Freitag, 15. Dezember 2017
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Sri Lanka: Sintflut im Garten Eden

Vor dem 26. Dezember 2004 wussten in Sri Lanka nur wenige, was ein Tsunami ist. Foto: Marion Schwartzkopff
Vor dem 26. Dezember 2004 wussten in Sri Lanka nur wenige, was ein Tsunami ist. Fotos: Marion Schwartzkopff

Heute vor genau neun Jahren forderte ein schrecklicher Tsunami hunderttausende Todesopfer. Sri Lanka war besonders schwer betroffen: Das Unglück forderte an die 40.000 Tote – ein Drittel davon Kinder.  Eine halbe Million Menschen wurde obdachlos. Autorin Marion Schwartzkopff machte sich auf Spurensuche.

Hin und wieder sieht man noch Ruinen zerstörter und nicht wieder aufgebauter Häuser, so etwa an der Küstenstraße, die hoch von Mirissa bis nach Colombo führt. Oder auch am Strand bei Mirissa, wo noch Reste einer Backsteinmauer davon künden, dass hier einmal ein prächtiges Haus stand – wo heute ein kleiner Palmenwald bis an den Ozean reicht. Aber Sri Lanka ist schon lange wieder das, was es vor der Flut war: ein Garten Eden, die Perle im Indischen Ozean, ein Urlaubsparadies, das die Spuren jener Flut mit viel Fleiß verwischt hat.

Ein paar Kilometer nördlich von Hikkaduwa findet sich in einem kleinen Häuschen das erste Tsunami Foto-Museum Sri Lankas. Es ist ein Museum der Trauer und läßt mit seinen Bilddokumenten jenen Schrecken wieder auferstehen, der uns alle damals befiel, als die ersten Nachrichten über das verheerende Unglück im Fernsehen kamen. Nur ein paar hundert Meter weiter steht der große Sandstein- Buddha, den die japanische Regierung nach der Katastrophe als Geste des Mitgefühls zwischen Ambatota und Hikkaduwa aufstellen ließ.

Der Initiative von Kamani de Silva hat Sri Lankas sein erstes Tsunami-Foto-Museum zu verdanken. Errichtet wurde es unweit der Stelle, wo am 26. Dezember 2004 rund 1.700 Menschen in einem Zug ertranken.
Der Initiative von Kamani de Silva hat Sri Lankas sein erstes Tsunami-Foto-Museum zu verdanken. Errichtet wurde es unweit der Stelle, wo am 26. Dezember 2004 rund 1.700 Menschen in einem Zug ertranken.

„Nur ein paar hundert Meter von hier entfernt, in Pareliya, kamen damals rund 1.700 Menschen in einem Zug um. Die große Welle unterspülte den Schienenstrang, riss den Zug um und alle Insassen ertranken“ erläutert Kamani de Silva, die hier, im Dörfchen Telwatta, zu Hause ist und mit ihrer Familie die Katastrophe überlebte. Ihrem Engagement ist die Einrichtung des Fotomuseums zu verdanken, dort arbeitet die junge Frau nun täglich und erklärt den wenigen Touristen, die sich hierher verlaufen, bereitwillig, was an jenem Tag geschah. „Insbesondere die Ostküste und der im Süden wurden völlig verwüstet. Aber auch an der Westküste wurden Dörfer zerstört, Bahnanlagen und Straßen, Tausende von Fischerbooten und damit die Erwerbsgrundlage eines Großteils meiner Landsleute.“

Erfolgreicher Wiederaufbau

Die komplette touristische Infrastruktur des Landes brach zusammen und Sri Lanka wurden schwere Jahre vorausgesagt. Doch der Wiederaufbau gestaltete sich wider Erwarten gut, eine Welle der Hilfsbereitschaft aus aller Welt machte es möglich – obwohl ein großer Teil der Gelder nie bei den Ärmsten der Armen ankam, bei denen, die alles verloren hatten – es versickerte in dunklen Kanälen. Dennoch waren schon wenige Jahr später die Häuser und Schulen wieder aufgebaut, die Fischer fuhren wieder aufs Meer, die Hotels und Restaurants wurden, teilweise größer und schöner  als sie waren, wieder eröffnet.  Die Korallenriffe von Hikkaduwa oder Trincomalee hatten durch den Tsunami keinen Schaden erlitten.

Dass in man in Hikkaduwa überall Kleider nähen lassen kann, (siehe auch: Intime Gespräche unter Frauen) hat ebenfalls mit dem Tsunami zu tun: Nachdem hier vielen Familien die Existenzgrundlage genommen war, wurden im Rahmen von Hilfsprogrammen „Umschulungen“ vorgenommen, korrekter gesagt, man verteilte Nähmaschinen. Da die Touristen schnell wieder nach Hikkaduwa kamen, das ja glimpflich davon gekommen war, explodierte das Schneidereihandwerk– alle 50 Meter findet man heute entlang der Hauptstraße Schilder, die für maßgefertigte Kleider oder Anzüge Reklame machen.

Nach dem Tsunami lag die Fischerei am Boden. Heute gehen die Fischer von Trincomalee wieder ihrem harten Handwerk nach.
Nach dem Tsunami lag die Fischerei am Boden. Heute gehen die Fischer von Trincomalee wieder ihrem harten Handwerk nach.

Auch Sheldon, Besitzer des Hotels Moonbeam in Hikkaduwa hatte Glück. In erstaunlich gutem Deutsch erzählt er mir von jenem 26. Dezember:  „Dass ich hier sitze, habe ich dem Zufall zu verdanken. Wir alle wussten damals weder, was ein Tsunami ist, noch wie er sich durch seine Vorboten ankündigt. Wir waren ja völlig ahnungslos… Zuerst kam diese erste Welle, aber die ist nur hier über die Terrasse geschwappt, so 40 Zentimeter hoch, ohne große Wucht, und dann lief das Wasser ja auch schon wieder zurück. Was ich aber vorher noch nie erlebt hatte, keiner hier, dass das Wasser sich ganz bis draußen zurückzog, mehrere Kilometer, das Meer war leer“.

Erzählungen mit Gänsehautfaktor

Ich kriege eine Gänsehaut, als Sheldon weiter erzählt:  Die Leute von Hikkaduwa waren aus dem Häuschen, sie liefen auf den leergelaufenen Strand, mit Eimern, um die Fische aufzusammeln, die dort rumzappelten oder um zu gucken, was das für ein Wunder war. Ich hatte keine Gäste, außer zwei Japanern. Und das hat mir das Leben gerettet. Die beiden, ein Ehepaar, hatten sofort kapiert, was los war. Sie schrien beide: „Tsunami! Tsunami! Run, run, upstairs!“ Ich begriff immer noch nicht. Tsunami, das Wort sagte mir nichts. Die beiden zogen und stießen mich dann mit Gewalt hier zu der Treppe, die zu den Honeymoon-Suiten in der zweiten Etage führt, die mit dem Meerblick!“ Sheldon deutet nach oben, ich kann die drei nebeneinander liegenden Balkone seiner besten Zimmer sehen. Sie liegen so etwa sieben Meter höher als die Terrasse, auf der wir gerade sitzen.

„Die beiden hatten oben auf den Balkonen gerade noch Zeit mir zu erklären, was uns erwartete, da kam auch schon die große Welle. Viele Leute von denen, die draußen auf dem leergelaufenen Strand waren, sind ertrunken. Hier im Moon Beam war es nicht so schlimm. Aus welchen Gründen auch immer krachte die Welle nur bis zur ersten Etage, hat die Terrasse und das Restaurant zerstört, aber das hatte ich alles schon nach vier Wochen wieder aufgebaut. Ohne die beiden Japaner aber wäre ich heute tot!“

Kosala kommt an unseren Tisch, mein Fahrer. Er merkt sofort, dass wir hier nicht unser übliches Schwätzchen in Deutsch beim Tee halten, unsere betretenen Gesichter sprechen Bände. „Sheldon hat mir gerade von dem Tsunami erzählt“, kläre ich ihn auf, „wo warst Du denn damals eigentlich unterwegs?“ Nun fällt mir auf, dass wir bisher nie darüber gesprochen haben, wie er dieses Unglück erlebt hat. „Ich war ein Stück weiter südlich von hier unterweg“, erinnert sich der Fahrer. „Aber auch genau auf dieser Küstenstraße, die entlang der ganzen Badeorte von unten bis hoch nach Colombo geht. Ich hatte damals einen ziemlich verrückten Kunden, der mich für vier Wochen am Stück gebucht hatte. Ein komischer Ami, der sich in den Kopf gesetzt hatte, hier erst wieder abzureisen, wenn er die Frau fürs Leben gefunden hat.“

Zur rechten Zeit am rechten Ort

Kosala setzt sich jetzt, und ihm ist anzusehen, dass ihn die Erinnerung an jenen Tag gerade aus der Fassung bringt. „Es war, als ob es brennen würde am Horizont. Soviel Dampf konnte ich sehen, …also, es sah aus wie Dampf, ganz da hinten, es war eine große Welle. Auch mein Gast kapierte das im selben Moment wie ich: „water! water!“ schrie er von der Rückbank. Mir war klar, dass ich von der Uferstraße weg musste, ins Landesinnere! Weg vom Ufer! Ich habe nur noch aufs Gas gedrückt und bin zur nächsten Querstraße, die ging über einen Bahndamm ins Inland. Ein Zufall, dass wir an gerade dieser Ecke waren – es gibt hier Teilstücke der Straße, wo erst nach wieder Kilometern wieder eine Abzweigung kommt. Dann wären wir geliefert gewesen!“

Im Tsunami-Foto- Museum in der Nähe von Hikkaduwa hängen auch Bilder, mit denen die Waisenkinder versuchten, ihre schrecklichen Erlebnisse zu verarbeiten.
Im Tsunami-Foto- Museum in der Nähe von Hikkaduwa hängen auch Bilder, mit denen die Waisenkinder versuchten, ihre schrecklichen Erlebnisse zu verarbeiten.

Und nun ist es Kosala, der auf seinen Unterarm zeigt, an dem sich die Haare aufgestellt haben: „Auf einmal war auch auf der Straße die Hölle los, alle Autofahrer hatten die Welle gesehen – und alle rasten zur gleichen Straße, zu der über den Bahndamm. Als ich da ankam, war ein Tuk-Tuk auf den Schienen liegen geblieben, vor mir ein LkW, der ist in seiner Panik einfach in das Tuk-Tuk hineingerast und hat damit für mich und all die Autos, die in der Zwischenzeit auch schon hinter mir waren, den Bahndamm frei gefegt. Das Tuk-Tuk flog im hohen Bogen weg, es hat keinen mehr interessiert, ob da noch jemand drin war oder nicht.  Alle wollten nur eines: weg vom Wasser. Wir alle sind gerast, wie noch nie zuvor im Leben. Wir haben es geschafft. Wir sind so drei Kilometer ins Landesinnere gefahren. Dann war es vorbei.“

Sichtlich aufgewühlt fährt Kosala fort „Mein Gast hatte nichts mehr gesagt. Ihm liefen die Tränen über die Wangen, als ich mich zu ihm umdrehte.“ Kosala stockt: „Ich dachte, dass ich sterben würde. Als mir klar wurde, dass wir es überlebt hatten, rief ich als erstes zu Hause an, meinen Vater. Der wusste noch gar nicht, was los war, welches Unglück gerade über unsere Heimat hereinbrach. Später hat er mir erzählt, was ich ins Telefon gebrüllt habe: „Thati, thati, Vater, Vater…ich lebe, ich lebe.““

Willst du mehr über die Tropeninsel Sri Lanka erfahren? Dann besuch am besten unser Stichwort Sri Lanka. Fragen zur Reiseplanung kannst du entweder hier per Kommentar stellen oder noch besser ist, wenn du unser angehängtes Sri-Lanka-Forum besuchst.

Über Marion Schwartzkopff

Lebt und arbeitet als Pressereferentin in Düsseldorf und reist seit 30 Jahren, regelmässig in arabische Länder. Ihre große Liebe gilt aber Sri Lanka. Beim BoD Verlag erschien von ihr die Reihe „Sri Lanka – Reiseführer des Herzens“.

2 Kommentare

  1. Manfred Hermes

    Marion Schwartzkopff widmet sich hier einem Ereignis, das sie nicht selbst erlebt hast. Kein leichtes Unterfangen.

    Doch indem sie Betroffene mit großer Eindringlichkeit zu Wort kommen lässt, fängt sie die Dramatik jener Stunden ein und und bietet so dem Leser einen fesselnden Bericht, der durch Enzelschicksale sicher konkreteres Mitgefühl hervorruft als das Studium der schrecklichen Unglücksstatistik insgesamt.

    Aus meiner Sicht: gut und gekonnt gemacht!

  2. Es ist nicht leicht, über eine Katastrophe derartig apokalyptischen Ausmaßes zu schreiben, daher
    tut die Autorin das richtige, indem sie Überlebende einfühlsam zu Wort kommen lässt und
    exemplarisch schildert, wie diese die Flutwelle überlebten und auf unterschiedliche Weise versuchen, mit den schrecklichen Folgen fertig zu werden.

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