Freitag, 23. Februar 2018
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Over Tourism: Wie ich als Blogger mit dem Problem umgehe

Over Tourism: Der Taishan ist ein beispiel für übermässige Besucher
Der Gipfel des Taishan gehört zu den beliebtesten Reisezielen in China. Fotos: OZ

Venedig, Dubrovnik oder Barcelona: Immer mehr Städte leiden unter ihrer Beliebtheit. Die stetig wachsenden Touristenströme drohen die Infrastruktur zum Kollaps zu bringen. Das Problem ist jedoch nicht der Fremdenverkehr an sich, sondern dessen ungleiche Verteilung.

Als ich vor fast 15 Jahren das Weltreiseforum gründete, wollte ich in erster Linie mit meinen Erfahrungen anderen Reisenden bei ihrer Planung helfen. Ich hatte aber auch die Hoffnung, ein bisschen dazu beizutragen, dass weniger entwickelte Regionen wie zum Beispiel mein damaliges Lieblingsland Laos von einem wachsenden Tourismus profitieren können.

Seit ich blogge, stelle ich mir eine Frage immer wieder: Tue ich den Dörfern, Städten, Ländern überhaupt einen Gefallen, wenn ich über sie schreibe? Fördere ich damit – wenn auch nur in einem bescheidenen Umfang – das Völkerverständnis und vielleicht sogar den Weltfrieden oder trage ich lediglich dazu bei, den ökologischen Kollaps zu beschleunigen und Ängste vor Überfremdung zu multiplizieren.

Insbesondere im vergangenen Jahr beschäftigte mich diese Frage sehr. Zum Beispiel, als die UNESCO drohte, Dubrovnik von der Liste des Weltkulturerbes zu streichen, wenn es der Stadt nicht gelingt, die Zahl der Besucher zu senken. Oder als im vergangenen Sommer in Venedig und Barcelona Einheimische auf die Strasse gingen, um gegen die überbordende Touristenflut zu demonstrieren.

Immer wieder geistert in diesem Zusammenhang der Begriff „Over Tourism“ durch die Feuilletons, Fachpublikationen und Reiseblogs. Gemeint sind derart hohe Besucherzahlen, dass die soziale, ökonomische oder ökologische Balance aus dem Gleichgewicht gerät. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn der Tourismus die Wohnpreise so sehr in die Höhe treibt, dass sich Einheimische keine Wohnungen mehr an vernünftigen Lagen leisten können.

Was sind die Ursachen für Over Tourism?

Über das Phänomen und die Hintergründe wurde viel geschrieben und Schuldige sind meistens schnell gefunden. Gewisse Kreise machen in erste Linie das Wachstum der weltweiten Mittelklasse und die damit verbundene Zunahme der Reisetätigkeit verantwortlich. In diesem Zusammenhang werden häufig die zunehmenden touristischen Einreisen aus China genannt – als hätten andere Länder nicht das gleiche Recht auf neue Erlebnisse.

Umweltschützer beklagen hingegen die viel zu tiefen Flugtarife und fordern eine Besteuerung von Flugzeugtreibstoff. Andere wiederum halten die unbeschränkte Gier der Tourismusbranche für den Grund alles Übels. Denn gerade beliebte Reisedestinationen haben ein riesiges Werbebudget, mit dem sie immer weitere Besucher anlocken können.

Gleichzeitig ist auch eine Verschiebung bei den Reisevorlieben zu sehen. Da sich viele Urlauber vor terroristischen Anschlägen fürchten (lies hier, wieso das meistens nicht nötig ist), sind im Norden von Afrika und in der Türkei innerhalb kurzer Zeit gewaltige Gebiete von der touristischen Landkarte verschwunden. Wenn sich gleich viele Reisewillige auf weniger Orte beschränken, führt das zwingend zu einer Verdichtung.

Menschenleere Traumstrände auf den indonesischen Togian Islands.

 

Over Tourism ist ein Verteilungsproblem

Over Tourism ist in erster Linie ein Verteilungsproblem. Schaut man sich die offiziellen Zahlen der UN-Welttourismusorganisation UNWTO an, sticht das gewaltige Ungleichgewicht schnell ins Auge. Spitzenreiter Frankreich alleine zieht mehr Besucher an als die 115 schlechtplatziertesten Staaten und wird sogar 35.000 Mal häufiger besucht, als das Schlusslicht Nauru.

Auch innerhalb der Reiseländer ist die Verteilung ungleich: Während Barcelona unter der Besucherlast lechzt, war ich auf meiner Reise durch die Extremadura mehr oder weniger alleine. Die thailändische Provinz Nakhon Si Thammarat bietet absolut menschenleere Traumstrände, während sich ein Steinwurf entfernt die Touristen auf Koh Samui stapeln.

Natürlich hängt die Verteilung auch mit objektiven Kriterien zusammen, welche die Attraktivität der einzelnen Länder oder Regionen bestimmen. Während Frankreich für jeden etwas Passendes hat, ist Nauru eine kaum zu erreichende, strandlose Insel im Pazifik mit kranken Menschen und einer massiv geschädigten Umwelt durch den Phosphatabbau.

Aber das ist nicht immer so. Viele Reiseziele bleiben total unter dem Radar, obwohl sie ein fantastisches Reiseerlebnis bieten, hinreichend sicher und preiswert sind und auch einigermassen gut ans internationale Verkehrsnetz angeschlossen sind.

Wasserfall in Island: Wunderschön, aber alles andere als ein Geheimtipp.

 

Wieso ich Geheimtipps weitergebe

Als ich frisch mit dem Bloggen begann, las ich einmal bei einem Kollegen, dass er sich immer schwer damit täte, wenig bekannte Reiseziele weiterzugeben. Denn, so argumentierte er, sobald ein Influencer über einen Geheimtipp schreibe, würden auch andere Blogger darauf aufmerksam und eine Art Lawine auslösen, die schliesslich zur Zerstörung des gefunden Paradies beitrage.

Mir hat das schon damals nicht eingeleuchtet. Mal davon abgesehen, dass er wahrscheinlich seinen Einfluss massiv überschätzte, habe ich mich bei der Lektüre gefragt: Wieso haut dieser Mensch denn überhaupt in die Tasten, wenn er die besten Ziele für sich behalten will.

Aber das Argument leuchtete mir auch aus einem anderen Grund nicht ein. Denn während es ein paar Dutzend überlaufende Reiseziele ging, von denen jeder immer wieder erzählt, sind die „Geheimtipps“ praktisch unerschöpflich. Würde sich die Hälfte der Venedig-Besucher auf den Rest der Welt verteilen, wäre dies eine gewaltige Entlastung für die Lagunenstadt, würde aber bei einer einigermassen gleichmässigen Verteilung auf die vielen „Geheimtipps“ kaum auffallen oder allenfalls ein paar zusätzliche Jobs in strukturschwachen Regionen generieren.

Ich habe mir deswegen als Blogger nur einen Vorsatz fürs neue Jahr genommen: Ich möchte mit meiner Seite nicht mehr dazu beitragen, dass sich die weltweiten Besucherströme weiter verklumpen. Deswegen schreibe ich ab sofort nur noch über alternative Reiseziele und nicht mehr über überlaufene Massendestinationen.

Mazedoniens leicht schräge Hauptstadt Skopie wird zu Unrecht kaum besucht.

 

Wieso du etwas gegen die Ungleichverteilung tun solltest

Over Tourism verursacht handfeste Probleme für Mensch und Umwelt. Deswegen sollten wir alle etwas gegen den Massentourismus in seiner schädlichsten Form tun. Aber selbst wenn dir Menschen und Umwelt egal sind, gibt es ein paar gewichtige Gründe, überlaufene Reiseziele zu meiden.

Der wichtigste Grund ist wohl das Reiseerlebnis selbst: Wo übermässig viele Touristen Urlaub machen, wird man als Besucher tendenziell nur noch als wandelnder Geldbeutel wahrgenommen. Das macht es schwierig, Menschen vor Ort kennenzulernen und echte, authentische Erlebnisse zu geniessen.

Letztlich geht es aber auch um die Zukunft des Tourismus. Denn wenn die Besucherzahlen ins Unermessliche steigen, wird es wohl keine andere Möglichkeit geben, als den Zugang zu beschränken. Und an den meisten Orten wird das heissen: Exorbitant hohe Eintrittsgebühren. Reisen sollte jedoch nichts sein, das sich nur noch Wohlhabende leisten können.

Mit folgenden Schritten kannst du einen Beitrag gegen Over Tourism leisten:

  • Meide boomende Reiseziele. Das gilt besonders, wenn die Zahl der Besucher in kurzer Zeit sehr stark angestiegen ist oder wenn bereits Nachrichten über zu hohe Besucherzahlen erschienen sind. Meistens gibt es ähnliche Reiseziele mit sehr viel weniger Touristen.
  • Suche nach Geheimtipps. Mach es dir zur Gewohnheit, dich mit Reisezielen zu befassen, die über kein so grosses Werbebudget verfügen und über die entsprechend weniger häufig berichtet wird. Es gibt eine Reihe von Blogs, die sich auf „Geheimtipps“ konzentrieren.
  • Bevorzuge die Nebensaison. Vielerorts kommt es während bestimmter Monate (zum Beispiel in den Sommerferien) zu einem Peak. Kurz danach ist das Wetter oft genauso gut, die Hotels und Strände jedoch deutlich leerer.
  • Bleibe etwas länger. Natürlich willst du in Paris auf den Eiffelturm und in Peking zur Grossen Mauer – und das sollst du auch tun können. Aber wenn du etwas mehr Zeit hast, kannst du dir auch die weniger bekannten Sehenswürdigkeiten und Regionen ansehen.

Realistischerweise ist es nicht immer möglich, all diese Tipps zu befolgen. Zum Beispiel, wenn du nur während der Schulferien reisen kannst, wenig Urlaubstage hast oder ein Besuch von Venedig oder Barcelona ein schlicht unstillbarer Wunsch ist. Dann solltest du dich nicht schlecht fühlen, sondern versuchen, das Beste aus der Situation zu machen.

Zum ersten Mal hier? Dann lies hier, worum es in diesem Blog geht. Wenn dir dieser Artikel gefallen hat, dann solltest du dich unbedingt beim monatlichen Newsletter einschreiben, damit du künftig nichts mehr verpasst.

Wie sieht es bei euch aus? Wie geht ihr mit dem Problem Over Tourism um?

Über Oliver Zwahlen

Passionierter Blogger. Im Herzen freier Reisejournalist, aber derzeit Büroangstellter mit Wohnsitz im chinesischen Peking. Siehe auch: Google+

13 Kommentare

  1. Cooler Artikel. Deine Einstellung dazu habe ich ja schon in einem anderen Artikel gelesen und ich gehe total d’accord. Schicken wir die Leute also zu den Geheimtipps 😉

    • Vielen Dank. Im letzten Artikel habe ich das Thema ja nur in ein oder zwei Sätzen abgehandelt. Trotzdem gab es dazu einige Kommentare. Deswegen habe ich mich entschlossen, meinen Standpunkt noch etwas ausführlicher darzulegen.

  2. Ein guter Beitrag!
    Massentourismus ist nicht gerade schön, das stimmt.
    Viele Menschen sehen dieses Problem einfach nicht und denken nur an sich.
    Das finde ich schade!
    Bin gespannt, was du hier noch so als Geheimtipps preisgibst!

    Viele Grüße aus Singapur!
    Michelle
    gowhereyourhearttellsyoutogo.wordpress.com

  3. Hey, cooler Ansatz, das Reisen (und das Bloggen darüber ;)) zu verändern! Unbewusst mache ich das auch schon länger, da ich selbst überlaufende Reiseziele hasse. Ich mag lieber in Länder fahren, wo andere sich überhaupt mal fragen müssen, wo das eigentlich ist. So zum Beispiel heuer: Gefühlt jeder war bereits in Costa Rica. Ich wollte unbedingt in die Gegend und habe mich aber kurzerhand für Panama entschieden, das noch wesentlich unbekannter ist. Darum danke für deinen Text und fürs nochmal daran erinnern! 😉

    LG Miriam

    • Panama klingt doch auch ganz gut! Ich will ja eh schon lange mal wieder in Richtung Mittelamerika. Mal schauen, wann ich das schaffe. Mit Costa Rica habe ich mich nicht so beschäftigt, aber so viel ich weiss, ist dort der Tourismus doch einigermassen in einer Balance, oder? Immerhin bemüht sich das Land doch auch vergleichsweise stark um Nachhaltigkeit in dem Bereich.

  4. Jup… mit einem Artikel zu dem Thema (bzw. zu einem nahe verwandten) trage ich mich schon lange, aber bisher habe ich den Einstieg noch nicht gefunden.
    Das Thema der mangelnden Verteilung ist ja selbst in den überlaufenen Destinationen ein Problem: In Venedig biegt man ein paar Mal vom Markusplatz ab und sitzt in einer Bar nur neben Einheimischen. In Florenz das gleiche Spiel. Ich hab deshalb immer ein bissl Bauchweh bei den beliebten „Venedig in 2 Tagen“ oder „Ein Tag in Florenz/Rom/whatever“-Artikeln und betone eigentlich immer, dass es besser ist, länger zu bleiben.

    Ich speicher mir deinen Artikel ab, vielleicht ist das ein guter Anstoß, mich endlich mal an meinen zu setzen.

    • Ja, ich denke auch, dass es grundsätzlich sinnvoll ist, sich etwas mehr Zeit zu lassen und eben auch mal zu schauen, was sich zwei Ecken hinter dem Markusplatz befindet. Dort ist Venedig nämlich auch ganz schön und man gewinnt dabei oft auch einen sehr viel tieferen Eindruck. Bin auf deinen Artikel gespannt.

  5. Ich finde deine Tipps sehr, sehr gut.

    Letztes Jahr beispielsweise wollte ich gerne Kroatien sehen. Unsere Unterkunft war aber in Bosnien, nur 50 Minuten entfernt von Dubrovnik. Für uns war der Aufenthalt wesentlich entspannter, das bosnische Hotel war fast leer, die Restaurants super gut und günstig und die Menschen dort konnten unser Geld echt gebrauchen!
    Auch gerade in der Nebensaison mache ich super gerne Urlaub, weil es ruhiger und günstiger ist.

    Ich freu mich drauf, deine Geheimtipps zu lesen!

    Gruß,
    Kathi

    • Hi Kathi,
      dann hast du Dubrovnik als Tagesaufenthalter besucht? Aus Sicht des Konsumenten ist das sicherlich eine gute Idee. Du erlebst eine „Geheimtippatmosphäre“ und bezahlst vermutlich auch weniger. Ob das allerdings Dubrovnik wirklich entlastet, weiss ich nicht so recht. Du nutzt ja dann trotzdem die ganze Infrastruktur, lässt aber weniger Geld vor Ort. Das ist ja das grosse Problem mit den Kreuzfahrtschiffen: Da wohnen und essen die Leute ausserhalb und verstopfen dann tagsüber trotzdem die Strassen… (das ist kein Vorwurf: Ich hab Venedig auch als Tagesausflug besucht…)
      Gruss,
      Oli

      • Da hast du natürlich Recht, man entlastet den Urlaubsort nicht so wirklich und ich habe wieder einmal bemerkt: Reisegenuss sieht anders aus!
        Ich werde auf jeden Fall an deinen Artikel denken, wenn ich meine nächste Reisen buche! Die erste soll in den Libanon gehen, da tue ich mich schon schwer, Informationen zu finden, was eigentlich ein gutes Zeichen ist 😀
        Liebe Grüße,
        Kathi

        • Ja, Libanon klingt doch eher nach „Geheimtipp“ als Dubrovnik… 🙂

          Ich finde, man darf das jetzt auch nicht so dogmatisch sehen. Wenn einen ein Reiseziel wirklich sehr reizt, soll man guten Gewissens hingehen dürfen. Als Blogger ist mir eher wichtig zu zeigen, dass es eben auch viele spannende Orte auf der Welt gibt, die eben nicht überlaufen sind.

  6. Lieber Oliver, das ist eins ehr gelungener Artikel, weil ich die Ansätze spannend finde. Ich frage mich auch manchmal: Soll ich denn jetzt darüber schreiben oder lieber nicht? Natürlich muss ich, denn diese Länder wollen ja wachsen und Reichtum haben. Wenn es keine Hotels werden, dann vielleicht eine Chemiefabrik, die auch niemand haben will? Und deswegen ist doch diese Vielfalt so wichtig, dass eben nicht immer nur über Paris (ich mag die Stadt sehr), sondern auch ml über Euböa geschrieben wird, auch wenn die zweitgrößte, griechische Insel kaum wer kennt. Ich werde mir deinen Ansatz noch mal mehr merken, auch wenn ich ja dennoch meine: Es muss nicht alles immer weit weg sein, wir können auch in der Nähe gut reisen.
    Viele (kollegiale) Grüße nach Peking
    Andrea

    • Hi Andrea,
      danke fürs Lob. Den Gedanken mit der Chemiefabrik finde ich sehr interessant. Da hast du natürlich recht, dass ein Hotel im Vergleich das kleinere Übel ist. Und ja, es muss nicht immer alles nur möglichst weit weg sein. Gerade in Osteuropa gibt es noch viele Orte, die bei uns weitgehend unbekannt sind.
      Gruss, Oli

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