu wenig um die Bedürfnisse der Kinder geht.

Käme es dir normal vor, wenn in einem deutschen Kinderheim alle paar Tage/Wochen motivierte Reisende hereinströmen, um zu “helfen”? Wohl kaum. Ein Waisenhaus ist kein Menschenzoo und auch keine Fotowand für deine Erinnerungsbilder, sondern hoffentlich ein sicheres Zuhause für Kinder, die es im Leben bisher alles andere als einfach hatten.

Solltest du deine Zeit trotzdem in einem Waisenhaus verbringen wollen, dann sei dir zumindest der Problematik bewusst. Hier mehr dazu. Recherchiere ausführlich die Legitimität des Waisenhauses, informiere dich über bestehende Sicherheitsvorkehrungen, arbeite im Hintergrund und unterstütze das Team, anstatt zur engen Bezugsperson für die Kinder zu werden.

7. Wende dich an erfahrene und anerkannte Veranstalter

Du hast dir alle Tipps durchgelesen, dich ausgiebig mit dem Thema Voluntourismus beschäftigt und möchtest dich weiterhin sozial im Ausland engagieren? Du hast allerdings nicht viel Zeit, möchtest unbedingt mit Kindern oder anderen vulnerablen Gruppen arbeiten und beherrschst die Landessprache nur mäßig?

In diesem Fall rate ich dir, dich an einen anerkannten Veranstalter zu wenden, der dich gezielt einsetzt, sich um deine Vor- und Nachbereitung kümmert und dich auch während deines Auslandsaufenthaltes dort vor Ort betreut. Wichtig ist, dass er seit Jahren erfolgreich mit lokalen Partnern zusammenarbeitet und ein klar strukturiertes Programm anbietet.

Ein verantwortungsvolles Unternehmen wird dich vorab möglichst gut kennenlernen wollen, um mehr über deine Persönlichkeit, Erfahrungen, Fähigkeiten und Talente herauszufinden. Nur mit gründlicher Vorbereitung ist es möglich, dir eine spannende Erfahrung zu bescheren und gleichzeitig etwas Gutes im Zielland zu tun.

Fazit

Sei flexibel, offen, bescheiden und proaktiv. Du musst du dir darüber im Klaren sein, dass du dich in einer privilegierten Situation befindest, reisen und “helfen” zu können. Nimm deine Aufgabe als Voluntourist ernst und bringe deinen Enthusiasmus wieder mit zurück in dein Heimatland.

Auch wenn du im Reiseland keine langfristigen Veränderungen mit deinem Einsatz hervorbringen konntest, so kannst du das in deiner Heimat schaffen. Du bist danach im besten Fall nun für ein Thema sensibilisiert und kannst deine Leidenschaft für soziale Themen in praktische Handlungen und andauerndes Engagement umwandeln. Viel Erfolg und genieß deine Erfahrung!

Hast du schon einmal als Freiwilliger gearbeitet? Was sind Deine Erfahrungen? Hinterlass uns einen Kommentar!

Zum ersten Mal auf Weltreiseforum.com? Dann schau hier, worum es im Blog geht. Wenn dir dieser Artikel gefallen hat und du künftig nichts mehr verpassen willst, solltest du dich unbedingt beim monatlichen Newsletter einschreiben.

Über Gastbeitrag

Gastbeiträge sind Artikel, die Autoren von anderen Blogs auf dem Weltreisemagazin veröffentlichen. Hast auch du einen eigenen Reiseblog und möchtest für uns einen Text schreiben? Melde dich bei uns.

3 Kommentare

  1. Danke für den hilfreichen Artikel. Für meine Reise ist der Artikel sehr hilfreich.
    Zu Tipp Nr. 5,
    ich kenne nebst WWOOF und HelpX noch Workaway.info

    schöne Grüsse aus Laos,
    Thomas

  2. Wow, super Artikel über das Thema, das mir schon so oft aufgestossen ist. Toll, dass du das Wohl der Zielgruppe beim Freiwilligendienst in den Vordergrund stellst. Denn um die geht’s. Wenn dabei mit mir auch was Gutes passiert, um so besser. Aber das sollte nicht die Intention sein.

    Ich hatte am Anfang große Schwierigkeiten mich unterzuordnen und Aufgaben zu übernehmen, die nicht direkt am Menschen stattfanden. Aber dann wurde mir klar, dass es um dabei Dienen geht. Eine heutzutage nicht so übliche Form des Handelns.

    Viele Grüße aus Mae Sai
    Sttefan

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.