Donnerstag, 27. Juli 2017
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Äthiopien: Drei Gesichter und ihre Geschichte

Drei Gesichter Äthiopiens. Fotos: O. Zwahlen und F. Blümm
Drei Gesichter Äthiopiens. Fotos: O. Zwahlen und F. Blümm

Es sind häufig die Begegnungen mit den Menschen, die darüber entscheiden, ob uns ein Reiseziel gefällt. Die unaufdringliche Freundlichkeit der Äthiopier begeisterte mich vom ersten Tag an. Drei spannende Begegnungen habe ich aufgezeichnet.

Äthiopien ist im Aufbruch. Das Land am Horn von Afrika legt ein beachtliches Wirtschaftswachstum an den Tag. Vor einigen Wochen ging in der Hauptstadt Addis Abeba die erste Strassenbahn südlich der Sahara auf. Im ganzen Land entstehen Fabriken, die den Menschen neben der Landwirtschaft alternative Einkommensmöglichkeiten verschaffen. Auch der Tourismus zieht allmählich an.

Wenngleich diese Entwicklungen auch ihre Schattenseiten haben und im Land noch vieles im Argen liegt, spüren die Menschen trotzdem, dass es aufwärts geht. Dies ist zumindest der Eindruck, den ich in Gesprächen gewonnen habe. Diese positive Grundstimmung hat mir gut gefallen – zumal ich Äthiopien bis vor kurzem nur mit Hunger, Armut und Hoffnungslosigkeit in Verbindung gebracht habe.

Da vermutlich nur ein kleiner Teil der Leser in der nächsten Zeit auf das „Dach von Afrika“ reist und diese Stimmung selber erleben kann, habe ich mich entschlossen, einige dieser Begegnungen den Lesern zu präsentieren. Ich habe mit drei ganz unterschiedlichen Personen geredet und ihre Geschichte in wenigen Sätzen aufgezeichnet. Bevor es aber mit dem eigentlichen Text losgeht, noch drei Lesetipps für dich:

Seyoum, Hotelbesitzer

Simon

Seyoum Yigzaw besitzt die kleine Pension „Lodge du Chateau“ mit Sicht auf die Schlösser von Gonder. Der 47-Jährige ist leidenschaftlicher Unternehmer und packt gerne mit an. Die Entwicklung in Äthiopien kann ihm nicht schnell genug gehen.

„Seit bald vier Jahren betreibe ich die kleine Lodge. Die Arbeit macht mich glücklich. Da es ein kleiner Betrieb ist, haben wir auch während der Hochsaison keinen grossen Stress. Ich finde immer Zeit, mich mit den Gästen zusammenzusetzen. Der persönliche Kontakt ist mir wichtig. Ich hätte die Chance gehabt, das Hotel zu vergrössern, aber ich habe mich entschlossen, es so zu lassen wie es ist. Ich will Zeit haben, um das Leben zu geniessen.

Ich habe alles aus eigener Kraft aufgebaut. Möglich wurde dies, weil ich zuvor lange als Reiseführer gearbeitet habe und dabei nicht nur lernte, was den Touristen wichtig ist – zum Beispiel ein sauberes Badezimmer – sondern auch wichtige Kontakte knüpfen konnte. Das war vor allem am Anfang wichtig, als es darum ging, das Investitionskapital aufzutreiben. Ich bekam von früheren Reisegästen eine grossartige Unterstützung.

Der Bürgermeister hat mich schon zwei Mal ausgezeichnet als ein gutes Beispiel dafür, dass man sein Leben ändern kann, wenn man hart arbeitet. Man soll den Menschen nicht den Fisch geben, sondern ihnen zeigen, wie man fischt. Das ist meine Lebenseinstellung.

Die internationale Presse berichtet hauptsächlich schlecht über Äthiopien. Es gibt Berichte über Hunger und der Krieg ist noch nicht vergessen. Wenn Touristen heute sagen, dass sie nach Äthiopien wollen, glauben ihre Freunde noch immer oft, dass es bei uns nichts anderes zu sehen gibt als Mütter, die ein halbverhungertes Baby füttern.

Die Wahrnehmung verändert sich nun zum Glück langsam und das Land entwickelt sich generell in eine gute Richtung. Nicht so schnell, wie wir uns das wünschen. Aber ich blicke trotzdem zuversichtlich in die Zukunft.“

Frehiwot, ehemalige Haushaltshilfe

Frehiwot hat drei Jahre lang in Damaskus als Haushaltshilfe bei einer syrischen Familie gearbeitet. Auf dem Rückweg wurden ihr das Geld gestohlen und ihr Lebensentwurf zerstört. Heute schlägt sich die 30-Jährige in Gonder mit Gelegenheitsjobs durch. Zuletzt als Tellerwäscherin.

„Ich bin auf dem Land aufgewachsen. Als ich zehn war, zogen meine Eltern hierher nach Gonder. Vor ein paar Jahren fand ich über einen Vermittler in Addis eine Arbeit in Damaskus. Ich mochte Syrien sehr gerne. Es war super dort und alles war bezahlt, auch der Flug. Ich arbeitete bei einer freundlichen Familie, wo ich putzte, die Kleider wusch und hin und wieder kochte.

Nach drei Jahren kam ich zurück nach Äthiopien. Im Gepäck hatte ich 40.000 Birr (ca. 1700 Euro). Das waren meine ganzen Ersparnisse. Ich wollte damit meine Familie unterstützen und den Vermittler bezahlen, um mir in Katar eine andere Stelle zu besorgen. Doch in Addis brach jemand in mein Hotelzimmer ein und nahm das Geld mit. Das machte mir psychisch sehr zu schaffen, da ich beim Überfall im Raum war.

Momentan arbeite ich nicht. Gerade erst vor ein paar Tagen habe ich einen Job als Tellerwäscherin aufgeben. Dort musste ich für einen Monatslohn von 400 Birr jeden Tag zehn Stunden arbeiten und es gab weder Wochenenden noch Ferien. Nach 15 Tagen bin ich davongelaufen.

Ich habe vier Brüder und eine Schwester. Einer meiner Brüder lebt in Denver. Eine Weile hat er uns regelmässig Geld überwiesen, aber nun ist er eine Enttäuschung, weil er nichts mehr schickt. Ein anderer Bruder arbeitet in Addis in einem Metallurgie-Betrieb. Aber sein Lohn reicht nicht aus, um die Familie zu unterstützen.

Mein Vater möchte, dass ich bald heirate. Aber ohne Einkommen ist es schwer, einen guten Mann zu finden. Männer fordern immer und geben nichts. Für mich ist es leichter, wenn ich unabhängig bleibe.“

Malaku (26) Bootsfahrer auf dem Tana-See

Malaku

Der 26-jährige Malaku fährt jede Woche ein bis zwei Mal Touristen im Boot über den Tana-See.  Von seinem Lohn kann er nicht leben. Er hofft deswegen, sich als Busfahrer einen besseren Status zu verschaffen.

„Ich kam auf einer Halbinsel hier am Tana-See zur Welt. Dort gibt es keine Arbeit. Deswegen bin ich mit meinem Bruder nach Bahir Dar gezogen. Seit sechs Jahren habe ich eine Stelle als Bootsfahrer. Das ist sehr anstrengend, da mache Touren sehr lang sind und das Wetter nicht immer mitspielt. Pro Woche muss ich etwa zwei Mal fahren.

Momentan bin ich daran, Autofahren zu lernen. Mein Plan ist, Buschauffeur zu werden. Auf dem Boot bekomme ich jeden Monat gerade einmal 600 Birr, aber als Busfahrer liegen bis zu 2000 Birr drin. Dadurch kann ich finanziell unabhängig werden. Momentan unterstützt mich noch mein Bruder. Er verdient sein Geld vor allem dem Sammeln von Brennholz.

Eines Tages möchte ich mein eigenes kleines Restaurant eröffnen, in dem ich Fischgerichte serviere: Zum Beispiel Fischgulasch. Wir haben hier im See viele leckerer Fischsorten und ich liebe es zu kochen.“

Diese Äthiopien-Reise von Florian vom Flocblog und mir fand mit freundlicher Unterstützung von Ethiopian Airlines statt. Alle Meinungen, Bilder (sofern nicht anders gekennzeichnet) und Empfehlungen sind meine eigenen.

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Über Oliver Zwahlen

Passionierter Blogger. Im Herzen freier Reisejournalist, aber derzeit Büroangstellter mit Wohnsitz im chinesischen Peking. Siehe auch: Google+

9 Kommentare

  1. Das ist wunderschön und auch sehr interessant – vielen Dank, Oliver! Man sollte den Leuten, die man auf Reisen trifft, überhaupt viel mehr zuhören…

    LG
    Jenny

    • Vielen Dank fürs Lob. Ich bin mal gespannt, wie dieser Artikel so ankommt. Wenn ihn die Leser sowas nicht total langweilig finden, möchte ich in Zukunft mehr Portraits bringen. Das ist nämlich sehr spannend zu recherchieren… 🙂

  2. „Der Bürgermeister hat mich schon zwei Mal ausgezeichnet als ein gutes Beispiel dafür, dass man sein Leben ändern kann, wenn man hart arbeitet. Man soll den Menschen nicht den Fisch geben, sondern ihnen zeigen, wie man fischt. Das ist meine Lebenseinstellung.“

    Der Abschnitt ist grandios! Daran muss man viel häufiger denken.

    Tolle Einblicke in das Leben vor Ort.

  3. Sehr schöne Porträts! Beruflich mache ich das auch, aber auf Reisen habe ich mich noch nie getraut (fremde Sprache, Vertrauen, das erst aufgebaut werden muss …). Wie hast Du das denn gemacht? Sind das echte Interviews oder eine Zusammenfassung von lockeren Gesprächen? Wie hast Du die Leute angesprochen und zum Interview überredet? Hast Du mitgeschrieben oder aufgezeichnet? Auf jeden Fall spannend!

    • Ich habe früher jahrelang für eine Tageszeitung und später in China für ein Online-Portal geschrieben. Da ist einiges an Interview-Erfahrung zusammengekommen – vor allem musste ich damals auch hin und wieder Strassenumfragen durchführen. Ist also ein ziemlich vertrautes Szenario. 🙂

      Zur eigentlichen Frage: Ja, das sind alles echte Interviews. Ich hab die drei Leute jeweils gebeten, mir für den Blog ein paar Fragen zu beantworten. Das war eigentlich ganz leicht und die Reaktionen waren sehr offen. Wir haben uns irgendwo hingesetzt und etwa 10 bis 20 Minuten geredet. Die Interviews habe ich mit dem MP3-Spieler aufgezeichnet. Ursprünglich wollte ich fünf Interviews führen, aber die Idee kam erst am Ende der Reise und es blieb dann nicht genug Zeit.

  4. Ein toller Artikel, Oliver. Wir interessieren uns auf unseren Reisen auch immer für die Menschen vor Ort. Von niemandem kann man mehr über das Land erfahren als von jenen, die dort leben. Ich hoffe auf viele weitere Berichte über Menschen, die Du auf Deinen Reisen triffst.

    • Vielen Dank fürs Lob! Es macht Spass, die Menschen vor Ort zu sprechen. Deswegen bin ich (vor allem auch nach den vielen positiven Reaktionen) zuversichtlich, dass es in Zukunft weitere Portraits geben wird.

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