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Kommentar: Wieso ich mich nicht vor Terroristen fürchte

Das Innere der Blauen Moschee in Istanbul. Nur wenige Meter von hier riss ein Attentäter deutsche Touristen in den Tod. Fotos: OZ
Das Innere der Blauen Moschee in Istanbul. Nur wenige Meter von hier riss ein Attentäter deutsche Touristen in den Tod. Fotos: OZ

Fühlst du dich durch Nachrichten über Terroranschläge und islamistische Gewalt verunsichert? Fühlst du dich zu Hause und auf Reisen unwohl? In diesem Beitrag erkläre ich, wieso du dich nicht fürchten musst. Und ich verrate, wo meiner Meinung nach die echte Gefahr liegt.

Kaum war ich in Eğirdir angelangt, einer idyllischen anatolischen Kleinstadt an einem leuchtend blauen Bergsee, erreichten mich die Schreckensmeldungen: rund 200 Kilometer nordöstlich von mir hatten sich im Bahnhof von Ankara zwei Selbstmordattentäter unter die Menschenmenge gemischt und 102 Menschen mit sich in den Tod gerissen. Das war vor einem halben Jahr.

Freunde fragten sofort per Textnachricht nach, wo genau in der Türkei ich mich befinde. Jemand empfahl mir, meine Reise aus Sicherheitsgründen abzubrechen. Ich müsse ja meinen Schutzengel nicht „schon wieder“ auf die Probe stellen. Doch nach Hause zu gehen, das kam für mich nicht in Frage.

Von allen Gefahren, die es auf Reisen und zu Hause gibt, ist Terrorismus diejenige, über die ich mir am seltensten den Kopf zerbreche. Wieso ich das so sehe, erkläre ich in diesem Beitrag. Anschliessend führe ich aus, wo ich die wahre Gefahr sehe.

Die Bedrohung, die keine ist

Was mich am Attentat am meisten beschäftigte: Im Bahnhof von Ankara war ich schon. Ebenso auf dem Platz in Istanbul, wo zwei Monate später eine Gruppe deutscher Touristen getötet wurde. Die Bedrohung fühlte sich plötzlich so real an und ich begann mich zu fragen, ob ich als verantwortungsvoller Blogger noch über meine Reise durch die Türkei schreiben darf.

Dann begann ich nachzurechnen. Auch wenn sich in den letzten Monaten die Attentate gehäuft haben und die Türkei als gefährdet gilt, waren nur in ganz wenigen Fällen Touristen betroffen. Das macht die Bluttaten nicht weniger schlimm. Aber es stellt die tatsächliche Gefahr für Reisende in eine Relation: Bis zum jüngsten Besucherrückgang besuchten jedes Jahr rund 4,5 Millionen Deutsche die Türkei. Mit ganz wenigen Ausnahmen kamen sie nicht nur unbeschadet, sondern oft auch begeistert zurück. (Siehe zum Thema Reisesicherheit Türkei auch hier…)

Noch viel kleiner wird die Bedrohung, wenn wir uns die Zahlen in der westlichen Welt vor Augen führen. Seit den Anschlägen auf das World Trade Center vom 11. September 2001 seien in Westeuropa und den USA gerade einmal 450 Menschen bei islamistisch motivierten Terroranschlägen ums Leben gekommen, schrieb der Journalist und Querdenker Constantin Seibt nach den Attentaten von Brüssel in diesem viel beachteten Beitrag.

Um die Zahl besser einordnen zu können, verglich sie Seibt mit den rund 1000 Menschen, die jedes Jahr in Deutschland an verschluckten Fremdkörpern wie zum Beispiel Fischgräten sterben. Der islamistische Attentäter sei ein Monster für die Phantasie, aber eine Mikrobe für die Statistik, schliesst Seibt.

Szene in Bangkok: Fast überall fordert der Strassenverkehr mehr Opfer als der Terrorismus.
Szene in Bangkok: Fast überall fordert der Strassenverkehr mehr Opfer als der Terrorismus.

Die Wahrscheinlichkeit eines Terroranschlags

Ich machte mich auf die Suche nach weiteren Zahlen. Dabei bin ich auf diesen interessanten Artikel eines pakistanischen Datenanalysten gestossen. Darin errechnet er die Wahrscheinlichkeit, in Folge eines bestimmten Ereignisses zu sterben. Da der Autor die Herkunft seiner Zahlen nicht ausführt, ist die Statistik allerdings mit einer gewissen Vorsicht zu geniessen.

  • Tod in Folge einer Krebserkrankung: 1 : 7
  • Tod in Folge eines Stromschlags: 1 : 5000
  • Tod in Folge eines Unfalls im Strassenverkehr: 1 : 8.000
  • Tod durch einen Blitzeinschlag: 1 : 576.000
  • Tod durch Ertrinken in der Badewanne: 1 : 685.000
  • Tod durch Terroranschlag: 1 : 9.300.00
  • Tod durch Haifischattacke: 1 : 300.000.000

Wenn die Zahlen stimmen, ist es zwölf Mal wahrscheinlicher, in der Badewanne zu ertrinken, als Opfer eines Anschlags zu werden. Im Strassenverkehr lauern sogar mehr als 1000 Mal so viele Gefahren. Trotzdem fürchten wir uns in den seltensten Fällen vor einer Badewanne oder dem Strassenverkehr.

Wieso wir uns verschätzen

Wieso haben wir die Tendenz, das Risiko eines Terroranschlags zu überbewerten? Psychologen haben verschiedene Mechanismen entdeckt, die dazu führen, dass wir Gefahren falsch einschätzen. Generell neigen wir dazu, Situationen dann als bedrohlich zu klassifizieren, wenn wir keinen Einfluss auf ihren Ausgang nehmen können. Das erklärt beispielsweise, wieso viele Leute den Fahrstuhl nicht mögen, obwohl deutlich mehr Menschen auf Treppen verunglücken.

Vor allem aber fürchten wir uns generell eher vor seltenen Situationen mit einer grossen Wirkung als vor häufigen Ereignissen mit einer geringen Wirkung. Unsere Fantasie wird daher eher von der Furcht vor einem Flugzeugabsturz (sehr selten, viele Tote) gequält als von der Möglichkeit, bei einem Autounfall (häufig, wenige Tote) ums Leben zu kommen. Und dies obwohl Flugzeuge statistisch deutlich sicherer sind als Autos.

Solche Fehleinschätzungen sind nicht unproblematisch, da sie dazu führen, dass wir unter Umständen eine Option wählen, die gefährlich ist als die, welche wir aus Sicherheitsgründen vermeiden wollen. Nach den Anschlägen vom 11. September verzichteten beispielsweise viele Amerikaner auf Flugreisen. Keine gute Wahl. Gerd Gigerenzer vom Max Planck Institut errechnet in dieser Analyse, dass aus den daraus resultierenden Autounfällen mehr Menschen ums Leben kamen als in den vier abgestützten Flugzeugen zusammen.

Nicht alle Sicherheitsmassnahmen sind so sinnvoll wie ein Fahrradhelm.
Nicht alle Sicherheitsmassnahmen sind so sinnvoll wie ein Fahrradhelm.

Der sinnlose Aktivismus

Durch Fehleinschätzungen werden wir auch empfänglicher für politischen Populismus. Nachdem die Attentäter in Brüssel ihre Sprengsätze gezündet hatten, kam sofort die Forderung nach strengeren Sicherheitsvorkehrungen auf. Selbsternannte Sicherheitsexperten fragten empört, wieso das Gepäck nicht schon vor der Checkin-Halle durchleuchtet worden war.

Was dabei vergessen geht: Sicherheitskontrollen schaffen keine Sicherheit, sondern verschieben lediglich die Gefahrenzonen. Wäre die Halle gesichert gewesen, hätten sich die Attentäter einfach im Bus zum Flughafen in die Luft gesprengt. Oder in einem Einkaufszentrum oder in einer Schule. Wer wirklich morden will, der findet eine Möglichkeit.

Der Beweis liefert Kunming in China. In der südwestchinesischen Stadt ist der Zugang zum Bahnhof mit Gepäckkontrollen gesichert. Das hielt eine Gruppe von angeblich uighurischen Terroristen vor einigen Jahren jedoch nicht davon ab, auf dem Vorplatz vor der Sicherheitsschleuse mit ihren Dolchen ein gewaltiges Blutbad anzurichten.

Die Kosten der Sicherheit

Nachdem im vergangenen August im Thalys 9364 ein paar mutige Passagiere einen Amoklauf verhindern konnten, wurde die Forderung laut, Zugtickets mit Namen zu versehen und Gepäckkontrollen einzuführen. Bahnhöfe sollten also in Hochsicherheitszonen wie Flugplätze verwandelt werden, lautete der Vorschlag. Das ist natürlich Unsinn.

Man muss nur einmal überlegen, was es kosten würde, die rund 5000 Bahnhöfe in Deutschland mit Sprengstoffdetektoren auszustatten und das zusätzliche Personal zu bezahlen. Für die ohnehin kaum konkurrenzfähige Bahn wäre dies vermutlich das Todesurteil.

Ich habe ein paar Jahre in einem Land gelebt, das solche Regeln kennt. Wenn ich in China Zug fahren will, muss ich beim Kauf meiner Fahrkarte den Reisepass zeigen. Möchte ich gemeinsam mit einem Freund reisen, müssen wir für das Ticket entweder zusammen zum Bahnhof oder muss ich zuerst seinen Pass abholen, das Ticket kaufen und den Pass dann wieder zurückbringen. Dabei gehen locker drei oder vier Stunden verloren.

Um Zugang zum Bahnhof zu erhalten, muss ich zuerst durch eine Passkontrolle, anschliessend muss ich mein Gepäck durchleuchten lassen. Obwohl die Checks nicht sehr sorgfältig durchgeführt werden, kostet mich das Anstehen locker 20 Minuten, manchmal mehr. Um sicher zu sein, dass ich den Zug nicht verpasse, muss ich mindestens 40 Minuten vor der Abreise am Bahnhof ankommen.

Bei einer Fahrt von zehn Stunden spielt das keine so grosse Rolle, aber auf kurzen Strecken ist damit die Bahn keine Option mehr. Schlimmer noch war es bei der Metro. Jedes Mal, wenn ich in die U-Bahn wollte, musste bis zu zehn Minuten an der Sicherheitsschleuse anstehen. Auf kurzen Strecken war ich zu Fuss meistens schneller.

Fazit

Auch wenn bei uns in diesen Tagen eine etwas angespannte Situation herrscht, ist Europa (und weite Teile der Welt) noch immer sehr sicher. Nicht etwa, weil die Geheimdienste eine so grossartige Arbeit machen und auch nicht, weil unsere Sicherheitssysteme so ausgeklügelt sind, sondern ganz einfach deswegen, weil es nur ganz wenige Verrückte gibt.

Wenn es stimmt, dass die Gepäck-Scanner im Flughafen von Sharm Al-Sheikh wie hier beschrieben regelmässig ausgeschaltet waren, um Strom zu sparen, dann ist das Interessante daran nicht, dass die Sicherheitsbestimmungen verletzt wurden, sondern vielmehr, dass es offenbar Jahre ging, bis überhaupt einmal jemand versuchte, eine Bombe an Bord zu schmuggeln.

Falsche Riskoeinschätzungen sind schädlich und führen insbesondere in Demokratien zu einem gefährlichen Populismus. Wenn wir wirklich etwas für die Sicherheit unserer Mitmenschen tun wollen, sollten wir kein zusätzliches Geld in Gepäckscanner und die Überwachung investieren, sondern in die Krebsforschung oder ähnliche Bereiche, wo bereits ein kleiner Fortschritt einen gewaltigen Unterschied macht.

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Über Oliver Zwahlen

Passionierter Blogger. Im Herzen freier Reisejournalist, aber derzeit Büroangstellter mit Wohnsitz im chinesischen Peking. Siehe auch: Google+

7 Kommentare

  1. Bravo, Oli! So ein Beitrag zum „Runterkommen“ war schon lange mal nötig.

    Liebe Grüße
    Jenny

  2. Wieder ein klasse Artikel! Bei der Bewertung von Risiken lässt sich der Mensch leider zu oft von irrationalen Ängsten leiten, anstatt sich mit Fakten und Statistiken auseinanderzusetzen.

    Bei dem Thema wundert mich oft, dass die Menschen anscheinend gar nicht mitbekommen, dass nicht wir Westler, sondern die eigenen Glaubensbrüder in Irak, Pakistan, Afghanistan, Syrien und Nigeria die Hauptopfer von Terrorismus sind (26.000 Tote allein im Jahr 2014).

  3. Amen.

    Wenn ich gefragt werde, wie ich es denn hätte verantworten können, mit meinen Kindern durch Kosovo zu reisen, sage ich, dass der Straßenverkehr dort in der Tat unberechenbar sei, aber immerhin nicht ganz so haarsträubend aggressiv wie auf Sizilien. Da ernte ich dann sehr irritierte Blicke. 🙂

    Nichtsdestotrotz spüre ich natürlich auch ein leises Unbehagen, wenn ich in Istanbul, London oder Berlin mit meiner Familie in die U-Bahn steige. Klar könnte was passieren. Ich werde versuchen, mich künftig auch beim Fischessen angemessen zu fürchten. 😀

  4. Hi Olli,
    Danke für diesen grandiosen Artikel. Auch uns wird ständig die Terror-Gefahr Frage gestellt und andauernd versuchen wir es den Leuten zu erklären. Wollten selbst einen Blogpost zu diesem Thema verfassen, aber du nimmst uns buchstäblich die Worte aus dem Mund. Jetzt werden wir Ihnen einfach deinen Artikel unter die Nase halten. 🙂
    Immer in der Hoffnung, möglichst vielen den Spaß am Weltenbummeln zurück zu geben.

    Liebe Grüße

  5. Es gab wieder zwei Anschläge seit Du den Artikel veröffentlicht hast.
    Ich war 2001 in New York (mit 15 Jahren auf Familienbesuch in den USA), genau zwei Monate vor dem 11 September. Ich saß am 11 September fassungslos vor dem TV.
    Am 16 Mai also vor fast genau 2 Monaten war ich in Nizza und spazierte die Promenade des Anglais entlang.
    Ich war letztes Jahr auch in Paris, Istanbul und Ankara. Auch wenn in Deutschland mehr Menschen im Straßenverkehr sterben als in Europa durch den Terrorismus ermordet werden, es geht mir sehr nahe.
    Trotzdem oder vielleicht gerade deswegen lasse ich mich nicht davon abhalten zu reisen.
    Reisen hilft Vorurteile abzubauen (vielleicht auch manche zu bestätigen), es hilft zu erkennen dass die Welt ein freundlicher Ort ist und nicht das was die Nachrichten zeigen.

  6. Danke Oliver für diesen Beitrag. Abkühlung tut wirklich gut. Und ich gebe auch dir, Pasquale, recht, das Reisen hilft Vorurteile abzubauen. Zuhause merke ich manchmal kaum, wie sich diese langsam einschleichen. Auch wenn ich es nicht will, sie sind kaum abzuhalten. Der Schritt vor die Haustüre hilft in jedem Fall. Uns der Welt aussetzen, mal nicht die sein, die alles wissen, sondern die, die bescheiden bei anderen Kulturen anklopfen und verstehen, dass es anders auch geht. Dass anders auch gut ist, dass werten keinen Sinn hat.

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