Dienstag, 24. Oktober 2017
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Iriomote: Ein Platz zum Leben, ein Platz zum Sterben, Teil 2

Überreste der Utara-Kohlenmine auf Okinawa. Foto: Yuuri Ootakumi
Überreste der Utara-Kohlenmine auf Okinawa. Foto: Ray Go / Wikimedia

Nirgendwo in Japan findet man abgeschiedenere Orte als auf der Insel Iriomote, am südlichsten Zipfel des ostasiatischen Inselreichs. Die dortige Wildnis, die noch immer Aussteiger anzieht, war einst ausgesprochen lebensfeindlich. Hier Teil 2 des Artikels zum japanischen Iriomote.

Gastbeitrag von Yuuri Ootakumi, ehemaliger Betreiber des Gästehauses Ai no Yado.  Den ersten Teil des Beitrags findest du hier.

Wind und Meeresströmungen haben für Inselbewohner eine große Bedeutung: Reisen und Transport hängen davon ab. Wenn der Wind einer Meeresströmung entgegenweht, dann bauen sich steile Wellen auf, die nicht nur Booten sondern auch Schiffen Schwierigkeiten bereiten. Dazu kommt noch die Dünung, die sich immer dann stark aufbaut, wenn ein bestimmter Wind eine längere Zeit weht. In den Wintermonaten ist die vorherrschende Wetterlage um Iriomote herum genau so: ein stetiger starker Nordwind weht dem Kuroshio-Strom entgegen, und selbst mit den heutigen Booten können nicht alle Häfen sicher angelaufen werden. Im Sommer sorgen Taifune für Aufruhr: Boote müssen an Land gezogen oder – in großem Abstand voneinander – durch kreuz- und quer verspannte Seile im Hafenbecken verspannt und an einer windinduzierten Flucht oder einem eigenmächtigen Auflaufen gehindert werden. Diese Vorbereitungen legen bereits einige Tage vor einem Taifun die Arbeit und den Verkehr lahm. Nach dem Taifun, wenn die Windstärke endlich wieder auf normal zurückgegangen ist, gilt es darauf zu warten, dass Dünung und Wellen soweit abgeflaut sind, dass wieder sicher gefahren werden kann. Wind und Meer verlangen also einen beträchtlichen Tribut an Zeit von den Menschen, die sich diese Inseln zum Leben ausgesucht haben.

Und in der Vergangenheit musste der Natur ein weiterer Tribut bezahlt werden: vor vielen Jahrhunderten waren weite Teile der Inseln Iriomote und Ishigaki, der beiden großen Inseln im Yaeyama-Archipel, unter die Herrschaft von Moskitos gefallen, die mit Hilfe ihrer überlegenen Bewaffnung, dem Erreger der Malaria, die Menschen in Schach hielten, obwohl diese immer wieder versuchten, sich auf diesen Inseln weiträumig niederzulassen. Erst nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gelang es den Menschen – unter Einsatz von DDT – den Moskitos die Kontrolle über die Inseln zu entreißen. Die Malaria ist aber noch nicht vergessen.

Kampf den Malaria-Mosikos

Da ist zum Beispiel die tragische Geschichte der Kriesgmalaria: Seit 1943 waren über 8000 Soldaten nach Yaeyama geschickt und auf der Insel Ishigaki stationiert worden, und im Sommer 1945, nach der erfolgreichen Invasion der Insel Okinawa seitens der US-Armee, zwang die japanische Armee die Bewohner mehrerer kleinerer Inseln Yaeyamas dazu, auf die Insel Iriomote umzusiedeln, wo sie über kurz oder lang an Malaria erkrankten. (Auch auf der Insel Ishigaki gab es Malariafälle, da ein Teil der Bevölkerung vom malairafreien Küstenstreifen ins Innere der Insel umsiedeln musste.) Die Bewohner der von der Armee geplünderten Insel Hateruma, mussten in Sicht ihrer Heimatinsel am malariaverseuchten Südoststrand von Iriomote ausharren, wo Alte und Kinder als erste starben und viele der Überlebenden infiziert wurden, um dann, nachdem sie zum Kriegsende auf ihre Insel zurückkehren durften, dort der Krankheit zu erliegen.

Und davor gab es die Geschichte der Kohlebergwerke. Im Jahr 1886, während der Industrialisierungsphase Japans unter der Meiji-Regierung, als das Königreich Ryukyu, welches seit dem Ende des 15. Jahrhunderts die Inseln von Yaeyama unter Kontrolle gehabt hatte, bereits von Japan annektiert und abgeschafft worden war, erwarb die Firma Mitsui eine Kohleförderungslizenz für gewisse Gebiete im Westteil der Insel Iriomote und schickte 200 Bergleute dorthin, die Stollen graben und Kohle fördern sollten. Das gelang auch in einem gewissen Umfang, aber nach nur drei Jahren war bereits die Hälfte dieser Bergleute der Malaria zum Opfer gefallen, und ein großer Teil der noch Lebenden war erkrankt.

Fast 20 Jahre lang wurde keine Kohle gefördert, danach zunächst nur in kleinen Mengen, aber während des Krieges, ab 1936, wurden noch einmal sieben Jahre lang in den Stollen weitergefördert – zu Zeiten mit fast 1500 Bergleuten, worunter wohl auch Kriegsgefangene und andere Zwangsarbeiter zu finden waren, von denen wohl viele undokumentiert im malariaverseuchten Urwald Iriomotes gestorben sind. Nach dem Krieg, unter amerikanischer Verwaltung, gab es noch ein paar Jahre lang halbherzige Versuche, dem Boden Kohle abzugewinnen, aber diese Arbeit lohnte sich schließlich nicht mehr. Heute können Besucher hier und dort im Wald noch Reste von Betonfundamenten finden oder, wenn sie mit dem Kajak einen kleinen Fluss hinauffahren, eine Brücke sehen, über die einst eine Frachteisenbahn die Kohle zum Verladehafen brachte.

Das Ende eines Königreichs

Zuvor, zur Zeit des Ryukyu-Königreichs, waren schon des öfteren Bewohner der dichtbesiedelten kleineren Inseln (wie z.B. Kuroshima oder Aragusuku) dazu gezwungen worden, nach Iriomote und Ishigaki umzusiedeln, aber diese Siedlungsversuche hatten auf Iriomote nicht den gewünschten Erfolg: der erhoffte große Bevölkerungszuwachs blieb aus. Nur wenige Menschen konnten sich in bestimmten malariafreien Küstengebieten am Leben erhalten, während viele andere zur Arbeit in verseuchte Regionen gehen mussten und darum unweigerlich krank wurden. Warum also diese Opfer? Man brauchte mehr Steuereinnahmen, nicht zuletzt deswegen, weil das Künigreich, dem Iriomote und die anderen Inseln Yaeyamas seit Ende des 15. Jahrhunderts unterstanden, als Folge der Satsuma-Invasion zu Beginn des 17. Jahrhunderts an Japan Abgaben leisten musste.

Dann war da noch das Erdbeben im April 1771, welches zwar direkt kaum Schäden angerichtet hatte, wegen eines vermutlichen Bergrutsches unter Wasser aber einen eng gebündelten Tsunami erzeugte, der auf Ishigaki die Hälfte der Bevölkerung auslöschte. Auf Iriomote kam durch diesen Tsunami zwar weniger als ein Zehntel der Bevölkerung ums Leben, aber durch das Seewasser wurden viele Felder unbrauchbar gemacht, und es kam zunächst zu Epidemien und langfristig zu Hungersnöten. Über Jahrhunderte hinweg hatte sich diese von der Natur so reichhaltig ausgestattete Insel also weniger als ein Platz zum Leben und eher als ein Platz zum Sterben erwiesen.

Doch es gibt auch Ausnahmen. Das Dörfchen Sonai an der Westküste Iriomotes (wo der „nackte Opa“ jeden Monat sein Geld abholt) kann auf 500 Jahre Bestehen zurückblicken, und die Menschen dort haben viele Aspekte ihrer Kultur bewahrt, die noch heute in den verschiedenen Festen zum Ausdruck kommen. Und durch die Modernisierung der Inseln im Yaeyama-Archipel, die mit dem Ende der amerikanischen Verwaltung vor 40 Jahren begann, ist Iriomote letztendlich eine Insel zum Leben und Besuchen geworden. Ob das so gut ist? Die meisten der Besucher kommen nämlich in Gruppen, schauen sich ein paar Attraktionen an und fahren bald wieder ab. Aber der Schlüssel zu den Geschichten, welche die Insel erzählen kann, heißt „Zeit“ – und diesen Schlüssel kann man sich selbst nehmen.

Über Gastbeitrag

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Ein Kommentar

  1. Ein toller Bericht…sry Berichte ;)!
    Japan ist eines meiner bevorzugten Reiseziele. Hatte bisher leider noch nicht das Vergnügen, aber sobald einmal das passende Kleingeld vorhanden ist, werde ich dieses Ziel in Angriff nehmen.
    Mich reizen vor allem die Gegnsätze, also Kultur, Moderne, Landschaft und die Geschichte.

    Daher danke für diese tollen Gastbeiträge ;)!

    Beste Grüße,
    Dom

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