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Äthiopien: Dire Dawa und der Abgesang auf die historische Bahn

Persönliche Führung durch den Bahnhof von Dire Dawa. Foto: O. Zwahlen
Persönliche Führung durch den Bahnhof von Dire Dawa. Foto: O. Zwahlen

Nirgendwo lässt sich die bewegte Geschichte des modernen Äthiopiens besser nachfühlen als im historischen Bahnhof von Dire Dawa. Wie lange es ihn noch geben wird, steht indes in den Sternen. Eine neue Bahnverbindung soll noch dieses Jahr aufgehen und macht ihn obsolet. Ein Erlebnisbericht.

Wir blicken auf das einstöckige Gebäude, das von einem verrosteten Zaun umgeben ist. Hier muss es also sein, das Büro des Eisenbahnmuseums von Dire Dawa, von dem wir im Reiseführer gelesen haben. Es ist kurz vor zwölf. Die Sonne brennt erbarmungslos auf uns nieder.

Die Stadt im Osten Äthiopiens liegt deutlich tiefer als alle die anderen Orte, die wir auf der Reise besucht haben. Das Umland ist hier nicht mehr sattgrün wie auf der historischen Rundroute im Norden, sondern trocken. Der Boden: braungrau und staubig.

Wir laufen den Zaun entlang, bis wir an ein verschlossenes Tor gelangen. Dahinter sitzt ein Mann auf einer Bank. Er zeigt auf sein Handgelenk und hebt dann acht Finger hoch. Was will er sagen? Dass wir um acht Uhr wieder kommen sollen?

Ob wir hier richtig sind oder nicht, das wissen wir noch immer nicht. Aber immerhin fällt mir ein, dass in Äthiopien die Zeit traditionell anders gemessen wird als bei uns. Hier beginnt der Tag statt um Mitternacht erst mit Sonnenaufgang. Ein Uhr ist bedeutet eine Stunde nach Sonnenaufgang. Acht Uhr müsste folglich gegen 14 Uhr sein. Das ergibt Sinn.

Im Büro der Eisenbahngesellschaft

Zwei Stunden später stehen wir wieder vor dem Tor. Der Mann ist verschwunden, aber diesmal ist das Tor offen. Unsicher treten wir ein. Jemand sieht uns und weist den Weg in ein erstaunlich grosses Büro. Alles wirkt etwas surreal und überhaupt nicht wie ein Museums-Besuch.

„Ihr wollt unsere alte Eisenbahn sehen?“, fragt der Mann hinter dem Pult. Mehr noch interessiert ihn jedoch, wo wir herkommen. Wie uns Äthiopien gefällt. Was wir schon gesehen haben. Er will uns etwas zum Trinken anbieten.

Nach ein paar Minuten kommt eine Frau in einem bunten Kleid ins Büro. „Folgt ihr“, fordert uns der Mann auf. In ihrem Schlepptau überqueren wir die Strasse und gelangen über eine Lücke im Zaun auf das eigentliche Bahnhofsgelände. Das erste, was wir sehen: ein paar alte Eisenachsen.

Der nächste Besichtigungspunkt ist eine Drehscheibe. Ihr Motor funktioniert längst nicht mehr. In Gebrauch ist sie trotzdem noch. Sie lässt sich auch mit Muskelkraft bewegen, sagt unsere Führerin. Tatsächlich: Die schwere Eisenkonstruktion bewegt sich, als sie mit ganzer Kraft schiebt.

Ein regelrechtes Meer von alten Achsen füllt einen Teil des alten Bahnhofs.
Ein regelrechtes Meer von alten Achsen füllt einen Teil des alten Bahnhofs.
Die verrostete Drehscheibe lässt sich nur noch vor Hand bedienen.
Die verrostete Drehscheibe lässt sich nur noch vor Hand bedienen.

Die historischen Wagen

Hinter dem Depot befindet sich eine Werkstatt mit zahlreichen Maschinen aus der Zeit meiner Grosseltern. „Hier werden die Sitze für die Bahnwagons repariert“, erzählt unsere Führerin. Der Boden ist voll mit Sägemehl und Hobelspänen.

Es gibt viel zu reparieren. Die Eisenbahnstrecke zwischen Addis Abeba und dem Hafen der damals französischen Kolonie Dschibuti war 1917 fertig gestellt worden. Und seither scheint nicht viel investiert worden zu sein. Die schweren Sägen und Bohrmaschinen sind zu einem grossen Teil noch von damals.

Auch die auf den Abstellgleisen stehenden Holzwagen wirken wie im Museum. Die meisten von ihnen haben Schilder, die das Produktionsdatum ausweisen. Da steht zum Beispiel ein Güterwagen, der 1937 in Belgien gebaut wurde. Der alte Dieselzug, der heute noch zwei Mal pro Woche nach Dschibuti rattert, ist ebenfalls 60 Jahre alt.

Es macht mir Spass über diesen Friedhof der Technik zu laufen. Schön ist auf diesem gut ausgestatteten Schrottplatz hier eigentlich nichts. Aber die einzigartige Atmosphäre berührt mich. Vielleicht auch, weil plötzlich dunkle Wolken aufziehen.

Das Schild auf einem historischen Güterwagon verrät sein Alter: 1937.
Das Schild auf einem historischen Güterwagon verrät sein Alter: 1937.
Der gut sortierte Schrottplatz bewegt mich.
Der gut sortierte Schrottplatz bewegt mich.

Der Tag vor der Abfahrt

Allmählich nähern wir uns dem eigentlichen Bahnhofsbereich. Der erwähnte 60 Jahre alte Dieselzug steht bereits am Bahnsteig. Am nächsten Tag ist eine der beiden Fahrten pro Woche Richtung Dschibuti geplant. Für die gut 300 Kilometer braucht der Zug mit etwas Glück elf Stunden.

Die Türen stehen weit offen. Wir klettern in die Wagons, und ich stelle mir vor, wie abenteuerlich die Fahrt mit dieser Bahn sein muss, von der ich gelesen habe, dass sie pro Monat ein bis zwei Mal entgleist.

Der Boden besteht aus Holz- und Metallplatten, die teilweise durchgerostet sind und den Blick auf die Schienen freigeben. Auch die Holzbänke sind stellweise stark beschädigt. Scheiben fehlen teilweise. Sie wurden mit einer Blende aus Blech ersetzt. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich trauen würde, mit dieser Bahn zu fahren.

Die Bahn ist in einem desolaten Zustand. Umso irritierender ist, dass unsere Führerin, die offenbar bei der Eisenbahngesellschaft arbeitet, in einen unbändigen Stolz von der Geschichte dieser Eisenbahn erzählt. Erst später lese ich, dass die französische Bahngesellschaft einst ein angesehener Arbeitgeber war, der auch gute Löhne zahlte.

Unsere Führerin lädt uns ein, die 60 Jahre alten Waggons zu erkunden.
Unsere Führerin lädt uns ein, die 60 Jahre alten Waggons zu erkunden.
Die alten Wagen sind in einem desolaten Zustand.
Die alten Wagen sind in einem desolaten Zustand.

Eisenbahnbau in Äthiopien

Die Tour berührt mich. Reisen in Ländern wie Äthiopien bedeutet immer auch, einen Sprung in die Vergangenheit zu unternehmen. Wie war es hier vor 60 Jahren, als die Waggons noch neu waren, frage ich mich. Oder: Wie mussten meine Grosseltern das Bahnfahren erlebt haben, als sie so alt waren wie ich heute?

Was mich noch mehr berührt: Diese Bahn, so desolat sie auch ist, stellt ein Bindeglied zur Vergangenheit dar, das es bald nicht mehr geben wird. Mit der Hilfe Chinas sind in den letzten Jahren rund 1000 Kilometer neue Schienen verlegt worden und vermutlich noch in diesem Jahr wird eine neue Eisenbahn zwischen Dschibuti und Addis Abeba den Betrieb aufnehmen.

Was wird mit der alten Bahn? Was wird mit dem stimmungsvollen Bahnhofsgebäude im Zentrum von Dire Dawa, wenn der neue Bahnhof ein paar Kilometer ausserhalb in Betrieb geht?

„Die alte Bahn wird weiterhin parallel betrieben“, sagt unsere Führerin überzeugt. Doch welchen Sinn würde es ergeben, die Strecke weiterzubetreiben, wenn daneben ein neuer Zug die Strecke in einem Bruchteil der Zeit zurücklegt – auf einem Trassee, das stellenweise nur 50 Meter entfernt liegt.

Der Fortschritt hat natürlich auch sein Gutes: Mit der neuen Bahn wird der Gütertransport günstiger, Produkte aus dem Binnenstaat Äthiopien werden auf dem Weltmarkt wettbewerbsfähiger. Die Regierung fährt seit einer geraumen Zeit eine Politik der wirtschaftlichen Entwicklung, indem die Infrastruktur auf Vordermann gebracht wird und ein günstiges Klima für Investitionen geschaffen wird.

Das scheint im Armut geplagten Land zu funktionieren: Die Wirtschaft wächst rasant. Und die neue Strecke ist erst der Anfang: In den kommenden Jahren sollen mit chinesischer Hilfe weitere Strecken im Land entstehen und sogar vermehrt über die Grenze führen. Diskutiert wird etwa eine Abzweigung zum kaum genutzten Hochseehafen von Berbera im international nicht anerkannten Somaliland.

Blick auf das historische Bahnhofgebäude.
Blick auf das historische Bahnhofgebäude.
Der Platz vor dem Bahnhof von Dire Dawa.
Der Platz vor dem Bahnhof von Dire Dawa.

Fazit zur Tour

Mir ist bewusst, dass wir uns bei diesem Ausflug durch den Bahnhof von Dire Dawa objektiv betrachten einen gewaltigen Schrottplatz angesehen haben. Trotzdem hat mich der Stolz bewegt, mit dem die Angestellten von ihrer totgeweihten Eisenbahn sprachen.

Vor allem aber waren diese zwei Stunden ein unglaublich authentisches Erlebnis, wie man es sonst in Zeiten der globalen Vertouristifizierung kaum noch findet. Für mich war die alte Eisenbahn eines der Highlights auf unserer Äthiopienreise.

Und sonst?

Dire Dawa ist die viertgrösste Stadt Äthiopiens und mit rund 250.000 Einwohnern ziemlich überschaubar. Anders als das nahe gelegene Harar, das für seine Altstadt und das Füttern von Hyänen bekannt ist, wird Dire Dawa häufig ausgelassen oder auf seinen Flughafen reduziert.

Meiner Meinung nach zu unrecht. Für mich als Geschichtsnerd hatte die Stadt unglaublich viel zu bieten. Das Interessante an der Stadt: Dire Dawa entstand überhaupt erst 1902 mit dem Bau der Eisenbahn.

Ausflug zum Kafira-Markt im Stadtteil Megala...
Ausflug zum Kafira-Markt im Stadtteil Megala…
...wo nicht nur Waren verkauft werden, sondern Kinder auch Spass haben können.
…wo nicht nur Waren verkauft werden, sondern Kinder auch Spass haben können.

Die meisten Gebäude stammen dann auch aus den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts und verleihen dem Ort eine lockere Atmosphäre, wie man sie anderswo in Äthiopien nicht findet.

Spannend fand ich auch den Unterschied  zwischen den Stadtteilen. Während Kezira von der kolonialen Architektur geprägt ist, besteht Megala aus vielen kleinen, bunt bemalten Häuschen. Lohnenswert ist in diesem Teil der Besuch des lebhaften Kafira Markts.

In Dire Dawa besuchte ich übrigens einen Friseur. Ein sympathischer Mann mit breitem Lächeln und fingerdicken Rastas, der ständig vom Paradies und Ganja redete – bis er sich mit der Schere tief in den Finger schnitt und ihm sein Kollege den Finger verbinden musste.

Zum Schluss: Äthiopien war für mich eines der interessantesten Reiseziele, die ich je besucht habe. Insbesondere die freundlichen und unaufdringlichen Menschen haben es mir angetan (siehe hier: drei Portraits), wie auch die spannenden Sehenswürdigkeiten auf der historischen Rundroute. Vor allem aber ist Äthiopien das perfekte Land für Backpacker.

Diese Äthiopien-Reise von Florian vom Flocblog und mir fand mit freundlicher Unterstützung von Ethiopian Airlines statt. Alle Meinungen, Bilder (sofern nicht anders gekennzeichnet) und Empfehlungen sind meine eigenen.

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Über Oliver Zwahlen

Passionierter Blogger. Im Herzen freier Reisejournalist, aber derzeit Büroangstellter mit Wohnsitz im chinesischen Peking. Siehe auch: Google+

2 Kommentare

  1. Spannend und der Bahnhof bietet wirklich viele schöne Fotomotive.
    Ich muss zugeben, dass ich alle deine Äthopienartikel super interessant finde.

    • Danke fürs Lob. Das heisst dann wohl, dass du dich für Äthiopien interessierst und einmal hinfahren solltest… 🙂

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