Freitag, 15. Dezember 2017
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Gefahreneinschätzung: Was du bei unbekannten Reisezielen abchecken solltest

Das Internet ist wie eine Landkarte, wo du alles erfahren kannst, was du vor der Reise wissen musst. Foto: Thorben Wengert / Pixelio.de
Das Internet ist wie eine Landkarte, wo du alles erfahren kannst, was du vor der Reise wissen musst. Foto: Thorben Wengert / Pixelio.de

Dich reizen eigentlich unbekannte Ziele wie die Komoren oder Osttimor, aber du weißt nicht, was dich dort erwartet? Sind die Leute gastfreundlich oder musst du eher mit gewaltsamen Überfällen rechnen? Hier geben wir dir vier Tipps, was du abklären solltest, bevor du eine Reise antrittst oder absagst.

Tipp 1: Schau auf die Reiseempfehlungen der Außenministerien

Eine erste Anlaufstelle ist das Außenministerium deines Heimatlands. In der Schweiz bietet das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten auf seiner Website Reisehinweise zu allen Ländern der Welt. In Deutschland bietet das Auswärtige Amt hier die gleiche Dienstleistung. Auch Österreich bietet seinen Bürgern Hinweise auf mögliche Gefahren in den Reiseländern an. In Textform werden jeweils die möglichen Risiken grob geschildert. Insbesondere politische Unabwägbarkeiten, die gesundheitliche Versorgung und die Gefahren durch Kriminalität kommen zur Sprache.

So praktisch diese Seiten für eine erste Einschätzung sind, haben sie jedoch eine Reihe von Schwachstellen. Zunächst sind die Reisewarnungen politisch beeinflusst. Wird im schlimmsten Fall vom Bereisen einer Region oder eines Landes abgeraten, dann hat dies für die Tourismus-Industrie schwere Auswirkungen: Denn wer eine solche Reise gebucht hat, kann sie in einem solchen Fall kostenlos stornieren. Ebenfalls ist eine offizielle Reisewarnung für das andere Land eine Art Ohrfeige und kann dort zu diplomatischen Verstimmungen führen. Auf der anderen Seite muss natürlich dem Informationsbedürfnis der eigenen Bevölkerung Rechnung getragen werden. Dazu kommt, dass die Beamten den Status quo nur ungern verändern. So kommt es, dass sich die Reisehinweise teilweise sehr seltsam lesen und du beispielsweise hin und wieder Hinweise auf Entführungen findest, die vor fünf Jahren stattgefunden haben. Und dies obwohl fraglich ist, ob so lange zurückliegende Ereignisse überhaupt relevant sind.

Ein zweites Problem liegt darin, dass sich die Reiseempfehlungen nicht vergleichen lassen.  In Indien war ich schon und habe mich dort relativ sicher gefüllt . Vor Afrika habe ich aber einen gewissen Respekt. Doch ob nun die Gefahren in Indien, Honduras oder Madagaskar höher sind, lässt sich an Hand der Reiseempfehlungen nur sehr schwer beurteilen.

Tipps 2: Lese die Berichte von anderen Reisenden

Um die subjektiven Gefahren besser abzuschätzen, kannst du andere Reisende, die bereits in den entsprechenden Ländern waren, nach ihren Erfahrungen befragen. Nach drei Monaten in Indien würde ich trotz der zahlreichen Medienberichte über Massenvergewaltigungen und den blutigen Attentaten von Mumbai niemandem grundsätzlich abraten, den indischen Subkontinent zu bereisen. Ich habe unterwegs jede Menge allein reisende Frauen getroffen, denen es im Land sehr gut gefallen hat und die mit keinerlei Problemen konfrontiert waren und sich generell sicher fühlten. Auch hat es seit mehreren Jahren keine grösseren Anschläge gegeben.

Wenn du Bekannte und Verwandte fragst, solltest du dir auch ihre Reiseerfahrungen und ihren Hintergrund anschauen. Ein Beispiel: Expats hausen nicht selten in ihren Ausländer-Communities, fahren mit dem Chauffeur zur Arbeit und haben kaum Kontakt mit Einheimischen, während Weltenbummler teilweise sogar in den Armenvierteln bei den Menschen vor Ort leben. Trotzdem kannst du erwarten, dass die bedeutend sicherer lebende Gruppe der Expats vor mehr Gefahren warnen wird, als die couchsurfenden Backpacker.

In der Welt gibt es fast 200 Länder und die Wahrscheinlichkeit, dass du je nach Destination in deinem Bekanntenkreis niemanden kennst, der das Ziel deiner Wahl schon besucht hat, ist hoch. Inbesondere wenn du dich für kaum besuchte Ziele interessierst wie die Komoren. In diesem Falle kannst du einen Blick auf die renommierten Reiseforen werfen, wie beispielsweise unser Traveltalk. Besonders geeignet sind auch Foren, die sich spezifisch mit dem Land deiner Wahl auseinandersetzen. Um diese zu finden kannst du einfach „Reiseforum + Land“ in die Suchmaschine deiner Wahl eingeben. Wenn du Google und Co ohnehin schon bemühst, kannst du mit „Reiseblog + Land“ zudem gezielte Reiseberichte suchen. Mit etwas Glück findest du kleine Anekdoten wie die von Manu und Nadine, denen in Laos an der Rezeption eines Hotels Geld gestohlen wurde.

Tipps 3: Wirf einen Blick auf Gefahrenkarten

Es lohnt sich auch, sich vor Augen zu führen, welche Gefahren für uns Reisende überhaupt maßgeblich sind. Es mag zwar im Einzelfall sehr unangenehm sein, wenn auf Grund von politischen Ereignissen in einer Stadt plötzlich Ausgangssperren verhängt werden (wie vor ein paar Jahren in Nepal nach dem Mord der Königsfamilie) oder wenn wegen eines Generalstreiks kein einziger Bus mehr fährt und du deswegen den Rückflug verpasst. Doch im Allgemeinen sind politische Gefahren für uns eher Ärgernis als wirklich Gefahr. Das gleiche gilt auch für Taschendiebstähle und andere Kleinkriminalität: Wenn mir irgendwo mein Reisepass und mein ganzes Geld abhandenkäme, was glücklicherweise noch nie passiert ist, würde ich mich natürlich ärgern. Aber es ist nichts, was ich mit etwas Arbeit nicht wieder zu Recht biegen könnte.

Weitaus größere Gefahren gehen von Angriffen auf meine persönliche Integrität aus, also insbesondere von gewaltsamen Raubüberfällen, Entführungen oder gar Morden. Um Gefahren solcher Art besser einschätzen zu können, gibt zum Beispiel der weltweite Risikoberater ControlRisk jedes Jahr Karten mit dem Entführungsrisiko heraus. Je röter ein Land, desto gefährlicher ist es. Wenig überraschend ist die Gefahr einer Entführung in Somalia, Teilen Malis und Afghanistan besonders hoch. Die Karte bietet aber auch eine Reihe von Überraschungen. So schneiden beispielsweise Botswana, Malawi, Eritrea und Tansania besser ab als Deutschland und die meisten anderen europäischen Länder. Ebenfalls überraschend ist das schlechte Abschneiden von Mexiko, das ähnlich positioniert ist wie die Konfliktregionen Jemen, Irak und Syrien.

Auch sehr aufschlussreich sind die Gefahrenkarten der UN. So veröffentlichen die Vereinten Nationen regelmäßig eine weltweite Mordstatistik, die dieses Jahr übrigens von Honduras mit 91,6 Morden pro 100.000 Einwohnern angeführt wird – deutlich mehr als in El Salvador, der Elfenbeinküste und Jamaica. Das als gefährlich geltende Papua Neuguinea ist mit 13 Morden ähnlich positioniert wie das beliebte Reiseland Peru. Etwas überrascht hat mich, dass Nordafrika ähnlich sicher ist (beziehungsweise zur Zeit der Datenerhebung war) wie Europa. Irritierend fand ich das schlechte Abschneiden von Grönland.

Bei beiden Statistiken muss man jedoch berücksichtigen, dass hier nicht zwischen Touristen und der einheimischen Bevölkerung unterschieden wird. In Mexiko hängen wohl die meisten Todesfälle mit der Bandenkriminalität und dem Drogenhandel zusammen, die gewöhnliche Reisende kaum betreffen. In Ländern wie Afghanistan sind Ausländer freilaufende Zielscheiben. In Papua Neuguinea gibt es zwar wenige Morde, aber Touristen werden gerne überfallen und ausgeraubt.

Tipps 4: Schau, wo du am wenigsten abgezockt wirst

Für unser Wohlergehen ist zwar das Wichtigste, dass wir eine Reise unversehrt überstehen. Doch wir wollen natürlich auch nicht als unangenehme Fremde auffallen oder an jeder Ecke über den Tisch gezogen werden. Es gibt zwar meines Wissens keine Karte, die genau dies zeigt. Aber die Lage lässt sich auf Grund von zwei anderen Karten leichter abschätzen.

Der erste Gedanke beruht auf einer Erfahrung bei meinen Reisen. Früher hatte ich immer das Gefühl, dass eine hohe Zahl von Touristen den Charakter der Einheimischen verdirbt und die Leute beinahe dazu zwingt, die Besucher auszunehmen. Mit der Zeit merkte ich aber, dass das so nicht stimmt. Viele Top-Touristenziele wie Frankreich, die USA, Australien und bis zu einem gewissen Grad auch Thailand sind weitgehend problemlos zu bereisen.

Mit der Zeit stellte ich fest, dass es einen anderen Zusammenhang gibt: Dort, wo die Regierung die Touristen offiziell zum Freiwild erklärt, gibt es die meisten Betrügereien. Was ich damit meine sind offizielle Regeln zur Benachteiligung von Reisegästen, wie es sie beispielsweise in Indien gibt: Als ich das Taj Mahal vor drei Jahren besuchte, musste ich 750 Rupien hinblättern, während Einheimische das Liebesdenkmal für nur gerade einmal zehn Rupien bestaunen konnten. Ich war sogar schon in Ländern, wo man für den Bus, den Zug und die Fähre mehr zahlte als Einheimische.

Natürlich haben Ausländer häufig mehr Geld als die Bewohner von Drittweltstaaten und man kann gute Gründe nennen, wieso Ausländerpreise gerechtfertigt sind. Doch darum geht es mir nicht.  Wenn Touristenabzocke von ganz oben betrieben wird, dann werden auch die gewöhnlichen Menschen seltener etwas daran finden, Touristen über den Tisch zu ziehen. Zwar gibt es keine Studie, welche diese Betrügereien vergleicht, aber das World Economic Forum (WEF) gibt regelmäßig eine Studie heraus, in der gemessen wird, wie willkommen ausländische Gäste sind.

Wer wissen will, wie die Rechnung im Detail funktioniert, kann hier die vollständige, 500 Seiten schwere Studie runterladen. Etwas übersichtlicher ist das ganze jedoch auf einer Karte, welche die Washington Post angefertigt hat. Wichtig zu wissen ist, dass bei der Studie einerseits die Bewohner danach befragt wurden, wie fremdenfreundlich sie ihr eigenes Land einschätzen, und dass anderseits harte Fakten berücksichtigt wurden, wie beispielsweise die Visabestimmungen oder eben auch Benachteiligungen wie die oben erwähnten. In eine ähnliche Richtung geht auch die Lonely Planet Publikation „Best of Travel“, in der die attraktivsten Reiseziele vorgestellt werden. Leider ist das Buch nicht vorständig, sondern nennt nur die Top-Ziele.

Etwas anderes, das jedoch in die gleiche Richtung geht, ist der weltweite Korruptionsindex, den du hier findest. Als Tourist wird man zwar selten in die Lage kommen, dass man einen Beamten bestechen muss. Doch wo die Korruption hoch ist, kannst du erwarten, dass auch sonst nicht immer alles auf dem offiziellen Weg läuft.

Kennst du weitere Indices, welche wichtig sind, um besser abschätzen zu können, was einem in einem Reiseland erwartet? Dann schreib hier einen Kommentar. Ich werde die Hinweise gerne in den Text einbauen und mich mit einem Link bedanken.

Über Oliver Zwahlen

Passionierter Blogger. Im Herzen freier Reisejournalist, aber derzeit Büroangstellter mit Wohnsitz im chinesischen Peking. Siehe auch: Google+

3 Kommentare

  1. Hallo Oli,
    aus statistischen Indizes Rückschlüsse auf die Touristenfreundlichkeit eines Landes zu ziehen, ist eine faszinierende Idee. Da regt sich mein lange verschüttetes Soziologenherz…
    Ich hätte noch zwei Ideen, die allerdings diskutabel sind: a) Wenn die Einkommensunterschiede in einem Land sehr hoch bzw. die Klassenstruktur sehr hierarchisch und gefestigt ist, ohne Aufstiegsmöglichkeiten sozusagen, dann dürfte das doch die Bereitschaft erhöhen, sich an „wehrlosen“ Opfern wie Touristen schadlos zu halten. Oder es sollte generell zu einer höheren Kriminalitätsrate führen. Und b) könnte man auch aus der Zufriedenheit der Bevölkerung schließen: Wenn alle glücklich sind, haben sie keinen Grund, andere Leute abzuzocken? (Ich erinnere mich an einen Zeitungsbericht vor ca. einem Monat darüber, dass die Skandinavier die zufriedensten Menschen Europas seien; und abgezockt à la Vietnam hat uns dort auf jeden Fall niemand.)

    Ich bin gespannt auf weitere Vorschläge!

    • Hallo Jenny,
      sieht so aus, als hätten mich meine zwei Semester Soziologie doch mehr geprägt, als ich dachte… 🙂
      Deine beiden Ideen leuchten mir ein. Allerdings habe ich den Eindruck, dass das GLück schwer objektiv messbar und schon gar nicht vergleichbar ist. Auch denke ich, dass das allgemeine Glücksempfinden generell dort höher ist, wo die Reichtumsschere nicht so weit auseinanderklafft. Man müsste vielleicht den Gini-Koeffizient mit auf die Liste nehmen.
      Bin auch auf weitere Vorschläge gespannt.

  2. Beim Thema „Allgemeine Gewaltbereitschaft“ finde ich auch interessant, wie es mit der sexuellen Gewalt aussieht. Wir kennen ja alle die Geschichten aus Indien und halten diese für einen Spiegel einer etwas kranken Gesellschaft. Klar ist: Dort, wo es viele Vergewaltigungen gibt, ist der Respekt gegenüber Mitmenschen eher wenig ausgeprägt und dies würden wir als gewöhnliche Reisende (auch jenseits von sexueller Gewalt) feststellen können. Gerade vorhin habe ich bei BBC einen interessanten Beitrag gelesen, der auf genau dieses Thema eingeht: http://www.bbc.co.uk/news/health-24021573 Demzufolge hat beispielsweise im oben erwähnten Papua Neuguinea jeder zweite Mann bereits einmal im Leben jemanden vergewaltigt.

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