Freitag, 15. Dezember 2017
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Chichèn Itzá: Grausiges Spiel um Leben und Tod

Alte Abbildungen, wie dieses Relief, zeugen noch heute von den blutigen Ritualen  der alten Maya. Foto: N. Aupperle.
Alte Abbildungen, wie dieses Relief, zeugen noch heute von den blutigen Ritualen der alten Maya. Foto: N. Aupperle.

Heutige Besucher von Chichèn Itzá können sich die grausamen Rituale der alten Maya kaum noch vorstellen. In diesem Gastartikel wagt Reisebloggerin Nicole Aupperle einen Ausflug in die blutige Vergangenheit.

Text und Bild von Nicole Aupperle von  Unterwegsunddaheim

Die Sonne sticht vom Himmel an diesem Vormittag in Chichén Itzá. Weihrauch zieht in die feuchtheiße Luft und verleiht dem Ort seine magische Stimmung. Ein Priester, ganz in weiß gekleidet, blickt zum Himmel, die Augen geschlossen, dann raschelt er mit Blättern vor unseren Gesichtern herum und murmelt irgendwelche unverständlichen Sprüche. Es ist eine spirituelle Segnung. Er predigt die alten religiösen Grundsätze seiner Ahnen, der alten Maya.

unterwegsundaheim.de_mexico-chichenitza01Die Nachfahren des Indiovolkes leben noch  immer in den umliegenden Dörfern von Chichén Itzá und glauben auch heute noch an die Magie ihrer uralten Kultur. Wer mit dem Segen der Götter, die heilige Stätten besucht, dem wird nichts Böses widerfahren, so das Credo. Ihren Aberglauben können sie mit angeblichen Flüchen belegen: einem Fotografen soll die Kamera versagt haben, weil er sich über die Götter lustig machte, Touristen, die die heiligen Hallen Chichén Itzás nicht gewürdigt haben, sollen die Treppe der Pyramide heruntergestürzt sein, zu einer Zeit, in der das Hinaufklettern noch erlaubt war, und Placido Domingo soll aufgrund des Fluchs der alten Maya-Götter die Stimme versagt sein, als er ein Konzert an dem mythischen Ort aller Orte der Maya in Mexiko halten sollte.

Ein heiliger Ort wie Chichén Itzá überdauert aufgrund solcher Geschichten alle Zeiten. Die Götter wachen über die Stadt, sagen die Nachfahren des Indiovolkes, auch heute noch, man sähe sie nicht, aber sie seien da. Was heute friedvoll zugeht, war zu Zeiten, in der die alte Mayastadt besiedelt war, eine ernste Sache. Eine rituelle Zeremonie hatte häufig blutige Folgen, bei denen die Götter mit menschlichen Opfern milde gestimmt wurden. Ein Tod im Namen der Ehre. Nicht selten waren die Opfer Gefangene aus Kriegen, manchmal kamen sie auch aus den eigenen Reihen.

Wie zum Beispiel beim Ballspiel. Dabei rangen zwei Mannschaften mit einem Kautschuck-Ball, den es galt nur mit den Hüften durch einen steinernen Ring zu schlagen – ein bisschen wie Basketball ohne Hände, nur das der Ring seitlich und weit oben an einer Mauer angebracht war, die weit über der normalen Körpergröße eines Maya-Kriegers lag. Berührte ein Krieger den Ball mit anderen Körperteilen gab es Punkteabzug. Der Verlierer oder der Sieger – darüber sind sich die Forscher nicht einig, wurde den Göttern in einer feierlichen Zeremonie geopfert. Chichén Itzá verfügte als religiöses und politisches Machtzentrum  von insgesamt 520 bisher entdeckten Ballspielplätzen über den größten im gesamten Mayareich. Das Areal mit den gegenüberliegenden Steinwänden, den steinernen Ringen, gleicht einem Fußballfeld wie wir es heute noch kennen. Gekämpft haben adlige Krieger im Teeniealter. Es war ein Spiel um Leben, Tod und Ehre.

Der Zorn der Götter fordert seinen Tribut

Ballspiele waren jedoch nicht der einzige Anlass für die Opferzeremonien. Geopfert wurde vor Erntezeiten und vor Kriegen. Vor allem der Regengott Chaac forderte in Dürreperioden seinen Tribut. Die menschlichen Überreste fanden Taucher in dem heiligen Brunnen der Stadt, der Cenote Sagrado. Die Opfer wurden mit Gold- und Jadeschmuck ausgestattet und lebendig in die Brunnen, die als Eingangstor zur Unterwelt galten, gestoßen. Für den heutigen Besucher mag das besonders gruselig sein, weil es sich dabei auch um Kinder im Alter von drei bis 12 Jahren handelte.

Flöten und Pfeifen, Musik und Tanzeinlagen brachten den Dschungel bei einer Opferzeremonie zum Beben, bevor das Schicksal über Leben und Tod entschied. Der Oberpriester stand auf der Spitze der Pyramide und schaute von dort oben auf das Volk herab. Allein in Chichén Itzá lebten rund 30.000 Menschen, zu denen der Priester sprach. Dass man seine Worte von der 30 Meter hohen Pyramide des Kulkulkan im Zentrum der Stadt, verstehen konnte, war der unglaublichen Baukunst der Maya-Architekten zu verdanken. Denn die Akustik ist einzigartig, der Schall hatte ein Echo, das mehrere hundert Meter weit zu hören war.

Die bekannteste Pyramide im Tempelkomplex von Chichèn Itza.
Die bekannteste Pyramide im Tempelkomplex von Chichèn Itzá.

Als der katholische Bischof Diego de Landa im Jahre 1549 im Namen der Inquistion nach Mexiko geschickt wurde, wurde er Zeuge einer solchen rituellen Opferzeremonie des Maya-Volkes. In seinem Bericht „Relación de las cosas de Yucatán“ beschrieb er die gruselige Szene so: „Das Opfer starb auf dem Altar. Wenn das letzte Zucken aufgehört hatte, hoben die Priester den leblosen Körper auf und schwangen ihn über die Kante der Plattform. Mit dumpfen Schlägen rollte der Tote die Treppen hinunter, die ganze Vorderfront der Pyramide herab, bis er unten auf dem harten Boden aufklatschte. Dort nahmen ihn weitere Priester in Empfang und begannen sogleich mit der Arbeit. Mit sicheren Schnitten trennten sie die Haut vom Fleisch, nur Hände und Füße blieben unangetastet. Der Oberpriester, selber nackt, streifte sich die neue Haut über und begann seinen Tanz. Nach und nach kamen alle anderen hinzu und tanzten mit ihm am Fuß der Pyramide, durch den Staub, der rot war vom Blut.“*

Chichèn Itza heute

Solche Szenen scheinen dem heutigen Besucher kaum vorstellbar, scheint Chichén Itzà doch einiges seiner Magie eingebüßt zu haben. Vom Urwaldfeeling ist dank perfekt gestutzter Bäume wenig zu spüren und die bunten Touristenmassen tun ein Übriges, um das Flüstern der alten Göttern zu übertönen. Doch wer weiß was passiert wäre, hätte der Schamane mich mit seinem Segen nicht vom Fluch der Götter bewahrt.

Tipp: Chichén Itzà morgens besuchen, dann ist es noch nicht so überlaufen und man bekommt menschenleere Fotos von der Pyramide des Kukulkans. Im Anschluss zur Cenote Ik Kil fahren und dort ein verjüngendes Bad im heiligen Maya-Brunnen nehmen.

Über Gastbeitrag

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Ein Kommentar

  1. Ein schöner Beitrag! Ich bin im Juni noch mal in Mexiko und freue mich schon sehr auf das Land und seine Maya-Ruinen.

    Liebe Grüße
    Anja

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