Montag, 18. Dezember 2017
Home » Allgemein » Fujairah: Das Sumoringen der Stiere

Fujairah: Das Sumoringen der Stiere

Wie beim Sumoringen: Der stärkere Bulle drückt den schwächeren aus dem Ring. Fotos: Marion Schwartzkopff
Wie beim Sumoringen: Der stärkere Bulle drückt den schwächeren aus dem Ring. Fotos: Marion Schwartzkopff

In Fujairah-Stadt kann man die Vereinigten Arabischen Emirate noch ganz traditionell erleben: Jeden Freitagnachmittag wird sie zum  Schauplatz eines einzigartigen Spektakels: des (unblutigen) Bullenkampfes, wie man ihn sonst nur noch im Oman beobachten kann.

Um mich füllt sich der Platz mit Leben. Ich bin in Fujairah-Stadt, im gleichnamigen Emirat. Die meisten kennen nur die Emirate Dubai und Abu Dhabi, die Shopping- und Luxushotelparadiese mit ihren Hochhäusern. Aber auch die Emirate Fujairah, Sharjah, Ajman, Ras al Khaima, Umm al Quwain gehören zum föderalistischen Verbund dazu – die jeweiligen Hauptstädte heißen übrigens genauso.

Jeden Freitag nachmittag geht´s los in der Stierkampfarena, einem Fussballfeld großen, staubigen Sandplatz, der von einem hohen Maschendrahtzaum umgeben ist. Emiratis finden sich ein: die Männer in ihren schneeweißen, knöchellangen Dishdashas, also ihren traditionellen weißen Gewändern, auf dem Kopf die Ghutra, jenes weiße, mitunter auch rotkarierte Tuch, das von der schwarzen Kordel gehalten wird, die zumeist älteren Frauen in der schwarzen Abaya und eine Heerschar Kinder und Jugendlicher sind mit dabei.

Schaut man sich hier um, so hat dieses Gesicht der Vereinigten Arabischen Emirate nichts gemein mit dem, wie es sich im modernen und westlich orientierten Dubai zeigt. Stünden nicht die schweren Geländewagen und großen Luxuskarossen nebenan auf dem Parkplatz, so könnte man meinen, man hätte eine kleine Zeitreise unternommen. Fujairah wird als Badeort geschätzt, vor allem aufgrund seiner schönen Lage am Fuße des Hajargebirges – und scheinbar sind die Badegäste keine Freunde eines staubigen Freitagnachmittags. Ich bin die einzige Touristin vor Ort.

Der Stierkampf ist ein Spektakel für Jung und Alt.
Der Stierkampf ist ein Spektakel für Jung und Alt.

Ohne einen Tropfen Blut

Das Prinzip des Bullenkampfes ist einfach: zwei Stiere, von Gewicht und Größe einander ebenbürtig, werden in die Arena geschickt, wo sie mit gesenkten Köpfen versuchen, den Gegner aus dem Areal zu drängen. Wer zuerst klein beigibt, hat verloren. Der Besitzer des Siegerbullen ist um Ruhm und Ehre reicher. Sind beide gleich stark und keiner weicht, entscheidet der Schiedsrichter nach Punkten. Ich habe mehrmals zugeschaut und nie gesehen, dass es zu ernsthaften Verletzungen kam. Der unterlegene Gegner wird nicht verfolgt und auch nicht mit den Hörnern attackiert. Die Bullen versuchen nicht, sich am Körper zu verletzen. Es ist ein harmloses Vergnügen, aber ob der teilweise tonnenschweren Kolosse, die sich da messen, dennoch ein aufregendes Spektakel.

Ich bin schon lange vorher da, denn mich interessiert, wie man die Tiere behandelt, wie man sie verlädt, wie man die 700 bis 1000 Kilo Lebendgewicht hier bändigt.  Wohl an die 60 Bullen werden an diesem Nachmittag auf großen Pick-ups antransportiert. Sie stehen dort, oft zu zweit, am Nasenring und mit den Hörnern am Gestänge des Wagens festgebunden. Die Autos fahren dann rückwärts an große Sandhügel heran, die als Verladerampen dienen. Öffnet sich die Klappe, packen mehrere Männer schnell die Stricke, die um die Hörner des Stieres laufen, und führen ihn unter großem Palaver und Gerufe zu einem der Bäume oder einer der Anbindestangen, um ihn dort gut zu vertäuen. Dort stehen sie, mit genügend Sicherheitsabstand, brüllend und stampfend nebeneinander und scharren mit den Vorderhufen gewaltige Löcher in den sandigen Boden. Der Staub fliegt nur so durch die Luft.

Viele der Bullen sind Brahmanenkreuzungen. Man erkennt sie am gewaltigen Buckel, einem grausandfarbenen Fell und freundlich wirkenden Schlappohren. Die Brahmanen-Rasse geht auf die indischen Zeburinder zurück und ist besonders tropentauglich: hitzetolerant und krankheitsresistent und setzt auch noch bei 50 Grad im Schatten Fleisch an – jede deutsche Kuh verweigert bereits jenseits der 35 Gradmarke das Fressen. Brahmanen hingegen stehen zufrieden wiederkäuend in der größten arabischen Mittagshitze. Bei Fliegen, Bremsen und Zecken sind diese Rinderrassen unbeliebt: kein Saugrüssel durchdringt ihre dicke Haut.

Über Sandrampen können die Bulle die Transportwagen verlassen.
Über Sandrampen können die Bulle die Transportwagen verlassen.

Hier in Fujairah sehe ich aber auch einige Stiere, die sehr europäisch wirken. Sie sind kleiner und kurzbeiniger als die indischstämmigen Verwandten. Auch sehen diese schwarzen, braunen oder gefleckten lange nicht so freundlich aus wie die grauen Vettern mit den Schlappohren. In ihrem normalen Leben sind sie umgängliche Zuchtstiere, für den Besitzer verhältnismäßig einfach zu handhaben, ohne Aggression dem Menschen gegenüber, aber eben doch temperamentvoll genug, um ihr Terrain hier verteidigen zu wollen. Allerdings durch Schubsen und Drängeln, nicht durch aufspießen. Es sind eben keine Torros Bravos, Kampfstiere wie in Spanien, die gezüchtet werden, um alles umzubringen, was sich bewegt.

Es wird nur geschubst

Inzwischen brennt die Sonne nicht mehr so erbarmungslos vom Himmel und das Thermometer erreicht nur noch verhältnismässig kühle 30 Grad. Die ersten beiden Bullen werden in die Arena gelassen. Sie traben aufeinander zu, senken die großen Schädel, die Buckel auf ihren Rücken beben, wenn sich Kopf an Kopf und Horn an Horn fügt, nur um dann sekunden- und minutenlang im Stillstand zu verharren. Mitunter geht es vor und zurück, mehr Schritt für Schritt und nur selten im Trab. Es wird gedrängelt und geschubst – und wieder verharrt. Irgendwann verlässt einer der grauen, braunen oder gefleckten Kolosse den Platz zielstrebig Richtung Ausgang – er hat genug und gibt auf.

Das ganze Spektakel wird kommentiert von arabischen Kehllauten und einem Singsang des Sportreporters, der den Sieger und seinen Besitzer über Mikrofon verkündet. Der Gewinner wird mit züchterischen Lobpreisungen geehrt. Beifall und Johlen bei den Zuschauern, Rufen und Schreien bei denen, die den Sieger wieder einfangen und zum Pickup zurück bringen. Jeder Kampf dauert an die fünf Minuten, 15 bis-20 Kämpfe sind für diesen Nachmittag angesagt.

Mein Favorit ist ein großer schwarzer Bulle, der sich am Rand angebunden wild gebärdet, ein großes Loch der Wut in den Boden stampft und unablässig seinen potenziellen Gegnern seine Kampfansage entgegen brüllt. Als er in die Arena kommt, hat man für ihn einen passenden, ebenfalls europäisch wirkenden Zuchtbullen gefunden, dessen Fell aber einige Nuancen ins bräunliche geht.  Ohne Zögern, ohne Zaudern schubst und schiebt er den Schwarzbraunen vor sich her – der hat schnell genug und trottet von dannen. Der Schwarze ist Sieger. Ich bin begeistert.

Über Marion Schwartzkopff

Lebt und arbeitet als Pressereferentin in Düsseldorf und reist seit 30 Jahren, regelmässig in arabische Länder. Ihre große Liebe gilt aber Sri Lanka. Beim BoD Verlag erschien von ihr die Reihe „Sri Lanka – Reiseführer des Herzens“.

6 Kommentare

  1. Schöner Artikel, hautnah.

  2. Günter Steinfort

    ein inspirierender Bericht, der Lust auf das Land macht. Freu mich schon auf weitere Berichte.
    Günter Steinfort

  3. Sehr spannend und anschaulich geschrieben.

  4. kapitale Erscheinungen diese Tiere – bleibe dennoch Fan der Torros Bravos. Ein Bericht darüber wäre interesant, ein Thema mit Diskussions- und Streitpotential.

  5. Durch die gelungene Art der Beschreibung dieses Kräftemessens ist der Leser mittendrin
    in diesem Spektakel. Die massigen Tiere und ihre Anspannung beim Wettkampf um
    Standfestigkeit stehen direkt vor Augen.

  6. Interessanter Bericht einer volkstümlichen Veranstaltung, mal ganz abseits des üblichen Touristenprogramms. Habe das erste Mal etwas über derartige Bullenkämpfe gelesen. Sehr lebhaft und anschaulich geschrieben. Macht Lust auf mehr Insider-Wissen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.