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Praxis-Interview: Per Anhalter durch Südamerika

Morten im Krankenwagen
Eine besondere Mitfahrgelegenheit: Per Anhalter im Krankenwagen.

Die beiden Journalisten Morten Hübbe und Rochssare Neromand-Soma bereisen seit rund 1,5 Jahren gemeinsam Südamerika. Im Praxis-Interview schildert Morten, welche außergewöhnliche Fahrzeuge die beiden schon von Innen gesehen haben und erklärt, dass Autostop weniger gefährlich ist, als viele denken.

WRF:Ihr reist per Anhalter und mit Couchsurfing durch Südamerika. Eine Frage des Geldes?

Morten Hübbe: Nein, bei unserer Reise sind wir vor allem an den Menschen und an der Kultur interessiert – und diese lernen wir am besten durch die Augen der Einheimischen kennen. Unsere Mitfahrgelegenheiten oder unsere Gastgeber in einem Land sind für uns immer auch eine wichtige Informationsquelle. Wir erfahren etwas über das Leben und die sozialen Verhältnisse. Dinge, die wir in keinem Reiseführer nachlesen könnten. Dazu gehören auch persönliche Meinungen und Interessen. Wer weiß schon, wie ein Minenarbeiter in Bolivien über seine eigene Regierung denkt oder worauf ein chilenischer LKW-Fahrer besonders stolz ist? Durch solche Informationen wird die Reise für uns erst attraktiv.

Funktioniert Hitchhiking in Südamerika gut? Erwarten die Leute keine Beteiligung an den Benzinkosten?

Die Menschen in Südamerika sind sehr offenherzig und hilfsbereit. Bisher hatten wir keinerlei Probleme, eine Mitfahrgelegenheit zu finden. Im Gegenteil: Mit einigen essen wir zusammen Mittag oder werden sogar eingeladen, bei ihnen zu übernachten. Nicht selten bekommen wir sogar Telefonnummern von Verwandten und Freunden zugesteckt, die  uns auf unserem weiteren Weg helfen könnten. Auch die Polizei haben wir als sehr hilfsbereit erlebt, da sie bereits mehrfach Fahrzeuge für uns anhielt. Manchmal sind die Menschen jedoch einfach nur verwundert und denken sich, wir wüssten nicht,  dass es auch Reisebusse gibt oder dass wir uns kein Busticket leisten können. In solchen Situationen bieten uns Passanten oft Hilfe an, manche wollen uns sogar Geld für Lebensmittel oder die Busfahrt schenken.

Morten Hübbe und Rochssare Neromand-Soma auf der Ladefläche eines LKWs.
Rochssare und Morten auf der Ladefläche eines LKWs

Das klingt ja witzig. Aber es gibt bestimmt auch regionale Unterschiede.

Natürlich. In Argentinien und Ecuador zum Beispiel ist das Reisen per Anhalter üblich und deshalb auch sehr einfach. Manchmal steht man sogar mit mehreren Personen an der gleichen Kreuzung. In Chile ist es sogar noch einfacher. In Peru und Paraguay mussten wir zwar etwas länger an der Straße warten, wurden aber am Ende immer mitgenommen. Generell gilt, dass es wesentlich einfacher ist, an Tankstellen oder Rastplätzen zu warten, da man dort die Menschen direkt ansprechen kann. Das erweckt Vertrauen und Sicherheit. Sowohl bei uns als auch bei den Fahrern. So kommt es, dass auch Personen, die normalerweise keine Anhalter mitnehmen uns gegenüber ihre Skepsis verlieren. Im Allgemeinen sind Südamerikaner super neugierig und interessiert, wenn sie Gringos an der Straße sehen. Das kommt uns natürlich zugute.

Was war das verrückteste Fahrzeug, in dem ihr mitgenommen wurdet?

Auf den mehr als 40.000 Kilometern, die wir schon zurückgelegt haben, sind wir bisher von über 200 Fahrzeugen mitgenommen worden. Da waren natürlich ein paar skurrile Exemplare dabei. Dazu zählt sicherlich ein Krankenwagen, Taxis (ohne Bezahlung) und auch die Polizei hat uns einige Male mitgenommen. Eine ältere Dame ohne Führerschein hatte einmal die Gelegenheit genutzt, um ein bisschen Fahrpraxis zu sammeln. Auch einen Porsche und einen weißen Mercedes Neuwagen ohne Nummernschild haben wir bereits von Innen gesehen. Selbst eine südamerikanische Berühmtheit, nämlich der Gitarrist der argentinischen Rock-Band ‚La Renga‘, hat uns am Straßenrand aufgesammelt. Auf der ruckeligen Ladefläche eines Pick Ups oder eines LKWs mitzufahren, das gehört dagegen mittlerweile schon zum Standardprogramm.

Laut euren Blog war aber nicht die ganze Reise per Anhalter möglich. Wie seid ihr beispielsweise nach Iquitos gekommen?

Richtig, das peruanische Iquitos liegt mitten im Dschungel und ist daher nicht auf dem Landweg zu erreichen. Um in diese einzigartige Dschungelmetropole zu gelangen, haben wir eine dreitägige Flussfahrt auf einem Versorgungsfrachter auf uns genommen. Doch das war nicht alles. Von Iquitos aus startete unsere zweiwöchige Fahrt auf dem Amazonas, die uns über 4200 Kilometer bis in sein Delta am Atlantik führte. Mit Unterbrechungen in feuchten Urwaldstädten waren wir insgesamt über einen Monat im Amazonasgebiet unterwegs.

Ihr werdet auf Grund eurer Reiseart bestimmt oft zur Sicherheit gefragt. Hattet ihr jemals Probleme?

Nein, per Anhalter zu fahren hat uns bisher niemals in gefährliche Situationen gebracht. Am meisten darüber verwundert sind die Südamerikaner selbst, die uns oft für völlig verrückt erklären, so durch den ganzen Kontinent zu reisen.  Es gibt viele Einheimische, die uns warnen. Meist sogar Passanten, die selbst in einer Gegend wohnen, die sie als gefährlich einstufen. Passiert ist uns jedoch noch nie etwas. Vielleicht hatten wir einfach nur Glück, denn bisher ist uns noch nicht einmal ein Kugelschreiber gestohlen worden. Natürlich ist es aber auch immer eine Frage des eigenen Verhaltens und wie man anderen gegenüber auftritt. Vielleicht sehen wir aber auch so aus, als gäbe es bei uns nichts zu holen (lacht).

Ihr seid seit anderthalb Jahren in Südamerika unterwegs. Was macht den Reiz des Kontinents aus? Keine Lust auf einen anderen Kontinent zu wechseln?

Südamerika hat eine unglaubliche Vielfalt zu bieten. Zwei Ozeane, die Karibik, die Anden, der Amazonas, Wüsten, Gletscher, das Ende der Welt, unglaubliche Weiten in Patagonien, pulsierende Metropolen, kleine Bergdörfer, feine Sandstrände, Regenwälder, Vulkane und Geysire. Dazu kommen die verschiedensten Kulturen, historische Stätten, alte Traditionen und eine aufregende Küche. Südamerika hat nichts, was es nicht gibt. Dies alles gepaart mit der ansteckenden Lebensfreude und der Herzlichkeit der Menschen macht diesen Kontinent für uns so einzigartig.

unsere Route
Mehr als 40.000 Kilometer mit hochgehobenen Daumen: Die Route der beiden Langzeit-Tramper.

Wo hat es euch bisher am besten gefallen? Wo würdet ihr nie mehr hingehen?

Wir können gar nicht sagen, in welchem Land es uns am besten gefallen hat. Jedes Land hat seine Eigenheiten, die es zu etwas Besonderem machen. Bolivien ist zum Beispiel noch ein sehr traditionelles Land. Indigene Kleidung und Bräuche der Menschen haben sich über Jahrhunderte erhalten und variieren je nach Region. Brasilien ist das Land der Lebensfreude, von der wir viel lernen konnten, die stolzen und kommunikativen Argentinier haben wir ebenso ins Herz geschlossen wie die eher konservativen Chilenen und die entspannten Uruguayer. Wir sind immer neugierig darauf, neue Länder kennenzulernen, wie zum Beispiel bald Kolumbien und Venezuela.

Wenn du mehr über die Abenteuer der beiden erfahren willst, solltest du ihren hervorragenden Blog Nuestra America besuchen oder dir ihre Facebook-Seite anschauen. Willst du regelmäßig über ähnliche Beiträge informiert werden, dann „like“ unsere „Facebook-Fanpage„.

Über Oliver Zwahlen

Passionierter Blogger. Im Herzen freier Reisejournalist, aber derzeit Büroangstellter mit Wohnsitz im chinesischen Peking. Siehe auch: Google+

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