Montag, 18. Dezember 2017
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Umfrage: Wieso die Frage nach der Herkunft so wichtig ist

Das Ziel der langweiligsten aller Fragen ist häufig, neue Freundschaften zu knüpfen. Foto:  Lupo  / pixelio.de
Das Ziel der langweiligsten aller Fragen ist häufig, neue Freundschaften zu knüpfen. Foto: Lupo / pixelio.de

Wie kommt man am besten mit anderen Reisenden ins Gespräch. Mir zumindest geht die Frage, woher ich komme, ziemlich auf den Geist. Doch was sonst wäre eine gute Eisbrecherfrage? Ein Plädoyer für mehr Phantasie und Tipps von fünf Reisebloggern.

Ich reise gern und oft. Und wenn es etwas gibt, was mich auf meinen Reisen nervt, dann sind das Leute, die mich danach fragen, woher ich komme. Es ist nicht so, dass es mir peinlich wäre, meine Nationalität preiszugeben oder dass es mich stört, wenn man mich danach(sprichwörtlich) in eine Schublade steckt. Aber von tausenden möglichen Gesprächen muss ich mich jedes Mal erneut durch das gleiche Frage- und Antwortspiel hindurchlangweilen. Und das Traurige daran ist: Oft bleibt es beim langweiligen Teil, weil uns die Zeit fehlt, anschliessend noch etwas Interessantes zu besprechen.

Zum Beispiel am Morgen auf dem Weg zur Arbeit fragt mich hier in Peking sicherlich jeder zweite Taxifahrer woher ich komme. Wenn ich in der Regel wahrheitsgemäss sage, dass ich Schweizer bin, kommt stets die gleiche Antwort: „Ah, die Uhren sind dort total bekannt.“ Dabei stört mich nicht so sehr, dass die Antwort an sich schon unsinnig ist, (weil es ja anzunehmen ist, dass ich weiss, was in meiner Heimat bekannt ist), sondern viel mehr, dass ich mich jeden Morgen in den Film „Und täglich grüsst das Murmeltier“ hineinversetzt fühle.

Bei Taxifahrern oder anderen Menschen vor Ort kann ich leicht ein Auge zudrücken. Sie leben in einer anderen Welt als ich und sie wissen in der Regel nicht, dass ich diese Frage am Tag drei Mal gestellt bekomme und mir in  meiner Verzweiflung schon überlegt habe, ob ich künftig mit einem Schweizerkreuz durch die Welt laufen soll. Aber wenn mich andere Reisende, insbesonders Langzeit-Backpacker, diese langweiligste aller Fragen stellen, dann geht bei mir irgendwie der Laden runter und ich habe gar keine Lust mehr, mich mit ihnen länger zu unterhalten. Ich frage mich immer wieder: leiden diese Menschen denn eigentlich nicht auch daran, dass sie ständig die gleiche Unterhaltung führen müssen?

Reisende und DIE Frage

Immerhin gibt es Anzeichen dafür, dass sich auch andere Langzeitreisende über genau diese Frage nerven. In Indien beispielsweise bin ich einmal einer jungen deutschen Backpackerin begegnet, die jedem Fragenden ein anderes Land angab. In Kambodscha traf ich einen Franzosen, der behauptete, er käme vom Mond, was kaum auf Verständnis gestossen ist. Und in Guatamala überhörte ich einmal eine Unterhaltung, bei der jemand darauf pochte, ein Weltenbürger zu sein – was aber nichts half. Die Fragenden wurden nur noch neugieriger. Auch Conni von Planet Backpack, einem der wichtigsten Blogs für angehende Backpacker, empfiehlt hier ihren Lesern, sich besser schon an genau jener Frage zu beginnen, die mir noch den letzten Nerv tötet.

Ich wollte deswegen wissen, ob ich einfach ein bisschen überempfindlich bin und habe mehrere Langzeitreisende befragt, wie sie zur Frage stehen und ob sie irgendwelche Tipps hätten, wie sie auf Reisen Leute auf eine ausgefallenere Weise kennenzulernen. Im Folgenden kannst du ihre Antworten finden.

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Patrick Hundt von 101places.de, seit acht Monaten unterwegs

patrick

Ich bin seit acht Monaten unterwegs und mir geht die Frage aller Fragen noch nicht auf die Nerven. Ich messe ihr einfach keine größere Bedeutung bei. Sie ist nichts anderes als ein „How are you?“. Die Antwort interessiert niemanden, aber sie bricht das Eis. Die Frage macht den Unterschied zwischen einem langen Schweigen und einem Gespräch.

Als introvertiertem Menschen ist mir Small Talk eine ungeliebte Qual, die mir weder gefällt noch leicht fällt. Und auch wenn ich in fast jeder Situation gern für mich bin, weiß ich, dass mich ein Gespräch bereichern kann. Also zwinge ich mich zum Reden und der einfache Ausweg ist eine der Standardfragen.

Introvertierten Reisenden (die aus meiner Sicht unterrepräsentiert sind) möchte ich den Rat auf den Weg geben, möglichst viele Situationen zu nutzen, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Manches Mal können sie das Salz in der Suppe sein und oft sind sie eine Quelle von Information und Inspiration.

Andere Reisende triffst Du am besten in Hostel Dorms oder Gemeinschaftsräumen, auf Touren oder in Bussen. Sprich die Leute in Deiner Nähe möglichst sofort an. Je länger Du wartest, desto schwieriger wird es. Neben den Standardfragen fällt es mir oft leicht, einen Bezug zur aktuellen Situation herzustellen: „How do you like this cave?“ oder „Do you enjoy Laos?“

 

Felicia Hargarten von Travelicia.de, 3 Monate unterwegs

Feli_Travelicia

Man sollte also auf jeden Fall nicht zu verkrampft an die Sache herangehen. Anderen Gesprächen zuzuhören bietet oft die Chance, sich nach einigen Minuten mit seiner Meinung, Erfahrung oder mit Tipps einzubringen. Generell lassen Blickkontakt und ein einfaches Lächeln das Eis schneller schmelzen.

Gut ist es, eine Frage zu stellen, die einem tatsächlich durch den Kopf geht wie : Wie kann man mit so einem großen Surfbrett rumreisen? Wo hat sie die coole Brille oder das leckere Essen her? Woher kann er die Landesprache?

Wenn man ein wenig aufmerksam ist, gibt die aktuelle Situation immer einen Gesprächsanlass. Wenn man selbst etwas Interessantes oder Außergewöhnliches bei sich hat, wird man außerdem öfter von anderen angesprochen. Wichtig ist, authentisch zu bleiben.

 

Florian Blümm von Flocutus.de, seit 22 Monaten unterwegs

wiesn2010

„Where are you from?“ So beginnt ein typisches Verkaufsgespräch mit einem T-Shirt Verkäufer oder einem Tuk-Tuk-Fahrer in einer Backpackerstraße. Und warum? Es funktioniert!

„Where are you from?“ Wir sind fast alle stolz auf unsere Herkunft und, egal wer fragt, froh über eine Gelegenheit „Germany“ antworten zu können in Australien oder „Alemania“ in Guatemala oder „Deguo“ in China. Und schon ist man im Gespräch. Wenn man Glück hat, redet man mit einem interessanten Menschen im Hostel, der mehr zu sagen hat als „Where are you from“. Das ist schließlich nur der Aufhänger, ein Aufhänger, wie daheim in Deutschland „Bist du zum ersten Mal hier?“ oder für Raucher „Hast du Feuer?“. Und warum? Es funktioniert!

„Where are you from?“ Und schon hat man mit etwas Glück einen Gleichgesinnten zum Bier trinken oder, wenn man Pech hat, ein neues T-Shirt und eine Fahrt mit dem Tuk-Tuk. Und warum? es funktioniert!

 

Tobias Rast von Kleineweltreise.de, seit acht Monaten unterwegs

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Auf unserer Reise ergaben sich die meisten Gespräche und Bekanntschaften einfach aus der Situation heraus. Schließlich sitzt man oft gerade gemeinsam am Tisch im Restaurant, im Bus nach Sonstwo usw.

Trotzdem glaube ich: Die woher-kommst-du-Frage ist zwar oft gestellt und nicht sonderlich originell, aber sie ist ziemlich wichtig auf Reisen. Denn auch wenn das Gespräch nicht mit ihr beginnt, sie landet dennoch regelmäßig unter meinen ersten fünf Fragen. Es interessiert mich, mit wem ich mich unterhalte. Außerdem ist die Frage nach dem Woher ein wunderbarer Anknüpfungspunkt: Wie lange bist du hierher geflogen? Oder: Cool du kommst aus [toller Stadt], da war ich auch schon / will ich unbedingt mal hin!

Übrigens, eine weitere gute Gesprächseinleitung ist „Was hast du schon in [diesem Land] gesehen / erlebt?“

Insgesamt glaube ich aber, dass diese Standard-Einleitungssätze nicht zu doll bewertet werden dürfen, sie sind schließlich nur ein Mittel zum Zweck: Nämlich ein hoffentlich tolles und interessantes Gespräch zu führen und nette Menschen kennenzulernen. Und ob die Chemie stimmt und wir uns etwas zu erzählen haben – darauf hat die Eröffnungsfrage für mich keinen Einfluss.

 

Susi Maier von www.blackdotswhitespots.com, 4,5 Monate unterwegs

susi

Wer längere Zeit auf Reisen ist, kennt die immer wieder gleichen Gespräche mit anderen Travellern: Where are you from? How long have you been travelling? Where have you been? Where are you going next? Oft führen diese Fragen nur zu einer Art Schwanzvergleich des Reisens – wer reist am längsten, war schon überall, hat die krassesten Sachen erlebt. Argghhh.

Ich war auf meiner kleinen Weltreise ’nur‘ viereinhalb Monate unterwegs und hatte manchmal einfach keine Lust mehr auf diese Gespräche. Weil sie oberflächlich waren – und oft auch blieben.

Warum also immer wieder die gleichen Fragen stellen? Die Antwort ist einfach: Weil diese Fragen irgendwie unverfänglich sind (meistens zumindest). Weil das Thema Reisen verbindet. Weil sie das Eis brechen. (Ich habe erlebt, wie eine ganze Gruppe Langzeitreisender auf einer Tagestour sich erst mal gar nicht unterhielt, weil keiner Lust hatte, dem anderen die ‚offensichtlichen‘ Fragen zu stellen bzw. niemand bessere Fragen einfielen.)

Die Kunst ist vielmehr, die Unterhaltung mit einem sympathischen anderen Reisenden in andere Bahnen zu lenken und diese Fragen eben nur als Opener zu benutzen. Und sie ansonsten nicht überzubewerten. Die beste Möglichkeit ist meiner Erfahrung nach sowieso, Fragen aus der konkreten Situation heraus zu stellen. „Das sieht lecker aus! Was ist das?“ „Hast Du die Schildkröte auch gesehen?“ „Wie hat Dir die Wanderung gefallen?“ Das ist authentischer und spontaner. Einfach mal ausprobieren!

Über Oliver Zwahlen

Passionierter Blogger. Im Herzen freier Reisejournalist, aber derzeit Büroangstellter mit Wohnsitz im chinesischen Peking. Siehe auch: Google+

7 Kommentare

  1. Erwischt!

    „In Indien beispielsweise bin ich einmal einer jungen deutschen Backpackerin begegnet, die jedem Fragenden ein anderes Land angab“

    Warum erwähnst du, daß sie aus Deutschland kommt, wenn es so unwichtig ist? (-;

    • Haha. Da hast du mich wirklich erwischt, Florian. Wobei… Ich denke eigentlich nicht, dass die Nationalität an sich total unwichtig ist. Ich bin einfach für ein bisschen mehr Vielfalt bei den Eisbrecherfragen.

  2. Immerhin bist Du Schweizer, das ist ja schon mal ein wenig ungewöhnlicher als Deutscher. Eigentlich sage ich gern, dass ich Deutscher bin, aber in Neuseeland war es mir dann auch schon unangenehm und ich habe mich halb entschuldigt. Da ist ja schließlich jeder Deutscher 😉

  3. Dass ich das oft in China gefragt werde, ist normal (werde das ja von Chinesen gefragt). Chinesen sind einfach sehr neugierig (in den ersten Jahren haben sie mich immer für einen Russen gehalten, da sonst kaum Ausländer in China waren). Ich mache vielleicht eine Strichliste wenn ich im Mai wieder dort bin. Im Gegensatz zu obigen Thema Messer und Uhren bei Schweiz, kommt es dann oft zum Thema Auto. Werde dann gefragt welches deutsche Auto wieviel hier kostet (muss nochmals die Preise ansehen, bervor es dann losgeht 🙂 )

  4. Irgendwie finde ich dieses Thema so typisch fuer Deutschsprachige. Was ist denn das Problem? Kein Mensch von anderswoher kapiert, wo hier das Problem ist.
    Ich lebe in Thailand, reise viel in Asien und frage das sehr oft, weil es mich interessiert, ob ich richtig getippt habe, wenn ich die Person einschaetze. Und anschliessend geht das Gespraech recht schnell hin zu Interessanterem.

  5. Man braucht eine Kategorie, um über diesen Menschen denken oder reden zu können.
    „Die Backpacker haben gesagt, im Restaurant „Good Food“ gibt’s gutes Essen.“
    „Die Belgier haben gesagt, im Restaurant „Good Food“ gibt’s gutes Essen.“
    Denn obwohl die Frage nach der Nationalität die erste ist, fragt man nach dem Namen des Gegenübers ja frühestens nach drei, vier Tagen. 😉

    Und dann ist da noch die Geschichte, wie es Radek aus der Tschechischen Republik ging, wenn er nach der Herkunft gefragt wurde:
    „Where are you from?“
    „I’m Czech.“
    „Nice to meet you, Jack, but where are you from??“
    True story! 😀

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