Freitag, 15. Dezember 2017
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Auswandern nach Neuseeland: „Auch hier muss man hart arbeiten“

Christine Brunner ist nach Neuseeland ausgewandert. Foto: ZVG
Christine Brunner ist nach Neuseeland ausgewandert. Foto: ZVG

Christine Brunner (33) ist vor rund zwei Jahren nach Auckland ausgewandert. In unserer neuen Rubrik erzählt sie, wie es ihr bei den Kiwis ergangen ist und was andere zu erwarten haben, die ebenfalls mit dem Gedanken spielen, nach Neuseeland zu ziehen.

WRM: Wieso hast du dir ausgerechnet Neuseeland als neuen Lebensmittelpunkt ausgesucht?

Christine Brunner: Ich hab 2006 mehr oder weniger aus Zufall ein sechsmonatiges Auslandspraktikum in Neuseeland absolviert und schon damals mit dem Gedanken gespielt, hier zu bleiben. In Deutschland hatte ich nach dem Studium als Berufseinsteiger in der Medienbranche eine harte Zeit mit schlecht bezahlten Jobs und Zeitverträgen. In Neuseeland war der Einstieg auch nicht leicht, aber der Schritt hat sich total gelohnt. Unser Leben hier ist ganz anders: Wir sind viel mehr draußen in der Natur oder am Strand,  haben ganz neue Hobbys und genießen das milde Klima in Auckland. Auch wenn es sich total klischeehaft anhört: die Menschen sind hier einfach besser drauf. Nicht so viele Nörgler, Erbsenzähler und Besserwisser wie in Deutschland.

Wie konntest du dich im neuen Land einleben?

Ich bin schon viel in der Welt rumgekommen und mein Englisch war schon bei der Ankunft ziemlich gut, deshalb hatte ich überhaupt keine Probleme, mich einzuleben. Die Sprache spielt da denke ich eine große Rolle. Wir hatten von Deutschland, den ganzen politischen Problemen und der Euro-Krise einfach die Nase voll und waren uns von Anfang an sicher, dass wir in Neuseeland Wurzeln schlagen wollen. Natürlich muss man auch in Neuseeland hart arbeiten und es wird einem nichts geschenkt. Da viele Kiwis aber gar nicht die Notwendigkeit sehen, sich so reinzuhängen, kann man es hier mit einer gesunden mitteleuropäischen Arbeitsmoral weit bringen. Wer zu pedantisch und akribisch, also zu „deutsch“ ist, kann aber leicht anecken, weil die Kiwis eben doch alles etwas lockerer sehen.

Was braucht es, um nach Neuseeland auszuwandern?

Nur mit einer Qualifikation, die in Neuseeland anerkannt und gesucht ist, hat man Chancen, eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Neuseeland hat ein strenges Punktesystem, verlangt einen Gesundheitstest und einen Sprachtest von allen Einwanderern. Die Zeiten, wo hier jedem Hippie ein Visum gegeben wurde, sind lange vorbei.

Welche Art von Arbeit findet man als Deutscher oder Schweizer am leichtesten? Was ist gefragt, was weniger?

Das kann  man so pauschal nicht beantworten. Zwei von der neuseeländischen Regierung regelmäßig aktualisierte Listen von gesuchten Berufen, die „Essential Skills Shortage Lists“, können ein Anhaltspunkt sein. Foren und soziale Netzwerke sind auch eine wichtige Informationsquelle. Man sollte versuchen, Kontakt zu jemandem aufzunehmen, der in Neuseeland lebt und dieselbe Qualifikation hat. Nur so kommt man an handfeste Informationen.

Wie geht man bei der Jobsuche am besten vor? Einfach hinreisen oder von zu Hause aus suchen?

Es ist so oder so schwierig. Sich von Deutschland aus zu bewerben, ist ziemlich aussichtlos. Kind und Kegel nach Neuseeland zu schippern, bevor man einen Job und ein Visum hat, halte ich für den größten Fehler, den viele Einwanderer machen. Dadurch setzt man sich enorm unter Druck. Wenn Kinder im Spiel sind, sollte das Elternteil mit den besten Jobaussichten allein nach Neuseeland reisen und etwas suchen. Wer sagt, das sei finanziell nicht machbar, dem kann ich nur sagen: Ohne ausreichendes finanzielles Polster sollte man sowieso nicht loslegen. Auswandern ist teuer.

Du schreibst in deinem Blog, dass die Bewerbung nicht gleich wie in Deutschland abläuft. Bereits den CV muss man anders schreiben.

Im Internet kann man sich informieren, was bei einem neuseeländischen Lebenslauf beachtet werden muss. Außerdem gibt es kostenlose Kurse für Einwanderer. So kann man sich beispielsweise in Bibliotheken Unterstützung holen. Das K.O. Kriterium ist häufig die „Kiwi-Experience“, also Arbeitserfahrung in Neuseeland. Wer die nicht vorweisen kann, hat oft das Nachsehen.

Wie sieht das Ganze wirtschaftlich aus? Rechnet es sich überhaupt, in Neuseeland eine Stelle anzunehmen?

Ich zähle mich zur Generation Praktikum. Ich hatte in Deutschland nie einen gut bezahlten Job. Daher waren meine Erwartungen auch nicht so hoch und gefühlt geht es mir und meinem Mann in Neuseeland finanziell besser als in Deutschland. Wir denken mittlerweile darüber nach, ein Haus zu kaufen. Das wäre uns in Deutschland nie in den Sinn gekommen. Wenn man sich umschaut, fahren alle hier die gleichen japanischen Gebrauchtwagen, die meisten Paare können sich ein Haus leisten und die Leute denken nicht so viel über Geld nach, wenn sie eine Familie gründen. Viele Frauen gehen arbeiten, obwohl sie zwei bis drei Kinder haben. Das ist hier normal.

Wie erlebst du die Integration ins Land? Findet man leicht Kontakte?

Wir haben eigentliche nur positive Erfahrungen gemacht. Einmal haben wir auf einem Markt mit einem sehr alten Neuseeländer gesprochen. Als wir erwähnten, dass wir Deutsche sind, meinte er, das mit dem 2.Weltkrieg sei schon echt blöd von uns gewesen, aber wir Deutschen seinen ja fleißig, deshalb habe er nichts dagegen, wenn wir hierblieben. Neuseeländer wissen in der Regel, dass Einwanderer ihre Qualifikation und ihr Geld mit ins Land bringen. Wer arbeitet, ist willkommen. Chinesische oder indische Einwanderer haben es bestimmt schwerer als Europäer, weil sie eben fremd aussehen. Wir haben hier viele deutsche Freunde. Die Kiwis brauchen meist etwas länger bis sie wirklich auftauen.

Noch ein persönliche Frage: Ist Neuseeland nach zwei Jahren noch immer das Land, wo du alt werden möchtest.

Ja absolut. Je länger ich hier bin, desto weniger Sorgen mache ich mir um meine Zukunft. Wir wollen ein Haus kaufen und uns hier für immer niederlassen. Klar fehlen mir meine Familie und meine alten Freunde aus Deutschland manchmal – das ist aber auch schon alles. Nein, Neuseeland tut uns wirklich gut. Es war zwar ein hartes Stück Arbeit bis hierher, aber es hat sich voll gelohnt. Ich will hier nicht politisch werden, aber Deutschland hat mit seinem demographischen Problem, der ungesteuerten Zuwanderung und der Europäischen Union in den nächsten Jahren ein paar dicke Probleme zu bewältigen. Neuseeland hatte schon auch mit der Wirtschaftskrise zu kämpfen, aber es geht aufwärts und hier blicke ich zuversichtlich in die Zukunft.

Christine Brunner berichtet auf ihrem Blog www.kiwifinch.com von ihren Erlebnissen in Neuseeland und gibt Lesern, die ebenfalls ans Auswandern denken, zahlreiche praktische Tipps.

Über Oliver Zwahlen

Passionierter Blogger. Im Herzen freier Reisejournalist, aber derzeit Büroangstellter mit Wohnsitz im chinesischen Peking. Siehe auch: Google+

2 Kommentare

  1. Sehr sehr schönes Interview, das viele Wahrheiten erwähnt! Auswandern ist zwar kein Zuckerschlecken ändert aber die Sichtweise auf viele Dinge. Ich selbst bin von Jahren nach Spanien ausgewandert und muss sagen, dass die erste Zeit echt schwierig war, sich aber absolut gelohnt hat! Für mich gibt es heute kein Zurück mehr!

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