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Buchkritik: Verfahren – Bangladesch retour

Ein Jahr lang auf Achse: Verfahren von Martin Novotny und Ursula Wunder.
Ein Jahr lang auf Achse: Verfahren von Martin Novotny und Ursula Wunder.

15 Monate lang waren Martin Novotny und seine Frau Ursula Wunder im alten Toyota Landcruiser durch Asien gefahren. Acht Jahre später erscheint nun ihr Reisebericht. In dieser Zeit ist eine spannende Erzählung entstanden, die leider auch ein paar gravierende Schwächen aufweist.

Reisen, bei denen jemand lange Strecken zurücklegt, faszinieren mich. Drei Studenten, die für ihre Abschlussarbeit mit dem Camper quer durch Afrika fuhren? Umwerfend! Ein verrückter Deutscher, der zu Fuss einmal quer durch China wanderte? Möchte ich nicht nachahmen, aber spannend finde ich das allemal. Eine vierköpfige Familie, die seit vielen Jahren durch die Meere segelt? Ein Vorbild!

Als mir Martin Novotny von ein paar Wochen ein Exemplar von „Verfahren. Banglasch retour – eine Momentaufnahme“ zur Rezension anbot, war ich gleich Feuer und Flamme. Die Reise, welche der in der Schweiz lebende, gebürtige Österreicher vor inzwischen über acht Jahren mit seiner Frau antrat, führt nämlich durch Regionen, über die man selten liest. Nach Transnistrien ging es via Türkei und den Iran nach Pakistan, Indien und Bangladesch. Der Rückweg führte über Afghanistan, die zentralasiatischen Republiken und Russland. Insgesamt dauerte der Trip über ein Jahr.

Wertig und schön designt

Als der Bildband vor ein paar Tagen bei mir eintraf, war ich zunächst etwas erstaunt über das Format: Die Seiten entsprechen nämlich genau einem A4-Blatt. Dadurch erinnerte es mich stark an meine eigenen Fotobücher. Das finde ich etwas schade, doch insgesamt scheint mir das Buch wertig hergestellt worden zu sein. Das zweispaltige Layout ist gut zu lesen und auch die ganzseitigen Bildstrecken gefallen – wenngleich ich mir mehr Bildlegenden gewünscht hätte.

Witzige Strassenschilder aus dem indischen Himalaya.
Witzige Strassenschilder aus dem indischen Himalaya.

Es lässt sich nicht bestreiten: Das Paar hat jede Menge Abenteuer erlebt. Viele sind auch in einer Art, wie man sie selten in der Reiseliteratur findet. In Pakistan versucht der Autor beispielsweise, sich nach dem verheerenden Kaschmir-Erdbeben (2005) an den Hilfsmassnahmen zu beteiligen. Nach wenigen Tagen verlässt er das Camp wieder frustriert. Zu unorganisiert und chaotisch sind die Rettungsmassnahmen, zu passiv die Menschen. Statt anzupacken, hoffen sie auf die Hilfe von Allah.

Interessant ist auch die Fahrt durch das kriegsgebeutelte Afghanistan, das Novotny als „trügerisch ruhig“ beschreibt. In Kabul lernt er einen ehemaligen deutschen Soldaten kennen, der in der afghanischen Hauptstadt ein deutsches Restaurant eröffnet hatte (seit 2007 allerdings wieder geschlossen). Ein paar Seiten weiter wird ein enthusiastischer Polizist aus Neuseeland portraitiert, der gerade erst zwei Tage zuvor angekommen war. Interessante Begegnungen. Nur eines fehlt: Es kommt kein Einheimischer zu Wort.

An der Grenze zur westlichen Überheblichkeit

Das ist dann auch die grosse Schwäche des Reisebands: Wir erfahren viel über andere Reisende, doch die Menschen vor Ort verkommen bis auf wenige Ausnahmen zu einfachen Statisten, die allzu häufig bloss auf ein Sinnbild für das „schlechte Benehmen“ einer ganzen Nation reduziert werden. Da sind die korrupten russischen Grenzbeamten, die „dumm-dreisten“ Inder, abzockende Händler und Hotelbesitzern anderswo.

Und so lässt sich dann im Verlaufe der Lektüre auch wenig Verständnis für die besuchten Kulturen erkennen. Als Novotny in Indien in mehreren Hotels nachfragt, ob er gegen einen reduzierten Preis duschen darf und ihm daraufhin eine Rezeptionistin ein Zimmer zum ganztägigen Mietpreis anbietet, lässt er sich zu einem lauten „Fuck you“ verleiten. An anderer Stelle spuckt Novotny einem Inder ins Gesicht, nachdem dieser seinen Betelgefärbten Mundsaft vor dessen Füssen entleerte. Beides bereut der Autor noch im gleichen Absatz und doch wirft das die Frage auf, was sich ein Besucher erlauben darf und was nicht.

Vor allem aber hinterlassen solche Schilderungen bei der Lektüre einen fahlen Beigeschmack. Verstärkt wird das dadurch, dass sich Novotny bei seinen Schilderungen einem kritischen Journalismus verschrieben hat. Er kritisiert Missstände und deckt Verfehlungen in den Reiseländern auf. Doch unklar bleibt, ob er diese Vorwürfe zu Recht vorbringt, oder ob sich in ihm einfach eine westliche Überheblichkeit perpetuiert, die er andernorts Entwicklungshelfern vorwirft.

Und so wird klar: Reisen kann zu einem besseren kulturellen Verständnis führen, muss aber nicht. Dass man einen Reisebericht auch mit mehr Einfühlungsvermögen schreiben kann, beweisen beispielsweise Sabine und Burkhard Koch in ihrem Buch über die Aborigines.

Das Buch „Verfahren. Bangladesch retour – eine Momentaufnahme“ erschien im Juni beim Baeschlin Verlag. Bestellt werden kann es über Amazon.

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Über Oliver Zwahlen

Passionierter Blogger. Im Herzen freier Reisejournalist, aber derzeit Büroangstellter mit Wohnsitz im chinesischen Peking. Siehe auch: Google+

6 Kommentare

  1. Hi Oli
    Sehr gute Buchkritik, so kann man sich einiges unter dem Buch vorstellen.
    Also das mit dem Spucken… Ist so schon unverschämt. Vor allem in einem fremden Land, in welchem man zu Gast ist. Vielleicht müsste ich den Zusammenhang haben, aber so……..

    Liebe Grüsse,
    Simon

    • Oliver Zwahlen

      Hi Simon,

      es ist möglich, dass ich das mit dem Spucken falsch verstanden habe. Aber im Prinzip ist die Geschichte die, dass der Autor mit ein paar anderen Overlandern einige Tage am gleichen Ort campiert hat. Mit der Zeit kamen immer mehr Inder, um die komischen Ausländer anzuschauen. Einer von ihnen blickte dann ins Vorzelt rein und spuckte dabei aus. (Ich habe es so verstanden, als wäre es vor dem Zelt gewesen, aber vielleicht war es auch drinnen.) Auf jeden Fall hat daraufhin der Autor dem Besucher ins Geschicht gespuckt. Interessant auch die Reaktion des Inders: Er hat ihm nicht einfach die Faust ins Gesicht gerammt, was man irgendwie noch nachvollziehen könnte. Sondern er sagte einfach: Thank you. Für mich übrigens ein Zeichen der Grösse und ein klares Bekenntnis zum ideal der Gewaltfreiheit à la Gandhi.

      Gruss,
      Oli

  2. Lieber Oliver

    Besten Dank für Deine Buchkritik! Klar bin ich nicht mit allem einverstanden was Du über unser Buch schreibst, dennoch zeigt es mir, dass es Dich zumindest streckenweise aufgewühlt hat. Somit haben wir unser Ziel erreicht. Menschen dazu zu bewegen Dinge aus anderen Blickwinkeln zu betrachten.
    Trotzdem möchte ich auf ein paar Punkte Deiner Kritik direkt eingehen:
    In Afghanistan ist es uns tatsächlich nicht gelungen Kontakt mit der Bevölkerung aufzunehmen. Der Grund dafür wird im Buch beschrieben. Jahrzehnte langer Krieg haben Misstrauen gegenüber allem Fremden geschürt.
    Wir beschreiben in knappen Geschichten Begegnungen aller Art und stellen niemals den Anspruch auf eine allumfassende Länder- oder Kulturbeschreibung. Im Gegenteil. Wir beschreiben ein Strecke, einen Weg und die Begegnungen die wir dabei machten.
    Auch bin ich nicht der Ansicht, dass man alles wegen einer angeblichen kulturellen Eigenheit gutheissen soll. Ich gehe sehr streng mit indischer Mentalität ins Gericht, ja! Aber ich kritisiere genauso streng meine Heimat und meine Person! Es werden auch in Indien schöne Begegnungen mit Einheimischen beschrieben, aber die grösste Wärme haben wir nun mal in Iran, Pakistan oder Bangladesch erfahren. Indien hingegen habe ich über ein Jahr bereist und mein Unverständnis für diese Kultur ist dabei immer weiter gewachsen. So erging es nicht nur mir. Der Buchinhalt ist natürlich nur eine rein subjektive Meinung, wie jedes andere Buch auch. Meine westliche Überheblichkeit ist sicher nicht grösser als die Überheblichkeit der Hotelbesitzerin die Du erwähnst oder von jenem Mann, der mir in meinem Wohnzimmer vor die Füsse gespukt hat.
    Nochmals mein ehrlicher Dank für Deine Zeilen und ich hoffe wir treffen uns einmal und können direkt unsere Reiseerfahrungen austauschen

    Herzliche Grüsse aus der Ostschweiz
    Martin

    • Oliver Zwahlen

      Hallo Martin,

      vielen Dank für den Kommentar. Das stimmt schon, dass du nicht nur mit fremden Kulturen streng zu Gericht gehst, sondern auch mit der eigenen und der Konsumwelt. So gefiel mir beispielsweise dein Schlusswort sehr gut, in dem du dir Gedanken über die globalen Zusammenhänge von Armut und Ausnutzung machst. Das gleiche gilt auch für deine Beobachtungen auf der noch nicht ganz fertiggestellten Strasse durch Afghanistan, wo du dich ärgert, dass die unsinnigen Zigerattenwerbungen schneller da sind als der Belag.

      Klar ist Indien anstrengend und die Leute sind manchmal schräg drauf. Auch ich kann viele abstruse Geschichten von meinem vier Monaten im Land erzählen. Ich kann verstehen, dass man hin und wieder etwas ausrastet und auch mal was sagt oder tut, was man etwas bereut. Das will ich ja gar nicht bestreiten. Aber wir sollten uns auch bewusst sein, dass es für Aussenstehende oft sehr schwer ist, die Gründe für andere Denkweisen und Systeme zu verstehen. Aus einem Unwissen heraus, so finde ich, sollte man mit Wertungen und Kritik sehr vorsichtig sein.

      Noch eine kleine Verständnisfrage zur Spuck-Geschichte. Vielleicht habe ich das im Buch falsch verstanden. Aber war es nicht so, dass der Typ einfach ins Vorzelt reingeschaut und dann VOR dem Zelt auf dem Boden gerotzt hat? Wenn du von Wohnzimmer sprichst, dann erweckt das einen ganz anderen Eindruck.

      Liebe Grüsse,
      Oliver

  3. Da gibt es nur eines. Das Originalzitat muss her:

    „Nach einer Woche hat es sich herumgesprochen, dass wir, europäische Reisende, diesen Teil der Insel belagern. Busse mit indischen Touristen kommen, die über die Linkssteuerung unserer Fahrzeuge fachsimpeln. Es wird ungefragt in die Mobilheime und Zelte hineingeschaut. Ich lese im »Wohnzimmer«, unter dem Sonnensegel. Ein Inder stellt sich vor mich, betrachtet eingehend das Fahrzeug, zieht geräuschbetont auf und spuckt mir seinen roten Kautabakschlatz vor die Füße. Eine Situation, bei der man sich beherrschen sollte. Auch nach mehreren Monaten Aufenthalt in diesem Land. Hin und wieder mache ich dennoch Dinge ohne nachzudenken. Unentschuldbar. Ich stehe auf und spucke zurück. In sein Gesicht! Warte auf den unmittelbar folgenden Fausthieb, der mich niederstreckt und bekomme stattdessen ein: »Thank you, Sir!« Incredible India – Unbeschreibliches Indien.“

    Auch wenn es für Außenstehende manchmal schwer ist, wie Du schreibst, die Gründe für andere Denkweisen und Systeme zu verstehen, entschuldigt das aus meiner Sicht nicht jedes Verhalten, dass man nicht versteht! Ich glaube ich habe viele andere Geschichten in meinem Buch nieder geschrieben die viele unterschiedliche Facetten zeigen. Geschichten zum lachen, zum nachdenken oder sich wundern. Auf einer Geschichte herumzupicken bringt aus meiner Sicht nicht sehr viel. Mir gefällt weder das Verhalten des Inders noch das meinige. Trotzdem bin ich mutig genug darüber zu schreiben. Das ist mir lieber als Bücher zu lesen über ein heile Welt wo sich alle gern haben und Verständnis füreinander aufbringen.

  4. auch noch das Originalzitat der „Fuck you-Geschichte“ obwohl das sicher nicht die besten Passagen aus dem Buch sind:

    „… Wir wollen die letzten frei lebenden asiatischen Löwen besuchen. Treffen in Sasan Gir stattdessen auf Profithaie. Das schäbige, staatliche Hotelzimmer kostet für Ausländer fünfmal soviel wie für Inder. Der Eintritt ins Löwengebiet ist uns zu hoch. Staatlicher Führer und gemieteter Jeep sind obligatorisch. Ohne Löwengarantie. So scharf sind wir auf die Tiere nicht. Auf nach Diu, einer Insel im Süden Gujarats. Auf dem Festland saufen verboten, in Diu dafür billiger Fusel und Glücksspiel. Ein eigener Bundesstaat (Diu und Daman) mit freizügigen Gesetzen. Uns zieht weniger das Saufen als eine echte Dusche an. Wir fragen in vier Herbergen, ob wir uns (gegen einen Obolus) duschen dürfen und werden viermal ohne Begründung abgewiesen. In der fünften Pension meint die Alte an der Rezeption, wir können uns ein Zimmer für 35 Dollar mieten, um zu duschen. Das sind Augenblicke, da geht mit mir das Temperament durch. Was folgt, ist auch nicht durch den heißen, langen Fahrtag mit unzähligen schlechten Erfahrungen zu entschuldigen. Ich knalle der Frau ein: »Fuck You« ins Gesicht und ernte anstelle des üblichen indischen Lächelns zum ersten Mal Aggression: »Fuck yourself! I’ll get the police!« Die Furie dreht zur Höchstform auf. Eine nachvollziehbare, menschliche Reaktion – in Indien! Dafür könnte ich sie umarmen.
    Wir finden öffentliche, kalte Strandduschen 20 Meter hinter der Pension. Für fünf Rupien. Drei Kilometer westlicher der ersehnte, ruhige Sandstrand. …“

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