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Dank Crowdfunding mit Fahrrad von Berlin nach Shanghai

Hansen (l.) und Paul Hoepner auf ihrer Fahrradtour von Berlin nach Shanghai. Das Bild ist in der Nähe von Qiemo beim Durchqueren der Taklamakanwüste entstanden.

Die Zwillingsbrüder Hansen und Paul Hoepner (30) sind mit dem Fahrrad von Berlin nach Shanghai unterwegs. Das Besondere an ihrem Trip: Die Reise konnten sie über Sponsoring und Crowdfunding finanzieren. Das Weltreisemagazin fragt nach, wie das funktionierte.

WRM: Eine so lange Reise kostet eine Menge. Du hast für ihre Finanzierung Crowdfunding betrieben. Wie funktioniert das?

Hansen: Es gibt im Internet verschiedene Plattformen mit jeweils unterschiedlichen Zielrichtungen. Am besten recherchiert man zunächst, welche sich beispielsweise eher für kreative  oder eher für wissenschaftliche Projekte eignet. Wir wählten Pling.de. Hat man die passende Plattform gefunden, muss man die ganze Reise genau durchplanen. Nur wer sich bei der Umsetzung wirklich sicher ist, hat gute Erfolgschancen. Mit dem Hochladen des Projekts ist es allerdings noch nicht getan. In den 50 Tagen, in denen wir das Geld sammelten, hatten wir viel zu tun: Um den Leuten unser Vorhaben schmackhaft zu machen, gingen wir auf Veranstaltungen und warben mit Flyern. Sobald erste Spender da waren, werde es einfacher. Vermutlich denken sich viele: Wenn andere Geld geben, wird es schon ein gutes Projekt sein. Und je mehr Geld im Pool ist, desto grösser werden auch die gespendeten Beiträge.

Dann war also schon früh klar, dass ihr euch in den  Sattel schwingen könnt?

Nein, so einfach ist das nicht. Wenn man in der gesetzten Frist, in unserem Fall 50 Tage, nicht die angegebene Minimalmenge zusammenbekommt, erhält man überhaupt nichts. Das ergibt auch Sinn. Die Spender gehen davon aus, dass man den Minimalbetrag angibt, den man braucht, um ein Projekt überhaupt zu realisieren. Halbe Projekte kann man schliesslich nicht machen. Hat man die Spenden zusammen, werden sie den Gebern per automatischem Einzugsverfahren abgebucht und an die die Empfänger überwiesen.

Wie gross ist der Anteil, den ihr auf diese Weise bekommen habt, an den Gesamtkosten der Reise?

Wir haben etwa drei Viertel der Reisekosten über Crowdfunding finanzieren können.

Wie muss man ein Projekt präsentieren, damit es viele Unterstützer findet?

Ein Video, auf dem man sich selber und sein Vorhaben auf humorvolle Weise vorstellt, hat schon bei vielen Projekten Wunder bewirkt, so auch bei uns. Zudem kann man auch ausserhalb der digitalen Welt Werbung machen. Auf diese Weise haben wir die meisten Sponsoren gefunden. Wichtig ist aber auch, ständig am Ball zu bleiben und viele Emails zu beantworten. Man darf nämlich nicht denken, dass man das Geld einfach geschenkt bekommt. Ein solches Projekt durchzuboxen bedeutet viel Arbeit.

Bei Crowdfunding gibt man den Sponsoren normalerweise etwas zurück, gibt ein Versprechen. Wie war das bei euch?

Da es bei uns nicht um Profit geht, konnten wir keine Gewinnbeteiligung versprechen. Wir haben uns deshalb andere kreative Dinge einfallen lassen. Für 200 Euro brachten wir beispielsweise an einer unbenannten Straße auf unsere Tour ein Strassenschild mit dem Wunschnamen des Spenders an, für 1000 Euro pflanzten wir einen Baum. Solche Versprechen muss man dann auch einhalten. Es gibt zwar keinen Vertrag, der dazu zwingt, aber eine Art Ehrenkodex.

Ihr habt auch andere Sponsoren gefunden wie etwa einen Fahrradladen. Wie seid ihr das angegangen?

Nachdem wir unseren Blog erstellt und mit dem Crowdfunding-Projekt begonnen hatten, schrieben wir hunderte potentielle Medienpartner und mindestens 500 Sponsoren an. In 90 Prozent der Fälle erfolgte gar keine Reaktion, ein paar lehnten ab, weitere bekundeten zunächst ihr Interesse und sagten dann erst ab. Am Ende sind nur sehr wenige eingestiegen. Das war wohl der frustrierendste Teil der Planungsphase. Ich glaube, es war auch hier wichtig, immer persönlich zu bleiben und keine Standardmails zu verschicken. Auch muss man die Seriosität des Unternehmens verdeutlichen, indem man den Blog aktuell hält, vergangene Reisen und Projekte beschreibt und schon gewonnenen Medienpartner erwähnt. Schliesslich haben Sponsoren nur Interesse, wenn sie auf diese Weise auch Werbung machen können.

Die Reise führt euch von Berlin nach Shanghai. Wieso genau diese Route?

Ursprünglich wollten wir über die Mongolei nach Peking. Doch dann dachten wir, dass Tibet toller ist als die Mongolei und wählten eine andere Route. Dass Shanghai das Ziel wurde, hängt damit zusammen, dass wir mit dem Fahrrad einfach so weit wie möglich nach Osten fahren wollten. Die Route ist aber insgesamt eine Mischung aus Ländern, die uns interessierten, wie auch Länder, die wir meiden wollten. Weißrussland, Iran, Irak und Afghanistan waren beispielsweise keine Option für uns. Tibet war hingegen schon immer unser Traum.

Der dann allerdings wegen eines langen Zauns geplatzt ist?

Das war sehr deprimierend. Wir wussten schon vorher, dass die Chance verschwindend klein sein würde, irgendwie hinein zu kommen. Aber als wir dann nach 7000 Wegkilometern wenige Schritte vor dem Schlagbaum standen und uns ein Hanswurst sagte, dass wir nun nicht mehr weiter dürfen, war das schon ein wenig ein Schock. Erst schien es, als ob sie uns tatsächlich durchwinken würden, doch dann fiel der Schlagbaum wieder und wir wurden zur Kontrolle gebeten. Die Zöllner waren zwar sehr freundlich, aber da uns das nötige Permit fehlte, gab es nichts zu diskutieren. Wir haben uns überlegt, ob wir uns reinschmuggeln sollen. Aber mit dem ganzen Gepäck wäre es unmöglich gewesen, den Checkpoint zu umgehen. Wir haben diese bittere Erfahrung sehr detailliert im Blog unter „Tibeb“ beschreiben – mit dieser Fehlschreibung wollten wir verhindern, dass die chinesischen Kontrollorgane auf uns aufmerksam werden. Doch das hat nicht funktioniert. Seit dem Versuch nach Tibet einzureisen, sind sie uns auf den Fersen.

Wer auf dem Fahrrad unterwegs ist, hat in der Regel einen engeren Kontakt zur Bevölkerung. Was war dein schönster Augenblick?

Es gab eine Menge freundlicher Begegnungen. Besonders eindrücklich: An einem Abend baten wir bei einem Haus an der Strasse nach Wasser und wurden mit Geschenken überhäuft und zum Essen eingeladen. Anschliessend bekamen wir einen selbstgeangelten Hecht für unterwegs, Wasserflaschen, Brot und Süßigkeiten. Ich glaube, diese Freundlichkeit basiert auf der Bewunderung und dem Respekt gegenüber den Reisenden. Mit dem Fahrrad ist man abhängiger als Leute, die per Bus reisen. Das wissen die Leute und sie versuchen deshalb auch, uns zu unterstützen.

Unterwegs schreibt ihr auf eurem Blog praktisch jeden Tag über die Erlebnisse. Woher nimmst du nach einem ganzen Tag auf dem Sattel die Energie und Disziplin zum Schreiben?

Natürlich ist es anstrengend, am Abend noch zu schreiben. Aber wir bekommen so viele liebe Antworten und mentale Unterstützung von Lesern, dass es viel Spass macht, die neusten Ereignisse mit ihnen zu teilen. Und da ich für die Unterstützung der Sponsoren noch immer sehr dankbar bin, haben sie meiner Meinung nach auch das Recht zu erfahren, was mit ihrem Geld geschehen ist. Es gibt aber auch einen praktischen Aspekt: Wir gaben in der Projektbeschreibung an, dass wir über unsere Tour ein Buch schreiben werden. Die Blogposts sollen uns helfen, uns später an die Einzelheiten zu erinnern.

Ihr seid nun nach rund einem halben Jahr im Sattel in Westchina unterwegs. Das heisst, ihr habt euer Ziel bald erreicht. Schlagt ihr euch schon mit neuen Reiseplänen herum oder reicht das einmal fürs Erste?

Ich glaube, ich werde von dieser Art zu reisen nie genug bekommen. Allerdings will ich auch an meiner Zukunft arbeiten. In unseren Köpfen kreisen die Gedanken natürlich schon wieder um neue Abenteuer. Gerade wenn man unterwegs ist, hat man die irrwitzigsten Ideen, was man noch alles machen könnte. Doch wenn ich zurückkomme, werde ich mich zuerst wieder an den Luxusgütern unserer Gesellschaft laben und über eine Familie nachdenken. Paul geht es ähnlich. Reisen ist toll, aber ein echtes Zuhause ist einfach unschlagbar.

Auf dem Blog www.berlin2shanghai.com berichten die Zwillinge von ihren Erlebnissen.

Über Oliver Zwahlen

Passionierter Blogger. Im Herzen freier Reisejournalist, aber derzeit Büroangstellter mit Wohnsitz im chinesischen Peking. Siehe auch: Google+