Donnerstag, 27. Juli 2017
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Technik der Zukunft oder nur Spielerei: 360 Grad Kameras

Mit 360 Grad Kameras im Glarnerland unterwegs. Fotos: OZ
Mit der 360 Grad Kamera im Glarnerland unterwegs. Fotos: OZ

Willst du dir eine Vollsphärenkamera kaufen, weisst aber nicht so recht, ob das nicht bloss eine Spielerei ist? In diesem Beitrag erkläre ich, was du mit 360 Grad Kameras überhaupt tun kannst, wo die Grenzen des Nutzens liegen und ob ich mit meiner Ricoh Theta S zufrieden bin.

Wenige Tage bevor ich im Dezember nach New York flog, habe ich mir eine Ricoh Theta S zugelegt. Das ist eine von mehreren neuartigen 360 Grad Kameras, die im letzten Jahr auf den Markt gekommen sind. In Big Apple hatte ich Gelegenheit, das kleine Gerät ausgiebig zu testen. Heute präsentiere ich meinen Erfahrungsbericht.

Eine Frage, die mich besonders beschäftigte: Sind 360 Grad Kameras die Technik der Zukunft oder sind sie lediglich eine Spielerei, die in ein paar Jahren wieder verschwindet? Etwa so wie das 3D-Fernsehen, das nicht nur am Mangel bei der Filmauswahl scheiterte, sondern auch daran, dass es unglaublich unpraktisch ist, zwei Stunden lang eine 3D-Brille zu tragen.

In diesem Artikel will ich zuerst über meine allgemeinen Erfahrungen mit einer Vollsphärenkamera schreiben. Anschliessend gehe ich auf die konkreten Eigenschaften meines Geräts ein. Wenn dich also nur der Testbericht der Ricoh Theta S interessiert, kommst du über diesen Link direkt zum entsprechenden Abschnitt.

 

Wie funktionieren 360 Grad Kameras?

Alle Modelle, die ich bisher gesehen habe, verfügen über zwei gegenüberliegende Weitwinkelobjektive mit einem Aufnahmeradius von jeweils 180 Grad. Die beiden Teilbilder werden anschliessend in der Kamera nahtlos zusammengefügt.

Darin unterscheidet sich eine Vollsphärenkamera dann auch von der Panorama-Funktion deines Smartphones: Bei einem echten 360 Grad Foto kannst du nämlich auch nach oben und unten blicken. Da die Kamera in alle Richtungen gleichzeitig fotografiert, wird das Abbilden von bewegten Objekten und das Erstellen von Rundum-Videoaufnahmen erleichtert beziehungsweise überhaupt erst ermöglicht.

 

Die neue Logik der Fotografie

Das Fotografieren mit der Rundumkamera fand ich am Anfang etwas irritierend. Das Problem: Ohne toten Winkel konnte ich mich nicht mehr hinter der Kamera verstecken. Bei jeder neuen Aufnahme musste ich überlegen, wie ich mich sinnvoll ins Bild integriere oder wie ich vermeide, dass ich selber auf dem Foto erscheine.

Nicht nur das änderte sich. Da die Bilder immer einen Rundumblick erlauben, muss und kann ich mich nicht um eine klassische Bildkomposition kümmern. Die Herausforderung besteht nicht mehr in der Wahl des Bildausschnitts, sondern ich muss einen Kamera-Standort suchen, wo es die besten Tiefeneffekte gibt.

Beides ist eher ungewohnt. Daher wird es wohl jeweils eine Weile brauchen, bis ein neuer Nutzer seine eigene Bildsprache entwickelt, zumal es bisher auch erst wenige Vorbilder gibt.

 

Meine Schwierigkeiten im Reisealltag

Da ich nicht auf allen Bildern zu sehen sein wollte, begann ich die Kamera auf ein Stativ zu stellen und die Fotos aus einiger Entfernung mit der Handy-App auszulösen. Aus technischer Sicht funktionierte das absolut einwandfrei.

Das Problem waren die Mitmenschen: Als ich die Kamera im Highline-Park auf eine Bank stellte und in einiger Entfernung einen Zeitraffer filmen wollte, haben sich mehrere Passanten verdächtig für die allein herumstehende Kamera interessiert.

Etwas überrascht hat mich meine Erfahrung auf dem Intrepid-Flugzeugträger, einem Museum für alte Militärflugzeuge in Manhattan. Als ich die Kamera auf meinem fünf Zentimeter hohen Mini-Stativ platzierte und aus einiger Distanz fotografierte, wurde ich vom Sicherheitspersonal angefahren. Fotografieren sei erlaubt, aber ausschliesslich ohne Stativ, wurde mir beschieden.

Schloss im Central Park in New York – Spherical Image – RICOH THETA

 

Das Betrachten von 360 Grad Bildern

Wie lassen sich Vollsphärenbilder am besten betrachten? Anders als gewöhnliche Fotos, ist es nicht damit getan, sie einfach auszudrucken und in ein Fotoalbum zu kleben.

Die beste Art, die Fotos anzuschauen, wäre eine Virtual-Reality-Brille. Im Bryant-Park konnte ich das zufällig bei einer Präsentation von Facebook ausprobieren. Aber seien wir ehrlich: So eine Brille hat kaum jemand zu Hause in der Schublade rumliegen. Alternativ kannst du deine Schnappschüsse auch im Handy über die App des Herstellers betrachten.

Seit einigen Monaten ist es auch möglich, die Rundumbilder bei verschiedenen Social Media Kanälen hochzuladen wie Facebook und Youtube. Willst du die Fotos in einem Blog einbauen, geht dies mit einem kostenlosen Service über den Server von Ricoh. Ein Beispiel hierfür findest du weiter oben in diesem Artikel.

Andere Social Media wie zum Beispiel Instagram oder Pintrest sind (noch) nicht in der Lage, mit dem neuen Bildformat etwas anzufangen. Ebenfalls haben RSS-Reader wie zum Beispiel Bloglovin Probleme, die Frames mit den Rundumbildern darzustellen.

In diesen Fällen kannst du die witzige Funktion „Little Word“ nutzen. Fotos, die mit diesem Filter bearbeitet wurden, sehen so aus, als würdest du dich in einer ganz kleinen Welt befinden. Siehe dazu das Beispiel im Instagram-Foto weiter oben.

Die beste Art, Vollsphärenbilder zu betrachten ist eine VR-Brille.
Die beste Art, Vollsphärenbilder zu betrachten ist eine VR-Brille.

Testbericht Ricoh Theta S

Nun noch ein paar Worte zu meiner neuen Kamera. Die erst vor wenigen Monaten erschienene Ricoh Theta S verfügt über ein sehr schlichtes Design mit lediglich vier Bedienelementen, die auf Anhieb eine intuitive Nutzung erlauben.

Dank der Softtouch-Oberfläche liegt die Kamera gut in der Hand. Allerdings sind die beiden herausstehenden Linsen konstruktionsbedingt etwas kratzanfällig, so dass du die Kamera immer in der mitgelieferten Schutzhülle aufbewahren solltest. Alternativ bietet auch ein Unterwassergehäuse Schutz.

An der Unterseite befinden sich ein Mini-HDMI-Ausgang für Live-Streams sowie ein MicroUSB-Anschluss, über den du die Kamera sowohl laden als auch Videos und Fotos auf den Computer übertragen kannst. Alternativ ist mit dem eingebauten WLAN-Modul auch eine Übertragung der Fotos auf das Handy möglich.

Die Optik hat eine maximale Blendenöffnung von f/2.0. Dies sollte theoretisch auch bei schlechten Lichtverhältnissen für gute Bilder sorgen. Bei meinen Tests war aber zumindest bei Nachtaufnahmen ein deutliches Bildrauschen zu erkennen. Vielleicht lässt sich das manuell besser einstellen. Insgesamt bin ich aber mit der Bildqualität zufrieden.

Die Theta S hat einen internen Speicher von 8GB verbaut, der sich leider nicht erweitern lässt. Laut Hersteller bietet das aber Platz für 1600 Bilder in der besten Auflösung oder Full-HD-Videos von rund einer Stunde, was für die meisten Fälle reichen sollte.

Die Ricoh Theta S lässt sich mit ihren vier Knöpfen sehr leicht bedienen.
Die Ricoh Theta S lässt sich mit ihren vier Knöpfen sehr leicht bedienen.

Fazit

Das Experimentieren mit der 360 Grad Kamera hat mir jede Menge Spass gemacht – und die Reaktionen auf meiner Facebookseite haben gezeigt: meinen Freunden auch.

Die Kamera lässt sich sehr leicht bedienen, auch wenn es eine Weile dauert, bis man sich an die vollkommen neue Art des Fotografierens gewöhnt hat. Auch wenn die Bildqualität nicht perfekt ist, reicht sie bei meiner Nutzung im Blog und über Facebook vollkommen aus.

Den grössten Entwicklungsbedarf sehe ich beim Teilen der Bilder. Hier merkt man, dass die Technik noch nicht so ganz ausgereift ist. So lässt Facebook keine Alben mit Rundumbildern zu, sondern erst einzelne Bilder. Beim Einbetten der Fotos hier im Blog ist es nicht möglich, Bildunterschriften zu erstellen. Aber das sind Detailfragen, die wohl mit zunehmender Verbreitung gelöst werden.

Um auf die Eingangsfrage zurückzukommen: Nach zwei Monaten mit der Kamera halte ich sie in erster Linie für eine Spielerei. Ich rechne damit, dass Vollspärenbilder auch in Zukunft eine Randerscheinung bleiben. Der zusätzliche Nutzen gegenüber einer gewöhnlichen Kamera ist einfach zu klein. Stören tut mich das aber nicht. Dazu ist der Spassfaktor schlicht zu hoch.

Zum ersten Mal hier? Dann lese hier, worum es in diesem Blog geht. Wenn dir dieser Artikel gefallen hat, dann solltest du dich unbedingt beim monatlichen Newsletter einschreiben, damit du künftig nichts mehr verpasst.

Über Oliver Zwahlen

Passionierter Blogger. Im Herzen freier Reisejournalist, aber derzeit Büroangstellter mit Wohnsitz im chinesischen Peking. Siehe auch: Google+

4 Kommentare

  1. Ich sehe das ganz genau so. Ich hatte die Kamera eine Weile zum Testen hier und ich und meine Freunde hatte irre viel Spaß damit. Aber meisten will man eben gar nicht 360° zeigen sonder nur eine bestimmten Punkt und dafür sind stinknormale Kameras einfach besser.
    Solche Kameras sind toll um bspw. Innenräume vom Autos zu präsentieren oder auch Wohnungen usw.

    Viele Grüße
    Marc

    • Hi Marc,
      ich denke, man muss im Verlauf der Zeit ein Gefühl dafür entwickeln, wann 360 Grad Bilder und Videos sinnvoll sind und wann eher nicht. Ich hätte sie zum Beispiel gerne auf den exotischen Märkten in Äthiopien dabei gehabt oder vielleicht als Helmkamera während meiner Harley Davidson-Fahrt auf den abenteuerlichen Strassen von Madeira. Mal sehen, wann ich sie in Zukunft nutzen kann.
      Gruss,
      Oli

  2. Schöne Spielerei. Ich habe mir gerade ein Fischaugen-Objektiv gekauft, das macht auch richtig Spass und ist zumindest manchmal auch nützlich oder zumindest bilde ich mir das ein 😉

    P.S.
    Die Blende muss man wie die Brennweite auf die Sensorgröße umrechnen um vergleichen zu können. Wenn die Kamera einen winzigen Smartphone Sensor mit Crop-Faktor 7 hat, dann haste bei Objektiv Blende f/2,0 eine äquivalente Blende von f/14,0. Bei größeren äquivalenten Blenden wäre aber auch ein Großteil des Bildes unscharf bei 360°…

    • Oliver Zwahlen

      Hi Florian,

      ja, habe gesehen, dass du dir ein Fischauge gekauft hast. Nicht zu oft eingesetzt, finde ich solche Bilder eigentlich recht cool. Aber ich weiss nicht so recht, ob dir im 3:1-Format auch gut wirken.

      Mit dem Sensor hast du recht. Aber ich hab keine Ahnung, wie man das bei einer Vollsphärenkamera rechnet. Die hat ja vermutlich letztlich zwei Sensoren. Zudem sind starke Weitwinkel und Fischaugen relativ sicher gegen Verwackeln. Bei murden die Bilder eigentlich überraschend scharf.

      Gruss,
      Oli

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